5. Dezember 2020

Bauhaus, Waldsiedlung und eine lange Mauer

Heiß ist es an diesem Samstagnachmittag. Ein spürbarer Südostwind bläst die Schwüle weg. Ich bekomme Lust auf eine kleine Runde mit dem Gravelbike. Das Taurine will mal wieder an die Luft und in die Brandenburger Wälder. Nach Osten rolle ich über Schönfließ und Schönerlinde nach  Schönwalde und Schönow. Schon seltsam und irgendwie bezeichnend – die Ortsnamen mit dem integrierten „Schön“. Schönheit liegt im Auge des Betrachters, wusste schon vor über 2000 Jahren der antike griechische Historiker Thukydides. Ja, es gibt hier schöne Ecken, schöne Häuser, auch mal schöne Vorgärten – aber eher selten. Öfter spärliches Grün hinter Zäunen aus Betonquadern oder verrostetem Eisen. Die Ansiedlung Schönwalde wurde, wie man auf einem erst 1903 aufgestellten Denkmal an der Kreuzung mit der B 109 lesen kann, von Friedrich II. schon im Jahre 1753 als Kolonistendorf für Spinner und Tuchmacher gegründet. Spinner haben heute eine andere Bedeutung als damals, sinniere ich vor mich hin. Zig Male bin ich hier schon hindurchgeradelt auf meinen Trainingsrunden. Irgendwie vertraut ist die Mischung aus Bodenständigkeit, alt und neu, hübsch und hässlich, frisch Renoviertem oder neu Gebautem oder einfach Altem und Vergammelten. Alles nebeneinander in trauter Gemeinsamkeit.
Der Radweg von Schönwalde nach Bernau-Waldfrieden ist von bester Qualität. Immer wieder ein Genuss, hier zu fahren. Wobei in Corona-Zeiten die eher traditionellen Ausflugsziele Gorinsee und  Schönower Heide von Berlinern geflutet werden. An der Einfahrt zum Gasthaus am See kauert bäuchlings ein Mann auf einer Luftmatratze, die zur Hälfte auf dem Radweg liegt. Ich frage, ob Hilfe benötigt würde – „nee, ick blase nur die Luma auf“. Na, da bin ich beruhigt und kurbele weiter. In Bernau-Waldfrieden stößt der Radweg auf die Wandlitzer Chaussee. Geradeaus weiter führt der Weg in das mittlerweile zum UNESCO-Welterbe ernannten Bauhausensemble der ehemaligen Gewerkschaftsschule aus den 20er Jahren. Einen kleinen Abstecher ist das allemal wert.

Bauhaus-Denkmal Bernau
Bauhaus-Denkmal Bernau

Schon allein deshalb, weil die Gegensätze zum hausbackenen Baustil der einstigen DDR-Granden in der Waldsiedlung Wandlitz, 6 Kilometer weiter, kaum größer sein könnten.
Spärlich sind die Hinweise auf die Vergangenheit des Geländes, dominierend sind die neuen Gebäude  der Brandenburg-Klinik mit Seniorenheim, Kinderkrankenhaus und anderen sozialen Einrichtungen. Modern und wunderbar eingebettet in die parkähnliche Waldlandschaft.

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LOVE
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HATE

Love-Hate, eine ambivalente Skulptur, von der einen Seite liest man „Hate“, von der anderen „Love“.

Der kleine Wuschelkopf fühlt sich offensichtlich wohl an diesem Platz. Seine Familie sitzt in der Nähe in einer kleinen Runde mit einem Rekonvaleszenten, der noch im Rollstuhl sitzt. Alle sind dunkelfarbig, alle strahlen gute Laune aus. Auch mir gibt das ein gutes Gefühl.

Seit Mai 2019 ist die monumentale Stahlskulptur Love-Hate der Berliner Bildhauerin Mia-Florentine Weiss im Park der Brandenburg-Klinik zu bestaunen. Sie soll Sinnbild für Demokratie und Humanismus sein, gemäß der Maxime MAKE LOVE NOT HATE!

In einem spektakulären Transport verfrachtete das Technische Hilfswerk die tonnenschwere Skulptur zunächst vom Platz vor dem Tipi am Kanzleramt zum Brandenburger Tor und dann zur aktuellen Station in der Waldsiedlung. Zu vermuten ist, dass der Sponsor für das Stahlobjekt die Familie Michels ist, die das gesamte Gelände für 99 Jahre in Erbpacht erworben hat und auch Eigner der Brandenburg-Klinik ist.

Erst nahe der ehemaligen Bonzensiedlung  am Nordrand des Klinikgeländes wird es konkreter: Auf einem Plan sind die Wohnhäuser und Adressen von Ulbricht, Honecker, Mielke, Krenz beschrieben. „Grau und spießig“, so ist in einem Beitrag des Deutschlandfunks aus dem Jahr 2017 zu lesen. Genauso erlebe ich auch heute, bei meinem dritten Besuch der historischen Stätte, die Architektur, die Vorgärten, die gesamte Anlage. Keine Spur von Protz und Prunk. Spießigkeit gepaart mit Versteckspiel hinter Hecken und Mauern. Weit weg und weit entfernt vom Volke, das die Anwohner regierten und lange Zeit dominierten.

Am Nordrand führt ein Waldweg hinaus aus dem Kerngelände. Eine grüne Betonmauer umgrenzt auch heute noch das ehemals streng bewachte Gebiet. So weit von den ersten Häusern entfernt, dass Spaziergänger wirklich glauben konnten, hier wäre ein Wildforschungsgebiet. Irgendwie stimmt das ja auch.

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5 Kilometer grüner Beton, mitten im herrlichen Laubwald

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Die Mauer ist an manchen Stellen durchbrochen, aber immer noch führt sie etwa fünf Kilometer lang um die gesamte Waldsiedlung herum. Warum steht dieses elende Zeugnis immer noch, dem Verfall preisgegeben, hässlich und deplatziert, mitten  im schönen Wald. Ein Hindernis für den Blick, für das Wild, für den Wanderer.
Auf dem Weg, der nach Basdorf durch den Wald führt, kommt mir ein Radfahrer entgegen. Er schiebt sein Plattfußrad und fragt mich, ob ich einen Schlauch dabei hätte. Ich habe! Der junge Mann hat ein ordentliches Rad, hat Schlafsack, Proviant und Matratze dabei. Aber eben kein Werkzeug, keinen Ersatzschlauch. So kann ich mich heute als Samariter erweisen. Einen veritablen „Snakebite“ hat er sich vermutlich beim Überfahren einer scharfen Kante eingehandelt.

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Wir kommen beim Reparieren ins Gespräch. Corona hat ihn zum Radfahren gebracht, nun hat er Spaß daran bekommen und will am Liepnitzsee im Wald übernachten. Gute Idee, wie ich finde. Nach 15 Minuten ist mein Ersatzschlauch im Mantel und dank meiner CO2- Kartusche gut aufgepumpt. Ich setze mich wieder auf mein Taurine, der Kollege entschwindet dankbar grüßend gen Liepnitzsee im Wald.

Heute bin ich so langsam unterwegs, dass ich Dinge sehe, die mir sonst einfach entgangen sind auf dieser Runde. Zum Beispiel diese Kfz-Verwahrstelle für beschlagnahmte Autos.

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Im Hintergrund steht eine Kugel auf einem Metallfuß. Was mag das sein? Was wird oder wurde hier gespeichert?

Mit dieser unbeantworteten Frage im Kopf rolle ich die restlichen 15 Kilometer nach Hause.

Geschichte, Kultur, Absonderlichkeiten, nette Menschen habe ich erlebt. Kurze Runden können auch gehaltvoll sein.

randonneurdidier

ich bin 1950 im Sauerland geboren, bin verheiratet und lebe in Glienicke-Nordbahn bei Berlin. Leidenschaftlicher Radfahrer bin ich seit 50 Jahren.

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7 Gedanken zu “Bauhaus, Waldsiedlung und eine lange Mauer

  1. Lieber Didier,

    in einen Zelt an der Mosel liegend, entlang der ich mit meiner kleinen Tochter eine Radtour mache, lese ich deinen schönen Bericht und denke, dass ich dich wissen lassen sollte, dass ich sie allesamt gerne lese, die Geschichten deiner Erlebnisse auf zwei Rädern.

    Liebe Grüße
    Henning

  2. hab Dank lieber gf, ich freue mich sehr über diese Art von Kritik und Feedback: Mit Substanz, Klarheit und gutem Umgang mit Entgegnungen meiner Art. Setz Dich auf Dein Kona und dreh eine Runde, wie auch meine Frau mir solchermaßen rät, wenn ich mal knurrig bin.
    All the best
    Dietmar

  3. Mein lieber DC:
    Die Anredeform „Sie“ ist hier- ohne Ironie – anerkennend, bewundernd, so, wie man eben mit dem geschätzten sprachflinken Fontane spricht, das „Sie“ ist mitnichten Ausdruck von Distanz oder Kritik.
    Meine Frau musste bei Deiner Replik „Phrasendrescherei“ lachen und sagte zu mir sinngemäß, „Da hat Dein Haupt-Randonneur Dich gut getroffen, recht hat er.“
    Der zerknirschte gf fühlt sich mal wieder vollkommen unverstanden und grüßt freundlich. Zeit, sich wieder auf sein „Kona Sutra“ zu setzen und eine Runde zu drehen.
    In Dankbarkeit: gf

  4. lieber GF, welchen Schmerzpunkt habe ich mit meinen Formulierungen zur Waldsiedlung getroffen? „überschießende Innentendenz“, “ kann sie nicht exkulpieren“. Was lese ich da erstaunt? Da ist wohl jemandem das juristische Phrasenpferd durchgegangen…
    Wenn ich Dinge beschreibe, die ich sehe und erlebe, dann setze ich meine Gefühle und das Erleben in Worte um – ich schreibe keinen Artikel für die ZEIT und wenn überhaupt, dann einen launigen Kommentar. Und so möchte ich auch meine Worte zur Bonzensiedlung, zur Spießigkeit, zu Mauer im Wald, verstanden wissen. Wenn ich meine Eindrücke, die immer mit dem aktuellen Umfeld und auch meiner persönlichen Stimmungslage korrespondieren, auf die „Juristenwaage“ legen müsste, bevor ich schreibe, nein, dann würde mir die Lust am Tun vergehen.

    In der Hoffnung, dass ich demnächst wieder mit einem DU anstelle des förmlich distanziert wirkenden SIE rechnen kann

    randonneurdidier

  5. Lieber Fontane!
    Herzlichen Dank abermals für Ihren erfrischenden Bericht.

    „Nach Osten rolle ich über Schönfließ und Schönerlinde nach Schönwalde und Schönow.Schon seltsam und irgendwie bezeichnend – die Ortsnamen mit dem integrierten „Schön“.

    Richtig. Als ich neulich dort war, ist mir dasselbe aufgefallen. Man könnte Schöneweide, Hohenschönhausen, Schöneberg etc. ergänzen.

    „Love-Hate, eine ambivalente Skulptur, von der einen Seite liest man „Hate“, von der anderen „Love“.“

    Sie guter Beobachter! Ich hatte diese Skulptur ebenfalls gesehen und: NICHT VERSTANDEN. Danke, dass Sie mir auf die Sprünge helfen.

    „Sponsor für das Stahlobjekt die Familie Michels ist, die das gesamte Gelände für 99 Jahre in Erbpacht erworben hat und auch Eigner der Brandenburg-Klinik ist.“

    Danke für Info. Jetzt macht einiges Sinn, was ich früher nicht verstand.

    „Die Mauer ist an manchen Stellen durchbrochen, aber immer noch führt sie etwa fünf Kilometer lang um die gesamte Waldsiedlung herum. Warum steht dieses elende Zeugnis immer noch, dem Verfall preisgegeben, hässlich und deplatziert, mitten im schönen Wald. Ein Hindernis für den Blick, für das Wild, für den Wanderer.“

    Der landschaftliche Mauer-Kontrast ist eine schmerzhaften Erinnerung an eine schmerzvolle Vergangenheit. IMHO: Mauer sollte deshalb bleiben.

    „ehemaligen Bonzensiedlung“ „Grau und spießig“ … „Keine Spur von Protz und Prunk. Spießigkeit gepaart mit Versteckspiel hinter Hecken und Mauern. Weit weg und weit entfernt vom Volke, das die Anwohner regierten und lange Zeit dominierten..“

    Lieber Herr Fontane. Ist eine überschießende Innentendenz mit Ihnen durchgegangen? Hoffentlich nicht! Wo ist Ihre professionelle Versiertheit, die Sie z.B. auf Ihre Räder anwenden? Der Hinweis auf den Beitrag des Deutschlandfunks aus dem Jahr 2017 kann Sie nicht exkulpieren.

    Beweggründe für den Bau und Geschichte der Siedlung, Geschichte und Beweggründe ihrer Bewohner, Versagen und Verbrechen im Namen eines als Gesetz gesehenen historischen Fortschritts, die Dynamik des WELTgeschehens 1933 bis 1989: Dies alles würde wohl eine eine angemessenere Wort- und Begriffswahl rechtfertigen.

    Nichts für ungut.

    gf

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