16. April 2021

Liebenberg – Bäume, Hirsche und ein besonderer Gutsladen

Liebenberg liegt in meinem Nahbereich. Etwa 35 Kilometer oder gemütliche 1,5 Stunden Fahrt entfernt von meiner Haustür. Schon vor 15 Jahren bin ich in den Schlosspark hineingerollt und habe mich verguckt in diesen Ort. Das weiß-gelbe Schloss mit der einladenden Terrasse, Café und Restaurant, wo man sich wunderbar stärken kann mit dem Blick auf die Wiesen, Bäume und Teiche. Eindrucksvoll, wie der alte Lenné das damals geplant hat.

Zig Male bin ich seither wiedergekommen, und immer habe ich Neues entdecken können. Die Tatsache, dass Meister Fontane auch sehr von Liegenschaft, Gebäuden und besonders angetan vom Schlossherrn Eulenburg war, hat ihn dazu geführt, Liebenberg in seine kleine Fünf-Schlösser Sammlung nebst Geschichte aufzunehmen. Möglicherweise nicht ganz uneigennützig, denn Philipp zu Eulenburg war sehr interessiert an einem guten Bekanntheitsgrad seiner Veranstaltungen für Betuchte, Geadelte und sicher auch die Größen aus Kultur und Literatur. Fontane war zu Zeiten seiner Besuche schon 70 Jahre alt, just so alt wie ich heute auch. Und er war ein sehr angesehener Journalist, Reiseschriftsteller und Romanschreiber. Also ein trefflich geeigneter Marketingmann für Liebenberg. So hat Graf Eulenburg es damals nicht formuliert, aber Ziel war es, noch mehr illustre Gäste in sein Schloss zu locken – was ihm auch dank Fontanes Artikeln gelang.

Heute will ich nicht die Anzahl der klassischen Liebenberg Schilderungen aus alter und neuer Zeit fortsetzen – ich bin auf der Suche nach dem Unbekannten, wenig Gesehenen in der Gegend. Und auf der Suche danach bin ich überaus fündig geworden.

Dabei war mein ganz persönliches „Baumprojekt“ sehr hilfreich. Bäume haben mich immer schon sehr angezogen und beeindruckt, bis vor kurzer Zeit aber hatte ich es beim Wahrnehmen und Staunen und Genießen im Sinne von Waldbaden und Naturgenuss belassen. Bis ich auf der Suche nach der Möglichkeit einer Alterseinschätzung der alten Riesen auf diverse Baumarchive stieß. Hier sind die meisten sehenswerten Exemplare der verschiedenen Baumarten kartiert und beschrieben. Und beim „Durchforsten“ der Datenbankinfos aus der Region Löwenberger Land fand ich dann auch gleich mehrere Eichen mit Stammumfängen über sechs Meter, die folglich schon mehr als 300 Lebensjahre unter der Rinde haben.

Also steige ich auf mein Rad und packe nicht nur Energieriegel, sondern auch ein Maßband ein. Dem Radweg Berlin – Kopenhagen folge ich bis Liebenwalde, dann biege ich ab nach Liebenberg. Zwei Kilometer vorher, als ich schon den Turm des Schlosses erkennen kann, reizt mich der Abzweig nach Falkenthal, zumal ich über diesen Bogen gut an den Nordrand des Schlosswaldes herankommen sollte. Hier, auf einer weiten Wiese, müssten schon zwei alte Huteeichen auf mich warten.

Der Weg zu ihnen führt mich zunächst über grobes Pflaster, dann lotst mich mein Garmin auf einen verschlammten Feldweg, dem ich einen Kilometer lang folge. Als verdiente Belohnung für die Mühsal tauchen in einer Wiesensenke mit einem typischen Pfuhl, an dem die Tiere ihren Durst löschen können, die alten Bäume auf. Jetzt noch auf spitzen Schuhen übers Feld, und schon kann ich mein Basso an den Stamm des dickeren, also älteren Exemplars anlehnen.

Von Falkenthal nach Liebenberg durch die Wiesen

Ich lege meine Hände auf und meine, Energie zu spüren, vielleicht auch einen Hauch von der langen Geschichtserfahrung , die unter der grobrissigen Rinde verborgen ist. Knapp sechs Meter Stammumfang – über 400 Jahre wacht diese Eiche schon hier. Nach einer Viertelstunde Innehalten schiebe ich meinen Crosser weiter in Richtung Schlosspark, den ich über Spazierwege durch den „Liebenberger Jahrhundertwald“ erreiche. Als kleine Entdeckung wartet neben den Scheunenanlagen ein als Mini-Museum zum Köhlerhandwerk hergerichteter Meiler auf mich.

Hier sind über die Jahrhunderte viele Kubikmeter Holz zu Holzkohle geworden. Geheizt wurde bis zur Entdeckung der tiefliegenden Steinkohle bekanntlich über lange Zeit mit dieser menschgemachten Art von Kohle – bis die Köhler durch die billige Ruhrpottware arbeitslos wurden. Hinter dem Schloss führt ein Weg an dem alten Friedhof mit seiner kleinen Kapelle vorbei, hinüber auf die andere Seite der B 167, Richtung Grünberg. Ja will ich denn weg von Schloss und der malerischen Umgebung? Nein! Ich folge wieder meinem Garmin, auf dem ich die Koordinaten einer monumentalen Eiche ganz in der Nähe als Ziel eingegeben habe. „Luftlinien-Navigation“, denn fahrbare Wege zu diesem Baum gibt es nicht. Mein Dank für das Finden geht an Rainer Lippert mit seiner Seite: „Monumentale Eichen“. Ohne ihn wäre mir dieser unglaubliche Baum verborgen geblieben. Hin nach Grüneberg verläuft seit wenigen Wochen ein blitzsauberer, neu angelegter Radweg. Das Vergnügen, auf demselben zu gleiten, kann ich allerdings nur wenige hundert Meter genießen, dann treibt mich das Navi auf einen Pfad neben einer Heckenreihe. Der frisch angetaute Frostboden nimmt meine Radschuhe zentimetertief auf. Die Mavic-Winterstiefel halten dicht. Am Ende des abschüssigen Feldes werden gleich zwei Baumriesen immer größer – bis ich staunend vor ihnen stehe:

Ich messe heute nicht neu nach, denn Lippert weist 7,77 Meter Stammumfang in Brusthöhe aus, gemessen 2018. Der Umfang allein ist allerdings nicht das Besondere, die Form ist beeindruckend. Seit langer Zeit führt eine mittlerweile brüchig gewordene Leiter hoch in die Mittenposition des sich gabelnden Stammes. Ein guter Platz für die Liebenberger Jäger, die von hier aus Wildschweine, Rehe und sogar Hirsche mit vielendigen Geweihen ins Visier nehmen können. Ich klettere und krieche um den Stamm herum, Totholz liegt reichlich am Boden, Sträucher wachsen wild. Wo ein Riese ist, wartet in der Nähe der nächste: 50 Meter weiter, auch am Waldrand, steht der etwas weniger dicke und folglich jüngere Verwandte mit über sechs Metern Umfang. Als ich mein Basso nach mehrfachem Umschreiten der Riesen in den Wald hineinschiebe und trage, eine kleine Senke entlang, kann ich genau am Rande noch mindestens fünf mächtige Eichen bestaunen. Ganz offensichtlich haben diese Bäume in Zeiten der Weidewälder schon hier als Hutebäume gestanden, am Rande der jetzt ausgetrockneten Pfühle. Heute sind sie umgeben von Buchen, Erlen und Kiefern.

In diesem Prachtstück Natur mal ein kleines Picknick mit Freunden machen, auf dem Rücken liegen und dem Blätterrauschen lauschen, das wär doch was! Während ich noch sinniere, entdecke ich auf der Kuppe in Richtung Liebenberger Seehaus ein Rudel Tiere. Ich schiebe am Feldrand weiter, die Tiere werden zu Rehen, noch weiter, die Tiere bekommen Geweihe. Jetzt haben sie mich entdeckt, und die leitende Hirschkuh befiehlt den Abmarsch. Das Rudel zieht sich aus der Runde in eine lange Reihe: Ich zähle 28 Hirsche! Zu weit entfernt für meine Olympus mit 4-fach-Zoom. Aber nah genug, um mein Staunen weg von den Bäumen hin zu den Tieren zu lenken. Jetzt kann ich auch nachvollziehen, warum hier schon seit Jahrhunderten mehr oder weniger berühmte Zeitgenossen auf die Jagd gegangen sind.

Das Hirschrudel ist im Wald verschwunden, ich arbeite mich durch zur Straße und genieße den festen Boden unter den Reifen. Am Seehaus vorbei rolle ich auf den neu gemachten Radweg, der wunderbar durch den Wald und am Großen Lankesee entlang nach Löwenberg führt. Hier biege ich ab, um über Grünberg wieder Liebenberg anzusteuern. Ein kurzer, aber herrlich geführter Radweg, der auch einen Umweg lohnt. In Liebenberg habe ich mir das letzte Ziel des Tages gesetzt: den Gutsladen vor der Schlosseinfahrt. Geöffnet! Augenblicke später lehnt mein Basso an einem Tisch mit einer mächtigen Holzplatte.

„Der große Sitzende“ von Emerita Pansowova, 1989

Ich bin neugierig auf die Menschen, die so mutig und kreativ sind, hier „jwd“, janz weit draußen, ihre Waren anzubieten. Drinnen, hinter der Verkaufstheke mit allerlei lecker aussehenden Bio-Würsten, Bio-Käsen …, steht Juan Carlos mit einem freundlichen Lächeln auf dem Gesicht. „Und sie kommen tatsächlich aus Argentinien, um diesen Gutsladen zu führen?“, frage ich ihn noch leicht ungläubig. “ Das stimmt, aber ich bin schon seit 30 Jahren in Deutschland, war Manager und habe mich dann entschieden, etwas ganz Neues zu machen. Hier in Liebenberg. Und mein Partner sitzt einen Raum weiter und schreibt an unserem dritten Roman.“ Dann weist er mich auf ein Tischchen hin, auf dem die Bücher „Das Bandoneon“ und „Unsere Seite des Himmels“ aufgestellt sind. Nette Kunden kommen herein und fragen, ob die Hühner gelegt hätten. Aber ja doch, die frischen Eier sind da … Liebenberger Gutshofeier, direkt von nebenan. Und die Hühner laufen frei herum.

Abermals komme ich ins Staunen heute, wieder ein „Magic Moment“. Seit sechs Jahren sind die beiden Männer hier und sagen, dass sie sich sehr wohl fühlen, dass das Geschäft läuft, dass die Menschen nett sind.

Ich kann noch ein paar Worte wechseln mit dem Romanautor Hans D. Meyer zu Düttingdorf, der ganz beseelt ist von seinem neuen Projekt: Das Bernsteinmädchen – Roman Nr. 3. Voraussichtlicher Erscheinungstermin: 15.3.2021.

Jetzt weiß ich auch, welches Buch ich als nächstes lese. Dann erfahre ich noch, dass der Autor wie ich aus NRW stammt, verspreche, bald wieder hereinzuschauen ( bin sehr neugierig auf die Geschichten hinter den Kulissen), und verabschiede mich mit einem westfälischen „Bis die Tage“.

6 Gedanken zu “Liebenberg – Bäume, Hirsche und ein besonderer Gutsladen

  1. Danke für diesen schönen Beitrag! „Das Bandoneon“ schlummert seit einigen Jahren noch ungelesen in meinem Regal – vielleicht ist das jetzt der Schubs und der richtige Moment, es nun endlich einmal zu lesen. Herzliche Grüße!

  2. hallo Lutz, ja es lohnt sich, immer genau hinzuschauen, in die Natur und die Kultur. Und dann Vieles per Foto festzuhalten. Wobei ich beim Fotografieren noch gerne bei Dir in die Lehre gehen würde.

  3. Deine (Rad-) Wanderungen durch die (Mark) Brandenburg und Umland sind immer wieder ein Genuss – und das Baumprojekt ne sehr interessante und lohnenswerte Sache. Grund genug für mich, meinen Rad-Radius in diesem Sinne endlich wieder zu erweitern.

  4. Interessant: Der Herr Meyer zu Düttingdorf wäre/ist also mein fast unmittelbarer Nachbar (gewesen, weil ich jetzt nicht mehr dort wohne, sondern in Halle/Saale). Der Hof ist mir wohlbekannt – Hans D. MzD leider nicht. (Bar)Düttingdorf gehört zu den wenigen noch nicht zugebauten und durch Kleinbürgerghettos zersiedelten Gegenden in Ostwestfalen – aber an ihrer fortschreitenden Zerstörung wird auch dort tatkräftig und wie gewohnt politisch kleinstteilig und kleingeistig „gearbeitet“. Ich hoffe, das bleibt dem Barnim, der Uckermark usf. erspart.

    Vielen Dank für den wie immer interessanten Bericht!

    RM

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: