1. Oktober 2022

220 Kilometer – die kleinste Brevetdistanz geht immer noch

Zu einem echten Brevet sind wir immer um 7 Uhr gestartet. Das bedeutete für mich, vor der Haustür losfahren um spätestens viertel vor sechs, um dann rechtzeitig am Startort Amstelhouse in Moabit zu sein und dann in 30er-Gruppen auf Strecke zu gehen. Ich gebe zu, ein wenig fehlt mir doch die Gemeinschaft der Brevetkolleginnen und -kollegen. Aber ich habe beschlossen, vom Randonneur zum „Kulturrandonneur“ zu mutieren. Weniger Körpereinsatz, mehr Zeit und Augen für Land und Leute haben. Nicht die Kräfte bis zum Rand des Unvernünftigen fordern. Nicht mehr.

Aber so ein 200er wäre doch nicht übel, mal testen, ob es noch geht. So sattle ich mein leichtestes Pferd, das bewährte Canyon Endurace, stecke zwei Ersatzschläuche, zwei Co2-Patronen und das Topeak-Tool ein. Von einer Reifenpanne lasse ich mich nur ungern bremsen. Zwei Trinkflaschen mit Isogetränk und zwei Eiweißriegel vom Seitenbacher sollen die notwendige Energie spenden. Wenn das nicht reichen sollte, gibt es immer noch den Bäcker oder die Tanke. Einen festen Track habe ich nicht vorbereitet. Ich will mich einfach von meiner Nase und meinen Erfahrungen leiten lassen. Und notfalls vom Garmin Vista, für das ich noch zwei Ersatzakkus einstecke. Für mein iPhone habe ich ein Ladekabel und eine kleine Powerbank dabei. Hinten klemmt der Lezyne-Powerstrip, vorne soll im Fall des Dunkelfalles meine Sigma Sport den Weg beleuchten. Wenn ich nicht zu lange Pausen einlege, dann sollte ich aber gegen fünf wieder zu Hause sein.

Kurz nach acht rolle ich los, die Sonne lacht, es ist schon 12 Grad warm. Das lasse ich mir gerne gefallen. Die Regenjacke bleibt heute im Schrank. Los geht’s. Nach knapp eineinhalb Stunden bin ich in Zerpenschleuse am Kanal und biege nach Nordosten ab. Der Werbellin lockt mich. Der Radweg am Ufer entlang nach Joachimsthal ist eine Labsal für die Seele. Wald, Wasser, Sonne, würzige Luft und wenige Autos. Nur zwei sehr laut quatschende, in ähnlichem Tempo fahrende Gravel-Radler stören die Ruhe. Also trete ich etwas härter rein und bin die Kollegen nach wenigen Minuten los. Auch das funktioniert noch.

Die tschechischen Biere in der „Kleinen Moldau“ an der Schleuse Rosenbeck muss ich unbedingt demnächst probieren. Heute bin ich zu früh hier. So erfreue ich mich an den bunten Blumentöpfen der Bunten Schorfheide. An den Riesenzähnen des Mammuts kurz vor Joachimsthal lehnt sich mein Endurace wohlig an. Dann geht es den Hügel runter und ran an den Grimnitzsee. Der schmale, aber glatte Radweg führt am Ufer entlang nach Neugrimnitz mit der schönen, restaurierten Bockwindmühle und dem Naturbeobachtungshaus.

Bockwindmühle Althüttendorf

In Neugrimnitz biege ich beim Orgelböhli ein in den Ziethener Weg. Ein echte Gravelpassage mute ich meinen feinen Conti 5000 zu, dazu drohen am Wegesrand Dornenbüsche mit ihren scharfen Waffen. Aber ich habe es ja so gewollt. Die Wiesen leuchten hier in Löwenzahngelb, viel intensiver als das Rapsgelb.

Löwenzahn
Rein in die Natur
Eingangstor zum Eiszeitpark auf der einen und auf der anderen Seite zum „Steinschlägerdorf“ Groß Ziethen

An der Einmündung zur Angermünder Chaussee lädt mich diese wundersame Pension zum Verweilen ein – oder besser doch nicht. Folgt jetzt die Renovierung oder steht der Abriss bevor?

Die nächsten Kilometer rolle ich in Richtung Angermünde, zunächst auf einem Radweg, dann notgedrungen auf der B 198. Ich bin froh, als ich wieder nach Westen schwenken kann, auf den uckermärkischen Radrundweg, der wunderbar über die Hügel nach Neukünkendorf und Gellmersdorf hinunter nach Stolpe an die Oder führt. Doch halt: Wer hat denn hier ein Flugzeug auf der Wiese geparkt? Das Ganze entpuppt sich als Kulisse, als Malerei auf einem Scheunengebäude mit aufgesetzter Kanzel.

Der Schriftsteller, Kinderpsychologe, Journalist und Ideenproduzent Wilfried Bergholz hat hier in einem ehemaligen Schweinestall dem ersten deutschen Düsenflugzeug für Passagiere eine Hommage gewidmet. Drinnen ist eine Dokumentation samt einem Originalteil des Rumpfes zu sehen. Das Ganze „Flugsportinformationszentrum“ zu nennen, grenzt zumindest leicht an Übertreibung. Dem von Brunolf Baade und anderen ehemaligen Junkers-Ingenieuren gebaute Prototyp war keine Zukunft beschieden. Nach einigen Rückschlägen, die auch auf konstruktive Mängel zurückzuführen waren, probte die Crew beim zweitenTestflug ein höchst riskantes Manöver mit Hochgeschwindigkeit, mit dem man in der Folge Nikita Chruschtschow bei der Leipziger Messe des Jahres 1959 beeindrucken wollte. Nach 55 Minuten und bei über 600 km/h stürzte die 152 DM ZYC am Rande des Flugplatzes Otterndorf-Okrilla ab. Alle drei Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Zwei Jahre später beschloss das Politbüro die Einstellung des Programms und damit des Flugzeugbaues in der DDR.

Am illustren Museumsort vorbei gleite ich gen Stolpe, hinunter ins Odertal, durch den würzig duftenden Mischwald und finde mich wenige Minuten später auf dem Oderradweg wieder. Mein Körper könnte langsam etwas Kalorienreiches vertragen und einen Kaffee dazu. Leider hat das Café Fuchs und Hase dauerhaft geschlossen, und ich vertilge ersatzweise am Eiswachhaus an der Oder einen Eiweißriegel, den ich mit viel Isogetränk hinunterspüle. Wenig Genuss, wirkt aber auch.

Die Historie vom Lunow-Stolper Polder und der Erdölleitung „Freundschaft“, die das Petrochemische Kombinat Schwedt seit 1963 mit russischem Öl versorgt, sind auf dem Plakat beschrieben. „Druschba“ – Freundschaft, seit spätestens März 2022 Geschichte. Bedrohung und Verrohung hat sie abgelöst. Die Schwedter blicken sorgenvoll in ihre Zukunft.

Am Oderdeich entlang verläuft über viele Kilometer der Schweinepestzaun, der von Osten kommende Tiere davon abhalten soll, ihre Krankheit nach Westen zu tragen – ein kleiner Fuchs samt Beute im Maul findet das gar nicht gut, schafft es aber mit Geschick, sich durch die Maschen zu zwängen, schnappt sich wieder sein Futter und verschwindet in einem hohlen Baum auf der Westseite.

Mit sanft schiebendem Nordwind rollt es zügig auf dem Deich, Hohensaaten, Hohenwutzen… Schon kommt bei Bienenwerder die Brücke der ehemaligen Preußischen Ostbahn in Sicht, die Wriezen mit Jädickendorf, dem heutigen Godków, verband. Nach 1945 bis zum heutigen Tage wartet das Brückenbauwerk, das schon 1892 eingeweiht wurde, auf seine neue Bestimmung. Am Ende des Krieges zerstört, erst vom Uhuschutz, dann von der Langsamkeit der deutschen Baubehörden und -Unternehmen gebremst, soll in diesem Frühjahr endlich die Eröffnung des neuen Radweges über die Oder gefeiert werden. Die polnische Seite jedenfalls war schon 2021 komplett, die deutsche wartet noch immer auf die Fertigstellung. Als ich am Brückenkopf stehe, sehe ich Bauzäune, halb fertige Fundamente und auf die Verlegung wartende Bauteile. Nur Bauarbeiter und Maschinen sind nicht zu erblicken. Ich bin gespannt, wann endlich diese „Unendliche Geschichte“ zum guten Ende findet. Jedenfalls freue ich mich schon in skeptischer Erwartung auf die erste Fahrt auf die polnische Seite. Hoffentlich noch 2022.

Auf dem Radweg nach Wriezen, der auf der alten Bahntrasse verläuft, fährt es sich komfortabel. Ich überlege, ob ich einen Südbogen nach Strausberg hin oder die Nordvariante über Bad Freienwalde und Eberswalde wählen soll. Freienwalde/ Falkenberg gewinnt. So schleiche ich mich an die Oderbruchkante heran, folge ihr bis Niederfinow und biege dann auf den Oder-Havel-Radweg ein. Der unermüdliche Sammler von Trabis, alten Dingen und Sachen, die keiner mehr braucht und auch keiner schön finden kann, ich jedenfalls nicht, bittet um eine Trabi-Fotospende.

Bei Finowfurt knacke ich die 200er Grenze und gönne mir im Mendoza ein Softeis und eine Cola.

Das muss für den Endspurt des Tages reichen. Und es reicht.

Nach 220 Kilometern Naturgenuss stelle ich das Endurace wieder ins Gartenhaus.

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2 Gedanken zu “220 Kilometer – die kleinste Brevetdistanz geht immer noch

  1. sehr bemerkenswerte Initiative. Habe mir jetzt die gesamte Historie angeschaut.Da werde ich demnächst „mit anderen Augen“ vorbeirollen und ggf. mal reinschauen. Beste Grüße – Dietmar ( viele Jahre Segel-und Motorflieger gewesen)

  2. Danke für die freundliche Erwähnung. Flugsportinformationszentrum – will ich kurz erklären. Das Gebäude und die Ausstellung wurden vom Flugsportverein Crussow e.V. eingerichtet, der auch den benachbarten Flugplatz Crussow betrieben hat, derzeit im Umbau. In der Ausstellung fanden regelmäßig Vorträge zum Thema 152 statt, besonders beliebt waren die Fotoreisen mit Luftaufnahmen. Aus den bekannten Gründen musste dies reduziert werden. Veranstaltungen sind jederzeit möglich, Anmeldung unter: 0173 – 98 18 3 98. Als Info noch ein Link + Gruss – Wilfried Bergholz

    http://www.flugplatzcrussow.de/fiz.html

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