5. Dezember 2020

Von Plattfüßen, Turnerinnen und E-Bikes

Eigentlich schreibe ich nicht über jede kurze Ausfahrt einen Beitrag. Eigentlich. Heute mache ich eine Ausnahme: Es ist Dienstagmorgen, 10 Uhr. Die Sonne hat sich ohne Gruß verabschiedet, niedrige Wolken ziehen aus Westen heran. Nach Osten wollen wir in Richtung Oder fahren. Bei knapp über null Grad und 100 % Luftfeuchte ein zähes Unterfangen. In Schönwalde werden aus Nieseltropfen Regentropfen. Die Contis schaufeln fleißig  Wasser und Schmodder vom Radweg hoch an Rahmen und Füße. Peter knurrt die zur miesen Stimmung passenden Worte zu mir herüber.

In Bernau wollen wir eine Kaffeepause machen und dann entscheiden, ob wir weiterfahren. Also dringen wir durch das alte Stadttor vor in die Altstadt. Zur Linken lockt das Krügerhaus mit dem Café Mühle.

Drinnen ist es herrlich warm und gastlich. Eine überaus freundliche junge Dame begrüßt uns und kredenzt Kirschkuchen und dazu einen großen Milchkaffee. Die Einrichtung ist ideenreich gestaltet: alte Möbel, kesse Sprüche an der Wand und in der Karte. Originell! IMG_2002

Und selbst das stille Örtchen ist ein Hort der Kultur:IMG_2001

Wasser lassen und dabei einen Blick in die Weltliteratur werfen.

Das Café Mühle in Bernau ist eine erste Adresse für hungrige Radler, denn der Gastraum und die Speisenauswahl sind noch besser als die Ausstattung der Toilette.

Eine Stunde später hat es aufgehört zu regnen, und wir beschließen, doch noch ein paar Kilometer unter die Räder zu nehmen. Also los, wieder zurück durch das Tor und weiter an der Bernauer Stadtmauer entlang. Wir kommen nicht weit, denn mit einem vernehmlichen Pfffff lässt Peters Hinterreifen all seine Luft ab. IMG_2011

Ein Drecksgeschäft ist das Wechseln des Schlauches, und die Finger werden kalt und kälter. Ich wärme meine Sinne zwischendurch an und mit einer nackigen Turnerin aus Bronze, die passend vor der Sporthalle steht.

 

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Turnerin am Schwebebalken (Herbert Burschik, 1963)

Nach 15 Minuten Flickpause steigen wir wieder auf und biegen ab nach Norden. Biesenthal winkt als nächster Ort. Nach wenigen Metern beschwert sich Peter über sein mit Höhenschlag rumpelndes Hinterrad. Offensichtlich hat sich der Mantel nicht richtig ins Felgenbett gesetzt. Weiterfahren! Erstmal wieder warm werden, dann werden wir uns um den Reifen kümmern. Beim Räsonieren über Reifen, Felgen, die richtige Montage und den notwendigen Luftdruck kommt mir in den Sinn, dass in Biesenthal die E-Bike-Schmiede HNF-Nicolai ihren Stammsitz mit Showroom hat. So habe ich es kürzlich gelesen. Dort sollte doch neben fetten E-Mtbs auch eine Standpumpe zu finden sein. In der Bahnhofstraße entdecken wir dann den soeben neu bezogenen Laden von HNF. Wir entern die Eingangstreppe und werden freundlich begrüßt. IMG_2022

Am gerade bezogenen Gebäude ist von außen noch nicht erkennbar, wer drinnen sein Wesen treibt. IMG_2012IMG_2014IMG_2018IMG_2019IMG_2020

Marcel, der „Shopmanager“ versorgt uns mit allem, was wir brauchen: Luft für den Reifen, Wasser und Seife und Tücher für die dreckigen Hände und dann noch reichlich Infos zu den innovativen Produkten von HNF-Nicolai. Absolut beeindruckend, wie mutig das Unternehmen expandiert. In Bitterfeld wird produziert, und in der alten Wehrmühle in Biesenthal wird konstruiert und geplant. Im Showroom können wir die neuesten Bikes bewundern. Marcel schwärmt vom Geländefully mit Bosch-Power, mit dem er jüngst „Luftlinie“ durch den Forst bis Eberswalde gebrummt ist. So klingt Begeisterung.

Der Weg bis zu den aktuellen Produkten führte über einige Umwege. Schon das smart-E-Bike wurde von  Michael Hecken und Kalle Nicolai gebaut. Und genau so eines fährt meine Angetraute seit dem Jahr 2013 zur besten Zufriedenheit. Qualität UND Innovation eben.

Wir reißen uns los und kurbeln über die Nebenstraßen gen Eberswalde. Auf direktem Wege steuern wir den Bahnhof an – der nächste Zug nach Berlin fährt um 15.09 Uhr. IMG_2023So haben wir keine Zeit mehr für die legendären Spritzkuchen, die Bäcker Gustav Louis Zietemann schon 1832 am Bahnsteig feilbot. Auch haben wir den Verdacht, dass er heute seine Köstlichkeiten hier nicht mehr auf dem Blech herumträgt.

Ab nach Berlin. IMG_2025

Der Zug fährt pünktlich, ist gut geheizt und dazu mit freundlichen Menschen besetzt. Da freut sich auch mein bekleckerter Mavic-Crossmax, der meine Füße so trefflich trocken und warm gehalten hat. In Berlin gibt es am Hackeschen Markt Pizza und Rotwein für die alten Randonneure. So geht der Tag zu Ende. Schön war es wieder.

 

 

randonneurdidier

ich bin 1950 im Sauerland geboren, bin verheiratet und lebe in Glienicke-Nordbahn bei Berlin. Leidenschaftlicher Radfahrer bin ich seit 50 Jahren.

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Ein Gedanke zu “Von Plattfüßen, Turnerinnen und E-Bikes

  1. Hallo Dietmar, bitte mehr davon. Es müssen nicht nur die großen Touren sein. Die kleinen Dinge (des Alltags) machen das Leben schön ☝️😉🙂
    LG rainer

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