27. Juli 2021

Buchenwald, Uckermark und durch das Oderbruch zurück

Auf dem Weg nach Norden, raus aus dem Speckgürtel der großen Stadt, bin ich nach 3o Kilometern am alten Finowkanal, rolle am Werbellin vorbei und nehme Kurs auf den Grimnitzsee. Diesen Weg bin ich schon einige Male bei Brevets gefahren, dann kamen wir meistens wieder von Angermünde her zurück, und es war schon stockfinster. Heute bin ich allein unterwegs, ich bin erst gegen 11 Uhr aufs Rad gestiegen, und die mittägliche Sonne brennt mir auf den Rücken. Am östlichen Rand des Eiszeitsees steht eine restaurierte Bockwindmühle auf einer leichten Anhöhe. Die Flügel hat sie schon vor fast 100 Jahren abgelegt, als ein Verbrennungsmotor zum Antrieb des Mahlwerkes zum Einsatz kam. In unseren Tagen erfreut sie nach liebevoller Rekonstruktion das Auge des Betrachters.

Bockwindmühle Althüttendorf

In Neugrimnitz locken abermals Natur und Kultur, die Kamera auszupacken. Eine wunderbar restaurierte Feldsteinmauer mit Steingewächsen begrünt, lädt das Granfondo zum Anlehnen ein. Hier wird an eine Glashütte erinnert, in der schon 1682 Gebrauchsglas in Form von Flaschen, Fensterglas und Vasen hergestellt wurde. Die Quarzsandvorkommen rund um den Grimnitzsee und der Holzreichtum der umliegenden Wälder boten die notwendigen Ressourcen.

Ein paar Moränenwellen noch, dann tauche ich in den Grumsiner Buchenwald ein. Die alten Bäume mit dem prächtigen Blätterkleid sorgen für angenehme Temperaturen. Noch sehen sie recht gesund aus. Diese Gegend ist prächtig geeignet zum Wandern – hier kann man viele Stunden verweilen und staunen.

Vom Walde erfrischt und vom Pflaster durchgerüttelt nähere ich mich Angermünde, einige sanfte Anstiege sind noch zu bewältigen. Heute will ich einen Bogen durch die historische Altstadt machen und nicht, wie beim Brevetfahren, möglichst schnell vorwärtskommen. Das erste Mal nehme ich wahr, wie schön restauriert die alte Stadtmauer ist, wie liebevoll angelegt die Grünflächen und der Skulpturenpark vor der 700 Jahre alten Franziskaner-Klosterkirche. Zuerst fangen die mächtigen Steinskulpturen meine Blicke, dann sehe ich eine Gruppe festlich gekleideter Jugendlicher vor der Kirchenmauer. Es wird gelacht, es wird fotografiert, posiert… Hier feiern die Abiturienten des Einstein-Gymnasiums, lese ich Tage später in der MOZ.

Nach Osten verlasse ich das schmucke Städtchen. Über Dobberzin und Crussow erreiche ich die Kante des Oderbruchs in Stolpe. Ob wohl das Radlercafé Fuchs und Hase geöffnet hat? Es hat! Und immer noch versprüht die Lokalität den Charme des ehemaligen Betonwerkes. Nur die äußere Kulisse täuscht! Drinnen sind nette Menschen und die Gastlichkeit ist grandios. Radfahrer, die hier achtlos vorbeifahren, verpassen definitiv eine der besten Rast-Adressen Brandenburgs.

Wer in Stolpe noch etwas für die kulturelle Bildung und dazu für die körperliche Ertüchtigung tun will, möge den Hügel zum dicken Turm hinauflaufen und die Aussicht über das Bruch genießen.

Nach einer deftigen Brotzeit mit Auerochsen Bockwurst und Boizenburger Bier setze ich mich gestärkt auf mein Granfondo und rolle weiter oderaufwärts. Wenige Kilometer weiter, bei Lunow, kann ich die Auerochsen, die eigentlich Heckrinder sind, in lebendem Zustand bewundern. Als bekennender Fast-Vegetarier gefallen mir die Tiere so noch viel besser als in Bockwurstform. Die letzten echten Auerochsen sind in Polen im Jahre 1627 dokumentiert. Erst den Zoodirektoren in Berlin und München, Heinz und Lutz Heck, gelang es in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die Auerochsen nachzuzüchten. Folglich heißen die etwas leichter und weniger massig geratenen Tiere „Heckrinder“.

Heckrinder, Schafe, Schwäne, Störche – Natur pur im Oderbruch zum Sattsehen.

Der Blick auf die Uhr mahnt mich, den Kurs langsam wieder in Richtung Berlin zu setzen. Also biege ich in Hohensaaten ab auf den Radweg entlang der Alten Wriezener Oder. Zuerst nach Oderberg, dann Bralitz und wieder durch die Felder nach Niederfinow. Ein Gravelbike ist für diese Etappe das ideale Gefährt. Beim im Jahre 1894 errichteten Schöpfwerk Liepe führt eine neue Holzbrücke über die Alte Finow.

Angler und Naturbeobachter sind hier unterwegs, keine Touristen wie beim Schiffshebewerk. Ich komme ins Gespräch mit einem Ehepaar, das auf einer hölzernen Brücke mittels Spiegelreflex und langer Brennweite Ausschau nach Bibern hält. Stolz zeigt mir der Fotograf ein wunderbares Bild mit einer Bibermutter, die ihr Kind durch die Fluten trägt. In Niederfinow hat mich die glatte Straße wieder.

Gedankensprung!

Zwei Wochen zuvor radelte ich mit meiner besseren Hälfte den Oderradweg von Hohenwutzen nach Groß Neuendorf und zurück. Das Erleben bei bestem Wetter und frischem Wind passt ideal als Abschluss dieses Beitrags, denn der für mich schönste Teil des Oderbruchs fängt just hier an und erstreckt sich bis in die Gegend von Küstrin.

Groß Neuendorf im Oderbruch. Ich stehe in der Schiebetür eines alten Eisenbahnwaggons, der zum Cafe´-Ausschank umfunktioniert ist. An diesem letzten Wochenende im Mai ist ein Stück Freiheit zurück. Kaffeetrinken und Kuchen genießen im Freien. Andere gut gelaunte Menschen sehen. Auf die leicht vom Wind gekräuselte Oder blicken. Auf der östlichen Stromseite leuchten die Ziegeldächer der Bauernhäuser in strahlendem Rot. 

Cumuluswolken  stehen wie gemalt am Himmel. Ganz ähnlich scheinen Wilhelm von Humboldt und Theodor Fontane dies Fleckchen Erde auch zu ihrer Zeit erlebt zu haben. Die passenden Zitate der beiden zieren die Innenwände der Waggonseiten.

Das Oderbruch entfaltet seine Reize zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter – am liebsten ist es mir bei milden Temperaturen und bei sehr klarer Luft. Im Frühjahr, wenn die Natur wach wird und  die Oderauen gut im Wasser stehen, sind die Tiere besonders aktiv. Die Vögel brüten, die Frösche überbieten sich in quakendem Konzert, Störche, Schwäne und Reiher schwimmen und staken in friedlicher Eintracht. Und ein Stockwerk darüber kreisen Milane, Seeadler und Rohrweihen. 

Für eine kleine Oderbruchtour kann man das Auto abstellen in Hohenwutzen und von dort losradeln. Dann 30 km bis Groß Neuendorf und wieder zurück. Jede Minute hat neue Eindrücke parat – Hinschauen und entdecken!

8 Gedanken zu “Buchenwald, Uckermark und durch das Oderbruch zurück

  1. Wie immer von dir ein schöner Bericht mit tollen Bildern.
    Wie gerne würde ich deine Touren nach fahren.
    Leider ist die Anfahrt, aus dem „HOHEN NORDEN“ zu groß.
    Bleibe schön gesund und mach weiter so.

    Viele Grüße aus Schleswig
    Peter

  2. wie habe ich euch beneidet auf der Österreich-Tour! Schöner Bericht von Christoph! Und bei mir weckt das Erinnerungen an Donau, Wachau… all the best und bleib munter und gesund. Dietmar

  3. Wie immer ein schöner Bericht von einer schönen Tour durch eine wunderschöne Landschaft. Ich freu mich für dich, dass du solche Touren machen kannst und habe dann immer auch ein bisschen neidische Sehnsucht, weil mir selbst dafür im Moment die Ruhe und die Freiheit fehlen. Es tut aber schon alleine gut, in der Vorstellung etwas teilzuhaben.

    Herzliche Radlergrüße ganz aus dem Westen
    Henning

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