Metropole Ruhr – kreuz und quer durch den Pott – Teil 3

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Nach einem opulenten Frühstück im Hotel-Café Deluxe in Hervest bei Yasemin verabschiede ich mich herzlich und auch dankbar für die erwiesene Gastfreundschaft. Ganz im Sinne der ursprünglichen Ruhrpott-Kumpel.

Der Tag beginnt beschaulich und entspannt. Vom Nordrand an den Südrand des Potts will ich heute radeln. Bis hin zur Ruhr-Uni und schauen, wie die Stätte meines langsemestrigen Lernens sich entwickelt hat. Auf dem ersten Abschnitt des Tages verschmähe ich die City von Marl. Zu Unrecht, wie ich später nachlese. Am Citysee stehen Skulpturen von Hans Arp und Bernhard Heiliger. Mögen die beiden es mir nachsehen, dass ich ihre Werke achtlos passiert habe.

Das erste Industriedenkmal des Tages bekomme ich in Langenbochum zu Gesicht. Langenbochum ist ein Stadtteil von Herten und hat mit der Stadt Bochum so gar nichts zu tun. Langenbochum – von einer langen Buchenallee gesäumt: Daher rührt der Name des Stadtteils.

Die alte Schachtanlage „Schlägel und Eisen“ ist umfunktioniert zum Standort neuer Unternehmen, die im historischen Umfeld Hallen und Flächen nutzen. Schön anzusehen.

Ein paar Meter weiter passiere ich den Eingangsbereich von Herta. Genau! Für die älteren Semester der Inbegriff von Wurst- und Fleischwaren. Größter Arbeitgeber in der Region. Schon 1986 verkaufte die Gründerfamilie Schweisfurth das Unternehmen an den Nestlé-Konzern. Bis heute wird hier Fleisch zu Wurst verarbeitet. In den frühen 70ern, als oft mein Frühstück aus einem Kringel Fleischwurst plus Brötchen bestand, war Herta für mich der Inbegriff von Wurstgenuss. Im Verlauf der Zeit habe ich dem Genuss von Fleisch fast gänzlich abgeschworen, und der ursprüngliche Eigner Karl-Ludwig Schweisfurth mutierte „in seinem zweiten Leben“ vom Wurstfabrikanten sogar zum Ökolandwirt und Vegetarier.

Auf den folgenden Südwärts-Kilometern wächst vor mir die imposante Halde Hoheward in die Höhe. Ein gesperrter Tunnel führt geradewegs nach Süden unter dem Abraum hindurch, ist aber zugesperrt. Der Radweg führt im Osten herum um die Halde, die sich in Schichten aufgebaut auf erstaunliche 152 Meter Höhe auftürmt. Über 100 Meter menschengemachter Berg im Pott. Obendrauf ein Observatorium, wo in zwei riesigen Bögen der Jahresverlauf der Sonne nachgebildet ist.

Ein Gravelweg verläuft in weiten Bögen auf halber Höhe um die gesamte Halde herum, Aussichtplattformen laden ein zum Schauen und zum Rasten. Am Ende schwinge ich mich hinunter zur ehemaligen Zeche Ewald mit ihrem mächtigen Doppelbock-Förderturm. Schon vor 150 Jahren wurde hier mit dem Abteufen von Kohle in über 400 Metern Tiefe begonnen. Am Anfang der Zechengeschichte drehten sich die Förder-Scheibenräder im Ziegelbauwerk des Malakowturms, erst in den 50er Jahren wurde der Stahlförderturm über Schacht 7 errichtet. Auf diesem Zechengelände ist die Bergbaugeschichte des Ruhrgebietes in einem einzigen Rundgang erlebbar.

Mit dem jungen Mann, der den Imbissstand betreibt, komme ich ins Gespräch: Hier ist viel geplant: Oldtimerausstellungen, Gastlichkeit, Events … Er ist sehr optimistisch, was die Zukunft des Areals betrifft, und will trotz BWL-Qualifikation hier bleiben. Es gefällt ihm. Er ist motiviert. Mir gefällt das auch.

Wieder einmal, fast unvermeidlich, schwenke ich auf dem Kurs nach Süden ein auf die Erzbahntrasse. Holgers Erzbahnbude ist, zumindest auf meiner Ruhr-Tour, der Mittelpunkt des Potts. Ein Kaffee, ein Pläuschchen, weiter geht’s. Die Jahrhunderthalle markiert den Rand von Bochum. „Fuck Putin“ lese ich auf einem besprühten Stein.

Ich stimme zu! Das Parkgelände ist weitläufig und schön gestaltet. Trotzdem zieht es mich weiter: Ich will unbedingt nach Bochum-Weitmar, zur Galerie m, zum Park Weitmar. Damit verbinde ich meine frühe „Bildungs-Sozialisierung“ . Erich Reusch, schon in den 70ern ein namhafter Bildhauer und damals Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, nahm mich 1974 mit zu einer Vernissage im Schlosspark Weitmar, in der Galerie m. Norbert Kricke, Max Imdahl – diesen Kunstgrößen wurde ich unbedeutender Student vorgestellt. Und, oh Wunder, sie diskutierten, sie tranken Wein mit mir … sie nahmen mich ernst. Ein prägendes Erlebnis für mein Leben. Und heute will ich unbedingt in diesen Schlosspark, zur Galerie m.

Auch heute noch, immer noch, sind das Schloss und die Galerie m ein Hort der modernen Kunst. Einfach wirken lassen, einfach verweilen, einfach wohlfühlen, dankbar zurückdenken.

Der Tag ist noch lang, die Ruhr-Uni wartet noch auf mich, aber darüber werde ich im nächsten Beitrag berichten.

Veröffentlicht am
Kategorisiert als Berichte

Von randonneurdidier

1950 im Sauerland geboren, Uni Bochum, Daimler Stuttgart, dann Berlin. Hobby Segelfliegen, Motorfliegen und spätberufener Langstreckenradler. 3-facher Opa.

3 Kommentare

  1. Hallo Winfried, als ich nach so langen Jahren wieder richtig eingetaucht bin in Region, Landschaft und Kumpel-Kultur, war mir klar, dass ich so etwas wie eine Seelenverwandtschaft spüre dort. Ein sehr schönes Gefühl! Und wenn es Dir ähnlich geht – wunderbar.

  2. Hallo Randonneurdidier,
    seit längerem folge ich Deinem Blog und habe mich immer gefragt, woher dieses Gefühl einer Verbundenheit mit dem vermeintlichen „Ossi“ kommt. Spätestens seit Teil 3 der Ruhrgebietsrundfahrt mit Max Imdahl weiß ich es! Nach inzwischen fast 30 Jahren in München ist Dein Bericht über’s Ruhrgebiet wie ein Nachhausekommen nach Bochum. Vielen Dank dafür!

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