Über Gibraltar nach Kettwig

Teil 2 von Ruhr, Lenne, Rahmede, Volme .

Warum ich über Gibraltar fahre? Das Rätsel löse ich später.

Die ersten Kilometer von Lüdenscheid nach Brügge kann ich einfach locker rollen lassen, immer bergab. Einzig der Schwerlastverkehr und der fehlende Radstreifen ärgern mich ein wenig. Ein Radweg existiert an der Volme trotz langjähriger Planung und vieler Versprechen immer noch nicht. Ich lese über Planfeststellungsverfahren etc. Und vor allem soll geprüft werden, ob die B 54 nicht jetzt schon für den Radverkehr geeignet sei. Uff! So ist das in unserem Lande mit der Realisierungsgeschwindigkeit. Zumindest komme ich schnell voran auf der glatt geteerten Bundesstraße. Schon bin ich in Schalksmühle, wo ich ursprünglich meine Cousine besuchen wollte, aber einfach keinen Kontakt bekam. Schade drum. So rolle ich weiter durch das dritte Industrietal mit reichlich noch nicht umgenutzten Bauten aus den letzten 100 Jahren. Bei Dahlerbrück entdecke ich einen EDEKA-Markt mit meinem Namen.

Ich brauche nichts, ich habe noch keinen Hunger, weiter geht’s nach Hagen.

In Hagen und durch Hagen fährt es sich recht entspannt. In der Innenstadt ist die Beschilderung zur Ruhr hin gut. Hagen hat sich besser entwickelt als ich vermutet hatte.

Bunkermuseum

Am Bunkermuseum halte ich kurz an, Erinnerungen an die Erzählungen meiner Eltern werden wach. Hagens Innenstadt war am Ende des 2. WK zu annähernd 100% zerstört. Trümmerfrauen gab es nicht nur in Berlin. Als Region mit vielen Rüstungsbetrieben war Hagen bevorzugtes Ziel der Bombenangriffe.

In Herdecke erreiche ich die Ruhrauen. Schön saftig grün, endlich keine Autos mehr, wie in einer anderen Welt.

Stausee um Stausee ist in die Ruhr eingebaut. Hengsteysee, Harkortsee, dann der Kemnader See. Er ist der jüngste der sechs Ruhrtalseen. Als ich noch an der Ruhruni studierte, konnte ich hier noch trockenen Fußes durch die Auen laufen. Seit 1979 ist die Gegend ein Eldorado für Wassersportler und alle Menschen, die eine kleine Auszeit suchen. Ich gönne mir eine Riesenportion Pommes und einen Milchkaffee. Die Menschen flanieren und lassen es sich gut gehen. Die Gänse fühlen sich auch sichtlich wohl. Nun zur Auflösung des Gibraltar-Rätsels: Am heutigen Westrand des Sees wurde auf der Zeche Gibraltar von 1830 bis 1925 Steinkohle und Erz gefördert. „Die Zeche Gibraltar Erbstollen ging 1786 in Betrieb, wurde aber kurz darauf wieder stillgelegt. Benannt wurde die Zeche nach der Festung Gibraltar (Belagerung von 1779 bis 1783)“ . Hier weitere Info zur Historie

Ehemaliges „Mundloch“ der Zeche – Foto von Oliver Pelczer

Heute ist das Zechengebäude restauriert und wird vom Ruderverein der Ruhruni als Boots haus genutzt.

Auf dem Ruhrtalweg lässt es sich herrlich rollen, Landschaft und Industriekultur genießen. Ich habe es nicht eilig und sauge die Eindrücke gierig auf.

Ich folge den Mäandern der Ruhr, erblicke auf der Nordseite des Flusses die Villa Hügel. Der Prunkbau in Essen war von 1873 bis 1945 das Wohnhaus der Unternehmerfamilie Krupp. Mit ihren 269 Räumen inmitten eines 28 Hektar großen Parks über dem Baldeneysee gelegen, ist sie weit mehr als der Wohnsitz einer bekannten Unternehmerfamilie – sie ist ein Symbol des Zeitalters der Industrialisierung Deutschlands. Noch ein paar entspannte Kilometer und ich erreiche die Altstadt von Kettwig, erst seit 1975 Stadtteil von Essen. Ich lese, dass die Bürger sich seinerzeit heftig gegen die Eingemeindung gewehrt haben. Bis zum heutigen tage fremdeln die Ur-Kettwiger mit der Großstadt Essen. Auch für mein Empfinden hat die kleine, wunderbar restaurierte Stadt so gar nichts mit den anderen Stadtteilen Essens gemein.

Zum Hotel, zwei Kilometer entfernt an der Schmachtenberger Straße, darf ich endlich ein paar Höhenmeter drücken. Schwitzen, duschen und dann zu Fuß hinunter in die Altstadt. Fachwerkhäuser, schmale Gassen, sauber, gepflegt… dann stehe ich vor dem Weincafé Cuvée, wo ich einen hauchdünnen Flammekuchen esse. Köstlich! Dazu einen kühlen Rosé. Das Café residiert im wahrscheinlich ältesten Steinhaus Kettwigs, das ursprünglich mal eine Schmiede war. Restauriert und bewirtschaftet von einer Wissenschaftlerin im „Nebenberuf“. Die promovierte Chemikerin Özgül Agbaba steht an vier Tagen in der Woche hinter der Theke und wirkt so, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätte. Hauptberuflich ist sie im Max Planck Institut für Kohleforschung tätig. Eine wahrhaft seltene Verbindung.

Ich schlummere gut in Kettwig. Am nächsten morgen genieße ich die kurze Abfahrt hinunter an die Ruhr und schwinge mich durch die Auen nach Mülheim.

Von hier soll mich mein 49-Euro-Ticket wieder nach Berlin zurückbringen. In 7 h 24 min und mit 5 Umstiegen. Wäre doch gelacht! Doch auch heute kommt es wieder anders als geplant. Verspätungen, verpasste Anschlusszüge, Umwege … Am Nachmittag strande ich in Bremen, weil ich versuche, auf einem Nordbogen näher an die Hauptstadt zu kommen. Dann entscheide ich mich, statt umzusteigen, die alte Hansestadt endlich näher in Augenschein zu nehmen. Es lohnt sich. Roland, Dom, Rathaus, Schnoorviertel, Milchkaffee, Apfelkuchen … Ich vergesse die Misslichkeiten der Bahnfahrt und entscheide mich, noch einen Tag an meine Tour dranzuhängen. Letztes Ziel des Tages: Verden an der Aller. Dieses mal anstelle Ruhrauen Weserauen. Und eine Übernachtung mehr. Am Samstag dann nach einer Kurzetappe nach Rotenburg/ Wümme im Regen endlich über Hamburg Harburg ohne Zugausfälle heim.

Streckenbilanz: 1100 Kilometer Bahnfahrt – knapp 400 Kilometer per Rad. Demnächst besser wieder umgekehrt in der Gewichtung. .

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Drum nähme ich den Stock und Hut und tät das Reisen wählen. “ Matthias Claudius (1740-1815)

4 Kommentare zu „Über Gibraltar nach Kettwig

  1. Hallo Alter Junge, wie schön, dass Dir meine Beiträge gefallen und solche Erinnerungen wach machen. Für eine nächste „Flachtour“ wo auch immer – bin ich gerne bereit. Herzlich Dietmar

  2. „Es ist nie zu spät“

    Hallo Dietmar,
    trotzdem ärgere ich mich, dass ich mir bisher zuwenig Zeit genommen habe, Deine tollen Berichte zu lesen – wird nie wieder passieren.
    Der Bericht über unsere gemeinsame Kurztour Kocher/Jagst hat mich wach gerüttelt. Aber nicht nur das, inzwischen habe ich richtig Spaß am Radeln. Statt Walking, rauf aufs Bike und mal eben entlang der Naab und Donau geradelt, flach wie mit Dir geübt. „Des daugt mer“ wie wir Bayern sagen.
    Zu Deinem Tourbericht an die Orte Deiner Kind- und Jugendzeit. Er hat mich an einer Stelle sehr an meinen Vater erinnert. „Ich bin die nächsten 3 Tage in Werdohl“ hör ich ihn sagen und ich sehe sein Lächeln im Gesicht. Als Einkäufer bei der Firma Kienzle Apparate hat er in Werdohl Stahl eingekauft. Ja, in den 60igern fuhr der Einkäufer noch zum Lieferanten und nicht umgekehrt. Das Geschäft wurde persönlich verhandelt und nicht anonym im Internet. Er fuhr immer sehr gerne nach Werdohl mit seinem Dienstwagen, einer Isabella aus dem Hause Borgward. Mit dieser Erinnerung kann ich auch nachvollziehen, wenn Du beschreibst welch wirtschaftlicher Wohlstand dort herrschte.
    Danke für diesen tollen Bericht, der nicht nur Lesefreude auslöste bei mir.
    Jetzt werde ich mit Freude in Deiner „Chronik“ blättern und auf weitere Beiträge von Dir warten.
    Bis bald oder bis zur nächsten Flachtour mit unseren BioBikes! Peter

  3. „Von hier soll mich mein 49-Euro-Ticket wieder nach Berlin zurückbringen. In 7 h 24 min und mit 5 Umstiegen. Wäre doch gelacht!“

    Lach! Aber wirklich mutig, diese Planung. Das hätte auch mal geklappt – vor langer langer Zeit, als der Name Mehdorn völlig unbekannt und Kohl nur ein Gemüse war. Als Sozialdemokraten noch ungeschrödert und Grüne noch Grüne waren ohne Roth zu werden. Und die SPD-Bildungsreform von 1976 ihre volle destruktive Kraft noch nicht hat entfalten können – also vor fast einem halben Jahrhundert. Aber immerhin: Ein Zug ist ja wenigstens überhaupt gekommen… Von Sachsen-Anhalt aus muss man das einen schönen Teilerfolg nennen, der Anlass gibt, zuversichtlich in die trübe Zukunft des Landes zu schauen…

    Ansonsten eine interessante Tour und, ja, Bremen ist eine sehr schöne Stadt.

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