Oderbruch reloaded

Plattenweg nach Wölsickendorf

Herrliches Wetter, tagelang nicht auf dem Rad gewesen, schlechtes Gewissen! Also los in die Hügel des Barnim und hinein ins Oderbruch. Bernau fliegt vorbei, Tempelfelde, Heckelberg-Brunow und dann der Abzweig nach Wölsickendorf. Ich hätte es doch wissen müssen: Dieser Weg ist nur auf dem ersten Kilometer gut zu fahren, dann kommt Platte, dann Schotter, dann Sand.

Keine Spur mehr von einem akzeptablen Radweg. Dafür umso  mehr wunderbar blühender Mohn, Kornblumen, Fernblicke. Aus dem Radweg wird der Oderland-Wanderweg. Roter Punkt. In Freienwalde werfe ich einen Blick auf das Gelände der Sprungschanze, wo die Wintersportler am Renovieren sind. Hinunter ins Oderbruch rollt es mit 50 km/h.

In Schiffmühle an der Alten Oder ist das kleine Fontane-Haus immer noch geschlossen, die Infoschilder sind nicht mehr ganz aktuell. Ein paar Meter weiter, in Neutornow biege ich rechts ab zum alten Schöpfwerk, wo auf dem hohen Ziegelschornstein ein Storchenpaar seine Jungen füttert. Ich frage ein betagtes Ehepaar auf E-Bikes, ob der Weg nach Herrenwiese fahrbar sei. Ja, det könnse jut machen. Det rollt.

Und tatsächlich, der Landwirtschaftsweg ist ausnahmsweise in gutem Zustand, und ich nähere mich von Süden kommend in großem Bogen wieder Altglietzen.

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Auf dem Friedhof am Kirchlein von Neutornow liegt Louis Henri Fontane, der Vater des Dichters begraben.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA Hier mäandert die Stille Oder schmal durch riesige Kornfelder, deren Rand von herrlich lila-rot blühenden wilden Malven gesäumt ist. Dann grüßt der Oderradweg . 1073644E-6AA8-4AB0-832A-2B062B4488AFDiesen Weg könnte ich immer wieder fahren, das klare Licht, die Cumuluswolken, das blau glänzende Wasser, die Rinder, die Schwäne, die Gänse. Herrlich, dieses Stück Natur!OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Das Granfondo lehne ich für ein Foto an einen neu aufgestellten Grenzpfahl, der titanfreundlich kunststoffummantelt ist. Ausnahmsweise kein scharfkantiger Beton. Hohensaaten, Lunow, Stolzenhagen – dann fängt der Bergfried von Stolpe, im Volksmund auch Grützpott genannt, meinen Blick. OLYMPUS DIGITAL CAMERAHeute will ich endlich mal hinauf auf den Hügel und erkunden, wie dort die Aussicht ist. Beim Einbiegen auf die Stahlbrücke sichte ich einen originellen Hinweis: „Fahrradcafé und Werkstatt“.   200 Meter hinter der Brücke wieder ein Hinweisschild: Fahrradcafé Fuchs und Hase.

Auf dem Gelände einer ehemaligen Betonfabrik, die schon lange nichts mehr fabriziert , haben hier mutige Menschen eine Oase für Radfahrer und Wanderer eingerichtet. Mit Ideen, mit Kunst an den Wänden, netten Menschen draußen und drinnen. Und der Apfelkuchen schmeckt köstlich.

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Radkunst am Bau

Auf der Terrasse darf ich an einem großen Tisch mit selbstgezimmerten Holzsesseln Platz nehmen, mir gegenüber ein nettes Ehepaar aus Wernigerode, das nach einer abgesagten Italienreise sich entschieden hat, den Radurlaub im Oderbruch zu verleben. Erstaunt und begeistert zugleich beschreiben sie ihre Touren im Naturpark Odertal. Das Café Fuchs und Hase verleiht auch E-Bikes, hier sogar zu haben die originelle Version mit einem Rahmen aus Bambus. OLYMPUS DIGITAL CAMERANach 20 Minuten Pause reiße ich mich los und folge den Hinweisschildern zum Stolper Turm. Eine knackig-steile Rampe führt hinauf auf den Hügel, zuerst noch geteert, dann auf Gravel. Oben angekommen, genieße ich den Weitblick über das Oderbruch und studiere die Informationen zum Turm, den wahrscheinlich dänische Baumeister im 12. Jhd. als Wohnturm der ehemaligen Burg Stolpe errichtet haben.OLYMPUS DIGITAL CAMERADie zahlreich aufgestellten roten Sitzbänke wirken geradezu wie eine Kunstinstallation. Ich sauge mich voll mit der Weite , dem Oderblick und der Natur. Auf dem steilen Weg vom Turm abwärts zu den Infotafeln rutsche ich ab und knalle auf meine rechte Schulter. Das holt mich aus meinen Naturträumen zurück auf den Boden. Im wahrsten Sinne. Nix kaputt, der Schmerz lässt nach, ich überlege, welchen Kurs ich als Nächstes einschlage. Ich entscheide mich, einem Wanderweghinweis nach Crussow zu folgen, der weist die richtige Richtung nach Angermünde. OLYMPUS DIGITAL CAMERAHerrliche Hügel und unfahrbare Sandwege führen mich nach 20 Minuten Fußweg wieder auf die Landstraße nach Dobberzin zurück. Angermünde mit seiner sehenswerten Altstadt erreiche ich eine halbe Stunde später. Im Westen hat sich eine bedrohlich aussehende dunkle Wolkenwand gebildet. Der Bahnhof lockt mich hinein und dann in den RE 3 zurück in Richtung Berlin. Im Radfahrabteil tragen alle brav ihre Masken, nur ein junger Mann macht die unrühmliche Ausnahme. “ War ´ne unvorhergesehene Fahrt“, brummelt er auf meine kritisierende Ansprache zurück und wendet sich freundlicherweise ab.

In Bernau ist es trocken, ich steige aus und rolle noch die 25 Kilometer entspannt nach Hause. Ein Tag voller Naturgenüsse. Das tat gut!

 

 


2 Gedanken zu “Oderbruch reloaded

  1. Danke Dir, Dietmar, für den Grützpott! Der markiert auch mir meist die Stelle, an der es auf den Heimweg geht. Den werde ich mir beim nächsten Mal aus der Nähe ansehen bzw. den Blick von dort genießen. Und wieder eine neue Perspektive auf bekanntes Terrain gefunden – so einfach kann es sein 🙂

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