26. Mai 2022

Rinder, Esel und ein Storch im Havelland

240 Stunden hat die Sonne bisher im März 2022 geschienen in Brandenburg. Ein neuer Rekord und gegenüber dem vieljährigen Mittel von 120 Stunden glatt doppelt soviel. Der Radfahrer freut sich, die Landwirte runzeln die Stirn wegen der trockenen Böden, und die Feuerwehren befürchten die ersten Waldbrände.

Heute ist Montag, der 28. März, und ich habe beschlossen, mich einfach nur zu freuen über Licht und Sonne und milde Temperaturen. Also raus ins Havelland. Ab in Richtung Westen, weg von der großen Stadt, hinein in die erblühende, ergrünende Natur. Von Hennigsdorf führt ein Radweg hinüber nach Bötzow. Auch heute mache ich ein Foto von meinem Lieblings-Meilenstein. Drei Meilen bis Berlin. Eine Preußische Meile misst 7,53 Kilometer, also ist die Entfernung bis zur Mitte Berlins 22,6 Kilometer. Genau genommen bis zum Ausgangspunkt der alten Hamburger Poststraße am Oranienburger Tor.

3 Meilen – 22,6 Kilometer bis Berlin

Schon lange werden hier keine Fernsehsignale mehr weitergeleitet, nur für den Mobilfunk dient der Betonturm noch als Relaisstation. Wer lange Zeit wenig Häuser und Menschen sehen mag, nur noch Tiere und freie Natur, der möge hier ins Havelland eintauchen. Kienberg, Teufelshof, Hertefeld heißen die nächsten kleinen Ansiedlungen. Zunächst genieße ich noch den glatten Asphalt bis Kienberg, dann bremst mich der Plattenweg, den ich noch vom Brevetfahren kenne. Die knackigen Stufen und Löcher erlebe ich heute ganz anders, ich habe es nicht eilig. Fast kann ich das Gerumpel genießen. Weit reicht der Blick über das flache Land.

Kanäle, Plattenwege, riesige Weiden, Felder und Wiesen. Pappelreihen teilen die Landschaft auf. Einziger „Höhepunkt“ am Horizont ist die riesige Antenne der Funkstadt Nauen. Mittlerweile außer Dienst gestellte Museumstechnik. Von Königshorst aus beobachtete König Friedrich Wilhelm I. im Jahre 1719 die Trockenlegungsarbeiten im Havelluch. In Königshorst entstand Jahre später auch die sogenannte Butterakademie. „Mit Allerhöchster Cabinets-Ordre des Königs vom 7. August 1737 wurde den Beamten verfügt, dass die Kuhmägde und Bauerntöchter der Umgebung für zwei Jahre zur Ausbildung nach Königshorst geschickt werden sollten, um das Handwerk des Buttern und Käsemachen zu lernen.

Esel in Hertefeld

Und der Name des Wohnplatzes Teufelshof geht zurück auf das Teufelsbruch. Was der Teufel dort getrieben hat? Weiß der Teufel! Die Entwässerungsgräben und Vorwerke sorgen noch heute für trockene Füße und trockene Wiesen. Auf der Karte ist das Kanalnetz deutlich zu erkennen.

Nach reichlich Platte und Gravel stoße ich nördlich von Paulinenaue auf die „Stille Pauline“ – die ehemalige Trasse der Bahnverbindung nach Fehrbellin und Neuruppin ist heute ein Radweg vom Feinsten.

Mehr als drei Stunden kurbele ich schon durch die Landschaft, eine Trinkflasche habe ich leergeschlürft, auf den Saitenbacher-Riegel verspüre ich trotz Hunger keine Lust. Da rettet mich zur rechten Zeit der Imbissstand auf dem Supermarkt-Parkplatz in Fehrbellin. Die beiden jungen Männer hinter der Theke sind gut gelaunt, der Döner mit Pommes ist wohlschmeckend, dazu ein starker Kaffee, ein Hochgenuss!

Ein sanfter Schiebewind trägt mich hinüber nach Hakenberg, wo ich natürlich die „Goldelse“ des Rhinluchs, also das Denkmal für die Schlacht von Fehrbellin, besuchen muss. Ein Abguss der Berliner „Viktoria“ auf der Siegessäule, thront auf dem Ziegelturm.

Hier besiegten die Brandenburger die Schweden im Jahr 1675. 2500 Schweden und 500 Brandenburger ließen ihr Leben auf dem Schlachtfeld bei Hakenberg. Die mit den Franzosen verbündeten Schweden unter Wrangel mussten sich aus dem Norden Preußens zurückziehen. Tausende seiner Soldaten desertierten frustriert. Die zahlenmäßig unterlegenen Brandenburger besiegten die mächtigen Schweden. Ja, die Zeiten haben sich geändert. Aber, wie schön wäre es, wenn auch in unseren Tagen die vermeintlich Schwachen die Starken in die Schranken weisen könnten.

Im Storchendorf Linum hat der erste Storch der Saison sein Nest auf dem Dach der NABU-Station bezogen. Standesgemäß. Passend. Ich erfahre, dass der männliche Storch schon am 1. März aus Spanien kommend, eingeflogen ist. Seine Partnerin, die auf der östlichen Route unterwegs ist, ist auch mittlerweile eingetroffen.

Der erste Storch in Linum auf dem NABU-Zentrum

Ich bin gespannt, wieviele Jungstörche demnächst im Nest ihr Futter fordern. Viel Arbeit wartet dann auf die fleißigen Eltern. Und das Luch mit seinen Teichen und feuchten Wiesen bietet Nahrung guter Qualität.

Beseelt von soviel eindrucksvoller Natur fahre ich heim.

1070 Kilometer sind meine Streckenausbeute in diesem sonnenreichen März. Die Beine arbeiten zuverlässig. In meinem Kopf reifen die Planungen für meine ersten Etappentouren des Jahres.

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