Fitness-Studio, Spinning, freie Rolle, Indoor-Training … Damit komme ich nicht über den Winter! Ich mag es einfach nicht, Wände vor mir zu sehen, vorm Bildschirm zu trainieren, Wind nur vom Ventilator ins Gesicht gepustet zu bekommen.
Radfahren kann man bei jedem Wetter – wenn man es will und wenn man die richtige Ausrüstung hat.
In den Zeitschriften Roadbike, Mountainbike und Tour werden die neuesten Gravel-Räder getestet. Natürlich auf Mallorca, Korsika oder in Kalifornien. Wie wirst Du fit für die Saison, das optimale Workout … Alles dreht sich um die Vorbereitung der „neuen Saison“.
Ich sichte kein einziges Foto von einem Radfahrer im Schnee, alle Bäume sind grün. Tests von Winterjacken und -schuhen finden im Labor statt. Da rufe ich euch zu: Es gibt nicht die EINE Saison von April bis Oktober – 12 Monate kann man lustvoll Räder und Körper in der freien Natur bewegen! Kommt mal raus aus den geheizten Redaktionsstuben und schreibt aus eigener Erfahrung vom Fahren bei Kälte, Nässe und Frost!
In diesem Winter musste ich bislang noch nicht Hauseinfahrt und Gehweg vom Schnee befreien. In Brandenburg lag der Schwerpunkt bisher auf dem richtigen Schutz vor Kälte und Nässe, der Wahl der geeigneten Bereifung und einer zuverlässigen, hellen Beleuchtung für lange Fahrten bei Dunkelheit.
Was werde ich also morgen für unsere Tour ins Oderbruch anziehen? Der Wetterbericht sagt Nordwestwind Stärke 4 mit Böen bis zu 50 km/h voraus, Temperaturen zwischen plus 2 und 5 Grad, dazu fünf Stunden Sonnenschein. 4 Grad plus bei Windstille fühlen sich bei 20 km/h Wind an wie minus 5 Grad! Der Windchillfaktor ist nicht zu unterschätzen.
So packe ich mich ein:
Unter diesem Link ist die Bekleidung im Foto zu sehen
https://randonneurdidier.wordpress.com/2018/12/26/ps-winterbekleidung/
von innen nach außen:
- Unterhemd: Merino Winter-Langarm-Unterhemd ( Rapha deep winter) – ein kostengünstiges Merinoteil einer anderen Marke tut es natürlich auch.
- Unterhose: Funktionsunterhose ohne Nähte (Odlo) >>> ja, ich trage eine Unterhose unter der Radhose! Wärmt und tut gar nicht weh.
- Socken: Wintersocken lang ( x-socks)
- Trikot: Merino-Langarmjersey ( Rapha Brevet Windblock)
- Hose: Winter-Radhose lang ( Löffler oder Rapha)
- Jacke: Gore-Winterjacke C5 Thermo
- Schuhe: Mavic Crossmax Pro Thermo- Schuhe
- Handschuhe: Specialized-Lobster-Handschuhe, darunter dünne Fingerhandschuhe
- Mütze: Vaude-Helmmütze
- Helm: Giro Air Attack Shield mit zugeklebten Lüftungsschlitzen und dem „Shield“, das Stirn, Augen und Jochbeinbereich sehr gut gegen eisigen Wind schützt
Diesmal kommt Peter per Regio zum Treffpunkt Bhf Oranienburg. Pünktlich! rollt der Zug um 10.10 Uhr ein. Ich habe mich auf den ersten 17 Kilometern gegen den Wind schon mal warmgerollt. Mein Track führt über die Barnimwellen bis ins Oderbruch nach Küstrin.

Rahmersee, Wandlitzsee, Liepnitzsee, Hellsee … an jeder Ecke leuchtet dunkelblau das klare Wasser durch die Bäume. In Biesenthal künden die zahlreichen, meist gut restaurierten Häuser und Villen aus der Gründerzeit von ehemaligem Wohlstand. Und in Biesenthal baut Michael Hecken seine E-Bikes zusammen mit Kalle Nicolai. HNF – „Hecken-Nicolai and Friends“ heißt die Firma mittlerweile. Zu Hause erinnert mich eines der ersten Produkte, das smart E-Bike meiner Frau, an das ehemalige Startup-Unternehmen.
In Beerbaum, nach den ersten sanften Wellen des Barnim, bollern wir über eine Pflasterpassage, die wir von diversen Ausfahrten und Brevets kennen.


Gute Erinnerung, endlich mal was zu trinken. Bei niedrigen Temperaturen meldet sich der Körperbedarf nicht durch das Durstgefühl. Und der Hunger meldet sich nach dem Frühstück, das bei mir nur aus einem schwarzen Kaffee bestand. Unsere Augen suchen nach allem, was wie ein Bäckerladen aussieht. Vergeblich. Bäcker gibt es nicht mehr im östlichen Barnim. „Viel Steine gab`s und wenig Brot“, schrieb schon Ludwig Uhland in seiner schaurigen Ballade vom wackeren Schwaben. Weiter heißt es dort:
„Den Pferden ward so schwach im Magen,
fast mußt der Reiter die Mähre tragen.“
So weit kommt es heute nicht. Die tapferen Alt-Randonneure haben die Energieversorgung erfolgreich auf Fettverbrennung umgeschaltet. Eine elend lange Walddurchfahrt mit einhergehenden niedrigeren Temperaturen lässt mich wieder zu meinen Lobster-Überhandschuhen greifen. Ein kurzer Anstieg ( ja, die gibt es im Barnim) führt in das Örtchen Haselberg. Peter greift abrupt in die Bremsen, weil er einen Aufsteller mit „Kaffee und hausgemachter Kuchen“ am Straßenrand entdeckt hat – Öffnungszeiten Sa. und So. von 14-18 Uhr. Heute ist Dienstag!

Weitersuchen!

In Möglin zeigt ein Radwegschild nach links, Richtung Kunersdorf. Peter folgt mir nur zögerlich – zu oft schon habe ich ihn bei unseren Touren so in Schlamm, Sand und Wald geführt. Diesmal allerdings rollen wir auf einem geradezu göttlich gut gemachten Stück Weges. Quälenden Hunger hatten offensichtlich vor uns schon andere. Vielleicht war der böse Wolf hier am Werke?

Runter ins Oderbruch nach Kunersdorf rauschen wir, lassen die Grabkolonnaden der Itzenplitze, das Chamisso-Museum und den Alten Fritz samt Querflöte diesmal links liegen. Uns treibt der Wind, uns treibt der knurrende Magen.

Die nächste Ortschaft ist Neutrebbin. Aber aufgemerkt, auch hier gab es mal, aber gibt es nicht mehr – einen Bäcker. Die Erlösung liegt auf der rechten Straßenseite in Form des „nah und gut“-Edeka-Ladens. Peter stürmt die Treppe hinauf und verschwindet zwischen den Regalen. Nach gefühlten 15 Minuten erscheint er strahlend wieder:

Eine junge Frau, die im Markt ein Gesteck mit Osterglocken erstanden hat, gibt uns den heißen Tipp, doch unser Picknick auf der „Liebesinsel“ einzunehmen. Lauschig in der Sonne und im Windschatten. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und rollen nach 300 Metern im Park von Neutrebbin aus.

Nach 20 Minuten sitzen und essen im Park kriecht die Kälte unter die Jacken. Wir brauchen Bewegung. Ab geht es nach Letschin, wo weiland Henri Louis Fontane, der Vater des werten Theodor im Jahre 1838 die Apotheke vom Besitzer Altmann kaufte. Die Stationen davor – Neuruppin, Swinemünde und Mühlberg an der Elbe, endeten jeweils unrühmlich: Spielschulden zwangen Henri F. immer wieder zum Standortwechsel. Wie mag sich wohl Fontane Junior damals gefühlt haben? In Letschin erlernte Theodor das Apothekerhandwerk und arbeitete bei seinem Vater in den Jahren 1843 bis 45. Zwei Jahre später war es wieder so weit: Wein und Spielleidenschaft führten in die nächste Pleite und zur Trennung von seiner Frau. Derweil hatte sich Theodor schon den schönen Künsten der Schriftstellerei zugewendet. Mit großem Erfolg, wie wir wissen.

Den guten Theodor Fontane als den bedeutendsten Dichter des 19. Jahrhunderts zu bezeichnen, erscheint mir doch etwas hochgegriffen. Was soll denn der Johann Wolfgang von Goethe denken!
Nach dem Essgenuss und dem Kulturgenuss wenden wir uns jetzt dem Naturgenuss zu: Ab ins Oderbruch an die Oder und schauen, schauen, schauen.






Küstrin-Kietz ist auf einen kleinen Rest seiner ehemaligen Bedeutung geschrumpft. Die Oderinsel, auf der einstmals die Altstadt von Küstrin stand, ist überwuchert. Hier ist in der Endphase des 2. Weltkrieges eine ganze Stadt mit ihrer Historie weggebombt worden. Der Bahnhof von Küstrin-Kietz ist reduziert auf eine Haltestelle für polnische Hauptstadtpendler. Der Putz fällt von den Wänden.

Am Abend stehen 142 Kilometer zu Buche. Start um 9 Uhr bei 2 Grad, dann im Oderbruch bis 6 Grad (warm). Der Wind hat uns hilfreich erst über den Barnim und dann an der Oder entlang bis Küstrin geblasen.
Die Auswahl der Bekleidung hat genau gepasst. Nicht gefroren, nicht geschwitzt. Zwischendurch habe ich die Lobster weggepackt und bin mit den dünneren Rapha-Handschuhen gefahren. Mit dem Vorteil, das Navi und die Kamera auch mit gewärmten Fingern bedienen zu können.
Als wir am Bahnhof in Küstrin-Kietz 30 Minuten auf den Zug warten müssen, packt sich Peter in die mitgenommene federleichte Daunenjacke ein. Und macht mir, als ich mich warmhüpfe, den Vorschlag, doch auch so ein Teil zu erwerben. Nun gut, ich werde drüber nachdenken.

Herrlich war es heute – Natur, Kultur, Altes sehen, Neues sehen, Frühling ahnen …
Und hier der Track zum Nachfahren https://www.gpsies.com/map.do?fileId=hqzfrymihzagbfem


























































Teste, Hohnstorf, Bleckede heißen die verschlafenen Dörfer am Deich. Frisch ist die Luft noch von der klaren Nacht. So ist es angenehm, durch die leichte Belastung eine Wohlfühltemperatur in den Körper zu bringen. Gänsegeschnatter in der Elbaue, auf den Wiesen liegen noch die Rinder im Schlaf.
In Neu-Darchau habe ich die Idee, doch mal den im Navi eingezeichneten Radweg, ca. 1 km parallel zur Landstraße zu testen. Für dieses Manöver handle ich mir die Schelte der Begleiter ein. Über Schotter und Sand führt der Weg. Fluchend und dann erleichtert erreichen wir schließlich wieder die wunderbar glatte L 231. Die leichten Wellen bis nach Hitzacker baggert der tapfere Peter brav weg.
Eine Brückenbaustelle mit Straßensperrung zwingt uns runter von den Rädern. Wir nutzen den Halt, um uns zu entblättern: Beinlinge, Armlinge und Weste wandern in die Taschen. Bald kommt die Dömitzer Brücke in Sicht. 
Der Windsack an der Elbkante wird vom stärker werdenden Südostwind durchpustet. Und genau in diese Richtung weisen die nächsten 200 Kilometer. Arbeiten ist angesagt. Das herrliche Wetter tröstet uns darüber hinweg, ein paar Watt mehr treten zu müssen. Meistens zeigt der Tacho um die 25 km/h an.


Wunderbare Farben, wunderbar würzige Luft, zwei Seeadler über uns, was will der Randonneur mehr.
In Wittenberge, so gesteht uns Peter, wollte er entscheiden, ob er dort in den Zug steigt, oder ob er sich noch zutraut, bis ins Ziel zu kommen. Die Kraft der Currywurst bringt ihn weg von allen Bahnfahrtgelüsten. Um kurz nach zwei sind wir wieder unterwegs. Noch 120 Kilometer bis zum Ziel.



Ich nehme mein Zusatzrücklicht von KNOG in Betrieb. Das ist geradezu gemein hell. Ackern bis Nauen, dann wieder auf den B5-begleitenden Radweg, den wir schon -zig Male gefahren sind. Einige Kollegen, die von hinten herangerollt sind, und nicht sicher sind, wo es langgeht, hängen sich an unser Schlepptau. Erstaunlich, dass kaum einer eine wirklich langstreckentaugliche Beleuchtung am Rad hat. So fahre ich mit meiner Lupine Piko vorneweg. Berlin-Staaken-Spandau – gleich kommt das Ziel.






















Die überaus freundliche Verkäuferin preist ihre Kuchen an, schließt eigens für uns das Café auf und bringt uns riesige Milchkaffee zu Schnecken und Streusel. So gestärkt peilen wir zielsicher den Magdeburger Dom an und finden uns 20 Minuten später in der Altstadt wieder.
Das Hundertwasser-Haus versprüht unkonventionellen Charme, Touristen werden über die Geschichte des Gebäudes aufgeklärt, wir hören zu und sind beeindruckt. Ein paar Meter weiter stehen wir vor dem riesigen Dom, dann staunen wir über die herrlich restaurierten Gebäude im Gründerstil, die südlich parallell zur Elbe die Altstadt schmücken. So schön hatten wir das nicht erwartet. Beim Verlassen der Stadt nach Südwesten ereilt uns wieder die graue Realität der Industriebauten, der Gewerbeansiedlungen mit Gebrauchtwagenhändlern und Tankstellen und …





So eindrucksvoll und vielfältig habe ich noch nirgendwo Fachwerkarchitektur erlebt. Die Menschen hier geben sich ganz offensichtlich große Mühe, diesen Schatz zu erhalten und wieder herzustellen. Respekt!







Dann bleiben die Füße zumindest warm. Peter hat es versäumt, seine Schutzbleche zu montieren, schließlich war kein Regen angesagt. Das hilft ihm allerdings herzlich wenig. Auf der Suche nach einem geeigneten Ersatz werden wir in einem Hinterhof fündig:
Peter bindet ein Fichtenbrett mit Kabelbindern auf dem Tubus-Gepäckträger fest, und fertig ist der perfekte Spritzwasserschutz.
Die köstlich scharfe Senfsuppe im Brodhaus sorgt für neue Motivation. Beim Start hinaus aus der Einbecker Altstadt lässt der Regen nach, und wir genießen die lauen Lüfte. Endlich rollen wir auf einem gut geteerten Radweg in Richtung Wesertal hinunter. Immer ganz geradeaus.
Holzminden mit einem rauchenden Fabrikschlot fest im Blick. Holzminden durchkurven wir ohne Aha-Erlebnisse. Irgendwie wirkt diese Stadt wie ein Ort ohne Anziehungskraft und Kultur. Vielleicht sehen wir auch einfach nicht richtig hin. Schließlich wollen wir nur rüber auf die Westseite der Weser und dann nach Corvey mit seiner Klosteranlage.
Beim Frühstück verwöhnt uns Rosi, die aus Brasilien stammt und „Mädchen für alles“ bei Kalle Krome ist.
Das Frühstück ist genauso genussreich wie kurzweilig. Das 



Kontrolle Nr. 2 ist „frei“, das bedeutet, wir müssen uns den Stempel irgendwo in diesem Ort holen. Gar nicht so leicht dieses Mal, denn die Durchgangsstraße ist auf ganzer Breite aufgerissen, die Geschäfte darben, und der Bäcker, den wir zum Stempeln heimsuchen, bietet die spärlichste Auswahl von Brot und Kuchen, die ich jemals gesehen habe.
Die beworbenen Kuchenbrötchen sehen erbärmlich aus – ich ziehe es vor, mein mitgebrachtes Käsebrötchen zu verspeisen.



Wir stehen wieder zur Weiterfahrt bereit, als uns abermals die Truppe um Ingo passiert. Entweder haben sie eine längere Pause gemacht oder einen Umweg durch den Park gefahren. 

Auf unserer Seite treffen Biker, Randonneure, Radtouristen und Autos reichlich ein. Eine richtige Schlange bildet sich am Anlegepunkt, so dass wir schon Bedenken haben, überhaupt beim nächsten Mal mit rüberzukommen.
Unsere „gute Zeit“ bis hierher ist weggeschmolzen und wir finden uns in der nächsten Gruppe um Klaus und Phelim wieder.
Gut, dann haben wir Gesellschaft auf der nächsten Etappe durch den Fläming nach Dobbrikow. In Coswig füllen wir beim Netto-Markt unsere Trinkflaschen auf – ich gönne mir eine Stange Knoppers als Kalorienreserve.
Andy und die Kollegen haben großen Hunger und schaufeln eifrig Reibekuchen mit Apfelkompott, Omelett und andere leckere Sachen in die gierigen Körper.
Letzter Stempel nach 22 Uhr, Durchschnitt in Bewegung knapp 26 km/h.
Für Altrandonneure 65Plus gar nicht so übel, wie Wolfgang und ich feststellen. Die nächsten zwei Stunden genießen wir leckere Pilsner, Lasagne und Salat und den Erfahrungsaustausch mit den Kollegen. Kurz nach Mitternacht starte ich auf die 15 km-Etappe nach Hause durch die immer noch sehr lebendige Stadt. Ich fahre mit Warnweste und zwei hellen Rückleuchten. Da ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die manchmal gar nicht rücksichtsvollen Autofahrer Abstand halten.
Ab geht es nach Süden durch Wald und Heide. Kleine Kaffeepause in Treuenbrietzen:



















