26. Mai 2022

Mit dem TREK auf dem Fontane-TRACK

Theodor Fontane hat zwar seine Brandenburg-Erzählungen „Wanderungen“ genannt, ist aber wohl hauptsächlich per Pferdekutsche und per Bahn unterwegs gewesen, hat die Kutscher nach Land und Leuten ausgefragt und viele Stunden in den alten Kirchen- und Gemeindearchiven zugebracht. In heutiger Zeit würde er wohl eher mit dem Auto als auf Schusters Rappen die Lande erkunden. Obwohl!? Ein gutes Reiserad hätte ihm auch sehr gute Dienste geleistet. Komfortabler als eine Kutsche und mindestens genauso schnell. Und viel billiger dazu. Ich stelle mir den Theodor auf dem Rad vor, wie er sich über die märkischen Sandwege und Pflasterstraßen arbeitet, flucht und dann sich wieder über wunderbar fahrbare Waldwege freuen könnte. Was wäre, wenn … Vielleicht wäre er am liebsten auf einem aktuellen Gravel-E-Bike als würdigem Nachfolger für eine Kutsche mit zwei oder gar vier eingespannten hungrigen und durstigen Pferden unterwegs. Ich entscheide mich heute für mein TREK Domane, aber ohne + , denn das gesamte Drivepack inklusive Akku und Motor lässt sich gegen ein leichtes Alurohr tauschen, das dann Werkzeug, Windjacke etc. locker aufnehmen kann. Zwei Kilo gespart, dafür darf ich eben etwas mehr Tretarbeit leisten.

Fazit: Das Trek Domane+ ist auch ein Gravel-taugliches Teil, wendig und komfortabel. Die E-Unterstützung nutze ich noch recht selten, obwohl es Spaß macht. Mal schauen, wie sich das in den nächsten Jahren entwickelt bei mir.

Während ich so vor mich hin sinniere, setze ich Kurs nach Norden über Lehnitz an den Havelkanal und dann über Malz hin zum Schloss Liebenberg. Im Örtchen Malz glänzt an der hellblau getünchten Wand des Gasthofs Anker ein Rahmen mit der Dorfhymne: „Seid gegrüßt ihr Malzer Fluren, hier am grünen Havelstrand“. Die Sonne lacht, nur der frische Nordost bremst meinen Vorwärtsdrang ein wenig.

Durch das Liebenberger Bruch führt der „Königin-Luise-Radweg“ vorbei an Reiterhöfen und durch weite Felder, die von Pappelreihen gesäumt sind. Dann versteckt sich der Weg in einem herrlichen Mischwald mit Erlen, Buchen und Eichen. Buschwindröschen haben sich wie ein Teppich ausgebreitet. Und mittendrin erblicke ich den Wegweiser zum „Rastplatz Mittagsmahl“. 350 Meter Waldweg, dann wächst vor mir eine riesige Buche in den blauen Himmel, alles andere überragend. Ein echtes Lichtgewächs.

In Liebenberg hat an diesem Dienstag mein Lieblings-Gutsladen vor dem Schloss seinen Ruhetag, sonst hätte ich genau hier meine erste Kaffeepause eingelegt und einen Plausch mit dem netten argentinischen Besitzer gehalten. So kurbele ich weiter über die sanften Endmöränenwellen nach Löwenberg. Dort bin ich zunächst unschlüssig, welche Richtung ich wählen soll. Das schöne Storchennest in Kraatz bei Gransee besuchen und die Störche begrüßen oder aber doch die Straße nach Hoppenrade fahren. Hoppenrade gewinnt. Hier steht das einzige der von Fontane beschriebenen fünf Schlösser, das ich noch nicht ordentlich erkundet und umrundet habe. Folglich steige ich am Rande des Parks vom Rad und laufe genau auf das Schlossportal zu, wie auch Fontane es im Jahre 1861 bei seinem ersten Besuch von Hoppenrade gemacht hatte.

Schloss Hoppenrade im Löwenberger Land

Als Fontane gemeinsam mit einem Freund das Haus betrat, war es verlassen und in einem bedauernswerten Zustand. Treppenhäuser, Stuck, Gemälde, Schnitzereien zeugten aber von vergangener Pracht. Erst 20 Jahre später beschrieb er in umfangreichen 14 Kapiteln die Geschichte von Hoppenrade in allen Details. Wer Lust hat darauf, dem empfehle ich die Seiten des Gutenberg-Projektes. Aber Vorsicht: Geduld und Langmut sind erforderlich… Im 19. und auch im 20. Jhd. ging die wechselvolle Geschichte des Ortes weiter: Verfall, Aufbau, Verfall lösten sich im Jahresrhythmus ab bis in die heutige Zeit. Heiner Müller soll hier wild gefeiert haben, Detlev Buck verfilmte „Effi Briest“, in der DDR-Zeit diente es als Konsum, Klubraum und Gaststätte. Erst 2012 kehrte mit dem Erwerb durch die Familie von Hardenberg Ruhe ein. Das Anwesen wurde restauriert, die Hardenbergs wohnen mittlerweile hier.

Über Groß Mutz, Glambeck und Grieben durchkurve ich das Naturschutzgebiet Harenzacken. Störche, Adler, Schwäne, Natur pur. Herrlich restaurierte Häuser stehen neben verfallenen Gebäuden.

„Nihil sine labore“. Ins Berlinerische übersetzt: von nüscht kommt nüscht! Wohl wahr, wie hier unschwer zu erkennen ist.

Über Herzberg fahre ich hinein ins Ruppiner Land. Nach Radensleben. Einige Male bin ich hier schon durchgefahren bei Brevets und Genusstouren, habe das Pflaster der alten Dorfstraße verflucht und genauso die neogotischen Gebäude der jetzigen Seniorenresidenz bewundert. Fontane schreibt über Radensleben: „Durchreisende gibt es hier nicht, und jeder, dem man begegnet, der ist hier zu Haus“. Bis zum heutigen Tag scheint diese Einschätzung noch einen gewissen Wahrheitsgehalt zu haben.

ehemalige Waage in Radensleben, dahinter der Turm der Seniorenresidenz

Ich gebe zu, dieses Foto wird dem Ort nicht ganzheitlich gerecht. Aber auch hier atmet Radensleben.

Bis Wustrau am Ruppiner See sind es nur ein paar Kilometer. Auch hier steht ein Schloss, oder besser ein Gutshaus, das natürlich Fontane auch beschrieben hat. Hans Joachim von Zieten, genannt Zieten aus dem Busch, lebte und starb hier.

Alles nachzulesen in Fontanes“ Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Nachdem ich mich in Wustrau und Altfriesack recht gut auskenne, rolle ich ausnahmsweise einfach nur schauend ohne anzuhalten durch. Zum Ort Langen hin erstreckt sich eine wunderbare alte Eichenallee. Die ehrwürdigen Bäume standen hier schon mehr als 100 Jahre, als Fontane seine Werke verfasste. Kein Wort ist bei ihm über dieses herrliche Naturdenkmal zu lesen. Er war wohl durch die Zietens und Knesebecks zu sehr abgelenkt.

Eichenallee zwischen Wustrau und Langen

Etwa 80 Kilometer habe ich bis hierher zurückgelegt, langsam macht sich ein Hungergefühl in mir breit, und die getrockneten Datteln aus meiner Trikottasche waren zwar lecker, aber nicht sättigend. Eigentlich sogar ein angenehmes Gefühl, denn ich weiß, in Fehrbellin steht die beste Döner-Imbissbude der Gegend. Ein kleiner Kultur-Stopp ist auf dem Weg dorthin aber trotzdem noch fällig. Die Dorfkirche in Langen, bekannt als Stüler-Kirche, will ich mir aus der Nähe ansehen. Es lohnt sich!

Stüler-Kirche in Langen

Der Gutsherr von der Langen hat sich 1855 in seinem Heimatort mit der überdimensionierten Kirche im italienisch romanisierenden Stil ein Denkmal gesetzt. Wohlstand und Reichtum aus dem Torfabbau machten es möglich. So sehr er sich das auch gewünscht hatte, der König war bei der Einweihung am 15. Oktober 1855 durch wichtigere Dinge verhindert. Allergnädigster, Großmächtiger König, Allergnädigster König und Herr! So schrieb der Rittergutsbesitzer Langen untertänig damals bittend an seinen König Friedrich Wilhelm IV. Und wurde nicht erhört. Auch die Bezeichnung „Stülerkirche“ scheint leicht übertrieben. Laut einem Brief, der im Geheimen Staatsarchiv nachzulesen ist, wird dokumentiert, dass der berühmte Baumeister Friedrich August Stüler lediglich zu den vorliegenden Plänen sein Einverständnis gab, nicht aber Verfasser derselben war. Kleine Übertreibungen zur Pflege der persönlichen Eitelkeit sind keine Erfindung der Neuzeit.

Endlich: ich kurve über den Parkplatz vor dem Netto-Supermarkt in Fehrbellin, und schon habe ich den betörenden Dönerduft in der Nase. Ich bestelle eine Dönertüte mit Pommes, dazu einen schwarzen Kaffee. Vor mir gibt ein leicht polnisch radebrechender Fahrer eines Lieferwagens seine Bestellung auf. Er kennt sich aus mit den verschiedenen Soßen, Beilagen und Varianten. Es dauert. Sein Kollege steht daneben, über der Schulter eine Umhängetasche samt kleinem Hündchen drin. Das wird sicher auch wissen, wie Döner schmecken.

Nach 20 Minuten verabschiede ich mich von den freundlichen Dönerköchen und wechsle über die Straße hinüber zur „Stillen Pauline“, einem meiner Lieblingsradwege.

Der Wind schiebt die Cumuli in Reihen über den Himmel

Nächster Halt: Paulinenaue. Nein, hier halte ich nicht. Ich werfe nur einen Blick hinüber zum immer noch recht verwahrlost dastehenden Bahnhofsgebäude. Hier tat sich nichts und tut sich nichts. Also nehme ich Kurs auf Ribbeck. Mal schauen, ob der Birnbaum schon blüht. Er blüht!

Im April 2000 haben die Ribbeck-Nachfahren einen Nachfolger des ursprünglichen Birnbaums gepflanzt. Und der steht ordentlich in Blüte. So ist am Ende des Sommers gegen Ende August mit den ersten reifen Früchten zu rechnen. Spätestens dann werde ich wieder vorbeischauen und mir eine Birne klauen. Im Internet gefunden: Bei einer Lesung vor Kindern versucht sich Herr Friedrich von Ribbeck als Rezitator des berühmten Fontanegedichtes. Als Restaurator des Familienbesitzes und in der Vermarktung vielfältiger Birnenspezialitäten tritt er allerdings überzeugender und erfolgreicher auf.

Das Schloss, der Park, das Restaurant, alles ist herausgeputzt und einen Ausflug wert. Hier dreht sich fast alles um die Birne.

Beim Herausrollen aus dem Parkgelände entdecke ich ein altes Siedlerhaus, wo ein kreativer Geist die Fenster und die alte Tür mit Sprüchen bemalt hat. Fontane und Beethoven werden zitiert:

Da bin ich ganz einer Meinung mit Theodor und Ludwig.

Gut gelaunt mache ich mich an die letzten 50 Kilometer des Tages. Zu Hause angekommen weist mein Garmin 163 Kilometer aus. Jeder davon war die Mühe wert.

Und hier ist der Track dazu:

4 Gedanken zu “Mit dem TREK auf dem Fontane-TRACK

  1. Ach, die 200 Parteisozialisten sind mit Sicherheit Schröderlinge mit Eintrittsdatum post 1998 und zählbarem Eigeninteresse; die Gründungsmitglieder düften vermutlich entweder nicht mehr da oder in der absoluten Minderheit sein: Sie werden also den Gang der Geschäfte kaum stören (können). Und: Ich spreche aus Erfahrung mit dieser politischen Vereinigung zur Förderung des institutionalisierten politischen Verrats.

    Ansonsten: Schöne Runde…

  2. Wieviele (Partei-)Mitglieder der „Ortsverein Malz“ der sog. SPD wohl noch haben mag… 😉

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