27. Juni 2022

Berlin – Randerscheinungen

Die Tage schrumpfen Tag für Tag, langsam kommt der Winter nahe. Die Sonnenstunden werden weniger, die Tage mit Sonnenschein auch. Immer kostbarer wird das rare Gut. Heute ist Helios gut gelaunt und sendet warmes Licht auf die weiten, abgeernteten Felder am östlichen Stadtrand. Mühlenbeck, dann vorbei an den Arkenbergen, ein künstlicher Hügel, ein Schuttberg, der wieder begrünt ist und mit 122 Metern überm Meer seit 2015 die höchste Erhebung Berlins. Der Teufelsberg mit 120 Metern ist auf Platz zwei gerutscht. Kürzlich durften hier beim Gravel Krit die Sportler auf das sonst abgesperrte Gelände und Höhenmeter machen. https://www.youtube.com/watch?v=zfh4GkLkUK4

Höher werden die Arkenberge zukünftig nicht mehr, Schutt wird nicht weiter aufgeschüttet, ein Erholungsgebiet für die gestressten Großstädter soll entstehen. Und irgendwann, so die Verwaltung will und kann, dürfen hier die Mountainbiker und Graveller sich jeden Tag austoben. Als ich am Rand der trist daliegenden ehemaligen Kleingartenkolonie Arkenberge vorbeirolle, ist der Zaun noch geschlossen. Ich darf, ich muss also heute nicht da hinauf. Auf den Feldwegen sind Hunde mit ihren Menschen im Auslaufgebiet unterwegs. Französisch Buchholz ist der Ortsteil getauft, den ich auf meinem Kurs nach Südosten als Nächstes im Zickzack durchquere. Ursprünglich war es eine Ansiedlung, die um das Jahr 1770 Hugenotten, die aus Frankreich aus Glaubensgründen vertrieben wurde , eine neue Heimat bieten sollte. Heute empfängt mich ein Konglomerat aus Datschen, Einfamilienhäusern, Handwerksbetrieben, Schrottplätzen, das nach Osten vom Autobahnring abgegrenzt wird. Etwas unharmonisch, befremdlich, aber doch naturnah. Das gilt auch für den nächsten Ortsteil, Blankenburg, wo ich am typischen Empfangsgebäude des Bahnhofs aus den 20er Jahren staunend vorbeirolle. Bahnwärter, Bahnhofsvorsteher, Fahrkartenverkäufer, viel Personal war in der Blütezeit ständig vor Ort. Heute finden sich hier nur noch Fahrkartenautomaten.

Auf meinem Weg nach Osten, hinaus aus der großen Stadt, erreiche ich Neu-Hohenschönhausen. Nicht nur der Name dieses Ortsteils ist ein wahres Ungetüm

Auf dem Wandgemälde prangt der Fischerkahn von Heringsdorf

Die Häuser vor mir bekommen immer mehr Stockwerke, Beton war in Form von Plattenbauten der Lieblingsbaustoff in der DDR. Der Grundstein für mehr modernen Wohnraum wurde 1984 von Erich Honecker gelegt. Die Fertigteile für die Großbauten kamen von Firmen aus Rostock, Schwerin, Neubrandenburg und Frankfurt/Oder. Die Bauteile waren je nach Lieferant unterschiedlich geformt. Daraus resultierten verschiedene Fronten und Formgebungen. Der Herkunftsgegend der Baufirmen entsprechend, bekamen Straßen und Plätze ihre Namen.

Ein Ortsteil samt Infrastruktur mit S-Bahn und Tramlinien wurde als Musterprojekt aus dem Boden gestampft. Die Straßen und Plätze sind nach Orten in Mecklenburg-Vorpommern benannnt. Ribnitz, Ahrenshoop, Wustrow, Zingst und so weiter finden sich auf den Schildern.

Wohnungen für mehr als 60.000 Menschen entstanden. Reichlich Beton, aber auch Spielplätze, Schulen, Schwimmhallen und einige Parkanlagen, die etwas Grün ins Grau der Bauten bringen sollten. Auf der östlichen Seite der S-Bahn-Linie sehen die Bauten anders aus. Die Klötze ragen höher in den Himmel, die Neubrandenburger-, Rostocker- , Demminer Straße künden von den Plattenlieferanten aus dieser Region.

Springbrunnen und Skulpturen sollten die neue Siedlung verschönern, mit der Vergabe von „Goldenen Hausnummern“ wurden besondere Aktivitäten der Bewohner zur individuellen Gestaltung belohnt. Im Oktober 1989, kurz vor der Wende, wurden die Bauarbeiten des Projektes Hohenschönhausen-Nord offiziell für vollendet erklärt.

Auf meinem Zickzack-Kurs durch die Straßen und um die Häuser sehe ich Besonderes und Absonderliches. Schönes und Kaputtes direkt nebeneinander.

In der Mitte der 90er Jahre, kaum zehn Jahre nach Entstehung des Ortsteils, wurden umfangreiche Sanierungen und Umbauten durch die HOWOGE und andere Wohnungsbaugesellschaften vorgenommen. Heizungen und Fenster wurden erneuert, Balkone abgerissen und neu gestaltet. Und dann kam noch mächtig Farbe an die grauen Wände. Und Darstellungen von Natur und Ostsee.

Brunnen der Jugend von Senta Baldamus

Nur einen echten Mittelpunkt, einen Treffpunkt für die Menschen, kann ich nicht entdecken.

Ich sehe eine Vincent-van-Gogh-Schule, eine Schostakowitsch-Musikschule, fahre am „LindenCenter“ vorbei und erblicke den Brunnen der Jugend, der wie aus der Zeit gefallen scheint. Ursprünglich hatte die Stadt Schwerin schon 1975 den Auftrag für einen Brunnen mit Skulpturen an die Berliner Bildhauerin Senta Baldamus vergeben. Dann ging der Stadt das Geld aus und die bis dahin erstellten Entwürfe wanderten in einen Schweriner Schuppen und wurden dort zwischengelagert. Erst lange nach der Wende wurden dank der Marketinggesellschaft Berlin die zur Fertigstellung der Figuren erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt. Erst im Jahre 2002 wurde dann der Brunnen samt Figuren auf dem Stadtplatz errichtet. Nach einer über 25-jährigen abenteuerlichen Vorgeschichte. Die im Jahr 2001 verstorbene Bildhauerin hat die Einweihung nicht mehr erleben dürfen.

Zukunft?

Daneben residiert in einem waschbetonverkleideten, angegammelten Bau das Zukunftswerk Jugend. Auch eine „Tiertafel“ gibt es hier. Auf den Fenstersimsen und auf der Dachkante vergnügen sich Hunderte von Tauben. Offensichtlich Stammgäste, wie an den Hinterlassenschaften am Boden zu erkennen ist. Hier und drumherum soll ein neues „Urbanes Zentrum“ entstehen. Eine Ausschreibung zum Projekt gibt es schon. Ideen werden gesammelt, Arbeitskreise gebildet. Wenn es also in der berlintypischen Geschwindigkeit vorwärtsgeht, können sich die Bewohner in der nächsten Generation über eine echte Mitte freuen. Schaun mer mal.

Nach einer Stunde Ortsteilerkundung freue ich mich wieder auf den Blick in die freie Natur, auf die Wartenberger Feldmark, die im Norden an die Blockbebauung anschließt. Ich rolle vorbei an einem Skatepark, einem aufwändig gestalteten Spielplatz, einem Basketballfeld, einem Japanischen Garten. Das sieht gut aus und versöhnt ein klein wenig mit dem Brutalbeton der Siedlung. Die nächsten Kilometer genieße ich die erstklassige Qualität der Rad- und Wanderwege durch die Flur. Aus der Feldperspektive ist die klotzige Bebauung von Neu-Hohenschönhausen gegen die abgeblendete Sonne als Schattenriss deutlich zu erkennen.

Neu-Hohenschönhausen

Langsam arbeite ich mich zurück nach Westen über Karow und Buch. Am Stadtgut vorbei und den alten Eichen im Park. Neben Brutalbeton und dichter Bebauung ist erfreulich viel Raum für die freie Natur. Es ist eben immer eine Frage der Perspektive. Ich schaue gerne ins Grüne, auf Bäume und die kleinen Zentren der ehemaligen Vororte der großen Stadt.

Am späten Nachmittag, 70 gemächliche Kilometer zeigt das Garmin, rolle ich wieder zu Hause ein. Frische Luft und viele neue Eindrücke im Kopf. Es gibt noch viel zu entdecken.

5 Gedanken zu “Berlin – Randerscheinungen

  1. Dich und Deinen Bericht hatte ich nicht gemeint. Denn Deine Beobachtungen sind durchweg liebe- und verständnisvoll. Und häufig unterhaltend und Anlass zum Schmunzeln.
    Es gab und gibt immer Menschen, für die der Einzug in die „Platte“ ein Schritt nach oben ist, in West und Ost. Ich selber habe 10 (zehn) Jahre meines Berufslebens schwerpunktmäßig mich für solche Menschen eingesetzt.

  2. Einseitig negativ 🥲 schade, wenn das so rüberkommt. Ich kann mir sehr wohl vorstellen, dass sich Menschen hier Wohlfühlen, manche Projekte waren zu ihrer Zeit sehr fortschrittlich und vielleicht auch notwendig, um den Menschen Wohnraum zu bieten. Nur dan gehört auch dazu, die Dinge zu pflegen und weiterzuentwickeln.

  3. 1. Herzlichen Dank für den neulichen Hinweis auf Voßkanal und Ziegelei, auf Liebenwalde und Zehdenick. War selber mehrmals dort. Bin froh, von Dir Hintergrundwissen erhalten zu haben. Danke auf für den Hinweis auf das Kloster für Zisterzienserinnen in Zehdenick.

    

2. Im anderen Report schreibst Du ausführlich, bildlich und informativ über Hohenschönhausen. Ich lese dies meiner Frau vor, die wie folgt reagiert: „Gut recherchiert“ sagt sie, „gut getroffen. Das sagt eine Person, die von 1986 bis 1992 in der Zingster Straße in Hohenschönhausen gewohnt hat. Sag das bitte Deinem Hauptrandonneur“.

    3. Auch ich in kenne Plattenbauten z.B. in Köln-Chorweiler, Dortmund-Scharnhorst, das Märkische Viertel, die Gropiusstadt in Neukölln. Die einseitig negative Perspektive ist verständlich, aber ist sie nicht auch ein wenig unhistorisch?

  4. Hallo Rüdiger, hab Dank für Deine gehaltvollen Ergänzungen. Auch für mich sind diese Wohnbunker aus alter und auch aus neuer Zeit wenig menschenfreundlich. Weder drinnen noch drumherum. Manchmal staune und schaudere ich zugleich.

  5. „Wohnungen für mehr als 60.000 Menschen entstanden.“ Die „Wohnungen“ waren mit „Arbeiterschliessfächer“ im Volksmund wohl besser qualifiziert. Ich habe mal in Marzahn eine Plattenwohnung im 18. Stock (AFAIR) besichtigen können, deren Bewohner uns gezeigt hat, wie bei Starkregen und kräftiger Westlage Regenwasser durch den Winddruck waagerecht an der Innenseite einer Aussenwand eingetrieben wurde. Und Hundesch… im Treppenhaus, weil nur jedes fünfte Stockwerk Fahrstuhlanschluss hatte (Marzahn hatte um 1990 >74 %, äh, Akademikeranteil. Nun ja….) Denn das zweite Problem nach der allgemeinen Konzeption dieser Art Sorte Hochregallager für die „Herrschende Klasse“ war die Bauausführung – wenn man diesen Begriff verwenden möchte. Ich frage mich, wie die Täteräää, hätte sie denn unwahrscheinlicherweise weitere 20 Jahre überdauert, mit dem gigantischen Sanierungs- und Modernisierungsaufwand für erst 20 Jahre alte Platten hätte umgehen wollen. In (nicht nur) Halle kann man BTW sehr schön besichtigen, dass auch Megatonnen von Marketinggeschwätz und jede Menge Photoshop-Arbeitsstunden nichts daran ändern: Wer eben kann, will weg und zieht weg. Und das betrifft HaNeu (Halle-Neustadt), also eine durchgeplante sozialistische Musterstadt. 30 Jahre nach der Wende verwandelt sich HaNeu zunehmend in ein öffentlich kostspieliges Ghetto und ein soziales Krisengebiet wie aus dem Lehrbuch, NoGo-Areas für ältere Leute und Frauen ausdrücklich und erwartbar eingeschlossen. Die einst regelmässig über die Grossiedlung verteilten Kindergärten und Schulen ändern daran Nichts, zumal über Kausalitäten und Zusammenhänge nicht gesprochen werden „darf“ (meine Frau ist Lehrerin…)

    Ich betrachte diese Manifestationen einer zunehmend aus dem Gleichgewicht geratenden Gesellschaft, die ausschliesslich um das Verwertungsinteresse tanzt (das galt auch und gerade für die DDR – es nannte sich nur anders), als scheusslichen Albtraum, der kein Ende nehmen wird.

    Danke für den Bericht.

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