Die ersten 1000 km mit und ohne E-Power

Die erste Euphorie über das herrliche neue Rad hält immer noch an, ist aber um konkrete Erfahrung und die ersten Praxiseindrücke ergänzt. Erfahrung kann emotional geladen, gleichsam aber rational unterlegt sein. Eins ist sicher, mit so viel Neugier und Erwartung bin ich selten auf ein „n + 1“ Rad gestiegen.

Nach der ersten kurzen Ausfahrt trage ich das Gerät in meinen Montagekeller, das geht fast so gut wie mit den anderen Rädern auch. Aber 14 kg sind halt spürbar mehr als die 6,8 kg eines „nackten“ Endurace. Der Vergleich ist natürlich ungerecht. Besser ich nehme das smart E-Bike meiner Frau in den Tragetest. Das gut gemachte Alu E-Bike aus der Konstruktionsfeder von Kalle Nicolai bringt satte 25 kg auf die Waage. Gut 10 kg unterscheiden also ein schönes E-Bike des Jahres 2013 vom State of the art-Rennrad mit kompakter E-Unterstützung. Die Gründer von FAZUA in München starteten im Jahr 2013 ihr ambitioniertes Unternehmen. „Fa zua“ auf Bayrisch heißt in Hochdeutsch übersetzt einfach: Fahr zu, mach voran, auf geht’s, oder etwas in diesem Sinne. Dem Status eines Startup-Unternehmens ist das Fazua von heute längst entwachsen. Aus der Idee wurde eine Konstruktion, ein Produkt, eine Marke. Die Evation-Antriebseinheit wird mittlerweile in die Rahmen von 40 Marken eingebaut. Das ist eine sensationelle Erfolgsstory. Wer jetzt neugierig auf den Antrieb und die Macher geworden ist, schaue sich dieses Video an: Fazua Interview 2020

Zurück in den Keller: Ich optimiere die Führungen der Schalt- und Bremsleitungen hinter dem Gabelrohr. Jetzt sieht das schon besser aus: OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Das Garmin Vista touch und der Mini von Wahoo haben nebeneinander Platz gefunden, und genau mittig vor dem Vorbau konnte ich dank der praktischen Befestigung für Gopro und Verwandten auch meine geschätzte Lupine Piko sauber befestigen. Das Cockpit: kompakt, aufgeräumt, Platz genug zum Greifen. Da wackelt nichts, da schlackert nichts. Den Bontrager-Sattel tausche ich gegen meinen bewährten Fizik-Arione.

Nun noch ein prüfender Blick auf die Antriebseinheit, auf das Drive Pack und die „Battery“. Um die Teile herauszunehmen, wird sie zunächst per Schlüsseldreh entriegelt, um sie dann abzuklappen.

 

Zum Aktivieren der Einheit wird sie vor dem Start per Knopfdruck in Bereitschaft gesetzt. Die weitere Steuerung geschieht dann über die Bedieneinheit auf dem Oberrohr.

Der Mechanismus macht einen soliden, auf langen Einsatz ausgelegten Eindruck.

Das Drive Pack lässt sich für eine Fahrt gänzlich ohne E-Power entnehmen und durch ein „Alu-Dummy“ ersetzen. Das wiegt 400 Gramm und spart so ca. 3 kg Gewicht ein. Werkzeug, Regenjacke und Futter lassen sich dann darin elegant verstauen.

Jetzt wird es Zeit, endlich auf die erste längere Runde zu gehen. So 100 Kilometer werde ich durch die sanften Hügel des Barnim kurven. Kurzes Tippen auf das Bedienfeld, und die fünf LED leuchten in Grün und zeigen den Modus „Breeze“ an. Sanftes Schieben, so ist das zu verstehen. Schon nach einer viertel Kurbelumdrehung ist die Power spürbar. Die Beschleunigung auf den ersten Metern fällt leicht, dann schiebt es weniger, um fast unmerklich ab 25 km/h abzuschalten. Darüber ist das Fahrgefühl genauso wie bei einem ganz normalen Rennrad. Kleiner Unterschied: Beim Rückwärtskurbeln dreht sich nur die Kurbel nach hinten, nicht aber das Kettenblatt.

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Ich wechsle in den Modus „River“, der mit blauen LED angezeigt wird, jetzt muss ich stärker treten, bekomme dann aber auch eine umso deutlichere Unterstützung. Sicher nicht übel im Hügelland, aber hier gibt es ja nur Bodenwellen. Eine Runde im Weserbergland wäre hierfür aussagekräftiger. Nach 45 Kilometern erlischt die erste LED,   20 % Akkukapazität sind verbraucht. Auf dem Radweg Berlin–Usedom gibt es zwischen Lobetal und Marienwerder ein paar kleine Rampen, die ich mit E-Power, ohne langsamer zu werden, leicht hochkurbele. Pünktlich bei Kilometer 90 erlischt die zweite LED. Noch 60 % sind im Tank. IMG_2882

Eine Abriegelung der Motorkraft erst bei 25 Meilen würde mir auch gefallen, die amerikanische Version des Domane unterstützt bis 20 Meilen bzw. 32 km/h. Technisch also machbar und vertretbar, allerdings leider in unserem Lande nicht zugelassen. Ein Tuning werde ich mir sparen, zumal ich mich immer noch gerne selber quäle.

Das Iso-Speed-Dämpfungssystem trägt zum entspannten Fahren bei, auch die typisch rumpeligen Abschnitte, wenn altes Pflaster nur überteert wurde, werden in Kombination mit den 32er Reifen gut abgefedert. Auch ohne E-Power ist dieses Rad absolut langstreckentauglich.

Das schwarz-rote Domane fühlt sich in der Schorfheide wohl. Auch ich bin auf dem „n + 1“ angekommen.

Nach 120 Kilometern leuchten immer noch drei LEDs, etwa 50 % der Akkukapazität von 250 Wh habe ich heute zum Test und zur Entlastung  meiner Waden eingesetzt. Zugegeben: Streckenweise habe ich auch mal die Power ganz per zwei Sekunden Tastendruck abgeschaltet. Es lief einfach auch so sehr gut. In welligem, leicht zu fahrenden Gelände könnte ich mich also auf einer 200 km-Tour gut schieben lassen, wenn die Kräfte nachlassen sollten. Ein schöne Perspektive für die nächsten Jahre.

Zu Hause angekommen, klicke ich das Drive Pack aus und hänge die Einheit ans Ladegerät. Nach weniger als zwei Stunden ist der Akku wieder voll. Wenn man also das Ladegerät dabei hat, könnte man während einer längeren Pause bei einer sehr langen Tour auf diese Weise einfach nachtanken und die Reichweite noch vergrößern.

Vor den nächsten Runden werde ich die Motorcharakteristik in den verschiedenen Modi per Fazua-Software mal ändern und verschiedene Möglichkeiten testen. Die Drive Unit hat dazu eine USB-Schnittstelle, über die unkompliziert Änderungen eingespielt werden können.

Dazu demnächst mehr.

Als Abspann hier noch ein paar leicht verfremdete Domane-Fotos:

 

Und hier noch ein köstliches Jens Voigt > Domane + mit Jens Voigt auf dem Domane +


6 Gedanken zu “Die ersten 1000 km mit und ohne E-Power

  1. hallo gf, brauchen oder nicht brauchen, vernünftig oder unvernünftig, notwendig oder unnütz… Wie oft habe ich das schon im Zusammenhang mit Dingen, die ich gekauft habe, gelesen oder habe mich selbst danach gefragt/ hinterfragt.

    Klassische „Argumente“ sind letztlich nicht vonnöten ( wie bei einer Urteilsbegründung z.B) Entscheidend ist für mich, ob ich Freude am Gekauften habe, ob es mir Lust bereitet, ob es mir neue Erlebnisse bietet… Und so kann eine vermeintlich „bekloppte“ Entscheidung, durch die emotionale Bauchbrille betrachtet durchaus sehr nachhaltig und nützlich sein.

    Und meine sechs anderen Räder ohne E-Power wollen schließlich auch raus in die Natur und auf die Straßen, auch in Zukunft.

  2. Danke für Deine interessanten „ersten Praxiseindrücke“.
    Beim erstmaligen Überfliegen Deines Textes hatte ich „PraxisEINBRÜCHE“ gelesen und hatte Dich bedauert und mit Dir gefühlt. War bei mir wohl eine Art von Freudscher Fehlleistung. Denn mir will ein Euro 5000,–E-RENNrad für eine fitte Person, die im Flachland lebt, nicht einleuchten, trotz Deiner Argumente, die ich mir windig anmuten. Trotzdem weiterhin viel Vergnügen.
    gf

  3. Glückwunsch!!
    Da wird man neidisch und überlegt ob man sich so ein Rad auch kaufen sollte.
    Toller Bericht und sehr schöne Bilder.

  4. Klasse und hochinteressant, lieber Dietmar. Da schaue ich meiner Fahrradzukunft immer entspannter entgegen, bis zu meinem 70. werde ich vermutlich nicht warten, bis am Rad statt einer weiteren Tasche dann doch mal ein zusätzlicher Antrieb landet. 😉
    Ich bin begeistert, wie sich in diesem Segment in den letzten Jahren Optik und Technik weiterentwickelt haben, das Rad sieht nicht nur gut aus, sondern auch das Antriebskonzept scheint sehr schlüssig – bin neugierig, wie Du da Einstellungen selbst verändern und optimieren kannst. Und natürlich steht der Erfahrungsbericht aus dem Mittelgebirge noch aus …

  5. Hallo Jürgen, das scheint nicht am Bericht selbst zu liegen, denn andere Leser können die Fotos öffnen. Geh mal über Facebook rein, evtl. klappt es dann.

    ganz herzliche Grüße Dietmar

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