Zwei Oldies unterwegs – Im Mai den Neckar hinunter

Start in Schwenningen an der Neckarquelle:

Sauwetter mit Temperaturen um fünf Grad und frischer  Gegenwind sind angesagt für die erste Etappe unserer Neckartour. Unsere Stimmung ist trotzdem sehr gut, denn am Vorabend hatte uns der Wirt des griechischen Lokals ins Herz geschlossen und mehrere Runden Ouzo spendiert. Nachdem Peter einen Artemis-Teller und ich den Apollon-Teller verarbeitet haben, können wir die Alkoholmenge halbwegs gut verkraften. Auf dem Rückweg zum Hotel Sombea beleuchtet der Neckartower mit seinen Lichtstreifen unseren Weg. 

Neckartower

Am Dienstagmorgen rollen wir bei bedecktem Himmel und gefühlten drei Grad los. Ja, wo ist sie denn, die Neckarquelle? Wir folgen den unterschiedlichen Hinweisen. Peter ist zwar in einem Nachbarort geboren, aber auch er kennt den Quellstein und die Skulptur daneben noch nicht. Kein Wunder, denn der Jüngling Matze , der vom Bildhauer Herbert Wurm zur Eröffnung der Landesgartenschau geschaffen wurde, liest erst seit 2010 in der Neckarquelle, der Zeitung, die schon seit 140 Jahren hier erscheint. Erst kurz vor 10 Uhr schauen wir dem Matze über die Schulter und können jetzt ganz offiziell auf den Neckarradweg einrollen. 

Auf den ersten Kilometern Richtung Rottweil müssen wir uns einige kurze Rampen mit 10 Prozent Steigung hochquälen. Wir lästern über den Radweg, der doch „Talweg“ heißt. 

Erstes Highlight ist der historische Kern von Rottweil, der ältesten Stadt Württembergs. Wir genießen den Anblick der Bürgerhäuser, die sehr aufwändig restauriert sind. Jeder Blick kostet Kraft, denn zum oberen Stadttor geht es steil den Hang hinauf. Das Schwarze Tor, wo der berühmte Narrensprung startet, liegt etwa 100 Meter höher als der Neckarpegel. Für unsere Fortbewegungsgeschwindigkeit steht bildhaft eine schöne Schnecke samt Haus, die ihre Schleimspur quer über den Radweg zieht. Vor dem Stadtmuseum thront ein in Bronze gegossener Rottweiler-Hund, der den Eingang bewacht.

Um halb zwei passieren wir in Oberndorf die Stele, die den 50. Flusskilometer markiert. Schauen, genießen, nur nicht hetzen, lautet unser Motto.

Im 800-Einwohner-Dorf Sulz-Fischingen winkt Peter von der Alten Tribüne den imaginären Fußballern zu.

Die „berühmte“ Tribüne des SV Fischingen mit Fan Peter

Der Neckar windet sich zwischen den steilen Schwarzwaldhängen mühsam landab. Wir strampeln gegen einen immer noch frischen Nordostwind an. In Horb biegen wir in die Altstadt ein und halten Ausschau nach einer Bleibe für die Nacht. Vergeblich. Entweder ausgebucht oder hochpreisig. Also weiterfahren. Es ist schließlich erst Kaffeetrinkenzeit, noch kein Abend.

Oberstadt von Horb

Noch zwei Neckarschleifen und wir rollen in Rottenburg ein. Vollmundig habe ich Peter angekündigt, dass wir in diesem Ort reichlich Möglichkeiten zum Übernachten finden würden. Schließlich zählt die Stadt fast 50000 Einwohner. Mit meiner Einschätzung liege ich gründlich daneben. Booking.com und andere Portale zeigen keine günstigen Zimmer. Nach einigen Kurven durch die Altstadt erinnern wir uns an einen Wegweiser am Stadtrand, der zum „Gästehaus am linken Ufer“ wies. Ein Anruf, eine freundliche Frauenstimme, eine schnelle Zusage. 15 Minuten später stehen wir vor dem kleinen. kunterbunten Haus. https://amlinkenufer.de/so-sieht-es-aus/

Die Chefin begrüßt uns herzlich und zeigt uns das Grüne Zimmer, das sehr originell gestaltet und eingerichtet ist. Im Frühstücksraum, der immer geöffnet ist, steht ein Getränkekühlschrank, aus dem wir einige Belohnungsbiere entnehmen – zur Bezahlung steht daneben ein kleiner Karton, in dem schon Scheine und Münzen liegen. Hier genießen die Gäste das Vertrauen der Vermieterin.

Auf Schusters Rappen erkunden wir die Altstadt, genießen leckeres Essen und kommen auf diese Weise auch noch zu ordentlicher Laufarbeit. Tagesergebnis: genau 100 km per Rad plus 5 km zu Fuß.

Am nächsten Morgen lacht die Sonne, der Gegenwind hat nachgelassen, und wir machen uns gut gelaunt auf den Weg hinüber nach Tübingen, das ich aus meiner Zeit in Schwaben sehr gut kenne.

Kiebingen
Die Wurmlinger Kapelle
Tübinger Rathaus
Holzmarkt
Mit Peter auf der Bank vor dem Mauganeschtle. am Schloßberg. Auf dieser Bank saßen meine Frau und meine Tochter schon vor 35 Jahren und bestaunten die Stadtkulisse. Heute meint meine Frau beim Betrachten des Fotos, wir seien doch erstklassige Kopien von Statler und Waldorf aus der Muppet Show. Wir werten das einfach mal als Kompliment.

Tübingen atmet studentische, liberale, sehr freundliche Luft. „Tübingen hat keine Universität, Tübingen ist eine Universität“ !

Schließlich reißen wir uns los und steigen wieder auf unsere Rösser. Neckartenzlingen, Nürtingen, Wendlingen. Das Neckartal ist breit, wir rollen durch die Auen dahin. In Plochingen macht der Fluss eine Kurve nach Nordwesten. Industriegebiete, soweit das Auge reicht. Umleitungen, Baustellen, schlechte Radwegbeschilderung. Von Plochingen hin nach Esslingen macht das Fahren keine Freude.

Alte Weberei bei Mittelstadt

Wir sind spät unterwegs und haben erst 70 Kilometer auf der Uhr, als wir die Altstadt von Esslingen durchkurven und uns einen Kaffee gönnen. Leicht gefrustet vom Besuch beim Hotel NIU, wo die Dame der Rezeption nicht den Hauch von Idee zu einer sicheren Radunterbringung hatte, findet Peter schließlich eine Pension oben im Stadtteil Berkheim. So steil geht der Weg hinauf, dass wir schieben müssen. Die Unterkunft ist mäßig und leicht abgeranzt. Nach langer Verhandlung mit der Wirtin darf ich mein Topstone die schmale Treppe hochtragen und es auf den Balkon stellen. Peters Koga kommt am Abend mit in den Hausflur. Wir trösten uns heute mit einem reichlichen Mahl beim Italiener.

Frisch geduscht und guter Laune rauschen wir wieder hinunter nach Esslingen und suchen eine Frühstücksbäckerei.

Das gibt Kraft!

Das historische Altstadtensemble tröstet uns über die miserable Radwegeführung hinweg.

Nächste Station Untertürkheim! Daimlerhausen sozusagen. Etwas wehmütig blicken wir hinüber zum Museum, erinnern uns an die ersten Jahre bei Mercedes und freuen uns, dass unsere Arbeitsleistung in Form der Pension pünktlich jeden Monat auf dem Konto eintrifft.

Endlich, es ist schon Mittagszeit, sind wir wieder in den grünen Neckarauen unterwegs, dann staunen wir über Weinrebhänge extremer Steillage. Hier „müsset die Winzer ganz arg schaffe“ bis der Wein im Fass ist.

Und auch der Neckarradweg zeigt sich jetzt von seiner besten Seite. Mit Spannbrücken vom Feinsten. Auf dem Weg nach Marbach rollen wir durch sattes Grün, sogar ein stolzer Reiher begrüßt uns am Rande der Schillerstadt.

Natürlich kurbeln wir hinauf zum Geburtshaus des Dichters. Die Altstadt ist ein wahrer Augenschmaus.

Und zur Krönung des Tages gönnen wir uns dann ein Viertele „Muskat Trollinger“. Fruchtig, samtig, herrlich rot schillernd.

So kann es weitergehen und wir freuen uns schon auf die nächste Perle des Neckartals. Die Hessigheimer Felsengärten, Kirchheim, dann steigt unsere Neugier auf das Städtchen Lauffen, das eine schöne Altstadt haben soll. Schön? Na, jedenfalls ist Hölderlin hier geboren, zog aber mit seiner Mutter schon im Alter von vier Jahren nach Nürtingen, danach schließlich nach Tübingen. In Lauffen rollen wir über eine in Renovierung begriffene Brücke hinüber zum so genannten Städtle. Wir erlaufen uns diesen Teil des Ortes. Und erschauern vor dem bemitleidenswerten Zustand der meisten Häuser. Blätternder Putz, zugewachsene Türen, vergammelte Zigarettenautomaten, verlassene Wirtshäuser. Das haben wir nicht so erwartet, noch frisch die Eindrücke vom so sorgsam restaurierten historischen Marbach in den Köpfen.

Hier zur Illustration des aktuellen Lauffener Städtle ein paar Fotos und dazu die Plakate, mit denen die Stadt die geplante Sanierung beschreibt. Der 2024er Aufkleber pappt auf der ursprünglichen Jahreszahl 2022! Einfach drübergeklebt. Wir schauen dann 2028 wieder einmal mal vorbei… Wie sagte mir ein alter Herr vor dem einzigen renovierten Haus mit Bank und Blumen vor der Türe: “ für uns interessiert sich keiner in der Stadtverwaltung und im Land“.

Wo sollen wir hier wohl übernachten? Aber: das Gute liegt so nah. An der Neckarbrücke , etwas versteckt hinterm Eck, entdeckt Peter das Gästehaus Schenk. Zimmer frei! Und mit Fahrradgarage! Und eine Treppe runter das Dolce Vita, ein italienisches Restaurant. Bestes Essen, sehr freundlicher Service. Vollkommen unerwartet gut!

Unverhofft kommt oft!

Drei illustre Etappen haben wir geschafft. 100, 75, 80 Kilometer, in Summe 255 km bis hierher.

Über die nächsten drei Tage könnt ihr bald im zweiten Teil des Beitrags lesen.

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