6. März 2021

Zwei Eichen im Barnim

In den vergangenen Monaten war ich meistens allein unterwegs – die gemeinsamen Pausen beim Backwahn in Päwesin, die Einkehr nach den Touren abends im Zollpackhof, das leckere Augustiner Bier, die netten Menschen… all das fehlt schon sehr in Corona-Zeiten. Also suche ich den Kontakt zu Lebewesen, die ich nicht anstecken kann und die auch für mich nicht ansteckend sein können. Als da sind: Bäume und Tiere. Und die gibt es erfreulicherweise in Brandenburg sehr häufig. Die Tiere sind manchmal scheu, die Bäume erweisen sich als unerschrocken und standhaft. Also habe ich die meisten Kontakte mit dieser Spezies gesucht und gehabt.

Am 18. Dezember lacht die Sonne, die Luft ist mild und lockt zu einem Ausritt in den Barnim. Wieder einmal. Über Bernau und Tempelfelde steuere ich hin nach Grüntal und Sydowfließ. Oft schon bin ich an der Kirchenruine von Sydow vorbeigerollt, dann nach Grüntal und wieder nach Westen zurück. Heute fängt die riesige Eiche vor der Kirche in Grüntal mich regelrecht ein, ich kann heute hier nicht einfach so vorbeirollen, ich muss anhalten und diesen Riesenbaum genauer betrachten. Als ich mein Granfondo an die Eiche anlehne, wird deutlich, welche Dimension der mächtige Stamm hat: Ich laufe herum und kann es kaum fassen. Pure souveräne Kraft strömt aus dem Holz. Es hört sich vielleicht esoterisch an, aber in diesem Augenblick verspüre ich Gegenwart und Vergangenheit dieses riesigen Lebewesens namens Grüntal-Kirchen-Eiche. Der Kirche gegenüber steht das alte Pfarrhaus, es dient mittlerweile als Herberge der Jakobusgesellschaft und Veranstaltungshaus.

Kircheneiche in Grüntal

https://www.ostdeutsches-baumarchiv.de/albums/bemerkenswerte-eichen-in-brandenburg/content/eiche-in-gruental/

Die Kirche ist offen und lädt mich zu einem Blick ins Innere ein. Drinnen sind drei fleißige Menschen damit beschäftigt, Wände, Fenstersimse und den Boden zu putzen. Der Anlass ist „ein nicht so erfreulicher“, wie mir eine ältere Dame erklärt. Gemeint ist die anstehende Trauerfeier für einen Bürger von Grüntal. Ich bin noch mitten im andachtsvollen Betrachten des barocken Altars, als ein Herr in Daunenjacke hereinkommt und von den anderen herzlich begrüßt wird. Es ist der Pfarrer, der sich die Vorbereitungen anschaut. Ich frage ihn nach dem Alter der Kirche und nach der monumentalen Eiche. Ein „Magic Moment“ bahnt sich an: ich erfahre aus berufenem Munde, dass an diesem Ort der Legende nach schon Napoleon und seine Soldaten unter dem riesigen Baum gerastet haben sollen. Im Jahr 1813 war Napoleon auf dem Rückzug aus Russland, wo er sich eine sowohl blutige wie auch kalte Nase geholt hatte. Wieder westwärts zurück , wo er auf diesem Wege schlussendlich in der Völkerschlacht von Leipzig erkennen musste, dass er sich maßlos übernommen hatte. Einige erschöpfte, möglicherweise auch schwer erkrankte Soldaten ließ er in Grüntal zurück, der gar nicht fürsorgliche Feldherr.

Schon zu Zeiten der Befreiungskriege wird die mächtige Eiche, die schon damals 300 Lenze zählte, einen gewaltigen v-förmigen Stamm gehabt haben, der – so die Legende – im 30-jährigen Krieg vom umstürzenden Kirchturm in der Mitte getroffen wurde, sich von dieser Verletzung erholte und dann in Form eines riesigen V weiter wuchs. Heute sieht der Oldie recht gesund und kräftig aus, bereit, sich die nächsten 100 Jahre anzuschauen.

Vom geschichtskundigen Pfarrer drinnen und von der Eiche draußen verabschiede ich mich nach einer Weile und lege noch einmal meine Hände auf die gewaltige 7,60 m messende Taille des Riesen, der hier schon seit geschätzten 500 Jahren wacht.

https://www.ostdeutsches-baumarchiv.de/albums/bemerkenswerte-eichen-in-brandenburg/content/eiche-in-gruental/

Nur 18 Kilometer weiter südlich habe ich im Lenné-Park von Blumberg die zweite Eiche des Tages im Visier. Knapp eine Stunde Fahrzeit bringen mich wieder auf Betriebstemperatur, dann rolle ich zuerst auf einem Feldweg, dann auf Spazierwegen in den Park. Von der B 158 einzusehen, steht ein Gedenkstein für Otto von Arnim mit folgender Inschrift:

Als erster im Kampfe
für Deutschlands Befreiung
fiel hier auf Heimatlicher
Erde ein treuer Sohn der Mark
Otto von Arnim
A. D. H. Suckow
Am 18. Februar 1813

Per Gedenkplakette wird in Grüntal der französischen Soldaten gedacht, die zur gleichen Zeit möglicherweise in einem Scharmützel bei Blumberg den Kosaken-Leutnant Otto von Arnim hier zu Tode brachten.

Zurück in den Park! Schließlich bin ich auf der Suche nach einem weiteren Baum-Oldie – der „Maler-Eiche“ von Blumberg. Nach einigen Kurven durch das Gelände entdecke ich auf einer kleinen Anhöhe den mächtigen Baum. Ich lehne mein Granfondo an einem meterdicken, verwitternden Ast an, den ein Sturm im Jahr 2017 aus der Krone der Eiche herausgebrochen hat. So schön wäre es hier, wenn nicht ein paar Meter weiter ein Forsttraktor tuckern und stinken würde. Als ich frage, ob der Diesel auch einen funktionierenden Anlasser hätte, komme ich mit dem Fahrer und einem Herrn in meinem Alter ins Gespräch. Der Traktor wird abgestellt und wir unterhalten uns trefflich über Baummonumente, tauschen unsere Kenntnisse aus. Ich erfahre einiges über den Lenné-Park, und der „Lenné-Papst“, Jochen W., mit dem ich im Gespräch bin, erfährt von mir, dass es noch reichlich mehr so schöne Baumriesen in Brandenburg zu entdecken gibt. Die Malereiche jedenfalls misst 7,50 m in Brusthöhe und ist mit geschätzten 450-550 Jahren ähnlich alt wie der Verwandte in Grüntal.

https://www.baumkunde.de/baumregister/4306-stieleiche_im_lenné_park_blumberg/

https://www.deutschland-im-internet.de/Archive/Ahrensfelde/2017/Artikel/2226.html

Der barocke Park, den die Familie v. Arnim, die das Gut Blumberg 1836 inklusive der gesamten Ortschaft kaufte, wurde nach den Plänen von Lenné umgestaltet; um das Herrenhaus durfte sich Friedrich August Stüler kümmern. Vom ehemaligen Schloss ist nichts mehr zu sehen, die Reste von Garagen-und Kasernenanlagen künden von den Sünden der Nachkriegszeit. Heute kann ich mich an einem liebevoll von einer Bürgerinitiative restaurierten Parkgelände erfreuen. Und wieder einmal darüber sinnieren, was wohl die alte Malereiche in der Zeit vom dreissigjährigen Krieg bis heute erlebt und gesehen hat.

In Kürze kommt die nächste Eichengeschichte.

randonneurdidier

ich bin 1950 im Sauerland geboren, bin verheiratet und lebe in Glienicke-Nordbahn bei Berlin. Leidenschaftlicher Radfahrer bin ich seit 50 Jahren.

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4 Gedanken zu “Zwei Eichen im Barnim

  1. Lieber Dietmar, ich freue mich über jeden deiner Berichte! Herzliche Grüße aus Aachen, Henning

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