Eine Radtour mit Wind, Regen, Kälte und reichlich Bahnetappen
Teil 1
„Freue dich, wenn es regnet! Wenn du dich nicht freust, regnet es auch“
Gemäß diesem Sinnspruch von Karl Valentin starten Peter und ich zu unser Etappentour an die Weser. Er sollte uns helfen, auch die fiesesten Tage mit einem inneren Lächeln zu meistern.
Peter wird meinen Ex-Basso-Crosser, den ich 1990 bei Hans Holczer in Herrenberg ursprünglich für meine Frau kaufte, als Reiserad testen. Neuerdings von mir umgerüstet auf Campa-Felgenbremsen, mit neuem, verstellbarem Vorbau und mit Racktime-Gepäckträger von Ortlieb ausgestattet.
Ich fahre natürlich mit meinem Topstone und den Trägern und Taschen von Tailfin.
Am 24. März rollen wir hinüber nach Hennigsdorf zum Bahnhof und genießen die kurze Fahrt nach Golm. Wetteronline hat für diesen Montag noch Sonne und leichten Ostwind vorhergesagt. So haben wir umgeplant und wollen erstmal ein paar Kilometer machen, bevor das Wetter fies wird. In Werder geht es über die für Radler gemachte Brücke über den Zernsee hinüber auf die Westseite, dann zum Havelradweg. Die Temperaturen sind immer noch einstellig, aber die Sonne lacht. Peter kommt gut zurecht mit dem Basso, das wir kurzerhand nur noch „Alcide“, nach seinem Schöpfer Alcide Basso, nennen. Es rollt gut, bald kommt die alte Stieleiche von Schmergow in Sicht, die ich schon so oft bewundert habe. Irgendjemand hat auf der Südseite ein großes Herz in die Rinde geschnitzt. Sieht schön aus, ist aber nicht gerade ein Beweis für die Baumfreundlichkeit des Schnitzers.

Das Havelstübchen in Deetz hat noch geschlossen, aber wir haben ja unsere Energieriegel an Bord, dazu kühles Wasser in den Trinkflaschen. Die Havelauen zeigen sich von von ihrer besten Frühlingsseite. Die Bäume kommen in das erste Grün, auf den Wiesen laben sich die Gänse und Enten am saftigen Gras.

Um die Mittagszeit rollen wir in die Stadt Brandenburg ein und gönnen uns am Brückencafe´ Bockwurst mit Brötchen für sagenhaft günstige zwei Euro, dazu einen Riesenmilchkaffee. Die „Bohnarchie“, die der Sohn von Matthias, meinem alten Radierfreund, am anderen Ufer betreibt, hat leider geschlossen.

Die erste Radeletappe endet am Bahnhof Brandenburg. Der Zug nach Hannoversch Münden soll um halb drei abrollen und gegen 20 Uhr am Ziel eintreffen. Am Zusammenfluss von Werra und Fulda wollen wir unsere Wesertour beginnen. So die Theorie, denn schon in Magdeburg stranden wir und haben keine Chance, mit den Bussen des Schienenersatzverkehrs mitzufahren. An Radfahrer denkt die Deutsche Bahn zuletzt.
Also heißt es, wieder umzuplanen und wir sitzen schließlich in einem Zug, der uns bis Wolfsburg bringt. In der Volkswagenstadt finden wir ein ideenreich gemachtes Apart-Hotel. Mit einem Code ausgerüstet kommen wir hinein, beziehen unser modernes Zimmer und kehren am Abend bei einem sehr gut besuchten Italiener ein.

Die ersten 70 Kilometer sind geschafft, Peter kommt sehr gut mit Alcide zurecht. Das Stahlross rollt gut und profitiert von seiner 40000 km Erfahrung auf vielen Brevets. Es hat sich bewährt.
Tag zwei: Wir können mit Sonne, Wind aus Südwest und dann ein paar Wolken rechnen. Also planen wir fix um. Die DB-App zeigt eine Verbindung nach Höxter, Abfahrt gegen 9 Uhr. Schon sitzen wir auf den Rädern und rollen zum Bahnhof Wolfsburg. Der Zug fährt wider Erwarten pünktlich, und wir erreichen Höxter in der Mittagszeit. Bei der kurzen Altstadtrunde bewundern wir die Ornamente an den alten Fachwerkhäusern und entziffern einige Inschriften.


„Bewar din Ehr, holt di vor Schand. Ehr ist vorwar din hogste Pfand. Werstu de Schand einmal vorlein. So ist es um din Ehr geschehn“
Wir versuchen uns in der Übersetzung in unsere aktuelle Sprache und lassen den Spruch wirken.
Dann setzen wir Kurs Richtung Kloster Corvey und kurven zunächst in den ersten Innenhof ein. Hier war ich schon mal 2019 und hatte im Aktivhotel übernachtet, mit Blick auf das sogenannte Westwerk des Klosters.


Peter und ich posieren vor einer schon reichlich bemoosten und wohl ausrangierten Statue im Werkhof.
Danach schieben wir die Räder durch ein Tor zum sogenannten Remtergarten. Hier werden wir von einer Gärtnerin barsch gebremst. „Erst ab 28. März geöffnet, können sie nicht lesen…“ Von der Gastfreundlichkeit des Personals beeindruckt, verlassen wir die unwirtliche Stätte.

Nächster Halt ist Holzminden, wo wir nach einem Café Ausschau halten. Die Innenstadt präsentiert sich aber eher spröde und mit viel Leerstand. Wenig einladend!


Also heißt es, weiterradeln weserabwärts, wo wir in die grünen Auen eintauchen und die ersten Störche der Saison entdecken. Enten, Gänse, Rinder… Die Natur versöhnt uns mit den Eindrücken von Innenstädten und Industriebauten.


Die Muschelkalkformationen auf der Westseite der Weser formen eine herrliche Naturkulisse

In der Münchhausenstadt Bodenwerder posiert Peter neben dem Baron auf der Kanonenkugel.

Schließlich entdecken wir am Platz vorm Penny-Markt eine markante Imbissbude und gönnen uns eine Currywurst mit Pommes.
An der anderen Weserseite grüßt die Weser-Renaissance in Form des Wasserschlosses Hehlen, das schon im Jahre 1579 vom Obristen Fritz von der Schulenburg und seiner Frau Ilse von Saldern erbaut wurde. Heute residiert hier das Unternehmen „Machwitz-Kaffee“, in dessen Familie das Schloss sich noch heute befindet.
Hinter dem nächsten Weserbogen erscheinen die Kühltürme des Kernkraftwerkes Grohnde der Preussen-Elektra und werden beim Näherkommen immer höher und größer und höher. 2021 wurde das Kernkraftwerk abgeschaltet und wird für den Rückbau vorbereitet. Seit 2023 liegen Plan und Genehmigung dazu vor. „Gut Ding braucht Weile“ , fällt uns humorig dazu ein.

Die Erfolgsgeschichte des KWG beginnt mit der ersten Netzsynchronisation am 5. September 1984: Seitdem war der Druckwasserreaktor insgesamt acht Mal Weltmeister in der Jahresstromerzeugung und stellte dabei zwei Mal einen Weltrekord auf. Ein weiterer Rekord kam im Februar 2021 mit der Erzeugung der 400-milliardsten Kilowattstunde hinzu. Bis heute gibt es weltweit keinen einzigen Kraftwerksblock, der mehr Strom erzeugt hat.
In den vergangenen gut 37 Jahren wurden durch den Betrieb des Kernkraftwerks Grohnde über 400 Millionen Tonnen CO2 eingespart. ( zu lesen auf der Homepage von Preussenelektra)
Die Kraftwerksbetreiber loben sich kräftig selbst und erwähnen mit keinem Wort die anstehenden Kosten für den Rückbau ( Abriss-Sprengung) und die sichere Aufbewahrung des „strahlenden“ Atommülls.
Hinter der nächsten Weserschleife kommt die Kulisse der Rattenfängerstadt Hameln in Sicht. Hier bin ich schon einige Male in den vergangenen Jahren hindurchgerollt, und übernachtet habe ich auch bei zwei Besuchen. Zuletzt 2023 im Hotel Zur Börse. Also steuern wir auch heute erstmal diese Adresse an. An der Rezeption bin ich noch im Datenbestand und auch heute bekommen wir ein kostenloses Upgrade-Zimmer.





Nach einem frugalen Abendessen und einer Flasche italienischen Rotwein, die wir in unserer Upgrade-Suite genießen, schlummern wir tief und starten dann in den so nass vorhergesagten Mittwoch.
Gerade einmal 150 Kilometer haben wir an den ersten beiden Tagen per Rad geschafft. Dagegen über 300 Kilometer per Bahn und Deutschlandticket. Schon jetzt DIE Investition des Monats!
Ende Teil 1, Teil 2 folgt bald.
