24. Oktober 2020

Kamerun ist gar nicht weit

Das Havelland ist immer wieder frisch, ist immer wieder neu. Wenn man immer wieder neue Strecken fährt. Auch wenn sie rumpelig sind und die Plattenwege nicht enden wollen. So auch heute, als ich nach Westen hinausrolle, zuerst nach Nauen, dann weiter auf dem Havelland-Radweg. Auf meinen ersten 40 Kilometern kenne ich jeden Gullydeckel, aber dann gibt es auch neue Varianten der Wegführung. Nauen-Ribbeck ( nein, heute besuche ich sein Grab und den Birnbaum nicht), dann nach Bienenfarm über Kamerun. In Brandenburg führt der Weg an Kamerun vorbei zur, nein besser: nach Bienenfarm. Kamerun ist ein Wohnplatz, heute ein Reiterhof, der zum Ort Paulinenaue gehört. Als ich nach Kamerun google, erfahre ich erstaunt, dass es noch weitere zehn Orte und Ansiedlungen dieses Namens in Deutschland gibt. Immer führt die Namensgebung auf die deutsche Kolonialzeit in Afrika zurück.

 

Kamerun ist schnell passiert, dann Bienenfarm, Paulinenaue, Vietznitz – schließlich Friesack, wo ich noch kurz dem Wegweiser zum Heldendenkmal den Hügel hinauf folge. 

 Umwuchert, kaum gepflegt, vernachlässigt, steht das Bauwerk, das die Stadt Friesack gar nicht erst, oder gar nicht mehr, in der Liste der Denkmäler aufführt. Warum eigentlich nicht?

Bis auf die Entdeckung des Heldendenkmals bleibt Friesack auch heute für mich ohne Gesicht. Das Städtchen fängt mich nicht, es hält bislang seine anziehenden Merkmale vor mir verborgen. Nicht deshalb, sondern weil ich neue Wege fahren will, folge ich einem Radwegweiser, der mich kurz hinter dem östlichen Ende der Stadt nach Norden führt. Über 10 Kilometer Rumpelplattenwege folgen. Ein kleiner Test für Reifen und Felgen und Hinterteil.

Buckelplatte bis zum Horizont
Als wenn vor zehn Jahren die Besitzer das Anwesen vergessen hätten – Die Büsche wachsen aus den leeren Fensterhöhlen, die Natur holt sich das Terrain zurück.
Michaelisbruch, benannt nach dem Geheimrat dieses Namens – eine Kolonie mit 45 Einwohnern und Karlemanns Brücke über den Rhin als Wahrzeichen
Das Granfondo auf Karlemanns Brücke

Ab Michaelisbruch rollt es wieder. Der Plattenweg geht über in einen zweispurig ausgebauten Pflasterweg. 

Nackel, Läsikow ( eines der wenigen Runddörfer in Brandenburg), Vichel – letzteres kann sogar mit einem Schloss aufwarten – dann komme ich in Protzen an. Geprotzt wird hier nicht, aber ein Dorf- Torf- und Schulmuseum steht am Rande des Gutsparks, den einst Fontane als einen der schönsten der Region beschrieb. Lang, lang ist es her. Das Ruppiner Land protzt eher mit seiner Bescheidenheit. Der Blick des Wanderers oder Radfahrers wird nicht durch großartige Bauwerke, beeindruckende Laubwälder oder tiefblaue Seen gefangen. Die Landschaft liegt einfach da.

„Schloß“ Vichel – eher ein Gutshaus – kündet von einstigem Wohlstand und Reichtum.

Schon oft bin ich durch diese Gegend gefahren, aber das Temnitztal hat sich bislang meiner Wahrnehmung verschlossen. Beim Punkt „Sehenswertes“ auf der Informationstafel ist jeweils zuerst die Kirche der Ansiedlung aufgelistet, dann erst folgen die weltlichen Sehenswürdigkeiten, zum Beispiel der Gutspark, ein Laubenhaus und ein Kriegerdenkmal. Wie sagte doch schon Fontane:„Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben“. Das trifft es immer noch genau. 

Der Begriff „Tal“ ist für eine Landschaft, wie ich sie als geborener Sauerländer sehe, missverständlich. Zu einem Tal gehören auch Berge, zumindest Hügel. Und die suche ich hier vergeblich. Dafür soll es hier Kammmolche und Rotbauchunken geben. Auch die bekomme ich nicht zu Gesicht, aber ich muss zugeben, dass ich auch nicht nach ihnen Ausschau gehalten habe. Meine gröblichen Augen sehen Felder und Wiesen, leicht hügelig modelliert. Schön anzuschauen.


Ein paar Kilo leckere Belana-Kartoffeln, zwei Birnen und ein paar Eier warten noch auf Käufer

Der Hinweis „Keimzelle“ weist auf ein Projekt des Verein VERN hin, der sich um seltene Kulturpflanzen kümmert. Saatgut für Kartoffeln, Hülsenfrüchte, selbst Tabak kann man hier bekommen. Hunderte verschiedene Sämlinge werden hier gezüchtet.

In der alten Mühle von Manker wird schon lange kein Getreide mehr gemahlen. Das Gebäude gammelt vor sich hin – Auf Immowelt wird das Anwesen für 59000 € zum Kauf angeboten. Als Künstleratelier kann sich der Makler das Gebäude vorstellen. Da sollte der Künstler noch ein paar Euro zusätzlich zur Verfügung haben, denn die Restaurierung wird aufwändig sein. In den Gemeinden des Temnitztales wohnen 1500 Menschen auf über 50 Quadratkilometern Fläche. Das entspricht einer Bevölkerungsdichte wie die in Kamerun. Ich meine jetzt das Land in Afrika und nicht den Wohnplatz in Brandenburg.

Als wenn vor zehn Jahren die Besitzer das Anwesen vergessen hätten – Die Büsche wachsen aus den leeren Fensterhöhlen, die Natur holt sich das Terrain zurück.

Das Vorlaubenhaus in Garz aus dem 18. Jhd. hat die Stürme der Zeit besser überstanden.

Auf dem Weg von Friesack hierher habe ich vergeblich nach einem Bäcker, einem Lebensmittelgeschäft, gar einem Café Ausschau gehalten. Aber Fehrbellin ist ja schon ganz nah. Da wird es sicher eine Möglichkeit zum Auffüllen meiner Kalorienspeicher geben… Mag sein, aber irgendwie haben die Lidl´s und Nettos keine Anziehungskraft heute. So rolle ich hungrig weiter, hin zum Storchendorf Linum. Ein kleiner Abstecher zur Siegessäule, die an die Schlacht von Fehrbellin im Jahre 1675 erinnert, muss sein.

„Nach dem Dreißigjährigen Krieg war Schweden Großmacht und Brandenburg bankrott. Dessen Kurfürst baute das Land wieder auf. 1675 trafen beide Heere bei Fehrbellin aufeinander – mit unerwartetem Ausgang.“

https://www.welt.de/geschichte/article166053937/Mit-dieser-Schlacht-wurde-Brandenburg-eine-Macht.html

In diesem Welt-Artikel ist die Bedeutung dieser  Schlacht bestens beschrieben. Lesenswert!

Auf dem Weg nach Linum werden meine Gedanken ganz automatisch wieder weg vom Schlachtgeschehen zur Natur zurückgelenkt. Schließlich nennt sich Linum auch „Storchendorf“. Ich finde die Abertausende von Kranichen, die im Frühjahr und im Herbst hier Rast machen, noch eindrucksvoller. 

Am Ortsausgang entdecke ich an einem ehemaligen Strommast, den ein Storchennest krönt, ein arg vom Storchenkot bekleckertes Rad. Ein Plakat fordert einen Radweg von Linum nach Kremmen. Da fallen mir spontan viele andere Straßenabschnitte im Lande ein, wo ein begleitender Radweg eine größere Notwendigkeit hätte…

Flatow, Tietzow, Grünefeld, Pausin – fast bin ich versucht, in der Auszeit eine kleine Pause einzulegen, aber irgendwie halten mich die vor dem Imbiss stehenden Männer zu Coronazeiten davon ab. Auch die teuflisch gute Currywurst, die es hier zu kaufen gibt, lockt mich heute nicht.

Noch 23 Kilometer bis nach Hause. Eine Stunde noch mit knurrendem Magen, das halte ich aus.

Auch die Bananenstauden in Wansdorf tragen keine Früchte, aber sie leben.

Eine Replika eines Viertelmeilensteins in Hennigsdorf

Der Viertelmeilenstein mit Herzchen in Hennigsdorf zeigt 2 ₃/⁴ Meilen – 20,71 Kilometer bis zum Oranienburger Tor in Berlin. Für mich umgerechnet noch 11 Kilometer bis zur Hauseinfahrt. Noch ein Schluck aus der Trinkflasche, dann rolle ich die letzten Kilometer des Tages ab. 165 sind es heute geworden –

Brandenburg ist schön, die Weite tut gut, und immer gibt es Neues zu entdecken.

randonneurdidier

ich bin 1950 im Sauerland geboren, bin verheiratet und lebe in Glienicke-Nordbahn bei Berlin. Leidenschaftlicher Radfahrer bin ich seit 50 Jahren.

Alle Beiträge ansehen von randonneurdidier →

4 Gedanken zu “Kamerun ist gar nicht weit

  1. PS 1) ja, das Foto habe ich nahe bei Schwedt gemacht, allerdings muss man dazu den Weg über den Deich in Richtung Polen weiterfahren. Am hölzernen Aussichtsturm vorbei.
    PS 2) wahrscheinlich hast Du Recht: Die grüne Mauer gehört irgendwie dazu.

  2. Friday 2020-10-16
    Auch dieses Mal: Aufmerksam, detailreich und spannend sowie gekonnt die Beschreibungen der besuchten und beobachteten Objekte und Plätze! Animierend und verlockend Dietmars Stil und Prosa! Ein dichtender Randonneur mit Sinn und Verstand für das Fontan’sche Brandenburgisch-Kleinteilige. Und wohnt man in und um Berlin herum: Alles so nah, alles so leicht mit dem Rad erreichbar. Glücklich darf sich schätzen, wer Dietmars Impressionen lesen, seinen Strecken nachfahren, seine Eindrücke nachspüren kann. So wie der ewig dankbare gf.
    PS 1) : Danke für das neue Eingangsbild Deiner Webseite. Die östliche Weite von Landschaft und Blick! Oderradweg Richtung Schwedt?
    PS 2) gf war am letzten Sonntag in der Wandlitz-Waldsiedlung (Ulbricht, Honecker etc.). Warum? gf wollte seiner Frau etwas zeigen. Was? Die Mauer rund um die Waldsiedlung. Die Mauer, die Dietmar in einem seiner letzten Einträge so negativ beschreibt. Dietmar schreibt (Zitat): „Warum steht dieses elende Zeugnis immer noch, dem Verfall preisgegeben, hässlich und deplatziert, mitten im schönen Wald?“ Zitat Ende.
    Meine damalige Kritik an Dietmars Sicht empfand ich bei diesem Besuch abermals valide: Ohne diese Mauer verliert die Waldsiedlung einen Teil ihrer Authentizität. „Stehenlassen“ ist manchmal angebrachter als „Abreißen“. Nichts für ungute, lieber DC.
    P3) Um nicht zu vergessen, in welcher Zeit wir im Augenblick leben, das Zitat des Tages:(from New York Time 16.10.2020)
    Christie Says He Was ‘Wrong’ Not to Wear Masks at White House
    Chris Christie, the former New Jersey governor who was hospitalized as he battled the coronavirus, urged people to follow C.D.C. guidelines in public.

  3. Hallo Peter, Ja, Brandenburg hat eigentlich alles – von herrlich bis hässlich. Die neue Optik der Seite ist ein Experiment – ab und zu muss ich einfach mal was Neues probieren.

  4. Sehr schöner Bericht. Was hast du nur für schöne Reiseziele.
    Ein Kamerun gibt es hier oben auch.
    Toll auch deine neue Seite. Werde sie mir Morgen in Ruhe anschauen.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: