18. Januar 2022

Mit dem Taurine auf der Alten Hamburger Poststraße

Mein bewährtes Carbon-Taurine ist ein treffliches Gravel-Gerät. Vor 14 Jahren als eins der ersten Mountainbikes mit Carbon-Rahmen gekauft, nach fünf Jahren Frust mit der Cannondale Fatty umgerüstet auf Carbon-Starrgabel von Hitemp, dann die 26er Laufräder gegen 28″er getauscht. Jetzt kann das Wundertier mit seinen 9,2 kg ohne Schutzbleche und Anbauten locker neben den aktuellen Gravel-Bikes bestehen. Vornehmlich in Herbst und Winter kurble ich damit durch Wald und Feld.

Cannondale Taurine

So, nun genug des Vorspanns, aber das musste einfach mal gesagt werden. Und etwas Lob hat sich dieses zuverlässige Bike, das mich in den Jahren auf über 25000 Kilometern willig wie ein Arbeitspferd durch Matsch, Lehm und Sand begleitet hat, rechtschaffen verdient.

Heute wird sich die Sonne nicht blicken lassen, es soll aber trocken bleiben, und die Temperaturen sind fast zweistellig. Also raus ins Havelland! Von Hennigsdorf rolle ich nach Westen auf dem Radweg am Havelkanal entlang. Ich bin allein auf weiter Flur und genieße die totale Ruhe. Kurz vor Schönwalde-Dorf grasen hunderte von herrlichen Schafen in den Auen auf dem Gelände des ehemaligen Fliegerhorstes.

Der Radweg führt mich hin nach Wansdorf und zu einem Rastplatz, von dem aus ich mit Peter in den letzten Jahren -zig Touren durch das Havelland gemacht habe. Ich sollte mich also recht gut auskennen hier. Vor den Wander-Hinweistafeln unter den alten Eichen treffe ich einen Radler, den es, wie auch mich, an diesem grauen Dezembertag hinaus in die Natur gezogen hat. Er blättert in einem Reiseführer. Neugierig frage ich ihn, woher er kommt, wohin er noch will. Er will sich Wansdorf genauer anschauen. Kein aufwendiges Unterfangen bei diesem Ort mit wenigen hundert Einwohnern, einer kleinen Kirche und einem leicht angegammelten Gutshaus. Als ich ihm von meiner Leidenschaft für alte Bäume und meine Freude am Entdecken derselben erzähle, zeigt er mir in seinem Büchlein die „Zwölf-Brüder-Buche“, die dort als Attraktion angepriesen wird. Zwei Kilometer nördlich von hier, im Krämer-Forst, soll die Sehenswürdigkeit zu finden sein. Nein, er war auch noch nicht dort, sagt er. Aber für mich wäre das doch sicher ein schönes Ziel … Meine Neugier ist geweckt, und ich suche einen Weg hinein in das sich weit nach Nordwesten hin erstreckende Waldgebiet. Hinweise auf die Baumschönheit sehe ich nirgendwo, aber die Richtung sollte stimmen. Nach zwei Kilometern wird der gepflasterte Weg zum echten Waldweg. An einer Gabelung treffe ich auf ein Wandererpaar, das von einem großen Jagdhund begleitet wird. „Ja, dieser Weg führt zur Zwölf-Brüder-Buche.“ Ein kleiner Wegweiser würde den richtigen Abzweig weisen. Nur noch ein Kilometer. Allein, der Wegweiser kommt nicht. Oder ich habe ihn übersehen. Stattdessen wird der Weg rumpeliger, fast unfahrbar. Ich bleibe stehen und schaue endlich mal genau in meine OSM-MTB-Karte im Garmin. Ja, die Buche ist dort eingezeichnet. Also hin per Luftliniennavigation. Eine Viertelstunde später erblicke ich das angepriesene Gewächs. Eine vielstämmige Buche, die ihre Fühler weit nach oben streckt. Wirklich alt ist sie offensichtlich nicht. Das Besondere ist ihre Form mit ursprünglich zwölf Stämmen, die ganz eng beieinander eine Wuchsgemeinschaft gebildet haben. Auf nur ca. 100 Jahre schätze ich diesen Baum, gemessen an den geringen Stammdurchmessern.

Ein offenbar kürzlich herausgebrochener Einzelstamm hat nach dem Verlust eines weiteren in der Zeit davor die ursprüngliche Zwölferformation auf eine „Zehn-Brüder-Buche“ reduziert. Der Zahn der Zeit nagt! Auch die Umfriedung des Naturdenkmals befindet sich in maladem Zustand. So verlasse ich nur mäßig beeindruckt die Stätte und mache mich auf den Weg nach Norden. Irgendwann sollte ich auf die Alte Hamburger Poststraße stoßen, auf der ich dann endlich wieder flotter rollen könnte. Nur ist der Weg nicht gänzlich frei von Hindernissen.

Wer sein Rad liebt, der schiebt! Die nächsten Kilometer sind beschwerlich, aber der wunderbar duftende Wald entschädigt mich für die Mühsal. Bei Ziegenkrug, dem Ort einer ehemaligen Ausspann- und Ausruhstätte für Postkutschen, Reisende und Wanderer, erreiche ich die „Alte Hamburger Poststraße“ .

Nach dem Abriss des im Jahre 1751 erbauten Vorlaubenhauses künden nur noch ein großer Rastplatz und ein paar Informationstafeln von der vergangenen Pracht. Über 10 Kilometer führt der ehemalige Heer- und Postweg durch den Krämer. Vier Kilometer davon schnurstracks geradeaus. Gesäumt hauptsächlich von Kiefernwald. Laubbäume sind selten zu erblicken. Und wenn, dann sind sie recht jung. Beim Forsthaus Krämerpfuhl, in dem der legendäre Förster Reckin gelebt haben soll, quert der Postweg die Perwenitzer Chaussee. Just hier erblicke ich einen Wegweiser zur „Königseiche“. 300 Meter in Richtung Perwenitz sollte eine mächtige alte Eiche stehen.

Eine Viertelstunde suche ich im Zickzackkurs das Baum-Monument. Kiefern, Fichten, Gestrüpp, aber kein Gewächs, das sich Eiche nennen könnte. Dann finde ich nach der Methode Geocaching und den im Internet gefundenen Koordinaten das, was einmal die Königseiche war: ein modernder, von Farn und Laub bedeckter Stubben, kaum einen Meter hoch. Ich stehe vor den Überbleibseln der Königseiche!

Die Königseiche, bzw. das, was von ihr übrig ist

Wenn ich jetzt einen dicken Filzstift dabei hätte, würde ich den Hinweis zur Königseiche auf dem Schild durchstreichen.

Halbmeilenstein an der Poststraße

Der Hinweis auf Reckins Eiche verweist nicht auf einen prächtigen Baum, wie man meinen könnte. Nein, in 1,7 km Entfernung finde ich in Klein-Ziethen den schon seit 2019 angegebenen Landgasthof „Zur Eiche“. Hier im Ländchen Glien scheinen Schildbürger ihr Unwesen zu treiben. Jedenfalls vertraue ich ab jetzt den Hinweisen nur, wenn ich sie selbst geprüft habe.

In Klein Ziethen lauert hinter einem Tor ein Außerirdischer mit Schwert und Kampfmontur. Ungemütlich hier und Zeit, zu verschwinden. Das Tageslicht schwindet auch, und ich fahre wieder heimwärts. Am Rand von Bötzow besänftigen mich die wunderbaren Linden, die zum Dorfkern hin sich in einer langen Allee aufreihen.

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