26. Oktober 2020

Panzer, Bären und Schafe, dann die Elbe

Peter wagt es, er kommt per Regio nach Hennigsdorf. Ein vertretbares Risiko mittlerweile, denn nur wenige Menschen sitzen im Zug. Auf dem Bahnsteig stelle ich für den Vergesslichen die angefragte Trinkflasche bereit. Im Corona-Abstand. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Auf Mallorca fristen solche Hürzeler-Flaschen derzeit ihr tristes Dasein eher in Kellern oder Regalen, jedenfalls ist ihnen in diesen Tagen kein Aufenthalt an Rädern und in der freien Natur gegönnt. Da können wir von Glück sagen, dass wir zu zweit bei Einhaltung des gebührenden Abstands ohne Strafbedrohung durch die Lande radeln dürfen. Wir tun es heute wieder.

Auf dem Postplatz neben dem Bahnhof liegt die Vergangenheit da, wie ein aufgeschlagenes Buch. Ich frage mich, welch Geistes Kind die Menschen sind, die solch ein Mahnmal beschmieren. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Nach Westen wollen wir, immer den Schiebewind im Rücken, wie es sich für Alt-Randonneure geziemt. Der Himmel ist wieder einmal stahlblau, der Fernsehturm bei Perwenitz strahlt schon lange keine Fernsehprogrammme mehr aus, hat er überhaupt noch eine Funktion? Der damals 23-jährige Bauleiter, der in der Zeit des Turmbaus im Ort seine Angetraute fand, lebt immer noch hier. Er könnte uns sicher ein paar nette Geschichten erzählen. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Uns treibt der gleichmäßig wehende Ost weiter, hin nach Nauen und dann ins Havelland, vorbei am neugotischen Rathaus, vorbei an der alten Stadtsparkasse. Wer kam auf die Idee, den Schriftzug auf drei Zeilen zwischen die Fenster zu pressen?

Quermathen, Wachow, Päwesin. Da war doch was! Da wartet doch der Backwahn schon mit Kuchen. Kurz vor Mittag schon Backwerk essen, eigentlich zu früh; als absichernde Stärkung für die nächsten 50 Kilometer und als Anerkennung für die Backkünste der Mönche aber unverzichtbar. Mit Blick auf die kunstverzierte Bushalte am Buswendeplatz genießen wir still und andächtig auf der Kirchentreppe unseren Kaffee.

Im nördlichen Bogen wollen wir die Stadt Brandenburg mit ihrem Innenstadtpflaster und den Straßenbahngleisen umfahren. Meine Open-Fiets-Map auf dem Garmin kennt sich bestens aus. In Brielow am Beetzsee bestaunen wir abermals die auf mehreren hundert Metern aufgereihten Güterwagen, die seit vielen Jahren auf dem Abstellgleis der längst stillgelegten Westhavelländischen Kreisbahn vor sich hin gammeln. Hunderte Tonnen Stahl und Eisen, ungenutzt auf freiem Feld, tauglich nur als Mahnmal für die Unfähigkeit und Unwilligkeit von Behörden und Eigentümern.

Für ein paar Fotos klettere ich auf eine Plattform, wobei mir die Dimension der Aufreihung erst richtig klar wird. Die Historie der vergangenen Jahrzehnte verfolgt uns in dieser Region auf jedem Meter. So auch auf der Anton-Saefkow-Allee, die von der Brandenburger Tram-Linie begleitet wird und in kurzem Abstand am riesigen Gelände des alten Klinikums und dann an der genau so riesigen Justizvollzugsanstalt vorbeiführt.

Die Fenster und Türen vom Kulturhaus Anton Saefkow sind verbrettert, der Gedenkpanzer der Roten Armee zeigt mit seinem Geschütz bezeichnenderweise genau auf die gegenüber liegende Vollzugsanstalt, wo der Widerstandskämpfer Anton Saefkow am 19. September 1944 durch das Fallbeil hingerichtet wurde.

Die Eindrücke von diesem Platz wirken noch ein paar Kilometer nach, bis wir in Plaue aufs Neue überrascht werden. Der Radweg führt uns über die alte, verrostete Brücke, hinüber zum Schloss und den angrenzenden Park. Fontane, wer sonst, ist Namensgeber des Parkweges. Der Dichter begrüßt uns in Form eines frisch aufgestellten Kunstwerkes am Havelufer. OLYMPUS DIGITAL CAMERA Bei Fontane kann ich lesen: „in großer Kumpanei“ besuche ich erstmals  die Villa Wiesike in Plaue. Zwischen 1874 und 1880 statte ich dem Freund und der Villa mindestens einmal im Jahr einen Besuch ab – die dort verbrachten Stunden „zwischen Schopenhauer, altem Rheinwein und Naturgenuss gewissenhaft teilend“.

Im Schlosshof stehen die Bewirtungsstände verwaist da, die Brunnenfiguren sind kopf-und armlos. Es gibt noch viel zu tun …

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Im Schlosspark am Rande des Plauer Sees bestaunen wir zwei monumentale Tierfiguren, die der ehemalige Schlossherr nach Jagdreisen in den fernen Kaschmir aufstellen ließ. Riesig, aus Kalkstein, wirken sie wie zwei Klötze, die zu Tieren umgestaltet wurden.

Fast 20 Kilometer führt uns die Bundesstrasse Nr. 1 hin nach Genthin. 45 Minuten Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten, darüber zu sinnieren. Gab es auch ein Brandenburg vor und nach Fontane? Natürlich ja, aber die Allgegenwärtigkeit des Dichters, noch zusätzlich an zahlreichen Orten durch „Fontane-Wege, Fontane-Gasthöfe, Fontane-Apotheken, Fontane-Gedenktafeln,  zum Jubiläum befeuert, wäre dem alten Theodor vielleicht etwas zu viel der öffentlichen Ehre gewesen. Wer weiß es.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es hier um das Thema Fußball. Wir mussten jedenfalls nicht kämpfen, allenfalls mit Hunger und Durst.

In Genthin fahren wir weiter über Parey und dann heran an die Elbe. Als wir den nagelneuen Deichweg sichten, beschließen wir, den markierten Elberadweg zu verlassen und der Deichkrone zu folgen. Die ersten Kilometer sind der reine Fahrgenuss. 35 km/h ohne nennenswerte Tretarbeit. Dann erreichen wir einen Abschnitt, an dem noch gearbeitet wird, danach geht der neue in den alten Deichweg über. Rumpelplatte, ein Schafzaun mit dahinter grasenden zufriedenen Tierchen. Als wir die Barriere übersteigen, macht die Herde ehrfürchtig Platz. An den Zitzen saugende Lämmer werden  kurzerhand – weitertrinkend – von der Mutter zur Seite gezerrt. Die Situation beruhigt sich, als wir ein paar Minuten innehalten, dann haben die Woll-Lieferanten gemerkt, dass von unserer Seite kein Unheil dräut. Als wir auf der anderen Seite die Herde verlassen, ist unser Tritt gepolstert – Schafdung haftet lang anhaltend an unseren Profilsohlen.

Einen Kilometer weiter erreichen wir die nächste Etappe des Radwegebaues. Am Deichfuß werden zwei dicke Betonspuren gegossen. Es scheint, dass wir die Erstbefahrer sind. Ein erhabenes Gefühl.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Am Ende der Ausbaustrecke mahnt Peter, bald in Richtung Bahnlinie abzubiegen, der Abend naht, die Energien schwinden. Burg ist nur fünf Kilometer Gegenwindfahrt entfernt. Der Zug nach Berlin fährt in 45 Minuten. OLYMPUS DIGITAL CAMERAGenügend Zeit, um einen extragroßen Bingöl-Döner zu vertilgen, dazu ein leckeres Pils. Dann steigen wir in den menschenleeren R1 nach Berlin.

Viele Tiere, viel Natur, garniert mit Kulturhappen. Wenige Menschen. Corona-feeling eben.

Dazu 174 Trainings und Genuss-Kilometer. Satt und zufrieden kommen wir heute zu Hause an.

randonneurdidier

ich bin 1950 im Sauerland geboren, bin verheiratet und lebe in Glienicke-Nordbahn bei Berlin. Leidenschaftlicher Radfahrer bin ich seit 50 Jahren.

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7 Gedanken zu “Panzer, Bären und Schafe, dann die Elbe

  1. Meine Entgegnung auf DC’s Buchbeschmierfrage augenscheinlich immer automatisch gelöscht? Sie lautete: Die Antwort eines erfahrenen Strafverteidiger: Soziopathen, strukturell oder (z.B. bei Jugendlichen) temporär.

  2. 2. Korrektur, denn irgendwie fehlen durchweg dieselben Zeilen:
    2. DC stellt Fragen:
    2a. >Auf dem Postplatz neben dem Bahnhof liegt die Vergangenheit da, wie ein aufgeschlagenes Buch. Ich frage mich, welch Geistes Kind die Menschen sind, die solch ein Mahnmal beschmieren. vorbei an der alten Stadtsparkasse. Wer kam auf die Idee, den Schriftzug auf drei Zeilen zwischen die Fenster zu pressen?<
    Die Antwort eines langjährigen Fachanwaltes für Arbeitsrecht: Ästhetische Gestaltungskompetenz, behördenstubenmäßig sanktioniert.

  3. Mein Beitrag leider unvollständig rübergekommen. Korrektur: DC stellt Fragen:
    2a. >Auf dem Postplatz neben dem Bahnhof liegt die Vergangenheit da, wie ein aufgeschlagenes Buch. Ich frage mich, welch Geistes Kind die Menschen sind, die solch ein Mahnmal beschmieren. vorbei an der alten Stadtsparkasse. Wer kam auf die Idee, den Schriftzug auf drei Zeilen zwischen die Fenster zu pressen?<
    Die Antwort eines langjährigen Fachanwaltes für Arbeitsrecht: Ästhetische Gestaltungskompetenz, behördenstubenmäßig sanktioniert.

  4. habe gerade Wikipedia nach der JVA und deren Geschichte befragt: ja, beeindruckend und bedrückend zugleich, und irgendwie erstaunlich, wie die JVA immer noch dort steht. Modernisiert, mit Werkstätten für Einsitzende, deren Erzeugnisse man am Tor nebenan erwerben kann. … An Horst M und Klaus Croissant kann ich mich noch erinnern, als der AStA der Uni Bochum im Jahre 1975 Aktionstage veranstaltete, ich auf der Hörsaaltreppe saß, und Croissant über die RAF Reden schwingend erlebte.

  5. 1. Hatte heute noch nicht gelacht, zumindest nicht herzhaft. Doch als ich das Bild sah, wo PW auf dem Damm steht, lachte ich. Schafe versperren den Weg. Gedudige Körperhaltung des Angehaltenen. Dessen Rennfahrerschuhe treten sogleich in Schafdung. Schafe, die keinen Respekt vor einm knallrosarotem Trikot haben! Kurz und gut: Eine DC-Idylle, wie ich sie so liebe.
    2. DC stellt Fragen:
    2a. >Auf dem Postplatz neben dem Bahnhof liegt die Vergangenheit da, wie ein aufgeschlagenes Buch. Ich frage mich, welch Geistes Kind die Menschen sind, die solch ein Mahnmal beschmieren. vorbei an der alten Stadtsparkasse. Wer kam auf die Idee, den Schriftzug auf drei Zeilen zwischen die Fenster zu pressen?gegenüber liegende Vollzugsanstalt, wo der Widerstandskämpfer Anton Saefkow am 19. September 1944 durch das Fallbeil hingerichtet wurde.<
    3a. Als Strafverteidiger hat gf die Geschichte dieser JVA nie losgelassen. Viele ihre Insassen und Hingerichteten sind bekannt. Den DERZEITIGEN INSASSEN RA Horst Mahler hat gf noch selber – als Gegenanwalt – vor Gericht erlebt
    3b. Interessierten empfehle ich, Wikipedia zu Rate zu ziehen. Immer wieder bedrückend und beeindruckend, welche Personen in der JVA Brandenburg Görden einsassen und hingerichtet wurden.

  6. Hallo Dietmar,

    danke für den wieder sehr schönen Bericht, der mir – wie die vielen anderen auch – große Vorfreude macht auf die Ausfahrten, wenn der Corona-Kinderdienst ein Ende hat.

    Herzliche Grüße aus Aachen
    Henning

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