Nachklapp zur Tour im August 2025
Mein Zeitfenster für eine Tour ist vier Tage. Nicht üppig für eine schöne Runde. Aber bessermachen als lassen. Außerdem muss ich mein Deutschlandticket zum Ende des Monats mal wieder testen. Am Dienstagmorgen fahren die Züge wider Erwarten pünktlich. Berlin-Stendal-Wolfsburg-Hannover-Minden. Aber genau hier verpasse ich den Anschluss nach Hamm. Was soll es, auf diese Weise kann ich testen, wie das Rad mit Gepäck rollt, und bis zum Mini-Bahnhof Porta Westfalica sind es nur rund 6 Kilometer. Es rollt! Meine Beine sind locker, die Trinkflaschen gefüllt. Also kann mich eine weitere Verspätung jetzt nicht ärgern. Der RE6 rollt pünktlich ein. Zwar habe ich nur einen Stehplatz, lerne dafür aber einen netten Radler kenn, der ursprünglich aus Chemnitz kommt, heute aber ins Ruhrgebiet unterwegs ist. Radausrüstung, Training, Tourenplanung: Mein Know how saugt der Gino gierig auf. Und ich habe den Eindruck, dass ihm die Tipps einen Nutzen bringen können. Fast hätte ich den Ausstieg in Hamm verpasst, so schnell verging die Zeit beim Quatschen.
In Hamm mache ich erst einmal eine Umwegschleife nach Osten am Hamm-Lippe-Kanal entlang, bis ich schließlich auf die Nordseite queren kann, auf einen nicht beschilderten Gravelweg direkt am Deich. Pumpwerke, Kläranlagen, schließlich das Gersteinwerk, ein ursprünglich riesiges Kohlekraftwerk mit einem Kamin von 280 m Höhe. Zunächst rückgebaut und zum Gaskraftwerk umgerüstet. Heute nur noch Reserve für Versorgungsengpässe bei den „Erneuerbaren“. Wandel vom Kohlekraftwerk zum integrierten Standort für die Energiewende, so beschreibt das die RWE.


Noch ein paar Kurven und ich bin in der Altstadt von Werne, die ich von meinem letzten Besuch 2022 in positiver Erinnerung habe. Marktplatz und Rathaus und in diesen Tagen eine Wahlwerbung am Laternenpfahl: Marco Morten Pufke von der CDU will endlich die Vorherrschaft der SPD brechen.

So beschaulich die erste Runde durch die Innenstadt wirkt, so ernüchternd dann der Eingang zum gebuchten Hotel Kolpinghaus. Die Türen verschlossen, nur von der Rückseite kann ich zu einer funktionierenden Klingel vorrücken. Ein junger Mann öffnet mir und versucht sich an der Buchung meines Zimmers. Schließlich habe ich den Schlüssel in der Hand, das Topstone steht wie das letzte Mal sicher in der Kegelbahn. Beim Italiener am Marktplatz werde ich für den leichten Frust beim Einchecken genussvoll entschädigt. Beste Pasta, kühles Pils.

Frühstück wird im Kolpinghaus nicht mehr angeboten, so rolle ich am Morgen zum nächsten Bäcker und stelle mir ein frugales Mal zusammen. Die Sonne lacht, meine Laune ist nach einem Milchkaffee und belegten Brötchen bestens. Hier am Nordrand des Ruhrgebiets ist es ländlich. Man muss nur den Blick nordwärts in Münsterland hinein richten.

Pferde, Rinder, Wald und sattgrüne Wiesen prägen die Landschaft. Ich fahre am Schloss Cappenberg vorbei und bewundere den prachtvollen Toreingang, da lenkt mich ein besonderes Fahrzeug ab: Aus dem „Fléchage-Car“ schallt meinem deutschen Morgengruß ein frohes Bonjour entgegen. Klar, die erste Etappe der Deutschland-Tour wird vorbereitet. Professionell und aus der Hand der Tour de France Organisatoren.


Ich fahre über die Strecke, über die am Folgetag die Deutschland-Tour hin nach Herford führen wird. Ich bewege mich heute in Gegenrichtung und arbeite mich heran an Lünen, Waltrop und dann Henrichenburg.



Ich bin in der Gegend der Trinkhallenkultur angekommen. Schließlich umkurve ich das alte Schiffshebewerk Henrichenburg und habe Mühe, den richtigen Track am Rhein-Herne-Kanal zu finden, der mich schließlich auf die Erzbahntrassen führen soll.

Die habe ich in allerbester Erinnerung. Einst wurden über die Erzbahntrasse die Hochöfen von Schalker und Bochumer Verein mit Eisenerz versorgt. Nach einiger Kurverei rolle ich am Bahnhof Herne, dann am Bahnhof Wanne-Eickel vorbei, und kurz darauf erklimme ich die Erzbahntrasse. Nur Radfahrer sind hier unterwegs plus einige Spaziergänger. Pure Entspannung – kein Autoverkehr.



Minuten später kann ich mein Topstone bei Holgers Erzbahnbude parken. Ich gönne mir ein Alkoholfreies Weizenbier, dazu eine Knackwurst. Des Ruhrpotts feine Küche. Holger treffe ich heute leider nicht an, er ist beim Einkauf unterwegs. Schließlich will er seine Kunden immer satt und zufrieden machen.

Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich langsam aufbrechen soll in Richtung Zeche Zollverein, schließlich will ich den Prolog der Radprofis erleben. 10 Kilometer weist der Radwegweiser aus bis dort. Nach reichlichen Schleifen kreuz und quer zwischen den Mannschaftsbussen und den präsentierten Rädern hindurch, lehne ich meinen Packesel an einen Stahlträger an.

An jedem Wurst-, Pommes- und Bierstand haben sich Hungrige und Durstige angereiht. Ich kann mich nicht entschließen, mich in eine Warteschlange zu drücken.
















. Der Prolog war ein Einzelzeitfahren auf einem drei Kilometer Zick-Zackkurs durch das Zechengelände. Motorrad-Teamfahrzeug-Fahrer … und das Ganze 120 Mal. Ganz interessant, aber Spannung kommt da nicht auf, höchstens Respekt vor den Fahrern, die mit Highspeed um die Ecken kurven.
Irgendwann habe ich genug gesehen und setze Segel südwärts in Richtung Ruhrauen. Raus in die Natur. Ich fahre einfach der Nase nach, schließlich kenne ich mich doch aus in dieser Gegend. Fehleinschätzung! Auf der südlichen Ruhrseite muss ich mich einen langen Hügel hocharbeiten in Richtung Hattingen. Zwei junge Rennradlerinnen überholen mich locker. Aber in der Abfahrt ins Tal hole ich sie wieder ein, als sie von einer Ampel gebremst werden. Daumen hoch in meine Richtung! Danke! Das tut gut.
Nach einigem herumsuchen finde ich eine Herberge in einem Hotel in einer Tennisanlage, wo eine große Halle genau vor den Zimmerfenstern steht. Ich wundere mich über die wunderbare Aussicht und den „Wandblick“. Entschädigen tut mich das herzhafte Essen mit Bratkartoffeln und Rührei, dazu leckeres Pils.

Bei herrlich blauem Himmel mache ich mich am nächsten Morgen auf nach Witten und Hagen.


Dann arbeite ich mich ins Lennetal hinein, nach Altena, wo die stolze Burg über der Altstadt thront.


Ein treffliches Beispiel für die typische Nutzung der alten Bausubstanz liefert ein Tattoo-Studio in einer vormaligen Apotheke.

Jugendherbergsgründer Richard Schirrmann schaut mit traurigen Augen in die Altstadtgasse, mit mehr Leerstand als Wohlstand. Von 34000 Einwohnern im Jahr 1970 sind gerade noch 16800 geblieben. Die Metallindustrie, die Drahtwerke, für die Altena berühmt war, gibt es nicht mehr. Die Ruinen am Lenneufer machen auf bestürzende Weise deutlich, wie Strukturwandel sich auswirken kann.

Mein Opa väterlicherseits war hier Drahtzieher und konnte mit harter Arbeit seine Familie gut ernähren. Im Drahtziehermuseum auf dem Burgberg ist er auf einem Foto zu sehen.
Ein paar Lennekurven flussaufwärts wächst vor mir das Kraftwerk Elverlingsen in die Höhe.

Mehr als 4500 Tonnen Steinkohle täglich wurden hier einmal verstromt. Heute dienen Teile der Anlagen noch als Batterie-Speicherkraftwerk und zur Verfeuerung von Klärschlamm. Die beiden 200 und 280 Meter hohen Kamine wurde am 28. November 2025 gesprengt.
Ein paar Kilometer weiter rolle ich in Werdohl ein, die Stadt meiner Jugend. So richtig attraktiv war dieses Städtchen nie. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Aber gegenüber Altena wirkt der Ortskern geradezu frisch und bunt.


Jetzt verlasse ich das Lennetal und kurbele hinauf nach Neuenrade, wo ich mit meinen Eltern bis 1963 gewohnt habe. Eine Kurve drehe ich noch hin zum Friedhof und bürste das Moos vom Gedenkstein des Grabes meiner Eltern. Hier setze ich mich hin, lenke meine Gedanken in die alten Zeiten und hoch hinauf in den Himmel. Eine Stunde später sitze ich wieder auf dem Rad und erklimme die nächsten Höhenmeter.
In Neuenrade setze ich Kurs hinüber zum Flugplatz Werdohl-Küntrop, wo ich über 20 Jahre meinem Hobby und meiner damaligen Hauptbeschäftigung, der Fliegerei, gefrönt habe.



Etwas wehmütig, aber auch neugierig schaue ich hinunter zur Segelflugzeughalle mit dem angrenzenden Wohnwagengelände. Die Bäumchen, die wir in den 60er Jahren hier gepflanzt haben, sind zu veritablen großen Schattenspendern herangewachsen. Nachdem ich mich beim Piloten der Einmot auf dem Vorfeld als „Ehemaliger“ geoutet habe, darf ich per Rad quer über die Startbahn rollen. In der Halle stehen ein Motorsegler und ein Segelflugzeug-Doppelsitzer.
Es fühlt sich an wie ein Ausflug in meine Jugend und die Zeit von Studium und Sozialisierung. 45 Jahre und mehr sind seither vergangen. Jedes Wochenende, beginnend am Freitag und endend montags oder gar erst am Dienstag, verbrachte ich im Wohnwagen und in der Gemeinschaft der Flieger.

Das Symbol der „Knackeule“ trägt der Verein auch heute noch.
Und jetzt kommt die Überraschung schlechthin: Hinter der alten Kantine entdecke ich eine Gruppe alter Herren, die an der Kaffeetafel sitzen. An einem Freitagnachmittag! Als ich an den Tisch gehe, werde ich mit lautem, wenngleich etwas ungläubigem Jubel empfangen. Ich erkenne jeden, jeder erkennt mich! Nur wir zählen eben nicht mehr 25 jugendliche Lenze, sondern 75 Jahre oder ein paar mehr.

Volker, Knut, „Muffen“- Peter, Lippi, Fritz, Roland, Dieter… Die Oldies treffen sich hier jeden letzten Freitag im Monat und tauchen in alte Zeiten ein. Und heute bin ich der Überraschungsgast.
Wir kommen gar nicht aus dem Erzählen und Diskutieren heraus. Ich werde mit Kuchen und Kaffee bewirtet, garniert mit Stories von den gemeinsamen Erlebnissen. Und die sind reichlich vorhanden.

Über der Bar der Kantine zieht meine Lieblings-Schleppmaschine, Jodel D-EETN, einen Segler in die Lüfte.
Die nächsten zwei Stunden vergehen „wie im Fluge“. Dann kehren wir noch im Ikarus, dem Vereinslokal, ein und stärken uns mit Pasta und Pils. Um halb neun, die Dämmerung setzt langsam ein, rolle ich mit Peter, der zu meinen ersten Flugschülern gehörte, gen Balve. Dort wohnt er , und ich habe mein Hotelzimmer im Hotel „Haus Drei Könige“ gebucht. Glücklicherweise lässt mich der Ort vom Imbiss „Dreikönigsgrill“ ins Haus. Außer ihm ist keinerlei Personal zu erblicken. Das Bett ist weich, meine Träume tief.

Am Samstagmorgen mache ich noch ein paar Kilometer hin nach Menden und suche und finde das Walramgymnasium, wo ich einen Supersportlehrer hatte, der gar nicht verstehen konnte, dass ich das Segelfliegen dem Mittelstreckenlauf vorgezogen habe.



Frühstück in Fröndenberg


Am Heimweg in der Nähe von Bad Oeynhausen. Wat et all gibt!
Schön war die Tour in den Pott und an Lenne und Hönne. Mit vielen geweckten Erinnerungen an vergangene Zeiten
