Das Colnago braucht auch mal frische Luft

Vor genau 40 Jahren fuhr Andre Roest aus Venlo auf einem wunderschönen blau-metallic schimmernden Colnago einige Erfolge bei Rundstreckenrennen ein. Und 1983, im Jahr danach, wurde mir mein geliebtes Koga, das ich im im Jahr zuvor bei Clemens Großimlinghaus, genannt „Mücke“, erworben hatte, einfach aus dem Kellerverschlag geklaut. Die Versicherung zeigte sich gnädig und überwies mir 1600 Mark, den Kaufpreis für das „Gentsracer“. Auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger half mir unser damaliger Fuhrparkleiter von MB in Krefeld mit seinen Beziehungen in die Rennszene. „Fahr einfach zum Andre Roest nach Venlo, der hat sein Colnago, das er nur einige Rennen gefahren ist , im Schaufenster zum Verkauf stehen“. Eine halbe Stunde später sitze ich im 230 CE und sause nach Venlo. Mitten im Arbeitstag. Die Freiheit nehm ich mir, das muss jetzt sein… Dann stehe ich vorm Radladen von Andre Roest. Formatfüllend im Schaufenster prangt ein herrliches Metallic-blaues Colnago zum Kaufpreis von 1800 Mark. Jetzt nur nicht zeigen, dass ich mich schon verliebt habe, nur nicht zeigen, dass ich eigentlich nicht mehr verhandeln will… Es ist um mich geschehen, als ich die Campa-Super-Record Ausstattung, die Mavic SSC-Blue Räder gesehen habe. Ganz cool betrete ich den Laden . Eine halbe Stunde später liegt das Traumrad im Kofferraum. Ich habe es tatsächlich für genau 1600 DM kaufen können. Ein Glückstag.

Viele Tausend Kilometer sitze ich in den 39 Jahren nach dem Glückskauf auf dem herrlichen Rad. Es hat mich keinen einzigen Moment im Stich gelassen. Die Qualität: schier unglaublich. Meine Aufzeichnungen belegen mittlerweile über 100.000 Kilometer Laufleistung. Einzig das Innenlager, die Kurbelgarnitur war einmal und natürlich Ketten und Ritzel regelmäßig zur Erneuerung fällig. Die Laufleistung einer Kurbelgarnitur mit über 60.000 km glaubt mir heute kein Redakteur von ROADBIKE mehr. Aber es ist die Wahrheit! Solange hielten einmal die Baugruppen. Und das Super Record-Schaltwerk, die Schalthebel, die Bremshebel… Alles Original! Funktionieren wunderbar, wie in besten Tagen!

Leder und Stahl

Eine Ode an die Langlebigkeit!

In unseren Tagen suggerieren Herstellermarketing und Fachpresse Lebenserwartungen von Gruppen und Bauteilen im Bereich von < 3000 km. Fortschritt ???

Dem aufmerksamen Leser wird es nicht entgangen sein, metallic-blau ist der Rahmen auch nicht mehr. Einige Macken und Abplatzer hatten mich vor zehn Jahren auf die Idee gebracht, die Columbus-Rohre neu pulvern zu lassen. Die Spezialisten von Neuser am Innsbrucker Platz verwandelten Blau in feines Anthrazit. Die Chromteile wurden noch klar überpulvert. Saubere Arbeit. Bis heute ohne jede Abnutzungserscheinung.

Am Oberrohr der Startnummernhalter von Andre Roest

Zeitsprung!

Heute habe ich nach langen Wochen endlich wieder einmal Ernesto, wie ich mein Colnago getauft habe, aus dem Kellerdunkel ins Licht geholt. Warum habe ich dies wunderbare Rad solange verschmäht? Keine Ahnung. Endurace, TREK, Basso, Granfondo Titan… Sie alle wollten auch bewegt werden. Heute ist aber endlich Ernesto an der Reihe.

Eine schöne Runde nach Norden, hin zum Werbellin, rein in die Barnimwellen, das wird dem alten Renngerät gefallen. Ich rolle über Schönwalde, Basdorf und Klosterfelde nach Norden.

Vorbei am „Tapferen Schneiderlein“ in Klosterfelde, dann hin zum Werbellin, an der Rosenbecker Schleuse mit dem wundersamen Ausflugslokal „Zur kleinen Moldau“ vorbei. Irgendwann muss ich unbedingt hier ein tschechisches Bier trinken.

Weiter rolle ich am Werbellin entlang nach Joachimsthal, endlich den Kaiserbahnhof mal von innen betrachten…

Um von der Hauptstadt in die Schorfheide oder direkt nach Joachimsthal zu kommen, musste man in Britz (1842) bei Eberswalde auf die Kutsche umsteigen. Das galt sogar für den Kaiser. Mit dem Bau der Nebenstrecke Britz-Joachimsthal-Templin-Fürstenberg wurde es vor allem für die kaiserliche Reise zur Jagd wesentlich komfortabler. Hier nahe beim Werbellinsee errichtete man einen Bahnhof, den es so zwischen Berlin und der Schorfheide kein zweites Mal gibt. Dieser wurde im Jahr 1898 eingeweiht. Kaiser Wilhelm der II sorgte dafür, dass eine Bahnstation auch für den Hof und die Staatsgäste entstand. Diese Station erhielt den Namen Bahnhof Werbellinsee (der im Volksmund schon immer Kaiserbahnhof hieß). Quelle: Amt Joachimsthal

Oft habe ich schon vor dem mittlerweile sorgfältig restaurierten Gebäude gestanden, noch nie war ich drinnen. Das hole ich jetzt nach. Eine freundliche Dame, die gerade mit der Pflege der Grünanlage beschäftigt ist, begleitet mich in die Räume, die so gar nichts von einem klassischen Bahnhof haben. Malereien, Schnitzwerk, fürstliche Sitzgelegenheiten, und ein Kamin sollten es Wilhelm II erleichtern, auf seine Kutsche zu warten, die ihn mehrmals pro Jahr in sein Jagdhaus Hubertusstock am Werbellinsee gebracht hat. In der Zeit von 1898 bis 1914 war der Kaiser hier zu Gast. Dann war es vorbei mit der Herrlichkeit. Der erste Weltkrieg war ausgebrochen, nicht ganz ohne Zutun des Kaisers. Die Biografen sind sich nicht ganz einig über seine Rolle dabei.

Am Bahnsteig könnte ich jetzt in den RB 63 einsteigen, der zwischen Eberswalde und Templin verkehrt. Mit Anschluss an die große Welt. Ich ziehe für die Weiterfahrt mein Colnago vor. Ich bleibe aber auf dem Wege nach Templin immer nah dran an der Schorfheide-Bahn.

“ Nächste Station Friedrichswalde“ , wo mein Lieblingsbäcker Hakenbeck sein wunderbares Brot backt. Heute hat er seinen verdienten Ruhetag. Mein Magen knurrt weiter und wird nur unwillig mit einem Saitenbacher-Riegel ruhig gestellt.

Ernesto bewundert die Tierwelt der Schorfheide an der „Kunstkate“ in Friedrichswalde

Friedrichswalde, Ringenwalde, Templin, Vogelsang. Heute, am Montag ist es nicht leicht, eine Futterquelle zu finden.

Erst im Gasthof Stadtgarten in Zehdenick, neben der Zugbrücke an der Havel, werde ich fündig. Ich bestelle einen Käse-Burger mit Pommes, dazu ein großes Bitburger. Schmeckt sehr lecker, gibt Kraft und gute Laune. 45 Minuten später sitze ich wieder auf dem Stahlgerät und freue mich auf die letzten 45 Kilometer des Tages. Ers wird langsam Zeit, denn ich habe nur eine Rückleuchte, aber keine Frontlampe dabei. Völlig untypisch für mich. So muss ich mich beeilen, noch im Hellen wieder daheim anzukommen.

160 Kilometer hat mein Garmin gezählt heute. Ernesto flüstert mir zu, dass er solche Runden mit mir gerne öfter rollen würde. Schaun mer mal.

Von randonneurdidier

1950 im Sauerland geboren, Uni Bochum, Daimler Stuttgart, dann Berlin. Hobby Segelfliegen, Motorfliegen und spätberufener Langstreckenradler. 3-facher Opa.

3 Kommentare

  1. Danke für a) die Teilung Deiner schönen und nachvollziehbaren Erinnerungen mit und für b) das abermalig inspirierende Hinüberwechseln in die Gegenwart. Ich bekommen Lust auf die nächste Radfahrt.

  2. Offensichtlich mittlerweile eher ein Zeichen von „unternehmerischer Qualität“ , wenn die Produkte eine berechnete Haltbarkeit haben. Fortschritt????

  3. geplante Obsoleszenz war in der Industrie zwar schon seit den 1960ern verbreitet (GM), aber bei wirklichen Spitzenerzeugnissen noch nicht angekommen.

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