27. Juli 2021

Angus-Rinder in Friedrichswalde und ein majestätischer Storch in Densow

„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“, so hat Martin Luther einen Vers des Lukas-Evangeliums volksnah übersetzt. Genau so ging es mir gestern! Als ich bei Friedrichswalde eine riesige Rinderherde entdecke, die auf einer weiten, sattgrünen, welligen Weide steht, wusste ich: Hierüber muss ich ein paar Sätze schreiben.

An diesem Dienstag hatte ich beschlossen, wieder einmal eine ordentliche Runde in den Barnim und die Uckermark zu radeln. Hinein in die wunderbare Landschaft, die jetzt so in vollen Farben leuchtet, die alles zeigt, was im Winter nur schlummert und schläft. Alles ist wach, die Vögel überbieten sich in variantenreichen Gesängen, der Wald duftet nach Holz und nach frischen Kräutern. Schwärmerei! Ja, ich gebe es zu, ich lasse mich gerne einfangen von der Stimmung der Natur.

JANINE transportiert Holzhäcksel auf dem Oder-Havel-Kanal nach Westen

Über Zerpenschleuse und Marienwerder rolle ich mich ein. Dann genieße ich die Wald-und Strandkilometer am Werbellinsee entlang und den Radweg hinauf durch den Buchenwald nach Joachimsthal. Mein Trikot saugt gierig meinen Schweiß auf, den ich an diesem schwülwarmen Tag produziere. Meine Beine funktionieren gut, nur eine spürbare Spannung in den Oberschenkeln zeigt mir, dass ich mich anstrengen muss, um die sanften Hügel zu erklimmen.

Von Joachimsthal führt die Landstraße in Richtung Parlow und Glambeck. Am Waldrand steht ein Feldstein mit der Aufschrift: „Toter Mann“.

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Die schaurigen Geschichten dazu sind hier zu lesen: https://www.amt-joachimsthal.de/texte/seite.php?id=37482. Ein paar hundert Meter weiter führt mich der Wegweiser „Uckermärkischer Radrundweg“ in Richtung Friedrichswalde. Über glatten Leichtrollteer durch den kühlenden Wald, dann auf eine Lichtung hinaus, die sich zu saftigen Wiesen weitet. Und da stehen sie! Wie in einer Filmkulisse weiden mindestens 50 schwarze und braune Angusrinder im hoch stehenden Gras. Mein erster Griff geht zur Kamera, ich bleibe stehen, steige ab und gehe an den Weidezaun heran.

Offensichtlich nehmen die Tiere mich nicht als Bedrohung, sondern eher als Anreiz zum Näherkommen wahr. Die ganze Herde bewegt sich gemächlich in meine Richtung. Große Elterntiere und Kälber, alle einträchtig und sehr entspannt.

Zugleich mit mir hält ein Paar an, das mir mit E-Bikes entgegenkommt. „Meine Frau muss wieder einmal fotografieren“, schmunzelt der Mann. So werden die herrlichen, zutraulichen Tiere zig-Mal auf die SD-Cards gebannt. Und ich nehme die Gelegenheit wahr, den beiden Naturrreisenden die Kultur-Schönheiten von Joachimsthal anzuempfehlen. Sie bedanken sich, und ich kurbele weiter hinüber zum Holzschuhmacherdorf Friedrichswalde.

Wieder einmal kehre ich beim Bäcker Hakenbeck ein und verspeise ein wohlschmeckendes Stück Kirschkuchen, zusammen mit einem duftenden Milchkaffee. Hakenbeck ist eine meiner Top-Adressen in Brandenburger Landen. Bernd Hakenbeck ist sogar auf die Idee mit dem „Brotsponsor“ gekommen: Ein junger Immobilienmakler aus Eberswalde lässt ein eigens kreiertes Hanfsamenbrot mit seinem Logo ausrüsten. Da sage einer, die Märker seien nicht innovativ.

Auf den Spuren der alten Holzschuhmacher-Tradition umkurve ich noch die Kirche mit dem Gedenkstein für die ersten 30 Siedler, die vor 250 Jahren im Auftrag Friedrichs des Großen angeworben wurden, hier das Land zu bewirtschaften. Schließlich wurden sie über die Landesgrenzen berühmt durch die trefflichen Holzschuhe, die sie hier schnitzten. In einem kleinen Museum hinter der Kirche wird die Geschichte dazu lebendig.

Der Radweg führt mich weiter in Richtung Templin und zunächst durch die Ortschaften Reiersdorf, Gollin und Ahlimbsmühle. Am Rande von Templin erreiche ich bei Postheim den Badestrand vom Lübbesee.

Unter den Sonnenschirmen mit Südseeflair tummeln sich die Menschen ganz so wie vor Corona-Zeiten. Fröhlichkeit und gute Laune schwingen in der Luft.

Mein alter Freund Rainer sagt so schön: „Templin ist immer eine Reise wert“. Stimmt!

Heute wähle ich den Radweg hinter der Stadtmauer entlang, über die alte Pionierbrücke und dann nach Norden aus der Stadt hinaus– Kurs Lychen. Der Himmel im Nordwesten wird immer dunkler, drohender. Ein Gewitter braut sich zusammen. Aber ich habe Glück heute, die Front zieht immer weiter nach Westen weg. Ich bleibe trocken und passiere Orte wie Alt-Placht, Neu-Placht – alte Gutsdörfer und Vorwerke mit einer Handvoll Einwohner. Dann folge ich einem Wegweiser nach Süden, nach Annenwalde. In der Hoffnung auf eine Abkürzung direkt nach Süden, denn ich will pünktlich zum Anstoß des Spiels Deutschland-England zu Hause sein. Es sollte anders kommen. Die Landstraße hin nach Annenwalde ist gesäumt von einer prächtigen Lindenallee, meine Laune ist gut, eine Trinkflasche ist noch voll. Dann lasse ich mich verführen, einem schmaler werdenden Weg zum Örtchen Beutel zu folgen. Der endet dann im Wald. Kein Durchkommen nach Süden. Nur Wanderer haben eine Chance. Zwei Seen ohne Übergang stehen mir im Weg. Für eine schöne Rundwanderung ein wunderbarer Ausgangsort. Aber mein Granfondo ist für diesen Zweck nicht geeignet. Also zurück auf festen Untergrund und wieder hinüber nach Templin. In Annewalde wartet nicht nur eine wieder zu neuem Leben erweckte Glashütte samt Künstleraltelier, sondern auch in einer alten Scheune ein Hofladen.

Kirsch-Banane-Eis und eine Flasche Mineralwasser zum Wiederbefüllen meiner Trinkflasche trösten mich über den ungewollten Umweg hinweg. „Der Weg ist das Ziel“. Der nächste Ort heißt Densow und zieht meinen Blick zunächst auf ein Storchennest, das auf einem Mast thront. Die Störchin sitzt und bietet aktuell kein gutes Fotomotiv. Dann endecke ich auf dem First des übernächsten Hauses Herrn Storch, der würdig und entspannt auf mich herabblickt.

Schönes Haus
Stolzer Storch

Wie souverän das Tier im Einbeinstand auf dem First des Hauses mit dem herrlich stuckverzierten Giebel aus dem Jahre 1906 thront. Für mich ist dieser Anblick das Highlight der heutigen Tour. Jetzt kann ich die Kamera beruhigt wegstecken und mich auf den Heimweg machen.

Leitspruch aller Randonneure

Noch einmal durch Templin, an dem gelben Hausgiebel mit dem Zitat von Franz von Assisi vorbei, das schon mein alter Freund Claus Czycholl vor vielen Jahren als Motto für die ganz langen Strecken gewählt hatte. Dann über Hindenburg, Hammelspring und Vogelsang nach Zehdenick, wo ich in den Regio nach Berlin klettere, um dann pünktlich zum Fußballspiel in den heimatlichen Gefilden anzukommen. 155 Kilometer Kultur- und Naturgenuss. Die bleiben viel nachhaltiger in Erinnerung als die beiden eingefangenen Gegentore der englischen Mannschaft, die der unseren gezeigt hat, dass sie in Wembley auch gewinnen kann.

4 Gedanken zu “Angus-Rinder in Friedrichswalde und ein majestätischer Storch in Densow

  1. Albrechthaler Siedlung: Vor dem Mauerfall „Datschen“-Grundstücke, unter anderem auch für hochrangige Mitarbeiter des Schwedter Petrolchemischen Kombinats (PCK). Das Eigentum der gepachteten Grundstücke ist nach dem Mauerfall häufig im Rahmen der „Modrow-Verträge“ auf die Besitzer übergegangen. Wer inländische Grundstücke mit Nähe zum Wasser trotz Mücken und Bremsen mag, dem gefällt’s auch heute noch.
    Lieber DC: Deine Neugier und dein Interesse, Deine Recherche-Fähigkeit und Deine Informationsaufbereitung sind schon beachtlich. In dankbarem Respekt: gf

  2. lieber GF,
    beim Passieren von Albrechtsthal und auf der anderen Wegseite „Albrechtsthaler Siedlung“ habe ich mich schon oft gefragt, wie die Historie dieser Siedlung aussieht. Siedlung,B,C,D,… Sehr einfallsreich! Nach erster Recherche wurden die ersten Parzellen zur Erholung und Freizeitgestaltung bereits 1967 gepachtet werden. Von Berlinern hauptsächlich. Du wirst sicher mehr darüber wissen, wenn Du schon dort weilen durftest.
    keep on riding – all the best Dietmar

  3. Lieber DC:
    Annenwalde und Beutel and nowhere …
    Welch schöne Blumenansicht!
    150 km bei dieser Hitze! Und das FREIWILLLIG! Unfassbar!
    Danke für den wieder farbigen, munteren Bericht und die besonders instruktivn Bilder, die schönen. Auf Strava war ja Deine (merkwürdige) kleine Runde nordwestlich von Templin bereits zu sehen und ich fragte mich nach dem Grund. In ansprechender selbstironischer Weise gibts Du heute in Deinem Blog die nachvollziehbarer Erklärung. War neulich zu Gast in der Albrechtsthaler Siedlung am Lübbesee Nähe Ahlimbsmühle. Leider mußte ich wegen Mücken und Bremsen alsbald Reißaus nehmen. Schade. Ansonsten schöne Gegend.
    Lese ich Deine „stories“ (auch die vom 28.07.2021 betreffend „Angus-Rinder in Friedrichswalde und ein majestätischer Storch in Densow“), dann fühle ich eine kaum beherrschbaren Drang mich aufs Rad zu setzen und selber loszufahren und all die Orte und Einrichtungen zu besuchen, die Du einfühlsam beschreibst. Danke auch für den Link betreffend „Toter Mann“.

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