5. Dezember 2020

x = n + 1

Die Zahl der Räder, die ein passionierter Radfahrer braucht, berechnet sich bekanntermaßen nach der Formel x = n + 1.

“n” steht dabei für die Anzahl der bereits vorhandenen Räder und „x“ für die Anzahl der Räder, die der Radler braucht.  Das zeigt das Dilemma: Es hört nie auf, es ist nie genug, es hat kein Ende. Nur die Zeiträume variieren. Mal dauert es fünf Jahre bis zum nächsten Suchtanfall, aber auch Zeiträume von nur einem Jahr habe ich schon persönlich erlebt.

Eigentlich habe ich doch genügend verschiedene Räder im Keller, um auf variantenreiche Weise meinem Hobby frönen zu können. Das Endurace, wenn es schnell und leicht auf glatten Straßen laufen soll, der Basso-Crosser für die Touren auf Gravel oder/ und bei Sauwetter. Das Granfondo-Titan für die ganz langen Strecken mit nicht zu viel und nicht zu wenig Gepäck. Das Cannondale Taurine für Wald und Feld und Rumpelwege, das wunderbare, fast 40 Jahre alte Colnago für würdevolle Ausfahrten mit hohem Genusspotenzial.

War da noch etwas? Ja und nein! Ich sah mich in den letzten Jahren auch nicht mehr gefährdet, einen Rückfall zu erleiden – wenn man das so nennen kann. Nun, die Zeiten ändern sich und mit ihnen Möglichkeiten und gefühlte Notwendigkeiten. Was meine ich damit: Vor 20 Jahren war ich 50 Jahre alt; wenn ich in 10 Jahren noch einigermaßen Druck auf die Pedale bekomme, kann ich mich sehr glücklich schätzen, schon heute überholen mich Sportsfreunde, denen ich vor Jahren locker mein Hinterrad gezeigt hätte.  –  Altern ist nicht vermeidbar, nur die Folgen kann man mit regelmäßigem Ausdauertraining etwas abbremsen und verzögern.

Bei langen Fahrten und schwierigen Bedingungen mal auf elegante Weise ein paar Watt Unterstützung holen, damit die Fahrt lustvoll weitergehen kann, das wäre doch schön. Wenn nicht heute, dann nächstes Jahr, oder übernächstes.

Genau parallel zu diesen beschriebenen Alterserscheinungen haben die Freunde von Fazua in München ein famoses Produkt entwickelt und auf den Markt gebracht: eine Akku-Motor-Getriebeeinheit, die fast unsichtbar auch in einen eleganten Rennradrahmen passt. Hersteller wie CUBE und Focus haben schon vor zwei Jahren die ersten Rennräder zu E-Rennrädern gemacht. Nur so richtig gefallen haben sie mir nicht, erst als sie die ersten Carbonrahmen mit dieser Technik ausrüsteten, wurde die Optik besser. Endlich sah ein Rennrad auch mit E-Motor noch wie ein Rennrad aus. Immer öfter las ich die Testberichte in den einschlägigen Medien. Wer bietet die gelungenste Integration, wer das beste Preis-Leistungs-Verhältnis. Auch den schlanken Nabenmotor  von Mahle zog ich zunächst in die Auswahl – und verwarf ihn wieder. Nach der Lektüre der Berichte von begeisterten, aber auch von abfällig kommentierenden Journalisten und Sportlern erfuhr ich nichts mehr, was für mich noch neu gewesen wäre.

Ich wusste, was ich wollte und was ich brauchte. Nur der Kick fehlte noch, das richtige Rad, das mich in den Bann schlug.

Dann ging es ganz schnell: Ich fand einen Testbericht zum neuen Domane + LT von TREK und verliebte mich spontan in dieses Rad. Technik, Integration, Optik, alles wunderbar gelöst, alles nach meinem Geschmack. Es war um mich geschehen.

Warum noch warten? Machen! Wenige Tage nach meinem runden Geburtstag trug der gut gelaunte Fahrer des Spediteurs das große Paket in meine Einfahrt. Weihnachten im Mai.

Raus aus dem Karton, Schaumstoff wegschneiden, Vorsicht, nur nicht den Lack verkratzen … Jetzt noch den Lenker am Vorbau befestigen, die Pedale reinschrauben, Sattel auf die richtige Höhe einstellen, Akku aktivieren. Er ist zu 80 % geladen.IMG_2777

32-mm-Reifen auf 6 Bar aufpumpen. Die Jungfernfahrt kann starten. Meine Pulsfrequenz liegt  da, wo sie nach einem 500 Meter Sprint liegen würde, nur habe ich mich noch gar nicht angestrengt. Mann, ist das aufregend.IMG_2796

Ein paar Testkilometer in den Abend hinein – das Domane wirft lange Schatten. Ich probiere auf dem Bedienungsfeld im Oberrohr herum: Geht alles sehr intuitiv. Eine Anleitung ist fast überflüssig. Grün, blau, rot, meint die „Breeze, River und Rocket“ genannten Unterstützungsstufen des Fazua-Triebwerks. Fast unhörbar werkeln Motor und Getriebe im Unterrohr. Aber spürbar.

Mehr noch als die E-Power beeindrucken mich spontan die Fahreigenschaften des Domane. Die Kombination von 32-mm-Bereifung und der sogenannten Isospeed-Dämpfung wirkt erstaunlich. Löcher und Dellen auf der Straße federt das Domane sensationell gut ab. Da wundert es mich nicht mehr, dass auch die Profis bei Paris–Roubaix auf dieses System setzen. Hinterbau und Gabel/ Steuerrohr sind elastisch an den Rahmen gekoppelt. Und trotzdem fährt sich das Gerät sehr direkt und exakt. Fast vergesse ich, dass ich auf einem E-Bike sitze.

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In Schönwalde stelle ich den rot-schwarzen Renner neben einen rostigen Oldie, der meinem Alter ziemlich genau entspricht. Auf meiner 40-km-Hausrunde setzt die E-Power eigentlich nur beim Anfahren an Ampeln und Kreuzungen ein. Ansonsten zeigt der Wahoo immer 25 km/h plus x. Es rollt hervorragend, die Verarbeitung ist top, die Integration der Fazua-Evation-Einheit sorgfältig und elegant. Ein würdiges „n + 1 „, so stelle ich zufrieden nach dieser ersten Ausfahrt fest.

Papagei und Domane
Da staunt der Papageienmensch

 

Jetzt wartet noch ein wenig Feinarbeit bei Zugverlegung, Dämpfungseinstellung etc. Die nächsten Tage werden spannend, wenn ich Leistung und Ausdauer des Antriebs testen werde. Demnächst mehr darüber.

 

randonneurdidier

ich bin 1950 im Sauerland geboren, bin verheiratet und lebe in Glienicke-Nordbahn bei Berlin. Leidenschaftlicher Radfahrer bin ich seit 50 Jahren.

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10 Gedanken zu “x = n + 1

  1. Glückwunsch zu dieser Entscheidung.
    Ich darf leider noch nicht.
    Margot ist dagegen.

  2. Hallo Michael, an unser Gespräch im Ziegeleipark kann ich mich noch gut erinnern – Alle Achtung, dass du den Arbeitsweg jeden Tag unter die zwei Räder nimmst. Dafür ist solch ein E-bike bestens geeignet. Und die Autofahrer müssen wir wahrscheinlich einfach ignorieren und aushalten, solange sie uns nicht zu nahe kommen. Die meisten von uns haben ja sowohl ein Auto, wie auch ein Fahrrad. So ist es entscheidend, in jeder Rolle mit Verstand und Anstand unterwegs zu sein. keep on riding!

  3. Hier ist noch mal Michael aus Velten, dem Du mal vor Jahren in Mildenberg Deinen italienischen Renner vorgestellt hast. Ich selbst habe mir vor einem Jahr ein S- E- Bike (bis 45 km/h Unterstützung) von Kalkhoff zugelegt. 11 Gang Alfine-Nabenschaltung, Zahnriemen-Antrieb. Fahre jeden Tag 30 km damit zur Arbeit nach Berlin. Brauche dafür stets ca.1 Stunde. Bei Gegenwind und 8 Stunden Arbeit zurück nach Hause ist die Unterstützung sehr sehr gut. Mein Problem sind allerdings bornierte unwissende Autofahrer, die nicht wissen, dass ich damit nicht auf Radwegen fahren darf. Werde deshalb öfters angefeindet.
    Ich komme mit einer Akkuladung hin und zurück. Bin gespannt auf deine weiteren Berichte über dein neues Rennrad.

    Bleich gesund!

  4. warte nicht zu lange! Das Domane kann man auch gänzlich ohne Dazu Evation-Pack fahren. Dann ersetzt ein Dummy die Antriebseinheit. Da passen Klamotten, Werkzeug und Futter rein. Merke: Den Antrieb kann man rausnehmen, aber bei einem konventionellen Bike halt nicht einfach einsetzen. Wir ab 70 dürfen das!

  5. Herzlichen Glückwunsch nachträglich.
    Ja an sowas denke ich auch schon. Wenn ich in zwei Jahren 75 alt werde,
    will ich mir ein sportliches MTB zulegen. Dann werden es nur noch GENUSS TOUREN.
    Hab viel Freude mit dem neuen Gefährt.
    Die RAPHA Tasche habe ich mitlerweile. Ging ganz schnell.
    Gruß aus Schleswig
    PETER

  6. Hallo Dietmar, zunächst mal nachträglich die besten Wünsche zu Deinem runden Geburtstag! Ich bin mir ziemlich sicher, dass Du auch ohne Elektrifizierung noch gut voran kommst!
    Viel Freude mit Deinem neuen Stromrennner!
    Viele Grüße aus Duisburg,
    Markus

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