19. Oktober 2021

Abschied von einem wunderbaren Freund und Randonneur

Im Gedenken an Peter Wylach geboren am 22.11.1948 – gestorben am 9.3.2021

Erst spät in seiner Zeit als Randonneur lernte ich Peter Wylach kennen. Es war bei der Saisonabschlussfahrt im September 2015. Die Berlin-Brandenburger Randonneure trafen sich im Grunewald zu einer Runde durch den Fläming. Gemütliches Tempo war angesagt, damit alle locker mitfahren konnten.

Peter bei der Abschlussfahrt 27.9.2015 – stehend- rechts

Die jungen Wilden genauso wie die alten Erfahrenen. Irgendwo bei Beelitz rollte ich dann Seite an Seite mit einem Oldie der Szene. Ich erzählte ihm von meinem Paris-Brest-Paris-Abenteuer, das ich nach 1100 Kilometern wegen „Shermer’s Neck“ aufgeben musste. Er konterte mit seinem ersten PBP, das er schon im Jahre 1995 gemeinsam mit Claus Czycholl gefahren war. In 72 Stunden. Und gar mit einem 2000-Kilometer-Ultra-Brevet in Skandinavien. Im Vergleich zu ihm war ich also ein Jungspund im Langstreckenfahren. Abends, beim gemütlichen Beisammensein im L`Etape bei Gilles redeten wir lange über Kultur, Natur und auch Radfahren. Es war der Beginn einer intensiven Freundschaft, weit über das Randonnieren hinaus.

Peter Wylach ganz rechts

Peter hatte im Jahr 1997 ARA-Berlin-Brandenburg gegründet und die ersten Brevets von Potsdam aus organisiert. 2009 dann übergab er an Ralf Störmer. Peter hatte jahrelang aus gesundheitlichen Gründen kurztreten müssen und fand just 2015 die Freude am Langstreckenfahren wieder. Zur Freude und zum Glück seiner Mitrandonneure.

Im Winter 2016 genießen wir das Balancieren auf Eis und Schnee, das Radfahren bei jedem Wetter. In dem Beitrag “ Die glorreichen fünf im Winterlicht“ habe ich die Tour durch das vereiste Havelland beschrieben.

Im Februar sind wir das erste Mal gemeinsam auf der Radlerinsel Mallorca. Peter zeigt mir auf der legendären Passstraße Sa Calobra, dass er mutig und schnell hinunterfahren kann. Im heftigen Anstieg wieder hinauf zum „Krawattenknoten“ hängt er mich locker um Minuten ab. Dieser Kerl ist immer noch zäh und schnell in den Bergen.

Mallorca, Can Picafort , am Strand

Bei Claus Czycholl, seinem alten Freund aus den Gründerzeiten von ARA Deutschland, fahren wir in Hamburg ein 200er Brevet. Auch das macht er locker. Auch das 300er und das 400er fährt Peter in diesem Jahr.

Er kann es noch! Nur das 600er auf den Brocken verkneift er sich.

Dafür steht er beim Verpflegungs-Support in Schierke mit seinem Campingbus stundenlang an der Strecke und reicht heißen Tee, Erbsensuppe mit Würstchen und Energieriegel.

Peter versorgt uns am Fuße des Brockens in Schierke
Peter und Ingo beim 300er Brevet

Bei der Anfahrt per Bahn zum Zeitfahren Hamburg-Berlin hat er ein reich bebildertes Fotoalbum dabei. Ich staune über die unzähligen Brevets und Super-Brevets, die er in über 20 Jahren absolviert hat. Chapeau Peter! Und auch beim Zeitfahren im zarten Alter von 68 Jahren zeigt er, dass er nichts verlernt hat, nur ein paar km/h weniger als früher zeigt das Garmin.

Dietmar, Peter S. und Peter am Start zum Zeitfahren Hamburg-Berlin

Im späten Herbst führt er uns dann eine neue Errungenschaft vor: eine individuell aufgebaute, komplett verchromte Tommasini- Stahl-Schönheit vom Feinsten. Wir taufen den Italo-Renner mit einem wunderbaren Chardonnay in Werder am Havelufer.

Das neue Tommasini wird getauft

2017 sind wir wieder auf der Insel, diesmal gemeinsam mit Claus Czycholl und Ingo Pluns. Geballte Randonneurserfahrung aus Jahrzehnten. Genießen und Kilometermachen in guter Kombination. Im folgenden Sommer gehen wir auf eine Etappentour durch Tschechien, Österreich und die deutschen Lande. Radfahren, Natur und Kultur erleben. So langsam schiebt sich der Kulturgenuss vor das reine Kilometermachen. Die Randonneure mutieren jetzt zu Kultur-Randonneuren.

Auf Mallorca im Blumenmeer

2018 weilen wir auf Sizilien, sehen uns den Ätna genauer an, und genießen herrliche Weine und andere Köstlichkeiten. Zurück in deutschen Landen, sehen wir uns an, was die Weser zu bieten hat, und übernachten im Kloster Corvey.

Claus und Peter beim 200er in Hamburg

Dann kommt ein arger Rückschlag für Peter: Er stürzt unglücklich und bricht sich die Hüfte. Dank der Kunst der Ärzte, einem künstlichen Gelenk und seiner unglaublichen Zähigkeit, kommt er schnell wieder auf die Beine und folglich auf das Rad. Im Oktober, ganze neun Wochen nach der OP, fährt er gemeinsam mit Wolfgang und mir abermals Hamburg-Berlin. 280 Kilometer! Wie macht der Kerl das? Ist das Härte oder manchmal schon bald Unvernunft? Wie auch immer, wir kommen zusammen ins Ziel und genießen den Erfolg.

Im Laufe der Zeit lernt Peter das Langsamfahren, das noch intensivere Hinschauen. Manchmal bekommt die Vorlesung an der TU über Stadtentwicklung und über Klimaschutz den Vorrang gegenüber einer ausgedehnten Radrunde. Ich profitiere davon, denn Peter nimmt mich mit in die Uni und stellt mich alten Bekannten aus der Zeit in seinem Job in der Senatsverwaltung vor. Diskussionen über Wasserbau, Klimaerwärmung und Umweltschutz füllen den Abend. Peter beginnt, wieder mehr zu reisen – mit seiner Frau besucht er die Orte, an denen er schon in den 80er und 90er Jahren mit dem VW-Campingbus war. Etwas Nostalgie und auch Neugier auf alles, was neu entstanden ist, treibt ihn.

Dann kommt der erste echte gesundheitliche Niederschlag, ein Herzinfarkt streckt ihn nieder, Stents werden gesetzt. Er hofft, schnell wieder auf dem geliebten Rad zu sitzen. Es kommt anders – noch eine OP, lange Reha-Zeit. Alles geht ihm viel zu langsam, aber er lernt, mit seinem Körper geduldig zu sein. Kurz nach Weihnachten besuche ich ihn mit Matthias, und wir rollen eine 50-Kilometer-Runde durch die Havelauen. Peter blüht auf, und trotz der Anstrengung hat er beste Laune. Als im Februar noch einmal Kälte und Eis zurückkommen, entdeckt er gemeinsam mit Jutta das genussvolle Wandern.

Ende Februar sitzt er wieder auf dem Rad, stürzt sehr unglücklich und zieht sich schwerste Wirbelverletzungen zu. Diesmal reichen alle ärztliche Kunst und alle Zähigkeit nicht, den geschwächten Körper im Leben zu halten. Schließlich kann er ruhig einschlafen und gehen.

Adieu lieber Peter, bester Freund, wir werden Dich sehr vermissen und nie vergessen.

15 Gedanken zu “Abschied von einem wunderbaren Freund und Randonneur

  1. Lieber Dietmar,

    ein Beitrag, der einen intensiv dazu anregt, über Freundschaft nachzudenken, darüber, ob man solche Freunde- so man sie hat – hinreichend schätzt und ob man sich selbst als Freund mit einer solchen Elle messen kann

    Danke,

    Klaus Maier

  2. Ein würdiger Nachruf für einen bemerkenswerten Menschen. Immer wenn ihr im Winter bei tiefsten Temperaturen eure Runden gefahren habt, die langen Kanten ganz entspannt und mit offenen Augen abgespult habt… Ich weiß noch wie ihr am Darß standet und gute Laune verbreitet habt. Ein trauriger Tag.

  3. Lieber Dietmar, danke, dass Du diese traurige Nachricht in Worte gefasst hast und mein Beileid zum Verlust eines tollen Freundes. Ich denke an Dich. Eva

  4. Ulrich Bächli
    Hallo Dietmar, besten Dank für den schönen Bericht unseres langjährigen Radkollegen Peter. Ich lese immer wieder Gerne Berichte über Deine Ausflüge. Alles Gute und bleib gesund.

  5. Überrascht und bestürzt hinterlässt mich diese Meldung. Ich mochte seine Art. Andy

  6. danke für deinen Nachruf Dietmar, Stefan und ich sprachen heute beim 300er Brevet über Peter, er ist sozusagen ein Stück mit uns gerollt

  7. Danke, lieber Dietmar, für diesen Nachruf. Dem ist nichts hinzuzufügen.
    Ein wunderbarer Mensch hat uns körperlich verlassen – sein Geist wird uns und sicher auch vielen anderen noch lange Inspiration sein.

    Und Du hast etwas bewirkt, was ich schon fast nicht mehr kannte: nach dem Lesen habe ich wieder einmal so richtig geweint.
    Danke.
    rainer

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