27. Juni 2022

Die Silkebuche – in Memoriam

Diese Buche ist für mich die schönste und die älteste, die ich je gesehen habe. Über 300 Jahre hat sie ihre mächtigen Äste in den Himmel gestreckt, hat mit ihrer erhabenen Erscheinung sicher abertausende Menschen beeindruckt und genausoviel Weidetieren in früherer Zeit als Hutebaum Schutz geboten. Als ich diesen Baum zum ersten Mal sah, konnte ich mich nicht sattsehen am moosigen Grün des Stammes, an der unglaublich weit auskragenden Krone mit den stammdicken Einzeltrieben. Ein Baum, der mich in seinen Bann zog mit seiner Größe und seiner Gestalt.

Im Mai 2020 konnte ich sie noch in voller Pracht bewundern. Sie bot Schutz vor Sonne und vor Regen, wie ein riesiger Schirm wölbten sich die Äste in die Breite. Ich staunte über das statische Wunderwerk der Natur. Da ahnte ich noch nicht, wie krank die Buche schon lange im Inneren war. Borkenkäfer und ihre Verwandten haben über viele Jahre ganze Arbeit geleistet. Die Pilze erzeugten Braun- und Weißfäule. Bis der mächtige Stamm im Inneren komplett marode war und irgendwann nicht mehr in der Lage, die Last der mächtigen Äste zu tragen.

Die Silkebuche ist nun eine Nahrungsquelle für die Käfer, die Pilze und auch die Bäume, die nach ihr hier wachsen werden. Der Kreislauf der Natur! Aus vergangenem Leben wächst neues Leben.

Erinnern werde ich mich immer an den Kraftbaum, wie ich ihn das erste mal sah, riesig, mächtig, voller Ausstrahlung: wie hier zu sehen.

Der Sage nach hatte einst ein Förster den 30. Geburtstag seiner Frau Silke vergessen und kein Geschenk besorgt. Daraufhin wollte er sich voll Gram und Scham im Wald erhängen. Doch da sprach ihn ein kleines Männlein an und gab ihm den Rat, seiner Frau doch diese schöne Buche zum Geschenk zu machen. Der Förster eilte nach Hause, nahm seine Frau an die Hand und führte sie zu der Buche. Dort stand inzwischen – wie von Zauberhand hingestellt – eine festliche Tafel, gedeckt mit allem, was das Herz begehrt, und der Förster feierte mit seiner Silke bis in die tiefe Nacht hinein.

Silke ist seit 300 Jahren nicht mehr, auch der Förster wird das Zeitliche seit Jahrhunderten gesegnet haben. Die Geschichte aber lebt. Auch jetzt noch, wo die Silkebuche sich darniedergelegt hat.

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