1. Oktober 2022

Kolonisten und starke Frauen im Oderbruch

Das Oderbruch zieht mich immer wieder aufs Neue in seinen Bann. Die Landschaft, das Licht, die Wolken und die besonderen Menschen, die hier gestaltet und gewirkt haben. Heute mache ich einen langen Anlauf von 70 Kilometern bis zum ersten Foto des Tages. Kurz nach neun bin ich gestartet und über Bernau hinein in die Wellen des Barnim gefahren. Der Raps blüht, die Kirschbäume haben ihre Tracht angelegt und machen das Farbenspiel komplett.

Im riesigen Waldgebiet mit der Märkischen Schweiz, das sich zwischen Strausberg und Bad Freienwalde erstreckt, sehe ich den Hinweis auf den ehemaligen Atombunker Harnekop. Mitten in den Wald hatte in den 70ern die DDR-Führung einen riesigen Bunker, der Atom-und auch Chemiewaffen standhalten sollte, für mehrere hundert Menschen gebaut. Heute frage ich mich: vor wem hatten diese Politiker Angst damals? Aber es war eben die Zeit des Kalten Krieges. West gegen Ost, Ost gegen West. Und heute? Haben wir wieder Angst!

Themenwechsel. Die Natur ist eine wunderbare Medizin, um schlechten Gedanken zu entkommen und sich den schönen Dingen zuzuwenden.

An die schon im Jahr 2003 geschlossene Grundschule erinnert nur noch der Unterstand an der Bushaltestelle.

Nun wende ich mich endlich der Natur zu, die mich mit offenen Armen am Rad des Oderbruchs, mit Blick auf Wriezen empfängt. Eine traumhafte Aussicht bieten die sanften Anhöhen der Bruchkante.

Blick auf das Oderbruch bei Schulzendorf

In Schulzendorf biege ich nach rechts ab in den Vevaiser Weg. Er führt nach, na klar, nach Vevais. Ganz nah bei Wriezen liegt dieser Ort mit dem so französisch klingenden Namen. Hugenotten, die aus Frankreich vertrieben wurden, flohen zunächst in den Schweizer Kanton Neuenburg ( Neuchâtel), wo tatsächlich von 1707 bis 1848 die preußischen Könige in sogenannter Personalunion das Sagen hatten. Ähnlich wie in einer Kolonie. Hier waren die Flüchtlinge geschützt und wurden alsbald als Kolonisten ins ferne Oderbruch angeworben. Nach einem 40 Tage über 800 Kilometer führenden Fußmarsch, kamen sie in Vevay an, das damals noch Dornbuschmühle hieß und noch urbar gemacht werden musste. Die Geschichte der ersten Siedler ist trefflich auf der Tonskulptur nachzulesen, die in Vevais zu bestaunen ist.

Nur 20 Jahre später verließen die Kolonisten den Ort wieder. Die Befreiung von Abgaben, vom Militärdienst und andere Vorteile endeten nach 15 Jahren. Vielleicht war das ein Grund dafür, wieder weiterzuziehen? Wer weiß. Aber ich habe jetzt zumindest eine Erklärung für die Tatsache, dass ich vor Jahren bei einer gründlichen Tour um alle Vevaiser Ecken keinen Kolonistennamen mehr gefunden hatte. Von Vevais aus fahre ich auf dem Radweg „Tour Brandenburg“ gen Kunersdorf, wo ich die Grab-Kolonnaden nochmal genauer anschauen will, und den Schlosspark der Frauen von Friedland auch.

Nur wenige Kilometer auf wunderbar glattem Asphalt, dann stehe ich an der Friedhofsmauer von Kunersdorf, schleiche mich samt Rad durch das Tor und gehe gemessenen Schrittes zu den Grabkolonnaden, die von den Bildhauern Schadow und Rauch entworfen wurde. So wurde die Familiengrabstätte derer von Itzenplitz, Lestwitz und Oppen ein beeindruckendes Zeugnis sogenannter klassizistischer Grabmalskunst.

Neben den Kolonnaden erstreckt sich hinter dem Haus mit Chamisso-Museum der Schlosspark – ohne Schloss, das 1945 am Ende des Krieges dem Erdboden gleich gemacht wurde. Mitten auf einer weiten Wiese erinnert ein Gedenkstein mit Apfel und Goldkugel an Helene Charlotte von Lestwitz, die sich später mit Zustimmung des Königs Frau von Friedland nannte.

Keine Frau wird in Theodor Fontanes “ Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ emanzipierter beschrieben: „Es war eine seltene und ganz eminente Frau; ein Charakter durch und durch“. Helene Charlotte von Friedland ist geschieden, verwaltet die Güter von Schloss Cunersdorf alleine und verkauft ihren Schmuck, um in moderne Landwirtschaftsmaschinen zu investieren. Ihre Tochter Henriette Charlotte übernimmt nach ihrem frühen Tod mit 48 Jahren die Landwirtschaft und macht Cunersdorf zu einem geistig-kulturellen Zentrum, in dem Künstler wie Adelbert von Chamisso Inspiration finden, die Humboldt-Brüder Gäste sind.

Irgendwann muss ich auch noch „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ lesen. Von dem Mann, der seinen Schatten an den Teufel verkaufte.

Als ich den Park verlasse, sehe ich erleichtert, dass mein Schatten klar konturiert auf die Straße fällt. Der Teufel hat das Nachsehen. Auf den nächsten Kilometern tauche ich wieder ein ins Oderbruch, über Neutrebbin erreiche ich Quappendorf. Eine Quappe ist ein Fisch, den man hier immer noch fangen kann, ein Fisch, der zum Laichen im Frühjahr die Oder hinaufschwimmt. Wegen seiner typischen Zeichnung wird er auch „Leopard der Oder“ genannt. Und Quappendorf war besonders in der Zeit vor der Trockenlegung des Bruchs ein wahres Eldorado für Quappenfischer. Vor fünf Jahren habe ich von der Wirtin im Gasthof Zollbrücke erfahren, was eine Quappe ist und wie eine Quappe schmeckt! Köstlich!

Der Ort Quappendorf wirkt weniger attraktiv. Nach den Zerstörungen zum Ende des Zweiten Weltkrieges blieb nur wenig von der alten Substanz des Dorfes übrig. Nur noch etwa 100 Einwohner weist die Statistik aus.

Im 17. Jhd. mussten die Reisenden für die Überquerung der Oder per Fähre Zoll entrichten. Nach der Trockenlegung des Bruchs war auch diese Einnahmequelle ausgetrocknet.

Nur sieben Kilometer weiter oderwärts komme ich nach Letschin, erblicke sowohl die Schinkelkirche, bzw. das, was von ihr übrig geblieben ist und, noch wichtiger für mich, den Bäcker direkt am Platz. Ein großer Kaffee und ein Aprikosenstück, auch die freundliche Ansprache der Bäckersfrau, heben meine Laune wesentlich.

An der ehemaligen Fontane-Apotheke kann ich natürlich nicht einfach ohne Fotostopp vorbeikommen. Abends, bei meiner Nachrecherche zur Tour finde ich eine Notiz von Theodor Fontane an seinen Freund Wolfsohn: Letschin im Oderbruch, Kirchdorf mit 3500 Seelen (?) und Residenz zweier dort stationirter Gensdarmen, hängt durch Vermittlung eines sogenannten Rippenbrechers von Postwagen nur lose mit der civilisierten Welt zusammen. Es ist ein zweites Klein-Sibirien; die Lebenszeichen einer Welt da draußen sind selten, aber – sie kommen doch vor. Ich stelle erleichtert fest, dass sich Letschin im Vergleich zur Fontane-Zeit recht erfreulich entwickelt hat. Die Häuser sind gepflegt, die Farben frisch.

Weiter geht es und näher heran an die Oder. Bei Sophiental muss ich noch den Schweinepestzaun überwinden, dann kann ich es auf dem Oderradweg genussvoll rollen lassen. Eine kleiner Stopp noch am Gedenkstein für den Deichbaumeister Leonhard van Haerlem, dann treibt mich ein Blick auf meine Uhr weiter nach Genschmar und Golzow.

In Golzow ist schon auf dem Ortsschild das wichtigste Ereignis der jüngeren Ortsgeschichte festgehalten. Die Grundschule heißt seit 2008 „Kinder von Golzow“. In einer über 50 Jahre andauernden Filmdokumentation wird DDR-Geschichte im Zeitraffer erlebbbar. Hier im MDR-Beitrag nachlesbar.

In Golzow spiele ich mit dem Gedanken, nach mittlerweile 140 Kilometern den Bahnhof in Küstrin Kietz anzulaufen, spare mir das aber, denn ich weiß, wie wenig gastlich die Atmosphäre dort ist. Also setze ich Kurs weiter nach Süden, in Richtung Lebus und Frankfurt. Der Radweg ist perfekt, nur in der Ferne baut sich ein Hindernis auf: Der Reitweiner Sporn mit seiner Hügelkette. Erstaunlich, wie eine solch minimale Überhöhung hier wirkt. In Sachsendorf lacht mich der ehemalige Dorf-Konsum an und bremst mich für einen Fotostopp:

Nichts zu holen hier, das Konsum Centrum war einmal. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges wurde dieses Dorf ganz in der Nähe der umkämpften Seelower Höhen zu 90 Prozent zerstört.

Grandiose 50 Höhenmeter muss ich hinauf nach Lindendorf überwinden. Die Aussicht ist herrlich. Rapsfelder mit Windrädern drin.

Guter Laune schwinge mich über die Hügel, hin nach Briesen. Dort fährt der R1 nach Berlin um 17.12 Uhr.

Beim nächsten Mal werde ich mir die Adonisröschen an den Lebuser Oderhängen ansehen. Das muss ich bald tun, denn nur bis Mitte Mai stehen sie in Blüte.

2 Gedanken zu “Kolonisten und starke Frauen im Oderbruch

  1. und ich danke für Deine Empfehlung „Tatort Tessin“. Beim Urlaub im September am Gardasee werde ich mir den Roman zu Gemüte führen. Nebst den empfohlenen kulinarischen Genüssen. Danke dafür

  2. Danke für diese wie immer kulturell und landschaftlich abwechslungs- und aufschlussreiche Radtour! Schöne Bilder und interessante, geschichtliche Hintergründe, die ich gerne und mit großem Vergnügen lese. Herzliche Sonntagsgrüße nach Brandenburg!

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