1. Oktober 2022

Berlin – Anblicke und Einblicke

Der Januar ist grau und bleibt grau. Der Körper lechzt nach Sonne und Vitamin D. Die Nachbarn sind schon nach Mallorca geflüchtet. Was bleibt in dieser trüben Zeit: Viel bewegen! Laufen, Radfahren, Körper und Geist fordern und anregen. Ich weiß, bei einer Radrunde, und sei sie noch so klein, hellt sich meine Stimmungslage auf. Eine Art Mentalmedizin scheint Bewegung an der frischen Luft zu sein. Also setze ich mich wieder auf eines meiner Zweiräder. Heute ist das Cannondale Taurine dran.

Der Wirkstoff Taurin(e) stärkt die Aufmerksamkeit und schützt die Nervenzellen vor „freien Radikalen“. Sind hier auch Rechtsradikale gemeint? Dann scheint der Wirkstoff sehr nützlich zu sein. Aber Vorsicht, ich will schließlich kein Taurin schlucken, sondern mich nur auf ein Rad namens Taurine setzen und damit fahren. Vielleicht ist die Wirkung ähnlich, vielleicht haben die Designer von Cannondale irgendwo im Carbonrahmen eine Art Wirkstoffdepot eingebaut.

Cannondale Taurine in der Version von randonneurdidier

So sieht jedenfalls mein stimmungsaufhellendes Doping-Gerät aus. Heute werde ich mich nochmals hineinarbeiten in die Bezirke der großen Stadt, um Neues zu entdecken und Altes wieder zu erwecken.

Die Crossreifen warten auf Bewegung auf Gravel und Sand und Lehm. Die sollen sie heute auf dem Weg durch das Naturschutzgebiet Eichwerderwiesen bekommen.

Der Barnimer-Dörfer-Weg schlängelt sich durch das Tegeler Fließ hin nach Hermsdorf und Tegel. Ich erblicke Schwäne, Stockenten und Mandarin-Enten mit einem Gefieder, das wie aufgemalt erscheint. Wer bei solchen Aussichten keine gute Laune bekommt, der möge zu Hause bleiben. In Tegel tauche ich ein in das städtische Getriebe. Aber es gibt erfreulicherweise auch hier wenig befahrene Nebenstraßen und radtaugliche Pfade.

Zwischen Stadtautobahn und umgebenden Industriebetrieben liegt versteckt der einzige Russisch Orthodoxe Friedhof Berlins. Mit einer Kapelle aus dem Jahre 1894, die ein wenig so aussieht wie eine Kleinversion der Basiliuskathedrale am Moskauer Roten Platz. 4000 Tonnen russische Erde wurde anlässlich der Friedhofsgestaltung herantransportiert. So habe ich an diesem Tag in Tegel russischen Boden betreten. Eigenartiges Gefühl. Die Zwiebeltürme mit den Andreaskreuzen recken sich als blaue Farbkleckse in den nebelgrauen Himmel. Ich bin neugierig und steige die Treppe zur geöffneten Kirchentür hoch. Innen ist es wohlig warm, das Licht von vielen Kerzen tauchen den mit Ikonen und Verzierungen reichlich ausgestatteten kleinen Raum in goldenes Licht. Vor mir steht ein aufgebahrter Sarg . Ich atme tief durch und ziehe mich ehrfurchtsvoll zurück.

Ein wahres Kleinod ist hier in Tegel versteckt. Eine kleine Spazierrunde über den Friedhof gibt einen Einblick auf die russisch-orthodoxe Tradition in Berlin.

Hinter dem verlassen traurig daliegenden Ex-Flughafen rolle ich auf der Trasse des Radweges Berlin – Kopenhagen in Richtung Stadtmitte. Die Gebäude von Westhafen und des Kraftwerk sind regelrecht eingenebelt und erscheinen in einer Schwarz-Weiß-Version.

Als ich am Gelände des ehemaligen Lehrter Bahnhofs ankomme, staune ich über die in den letzten Jahren entstandenen neuen Wohnbauten. Auf dem Weg ins Büro war ich 15 Jahre lang über die Heidestraße an trist daliegenden alten Gleisen und Lagerschuppen entlang gefahren. Heute steht hier reichlich Beton. Mehr oder weniger schön anzuschauen. Ganz sicher aber teuer ist es, hier zu wohnen, in der „Europacity“

Ich frage mich, warum man ausgerechnet in der Stadt des Mauerbaus in einem modern gestalteten Wohngebiet wieder braune Betonmauern errichtet? Beton gibt es doch ohnehin reichlich. Keine Bäume, keine Pflanzen, nur Beton, Eisen und Glas. Da trösten mich auch die von der Baugesellschaft in Auftrag gegebenen Wandgemälde wenig.

Über eine neu gebaute Fußgängerbrücke wechsele ich auf die nördliche Seite vom Spandauer Schiffahrtskanal, der so lange die Ost-West-Grenze markierte, und fahre über den Invalidenfriedhof, dann am Hauptbahnhof und den alte Charité-Gebäuden vorbei. Der Komplex von Kanzleramt und Elisabeth-Lüders-Haus wird nach Osten verlängert. Die Abgeordneten brauchen mehr Platz, und es sind mehr geworden nach dieser Wahl.

Vor dem gläsernen Futurium parkt der InnoTruck.

Das Brandenburger Tor steht heute einsam da. Wenige Menschen sind auf Entdeckungsgang. Nur die Fahrradboten und ein paar schwarze Regierungslimousinen kurven über das feuchte Pflaster vom Pariser Platz.

Ich visiere das neue Humboldt-Forum an. Fast ohne Baustellen, Kräne und Bauzäune präsentiert sich der Boulevard Unter den Linden. Das tröstet mich über Kälte und Nebel hinweg. Endlich freie Sicht auf die neuen und alten Gebäude. Ein markierter Radstreifen macht endlich eine sichere Fahrt möglich.

Die wichtigsten historischen Gebäude Berlins sind hier in Mitte versammelt. Man muss nur lange genug warten, bis in dieser Stadt das Neue endlich fertig ist und Altes, wie der Palast der Republik, abgerissen ist, und das neue Schloss samt Humboldtforum auch Schinkel, Thaer und Beuth friedlich blicken lässt. Ich sauge die neuen Eindrücke auf und fahre einige Schleifen über die Plätze, bevor ich wieder auf die Seite der Alten Staatsgalerie und zur Museumsinsel wechsle. Es hat zwar einen besonderen Charme, die Touristenattraktionen ohne Touristen zu erleben – gefüllt mit gut gelaunten Menschen aus aller Welt gefällt mir die Stadt aber doch am besten. Restaurants, Cafés, Dönerbuden, Currywurststände – alles verwaist. In Warteposition für bessere Zeiten.

„Drei Mädchen und ein Knabe“ von Wilfried Fitzenreiter

Der Berliner Bildhauer Wilfried Fitzenreiter hatte ein Faible für Menschen-Skulpturen und -Büsten. Knaben, Mädchen, Liebespaare, Spielende sind im Osten des Landes einige zu sehen. In Wandlitz, Chemnitz, Rostock, Eisenhüttenstadt…

Plastiken, wie sie typisch waren für die in der DDR geförderte Kunst. Schön anzusehen.

Als Kontrast dazu fotografiere ich den Hektor von Markus Lüpertz auf der Monbijoubrücke vor dem Bode-Museum. Eine Brutalplastik, die mich mit ihrer Kraft und Grobheit immer wieder beeindruckt. Nicht schön, aber stark.

Hektor von Markus Lüpertz

Neben der Brücke steht das traurig aussehende Kassenhäuschen des Monbijou-Theaters, das immer erst zum Sommer hin dort aufgebaut wird.“Das Monbijou Theater ist ein Open-Air-Theater im gleichnamigen Monbijoupark in Berlin-Mitte. Das hölzerne Amphitheater wird jeden Sommer auf dem Dach eines ehemaligen Weltkriegsbunkers errichtet und bildet die Kulisse für sommerliches Theaterspektaktel.“ Auf dem darunter an der Spree gelegenen Platz konnte man das Tanzen lernen und in der Bar Cocktails schlürfen. Und, oh Wunder, auf dem nassen Platz tanzt sich ein Paar nach der Musik „Every breath you take“ von Sting warm. Berührend schön und tröstlich.

einfach nur schön

Für meinen Heimweg habe ich die Panke als Wegweiser auserkoren. Das kleine Flüsschen, eigentlich ein Bach, der sich über 29 Kilometer vom alten Bernau ins junge Berlin hineinschlängelt. Der Bach, der dem Ortsteil Pankow seinen Namen gegeben hat. Ein Bach, der über viele Jahre abgedeckt war, in den die Fäkalien geleitet wurden und der entsprechend stank: „Stinke-Panke“.

Hier ein paar Sätze von meinem regionalen Lieblingsdichter Fontane dazu – im Gedicht „Afrikareisender“ zu lesen.

Meine Herren, was soll dieser ganze Zwist,
Ob der Kongo gesund oder ungesund ist?
Ich habe drei Jahre, von Krankheit verschont,
Am grünen und schwarzen Graben gewohnt,
Ich habe das Prachtstück unsrer Gossen,
Die Panke, dicht an der Mündung genossen
Und wohne nun schon im fünften Quartal
Noch immer lebendig am Kanal.
Hier oder da, nah oder fern
Macht keinen Unterschied, meine Herrn,
Und ob Sie’s lassen oder tun,
Ich gehe morgen nach Kamerun.

Sei für Rothschild statt für Ranke,
Nimm den Main und laß die Panke,
Nimm den Butt und laß die Flunder,
Geld ist Glück, und Kunst ist Plunder

Heute fließt die Panke wieder im Wesentlichen frei und ohne Betonabdeckung. Fäkalien wurden schon in der Zeit von James Hobrecht auf den nördlich gelegenen Rieselfeldern ausgebracht. Wer nun meint, es flösse hier trinkbares Wasser, der schaue nur auf Plastikmüll, Kippen und anderen Unrat, der hier auch zu finden ist.

An dieser Panke entlang arbeite ich mich wieder nach Norden, nach Pankow, Hermsdorf und dann wieder nach Glienicke-Nordbahn. Erstaunlich, in wie viele alte Ziegelbauten, die noch vor zehn Jahren kurz vorm endgültigen Verfall standen, jetzt Ateliers, Theater, Läden eingezogen sind. Von außen bunt und schräg, drinnen ausgerüstet mit schnellem Internet und funktionierenden Heizungen. Zu besichtigen in der Ecke zwischen Kolberger- und Gerichtsstraße.

Zum Ende meiner heutigen Runde rolle ich durch die Uferstraße, nahe dem Bahnhof Gesundbrunnen, wo im Pianosalon von Christoph Schreiber in einer ehemaligen Motorenbauhalle Konzerte von höchster Klasse zu erleben sind. Allein darüber könnte ich jetzt einen langen, begeisterten Beitrag schreiben. Heute treffe ich ihn vor der Halle, als er gemeinsam mit seinem Sohn Weinkartons, Toilettenpapier, und Sprudelkisten aus seinem dazu recht wenig geeigneten Porsche Carrera auslädt. Er ist guten Mutes und bereitet die nächsten Konzerte vor.

Kaum zu glauben, aber wunderbare Realität: In dieser alten Motorhalle spielen Weltklasse-Solisten Konzerte alter und neuer Meister auf meisterhaft restaurierten Konzertflügeln.

Zum guten Schluss noch ein architektonisches Schmankerl, zu finden in der Klemkestraße im Wedding. Die Siedlung Paddenpuhl aus den 20er und 30er Jahren.

Siedlung Paddenpuhl in Reinickendorf

Nur knapp über 50 Kilometer bin ich heute gefahren. Mit gefühlten 100 Fotostopps. Mit der Ausbeute bin ich zufrieden, und gute Laune habe ich auch bekommen.

5 Gedanken zu “Berlin – Anblicke und Einblicke

  1. Wunderschöner Bericht . Falls noch unbekannt (?) : „Wie man in Berlin so lebt“(Sammlung von Fontane-Texten zu Berlin, ISBN 978-3-7466-5246-7)

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