1. Oktober 2022

Metropole Ruhr – RUB – vergänglicher Beton

Es ist Freitagnachmittag, nur schwerlich kann ich mich lösen von den neuen Eindrücken und den alten Erinnerungen, die mich im Umfeld der Galerie m in Weitmar ergreifen. Es ist vier Uhr geworden, und ich muss mich beeilen, wenn ich noch das letzte Ziel meiner Ruhrgebietstour erreichen will. Nur wenige Kilometer sind es hinüber zur Uni, aber auf dem Weg warten ein paar fiese An- und Abstiege auf mich. Fies, weil es über 30 Grad warm ist und 100 hm sich anfühlen wie fünfmal so viele.

In Stiepel kann ich schon hinunterblicken ins Ruhrtal.

Auf dem nächsten Hügel stehen die Betonklötze der Uni unübersehbar an der Hangkante zum Lottental. Vor 45 Jahren bin ich gerne im beschaulichen Tal gelaufen. Das Studentenwohnheim Am Kalwes ist ein idealer Ausgangspunkt für solche Art der Aktivitäten. Und auch zur Uni konnte ich quer durch den Wald in 15 Minuten Fußweg gelangen. Jetzt schwinge ich mich von Süden kommend auf dem schmalen Weg hinunter ins Tal, und dann klettere ich am Rande vom Botanischen Garten den steilen Fußweg hinauf zu den „N-Gebäuden“ der naturwissenschaftlichen Fakultät. Als ich aus dem Wald auftauche und den ersten Blick aus der Nähe auf die Uni habe, erkenne ich die alte Herrlichkeit kaum wieder.

Gerippe, entkernte Gehäuse, Schuttberge. Von dieser Seite ist kaum ein Durchkommen zum Audimax hin. Einen großen Bogen nach Osten muss ich gehen und dann wieder durch die Betonschluchten zum zentralen Campus hin.

Bauzäune versperren den Durchgang. Die Kunstwerke von Victor Vasarely wurden zwar 2015 restauriert, fangen aber schon wieder an zu verblassen. Viel stärker noch als die Kunst, die mich in den 70ern so beeindruckt hat, haben die Bauten gelitten. Der Beton befindet sich offensichtlich in ähnlicher Verfassung wie die Autobahnbrücken der Sauerlandlinie, die zur gleichen Zeit gebaut wurden. Jetzt laufen die Vorbereitungen für Ersatzneubauten, kann ich auf dem großen Plakat lesen. Was ich sehe, schockt mich. Ich wusste nicht, in welch erbärmlichem Zustand die Bausubstanz ist.

Nach einigen Tragepassagen über angegraute Waschbetontreppen stehe ich in der Mitte der Uni. Zwischen dem Audimax und dem Gebäude der Kunstsammlung. Mein Granfondo steht auf den wackligen Platten des Wasserreliefs von Erich Reusch. Ohne Wasser, ohne das alte Flair. Vom Neon-Schriftzug hängen nicht mehr alle Leuchtröhren. Ich lese: „TSAMM… UNGEN… DER RUHRUNIVER… ITÄTBOCHUM“ .

Blamabel! Übel! Fällt das keinem auf? Ist das den Verantwortlichen nicht peinlich?

Ich lehne mein Rad neben dem Eingang an und will wissen, wie es drinnen aussieht in der Bibliothek, in der ich ein- und ausgegangen bin. Drinnen werde ich zumindest nicht noch einmal enttäuscht. Und ein paar Kilometer weiter, auf meinem Weg hierher, konnte ich die bedeutende Sammlung „Situation Kunst“ anschauen, die auch mittlerweile zur Uni gehört.

Am Audimax wird gebuddelt und gebaut. Heute nicht, aber es sieht nach Erneuerung, zumindest nach Erhaltung aus. Auf einem Plakat strahlt die alte Herrlichkeit. Es ist nur ein Plakat! Drinnen habe ich wunderbare Konzerte genossen. Maurice André, Aurel Nicolet, Frans Brüggen … Große Künstler gingen hier ein und aus in den 70ern.

Nicht alles ist vergammelt, nicht alles verschreckt mich. Viele neue Gebäude sind in den vergangenen zehn Jahren entstanden, viele Bauten wurden entkernt und saniert. Im Grunde wurde und wird die gesamte Ruhr-Uni neu errichtet. Und behält ihr altes Betongesicht wegen Denkmalschutz! Nicht wegen erwiesener Schönheit.

Wie konnte ich mich glücklich schätzen, dass ich damals den frischen Beton noch riechen konnte.

Staunend, nachdenklich, gedanklich durchgebeutelt, überrascht von vergammelt Altem und ideenreich gestalteten Neuem verlasse ich die Bildungsstätte. So wie ich von Süden hineingefahren bin, so wurschtele ich mich in Richtung Querenburg hinaus aus dem Gelände. An Radfahrer wurde offensichtlich nicht bei den Umleitungen gedacht. Fast wäre ich auf der Autobahn gelandet. Auf dem Weg hinunter nach Witten-Heven mache ich noch einen Bogen am Studentenwohnheim Auf dem Kalwes vorbei. Geradezu luxuriös habe ich hier mit Nasszelle, Einbauküche und Telefon auf dem Flur zugebracht. Eine schöne Zeit war es!

Im Apartment habe ich gebüffelt, unter dem Parkdeck den Vergaser meines Scirocco TS repariert.

Fast hätte ich vergessen, dass ich noch keine Bleibe für die kommende Nacht habe. Also boocking.com, was hast du zu bieten im Umkreis von zehn Kilometern? Ganz nah, nur wenige Minuten entfernt, hat das Rittergut Laer, ein Zimmer frei. Nichts wie hin.

Volltreffer! Die Dame des Hauses führt mich in die Juniorsuite mit Namen Dr. Kortum. Mein Granfondo darf, so sauber wie es ist, mit hinein. Der Empfang ist überaus freundlich, aber leider gibt es heute Abend nichts zu speisen hier. Auch kein Frühstück ist geboten. Das Rittergut ist spezialisiert auf Veranstaltungen, Feiern etc., wo dann ein Catering geboten wird. Nur, heute Abend bin ich der einzige Gast. Kein Buffet. Nur eine Flasche Mineralwasser gegen den Durst.

Und die historischen Möbel und Gemälde erfreut zwar den Geist, machen aber nicht satt. Ich dusche, ziehe mich um und laufe dann zum Blauen Engel, einer Studentenkneipe, die schon seit 30 Jahren für Speis und Trank sorgt. Ein sehr hilfreicher Tipp der Hausdame. Nach einer Viertelstunde illustrem Fußweg kann ich auf der lauschigen Terrasse Platz nehmen, werde zuvorkommend bedient, kann über alte und neue Zeiten plauschen. Bei Warsteiner-Pils und leckeren Bandnudeln mit Pfifferlingen lasse ich den Tag ausklingen.

Satt, zufrieden und voller Gedanken an den vergangenen Tag wandere ich wieder hinüber ins Rittergut. Ruhe, gute Luft, ein weiches Bett. Am nächsten Tag geht es per 9-€-Ticket heim gen Berlin. Aus der alten in die neue Heimat.

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