26. Mai 2022

Blauer Himmel, ein Starfighter und zwei alte Eichen

In Schönwalde treffen wir uns unter der Kircheneiche um halb elf. Ein herrlicher Startpunkt an einem frischen, blauen Morgen mit besten Aussichten für einen Tag mit Frühlingsluft und Frühlingsduft.

Das Kirchlein ist klein, aber schön herausgeputzt von den Schönwaldern. Seit 1843 steht hier an der Kreuzung der Steinbau, der dem hölzernen folgte. Für einen echten Glockenturm hat es nicht gereicht. In Schönwalde ist man bescheiden. 1753 ließ Friedrich II. Kolonisten aus Württemberg und der Pfalz anwerben, die hier aus Wolle Garn spinnen und dann Tuche weben sollten. Ein Spinnerdorf. Echte Spinner sind hier heutzutage nicht mehr in der Mehrheit, immer mehr Berliner zieht es aus der großen Stadt hinaus in den Speckgürtel mit guter Bahnanbindung. Bevor ich mich noch weiter in Wortspielen ergehe, wende ich mich Wolfgang zu, der pünktlich auf den Kirchplatz rollt.

Nach Norden wollen wir heute, hinein in die Felder und Wälder des Brandenburger Landes. Der Schnellen Havel und dem Voßkanal folgen nach Liebenwalde und Zehdenick. Schon bei Kilometer 40, wo der Lange Trödel in den Oder-Havel-Kanal mündet, lassen wir uns vom Hafenbistro einfangen und genießen eine wilde Mixtur von Milchkaffee und Bockwurst mit Senf. Es schmeckt köstlich. Alles würde hier schmecken unter alten Bäumen, bei freundlichen Wirtsleuten und der wunderbar wärmenden Sonne.

Auf dem Weg zur Schleuse Bischofswerder wähnen wir uns weit nach Süden versetzt. In einen Weinberg! Na, zumindest fast. Allerdings liegt die Zeit, in der hier tatsächlich einmal Weinreben gezogen wurden, schon mehr als 300 Jahre zurück. Heute sehen unsere spähenden Augen nur einen großen Acker und einen staubigen Schotterweg.

An der Schleuse lassen wir links das ehemalige, verlassene „Days-Hotel“ liegen und folgen dem Voßkanal, auf dem Millionen von Ziegeln und Tausende Kubikmeter Bauholz um 1900 aus Ziegeleien und Brandenburger Wäldern zur Erweiterung Berlins herangeschafft wurden. Berlin ist bekanntlich „Aus dem Kahn gebaut“.

Als im Jahre 1920 aus der Reichshauptstadt Berlin „Groß-Berlin“ wurde, stieg mit der Eingemeindung von sieben Städten und 79 Gemeinden die Einwohnerzahl auf fast vier Millionen. Berlin avancierte zur drittgrößten Stadt der Welt. Und die Ziegel für die Mietshäuser wurden in hunderten von Ziegeleien rund um die Stadt herum gebrannt. So auch nördlich von Zehdenick, wo die Tonstiche und die großen Ziegeleien in Mildenberg von der ruhmreichen Vergangenheit künden. Zehdenick strahlt heute in frischen Farben. Die Volkssolidarität, die Hubbrücke am Hafen, mein Lieblingsschaufenster ist immer noch und immer wieder ideenreich dekoriert, wie vor 100 Jahren.

Auf dem Weg zum Ziegeleipark Mildenberg muss ich Wolfgang unbedingt ein paar historische Pretiosen zeigen: Im Gewerbegebiet hat ein umtriebiger Schreiner Militärjets und Hubschrauber aus Ost und West gesammelt. Wo es kein Mensch vermutet, stehen die Museumsflugzeuge zwischen den Fabrikhallen. Der Anblick von Kanonen und Raketenwerfern lenkt unsere Gedanken ganz automatisch nach Osten, wo Krieg herrscht, wo unschuldige Menschen ihr Leben lassen, wo Menschen vor Waffen und Gewalt fliehen müssen. Und wir stehen hier und staunen über die Kriegswerkzeuge unserer jüngeren Vergangenheit.

Mit gemischten Gefühlen rollen wir vom Hof. Bald erreichen wir den Ziegeleipark. Der Imbiss ist geschlossen, das Hafenrestaurant schlummert noch, also kramen wir unsere Energieriegel hervor und trauern dem nicht erreichbaren Kuchen nach. In Tornow und in Blumenow kenne ich zwei mächtige Eichen, und ich will wissen, wie es ihnen geht. Je älter, desto dicker, so lautet die Regel bei den Stieleichen. Über 7 Meter Stammumfang hat der Riese am Tornower Straßenrand. Mindestens 400 Jahre steht er hier schon und hält die Wacht.

Wolfgang an der Straßeneiche von Tornow – Umfang > 7 Meter ( die Eiche!)

Nur fünf Kilometer weiter nördlich, bei Blumenow, wächst ein noch mächtigerer Quercus Robur. 8,80 m Umfang in Brusthöhe misst das Monument. Also wird der Baum mindestens 500 Jahre alt sein. Raubzüge, Kriege, Unwetter, Kälte, Hitzeperioden – er hat alles erlebt und überlebt.

Zwischen seinen Wurzeln gräbt sich ein Fuchs oder ein Dachs seinen Bau und sucht Schutz. Beeindruckend, geradezu gebirgig ist die uralte Borke. Eine Viertelstunde lang fotografiere ich, lege meine Hände auf, spüre die Wärme und die Energie des Kraftbaums. ( Wer ihn finden will: hier sind die Koordinaten)

Der nächste Ort heißt Bredereiche, der Name kommt nicht von ungefähr, lese ich in der Ortschronik. „Dicke, breite Eiche“ soll die Bedeutung des Namens sein. Und als Klosterdorf von Himmelpfort wurde es schon im Jahre 1307 erwähnt. Himmelpfort, das „Weihnachtsdorf“ mit eigenem Postamt für die Weihnachtsbriefe, 320000 Briefe , an den Weihnachtsmann adressiert, erreichten Himmelpfort im Jahre 2020. Ein Rekord.

Über den frisch renovierten Weihnachtsmannradweg rollen wir über die Geländewellen hinüber nach Lindow, in die Uckermark. Wer Lust hat, kann auf den alten Bahngleisen mit der Draisine seine Kondition verbessern oder einfach die Familie durch den Wald kutschieren. Lychen zeigt sich heute in frischen, klaren Frühlingsfarben. Wir umkurven den See in einer weiten Nordschleife und verlassen den Ort bei den ehemaligen Heilstätten, die in der Nazi-Zeit Ort für unmenschliche Versuche an Menschen waren. Seit ein paar Jahren wird hier renoviert und restauriert: Es entsteht die „Parkresidenz Lychen“. Noch stehen hier herausgeputzte Bauten neben den historischen, halb verfallenen.

Parkresidenz Lychen

Von hier aus führt ein herrlicher Weg über Alt-Placht durch duftenden Wald, vorbei an Seen, durch die Felder nach Templin. Die Barock-Kirche leuchtet in der tief stehenden Sonne. Und der Hausgiebel mit dem Assisi-Zitat will auch heute von mir per Kamera festgehalten werden.

„Tue erst das Notwendige, dann das Mögliche, plötzlich schaffst Du das Unmögliche“. Dieses Mal haben wir das Mögliche geschafft: Auf 120 Kilometern haben wir uns vollgesogen mit Natur. Als Belohnung gönnen uns vor der Rückfahrt per Bahn noch ein kühles Bier im Bistro „Zur Schranke“.

5 Gedanken zu “Blauer Himmel, ein Starfighter und zwei alte Eichen

  1. hallo Rainer, ich habe halt die Anmeldung verpasst und dann auch nicht den Track des 200er gehabt. So mache ich „mein Ding“ und freue mich. Irgendwie ist bei mir der Reiz zum Brevetfahren verflogen. „Alterserscheinung“! Und: sehr gerne bin ich bei einer gemütlichen, aber doch etwas anspruchsvollen Rentnertour dabei. Bis denne. All the best Dietmar

  2. Mensch Dietmar,
    es ist immer wieder erfrischend dem Brandenburger Chronisten in Dir zu „lauschen“. Vielen Dank dafür.
    Ich hatte ja insgeheim gehofft Dich am letzten Samstag mal wieder beim Brevet zu sehen. Den schönen 200er durch die von Dir oben beschriebene Gegend hättest Du doch in gemächlichem Tempo locker im Zeitlimit schaffen können. Aber gut. Du bist auf dem Rad und das ist das Wichtigste.
    PS: Ab 01.08. bin ich offiziell Rentner und wüde mich freuen mal wieder mit Dir das Brandenburger Land gemütlich zu bereisen und Deine Ortskenntnisse geniessen zu dürfen. Also, wenn Du Lust hast melde Dich dann irgendwann mal.
    LG rainer

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