16. April 2021

Festive oder nicht Festive…

Gerade lese ich den Bericht von Eva, die bei Nässe, Kälte und Wind und in der Dunkelheit knackige 595 Festive-Kilometer abgebaggert hat. Dabei Part 3/3 mit fast 300 Kilometern am Stück. Chapeau! Im Vergleich zu meinen Fahrtrationen macht sie immer doppelt soviel Strecke wie ich. Erst am zweiten Weihnachtstag raffe ich mich auf, mit Wolfgang eine Runde zu drehen. Es ist trocken, die Sonne quält sich durch den Nebel, aber schließlich schafft sie es, für zwei Stunden gute Laune spendende Helligkeit zu verstrahlen. 72 Kilometer stehen zu Buche. Das könnten die ersten für meine Festive Nr. 8 sein. Meine erste fuhr ich 2013 auf meinem Basso-Crosser. Soll ich es doch wieder tun? Wie hat doch der alte Erich Kästner gesagt: “ Es gibt nicht Gutes, außer man tut es“ . Also werde ich es tun!

Am 27.12. ist frischer Wind aus Südost angesagt. Und die Sonne soll sich auch mal zeigen. Eine schöne Gelegenheit, einfach mit Schiebewind gen Norden zu rollen. Und dann von irgendwo mit der Bahn wieder heim. Um viertel nach neun sitze ich auf meinem Granfondo. Die Thermo-Trinkflaschen mit heißem Tee gefüllt. Zwei Power-Riegel, ein Brötchen, das sollte über den Tag reichen für die notwendige Energiezufuhr. Pausen in Gaststätten sind von Corona gestrichen. Und an den Tanken gibt es zwar Kaffee, der muss aber dann draußen in der Kälte geschlürft werden. Also habe ich mich für das komplett autarke Fahren entschieden. Der Schiebewind lässt mich das erste Mal seit langer Zeit wieder einmal die Drei vorn bei der Anzeige meiner Geschwindigkeit sehen. Das Granfondo kennt die Strecke bis hinauf nach Templin von vielen Ausfahrten und Brevets. Jeder Meter ist vertraut. Vogelsang, Hammelspring, Hindenburg – so reihen sich die Ortschaften hier aneinander.

Sankt-Maria-Magdalena-Kirche Templin

Schlag zwölf passiere ich die barocke St. Maria-Magdalena-Kirche in Templin. “ Wir müssen das alles nicht alleine schaffen, Gott ist da! “ kann ich auf einem großen Schild am Kirchplatz lesen. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott – das fällt MIR dazu ein. Wem religiöse Bezüge fremd sind, der kann sich hier auch an die zahlreichen Misteln in den Lindenkronen halten. Aus denen hat bekanntlich schon Miraculix seinen Zaubertrank gebraut. Vor bösen Geistern soll die Pflanze schützen und Unheil verhindern. Heute kann es nur gut werden, sinniere ich vor mich hin.

Templin verlasse ich nach Nordwesten in Richtung Lychen. Ein wunderbarer asphaltierter Radweg führt über Gandenitz am Platkow- und am Zenssee entlang, durch einen herrlichen duftenden Laubwald mit alten Eichen und Buchen. In Hohenlychen bestaune ich die alten, zum Teil verfallenen Gebäude der ehemaligen Heilanstalten, deren wechselvolle Geschichte vom Nobelkurort ( Davos des Nordens) bis zur Versuchsstätte für Medikamente, wobei Insassen des KZ-Ravensbrück unendlich unter den Grausamkeiten der Nazis leiden mussten. In der jüngsten Zeit wird offensichtlich dem Areal wieder etwas neues Leben eingehaucht. Investoren sind unterwegs in der Uckermark.

Brotzeit in Gandenitz
Ehemalige Heilanstalten Hohenlychen

Laut Wikipedia hat sich sogar der Olympionike Jesse Owens in den Kliniken von der Koryphäe Dr. Gebhardt am Meniskus operieren lassen. Der Chefarzt und Sauerbruchschüler war allerdings auch SS-Gruppenführer und enger Freund von Heinrich Himmler. Diverse menschenquälende Versuche für neue Medikamente mit den im KZ Ravensbrück einsitzenden Frauen werden seiner Verantwortung zugerechnet. 1947 wurde er zum Tode verurteilt. Die Historie der Heilanstalten Hohenlychen ist genauso beeindruckend wie auch beklemmend. Hier ein interessanter Beitrag des Deutschlandfunks dazu.

Auf dem Wege hinüber nach Fürstenberg führt mich meine innere Stimme nach Norden und am riesigen Gelände der verlassenen russischen Kasernen bei Neuthymen vorbei. Ein großes Arsenal von russischen Atomraketen mit der zigfachen Zerstörungskraft der Hiroshimabombe stand hier bereit. Lange Betonmauern säumen den buckligen Plattenweg. Alles ist grau, nur ein paar Graffiti bringen Farbe in den Winterwald. In Neuthymen endet die befestigte Straße – ich rumpele nach Westen und stoße auf die „Eiszeitroute“, die in meiner Velomap eingezeichnet ist. Sie führt über Altthymen, wo mich ein netter Zeitgenosse vor einem weiteren Ritt über vermatschte Waldwege bewahrt. Er weist mir den Weg über Dabelow, vorbei an Comthurey nach Neustrelitz, das mir als Tagesziel für die heutige Festive-Etappe vernünftig und machbar erscheint.

Kirchenruine Altthymen

In Altthymen steht das Gerippe der Backsteinkirche etwas verloren da. Das Langhaus ist ohne Dach, nur die Apsis und der Turmbereich können die Gläubigen vor Regen schützen. Eine Sanierung des Gebäudes ist für die wenigen Gemeindemitglieder des 100-Seelendorfes nicht zu stemmen.

Gegen 15 Uhr stehe ich am Bahnhof Neustrelitz, und 15 Minuten später sitze ich im gut geheizten, fast menschenleeren IC nach Oranienburg. Nochmal 20 Kilometer bis ich Hause, heute zeigt die Festive-Uhr 220 km an. Bleiben noch 280 km in vier Tagen.

Am 29. Dezember ist trockenes, kaltes Wetter angesagt. Ich starte nach gemütlichem Frühstück um 9.30 Uhr. Wieder gen Norden. Mal schauen, wo meine Intuition mich heute hinführt. Das Einrollen führt wie so oft über Schönwalde und Wandlitz nach Zerpenschleuse. Dieses Mal knicke ich am Trödel nach Marienwerder ab. Ich habe Lust, dem Werbellin heute Guten Tag zu sagen. In Eichhorst erreiche ich den Südzipfel des Sees. Und heute habe ich ein wichtiges Fotoobjekt in diesem Ort. Denn bei meinen Baumrecherchen in den vergangenen Wochen habe ich die namensgebende Eiche von Eichhorst entdeckt. Reichlich oft bin ich hier achtlos vorbeigerollt und habe statt der monumentalen Eiche das Wisentrelief fotografiert. Ursprünglich gab Friedrich I. 1709 dem Liebenwalder Oberjägermeister die Anweisung, hier eine Papiermühle errichten. In den Zeiten vom Alten Fritz kam es 1768 zur Gründung der „Werbelliner Canalkolonie“. Erst im Jahre 1878 wurde die Ortschaft mit der Kolonie Rosenbeck zusammengelegt und bekam den neuen Namen Eichhorst – nach der schon damals mächtigen Eiche am Kanal.

600-jährige Eiche von Eichhorst

Um die Mittagszeit klettert das Thermometer langsam über Null Grad und die Rauhreifschicht auf dem Radweg beginnt, abzutauen.

Würzig ist die frostige Luft am Rande des Sees. Ich meine, Pilze, Holz, Bärlauch und auch einfach Wasser zu riechen. Es rollt sehr angenehm am See entlang, dann über Joachimsthal weiter nach Friedrichswalde, dem Dorf der Holzschuhmacher:

Am Südlichen Ortsrand von Friedrichswalde schnitzt ein hölzerner Holzschuhmacher an einem riesigen Schuh. Durch das langgestreckte Reihendorf rolle ich weiter nach Norden, Kurs Templin. Heute wähle ich nicht den Radweg über Reiersdorf, sondern die Strecke über Ringenwalde. Eine Überraschung wartet schon in Götschendorf, kurz vor Erreichen von Millmersdorf.

Die Kirche ist doch ganz neu, diese Kirche hat doch einen Zwiebelturm, die Form ist ganz ungewöhnlich für die Uckermark. Stimmt! St. Georg Klosterküche, lese ich auf dem Hinweisplakat am Zaun. Hier kochen Mönche nach alten Rezepten in der Gulaschküche Suppen für die hungrigen Passanten. Und das auch in CORONA-Zeiten! Ich biege ein auf den Klosterhof und laufe hinüber zur Kirche – sie ist offen, und ich kann einen Blick hineinwerfen. Jetzt wird mir vollends klar, dass hier ein Russisch Orthodoxes Kloster steht, mit einer typischen Architektur, mit einer genauso typischen Einrichtung. Teppiche auf dem Boden, eine golden bemalte Kuppel. Nur daneben noch blanke, frische Betonwände. Aber es ist klar, wie das demnächst aussehen soll. Ich bin verblüfft. So ein Interieur hatte ich zuletzt bei meiner Russlandreise 2019 gesehen. Und nie und nimmer hier in Brandenburg erwartet. Hier die Geschichte dazu: https://www.bz-berlin.de/berlin/mein-leben-als-moench-ein-besuch-im-russisch-orthodoxen-kloster

Die Kirche ist noch nicht fertig, die Teppiche sind gespendet von einem Berliner Zigarrenhändler, das Herrenhaus wartet noch auf die Sanierung und die notwendigen Mittel. Seit kurzem ist der Zustrom von Mitteln aus Russland wegen der Sanktionen versiegt. Die Mönche hoffen auf bessere Zeiten. „Wladimir hilf endlich“!

Jedenfalls können sich auch heute schon hungrige Wanderer, Radfahrer, Autofahrer, an den angebotenen Speisen laben. Stilvoll von den Mönchen gereicht. Soljanka nach Originalrezept am Wegesrand, „in the middle of nowhere“, das ist ein wirklicher magic moment.

Die Ansiedlung bei Templin erinnert mich an die heiligen drei Könige aus dem Morgenland. Das hier ist es wohl aber nicht.

Gut gelaunt steige ich wieder auf mein Granfondo und nehme Kurs auf Templin.

Heute passiere ich das historische Stadtzentrum südlich und bin bald wieder in Hindenburg, Hammelsprung und Vogelsang. Über Zehdenick rolle ich nach Liebenberg, dann wieder über Malz und Oranienburg back home. Heute waren es 164 Kilometer. Zwei Tage bleiben noch und 130 Kilometer. Das sollte zu schaffen sein.

Am 30.12. lacht die Sonne, und ich beschließe, gemeinsam mit Matthias unseren Reha-Randonneur Peter in Geltow zu einer kleinen Ausfahrt abzuholen. Geplant, getan! Um 11 Uhr starten wir im Corona Abstand und rollen hinüber zum Havelradweg. Hunderte von Graugänsen schnattern in den Havelauen um die Wette, starten zu kleinen Gruppenrunden und lassen sich ein paar hundert Meter weiter wieder nieder.

Es ist schon seltsam, wenn das Ellenbogenanstoßen der einzige Körperkontakt zu den Freunden ist. Kein Kuchen in Päwesin, kein Bier am Abend, dafür genussvolles Rollen unter blauer Himmelskuppel. Bei Ketzin blühen die Zierkirschen – Mallorca-Feeling. In Falkenrehde biege ich nach Norden ab und verabschiede mich von den Freunden. 90 Kilometer heute und zum Endspurt noch 40 am Silvestertag. Die Corona-Festive war besonders. Ich habe mehr alte Bäume als alte Freunde umarmt.

Allen, die mein Blog lesen, wünsche ich gutes Durchhaltevermögen, stabile Gesundheit, Zuversicht und ein Jahr 2021, in dem sich das Virus zurückzieht und uns wieder Freiheit gibt für kleine und große Touren, für gemütliche Runden, für lange Gespräche bei Bier und Wein und leckerem Essen… Träumen ist ja immer noch erlaubt!

8 Gedanken zu “Festive oder nicht Festive…

  1. Friday 2021-01-15 Danke für das schöne Zitat. Humboldts Einsicht berührt die Frage, ob es überhaupt „Verdienst“ gibt oder ob nicht alles (auch eigene, schöne Leistungen) im Ergebnis Auswirkungen eines allgemeinen „Glücks“ sind („Die Sonne, wie sie mir zufällt, kupfern und golden….“ – Günter Eich, ein ansonsten nicht unproblematischer Mensch).

  2. „Wer Lob empfängt, tut immer wohl, es mehr als eine freiwillige Gabe anzusehen denn als einen verdienten Lohn.“ So beschrieb es Wilhelm von Humboldt. In diesem Sinne: GF herzlichen Dank für den Seelenbalsam.

  3. Hallo Dietmar, schön, wieder von Dir zu lesen. Danke für Deinen guten Wünsche zum neuen Jahr, das kann ich nur genau so zurückgeben. Wir Radler sind in diesen Lockdown-verseuchten Zeiten ja ein wenig im Vorteil, können wir doch in der Regel unserer liebsten Freizeitbeschäftigung nachgehen. So manch anderes fehlt einem dann aber doch. Hoffen wir gemeinsam auf eine baldige Rückkehr zur Normalität.
    Viele Grüsse aus Duisburg!

  4. Respekt lieber Dietmar. Im Winter die Motivation für soche Distanzen zu finden ist schon toll.
    Deine Berichte wie üblich unterhaltend und inspirierend.

  5. Nach meinem gestrigen Handy-Kurzdank nochmals große Anerkennung für den Detailreichtum der Berichte. Die „1933-1945-Verbrechen“ in Hohenlychen waren mir bekannt, deshalb war ich selbst schon einmal dort! Aber viele andere Deiner Hinweise und Infos waren neu für. Danke für die beigefügten Links!
    Du und Deine Sprachgewandtheit seid schon etwas besonderes: Eine Einheit von Leichtem und Gewichtigem, von Gegenwart und Vergangenheit, von Fontanscher sprachlich-literarischer Eleganz und Karl-Valentin-Duktus, von Champagner und Selters, von Alt und Neu. Danke für diesen schönen Einstieg in das Jahr 2021. gf.

  6. Danke für Deine Rundreisen und ihre Dokumentationen. Danke auch für den Hinweis auf die „Jaeger-Randonneurin“, deren Berichte mich erfurchtsvoll in Bewunderung erstarren lassen. Euch und den Euren das Beste. gf, dankbar.

  7. Lieber Dietmar, danke für die nette Erwähnung (am 29. hätten wir uns ja fast begegnen können) und noch viel mehr für die zweifache Unterhaltung heute! Tut gut an so einem grauen Wintertag. Ich drücke uns die Daumen für ein paar Sonnenstrahlen und sage, bis ganz bald!

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