Alcide und das Topstone haben eine warme Nacht im Konferenzraum genossen. Peter und ich fühlen uns nach dem Frühstück im Best Western gestärkt und bereit, die Schlussetappe unserer Allwetter-Tour anzugehen.
Es ist noch frisch um neun Uhr, aber die Sonne lacht. Nach Norden rollen wir gut gelaunt hinaus aus der Stadt. Edemisssen, Alvesse, Hillerse – kleine Ortschaften, die irgendwie vor sich hin schlummern. Menschen sind kaum zu sehen, dafür rauscht der Autoverkehr auf der Landstraße.
Die Bauerneiche von Leiferde
In Leiferde wacht seit ca. 300 Jahren die Bauerneiche. Davor steht ein Gedenkstein, dessen Bedeutung mir erst KI erklärt: Er weist auf das hundertjährige Jubiläum der Völkerschlacht bei Leipzig hin. Und die fand im Jahre 1713 statt. So, nun wissen wir das auch. Wenngleich Leipzig weit entfernt ist von diesem Baum, der allerdings wohl schon als noch jugendliche Eiche zu Zeiten der Niederlage von Napoleon hier seine Wurzeln schlug.
Ibbesbüttel, Ausbüttel, Isenbüttel, Allerbüttel… Diese Ortsnamensendung bedeutet so viel wie „Haus“ , „Hof“ oder „Siedlung“.
In Edesbüttel schließlich treffen sich Elbe-Seitenkanal und Mittellandkanal, dem wir ab hier wieder nach Osten hin folgen. Bald kommt die Volkswagenstadt in Sicht.
Das Volkswagenemblem ist neu, der schmucklose Kasten aus den 50er Jahren mit 13 Stockwerken wurde 2016 renoviert und wird weiterhin im obersten Stockwerk für den Vorstand genutzt. Am Mittellandkanal folgen jetzt 1,3 Kilometer Volkswagenwerk. Immer am Zaun entlang rollen wir nach Osten – bis der Weg abrupt endet. Uff! Es gibt keine andere Möglichkeit, zum Bahnhof auf die andere Kanalseite zu gelangen, als den gesamten Schotterweg wieder zurückzurollen. Peter flucht genauso wie ich. Schließlich können wir über eine Brücke auf die Bahnhofsseite wechseln, wo wir in den Zug nach Barleben steigen.
In Barleben nehmen wir Kurs Nord, und schon nach zwei Kilometern sind wir am Kanal, den wir allerdings erst einmal per Treppe erklimmen müssen, bevor wir ihn zu Gesicht bekommen. Ich will Peter unbedingt das Wasserstraßenkreuz zeigen und dann die längste Kanalbrücke der Welt!
Ein Meisterwerk der Wasser- und Brückenbauer! Höchst beeindruckend. Hier endet der Mittellandkanal und wird zum Elbe-Havel-Kanal.
Bis zum Städtchen Burg genießen wir Wasser, Wolkenhimmel und blaue Brücken. Zwischen Kanal und Bahngleisen, inmitten von alten Fabrikgebäuden und Autowerkstätten, finden wir das Hotel „Villa Wittstock“. Die Lage ist nicht gerade einladend, aber das Haus aus dem Jahre 1900 ist aufwändig restauriert und erstrahlt zwischen den anderen grauen Mauern in frischem Gelb. Das Eigentümer-Ehepaar hat dem alten Gemäuer in jahrelanger Arbeit zu neuem Glanz verholfen und mit historischen Möbeln und Bildern ausgestattet. Wir treffen auf den Hausherrn, der uns in Arbeitskleidung begrüßt. „Es gibt immer noch etwas zu tun, und bitte auf keinen Fall mit den Rennradschuhen die Fliesen betreten!“ Wir sind brav. Unsere Räder bekommen einen sicheren Platz in der Garage, die mit Baumaterialien vollgestopft ist. Dann kommen wir aus dem Staunen kaum mehr heraus: Stuck, Deckenleuchter, Riesensessel, verstellbare Betten …
Das Erlebnis Burg findet am Abend den gebührenden Abschluss im griechischen Restaurant Meteora, bei dem zwar der Eingang nur schwer zu finden ist, dafür aber Einrichtung, Essen und Bedienung vorzüglich sind.
Das „Burg-Theater“ hatte ich eigentlich in Wien verortet. Nun staunen wir über die Spielstätte gleichen Namens in Sachsen-Anhalt.
Am Samstagmorgen ist es zwar wieder frisch, aber die Sonne lacht, und der Wind ist zum lauen Lüftchen geworden. Da können wir doch gut noch ein paar Kilometer in Richtung Berlin machen.
Aber halt: Vor den Toren Berlins warten noch Potsdam und der Schlosspark Sanssouci – der mittlerweile für Radfahrer komplett gesperrt ist! Räder und Radler müssen draußen bleiben. Also bleibt uns nur der Blick auf das Neue Palais und die Communs. Peter staunt und schaut. Potsdam hat ja schließlich noch mehr zu bieten:
Der Park um das Schloss Cecilienhof ist erfreulicherweise auf einer Radroute befahrbar. Also radeln wir hindurch und steuern gezielt die „Meierei“ am Jungfernseeufer an. Hier gibt es leckeres Augustiner-Bier.
Gestärkt und guter Laune starten wir auf die Schlusskilometer unserer Allwetter-Tour. Am Wannsee entlang, dann auf den Kronprinzessinenweg, wo reichlich Radler und Randonneure unterwegs sind. Fast schon wehmütige Gefühle ergreifen mich: Wie oft bin ich hier nach den Brevets zielwärts hin zum Amstelhouse nach Moabit gefahren! Angekommen in Berlin, tauchen wir ein ins Großstadtgetümmel.
vor dem ehemaligen Mercedes-Gebäude, in dem ich mein erstes Büro hatte
An der Gedächtniskirche gönnen wir uns noch eine „Original Berliner Currywurst“, um dann in die S-Bahn gen Frohnau zu steigen.
Rot, türkis und grau: unsere Radetappen
Die Bilanz von sechs Tagen Wind, Regen, Sonne und frischen Lüften:
420 Kilometer per Rad und 670 Kilometer per Bahn und Deutschland-Ticket. 63 gut investierte Euro. Peter und ich planen schon die nächste Tour: Im Herbst die Elbe, die Oder … oder so…
Eine Radtour mit Wind, Regen, Kälte und reichlich Bahnetappen
Teil 1
„Freue dich, wenn es regnet! Wenn du dich nicht freust, regnet es auch“
Gemäß diesem Sinnspruch von Karl Valentin starten Peter und ich zu unser Etappentour an die Weser. Er sollte uns helfen, auch die fiesesten Tage mit einem inneren Lächeln zu meistern.
Peter wird meinen Ex-Basso-Crosser, den ich 1990 bei Hans Holczer in Herrenberg ursprünglich für meine Frau kaufte, als Reiserad testen. Neuerdings von mir umgerüstet auf Campa-Felgenbremsen, mit neuem, verstellbarem Vorbau und mit Racktime-Gepäckträger von Ortlieb ausgestattet.
Ich fahre natürlich mit meinem Topstone und den Trägern und Taschen von Tailfin.
Am 24. März rollen wir hinüber nach Hennigsdorf zum Bahnhof und genießen die kurze Fahrt nach Golm. Wetteronline hat für diesen Montag noch Sonne und leichten Ostwind vorhergesagt. So haben wir umgeplant und wollen erstmal ein paar Kilometer machen, bevor das Wetter fies wird. In Werder geht es über die für Radler gemachte Brücke über den Zernsee hinüber auf die Westseite, dann zum Havelradweg. Die Temperaturen sind immer noch einstellig, aber die Sonne lacht. Peter kommt gut zurecht mit dem Basso, das wir kurzerhand nur noch „Alcide“, nach seinem Schöpfer Alcide Basso, nennen. Es rollt gut, bald kommt die alte Stieleiche von Schmergow in Sicht, die ich schon so oft bewundert habe. Irgendjemand hat auf der Südseite ein großes Herz in die Rinde geschnitzt. Sieht schön aus, ist aber nicht gerade ein Beweis für die Baumfreundlichkeit des Schnitzers.
Das Havelstübchen in Deetz hat noch geschlossen, aber wir haben ja unsere Energieriegel an Bord, dazu kühles Wasser in den Trinkflaschen. Die Havelauen zeigen sich von von ihrer besten Frühlingsseite. Die Bäume kommen in das erste Grün, auf den Wiesen laben sich die Gänse und Enten am saftigen Gras.
Um die Mittagszeit rollen wir in die Stadt Brandenburg ein und gönnen uns am Brückencafe´ Bockwurst mit Brötchen für sagenhaft günstige zwei Euro, dazu einen Riesenmilchkaffee. Die „Bohnarchie“, die der Sohn von Matthias, meinem alten Radlerfreund, am anderen Ufer betreibt, hat leider geschlossen.
Die erste Radeletappe endet am Bahnhof Brandenburg. Der Zug nach Hannoversch Münden soll um halb drei abrollen und gegen 20 Uhr am Ziel eintreffen. Am Zusammenfluss von Werra und Fulda wollen wir unsere Wesertour beginnen. So die Theorie, denn schon in Magdeburg stranden wir und haben keine Chance, mit den Bussen des Schienenersatzverkehrs mitzufahren. An Radfahrer denkt die Deutsche Bahn zuletzt.
Also heißt es, wieder umzuplanen und wir sitzen schließlich in einem Zug, der uns bis Wolfsburg bringt. In der Volkswagenstadt finden wir ein ideenreich gemachtes Apart-Hotel. Mit einem Code ausgerüstet kommen wir hinein, beziehen unser modernes Zimmer und kehren am Abend bei einem sehr gut besuchten Italiener ein.
Die ersten 70 Kilometer sind geschafft, Peter kommt sehr gut mit Alcide zurecht. Das Stahlross rollt gut und profitiert von seiner 40000 km Erfahrung auf vielen Brevets. Es hat sich bewährt.
Tag zwei: Wir können mit Sonne, Wind aus Südwest und dann ein paar Wolken rechnen. Also planen wir fix um. Die DB-App zeigt eine Verbindung nach Höxter, Abfahrt gegen 9 Uhr. Schon sitzen wir auf den Rädern und rollen zum Bahnhof Wolfsburg. Der Zug fährt wider Erwarten pünktlich, und wir erreichen Höxter in der Mittagszeit. Bei der kurzen Altstadtrunde bewundern wir die Ornamente an den alten Fachwerkhäusern und entziffern einige Inschriften.
„Bewar din Ehr, holt di vor Schand. Ehr ist vorwar din hogste Pfand. Werstu de Schand einmal vorlein. So ist es um din Ehr geschehn“
Wir versuchen uns in der Übersetzung in unsere aktuelle Sprache und lassen den Spruch wirken.
Dann setzen wir Kurs Richtung Kloster Corvey und kurven zunächst in den ersten Innenhof ein. Hier war ich schon mal 2019 und hatte im Aktivhotel übernachtet, mit Blick auf das sogenannte Westwerk des Klosters.
Peter und ich posieren vor einer schon reichlich bemoosten und wohl ausrangierten Statue im Werkhof.
Danach schieben wir die Räder durch ein Tor zum sogenannten Remtergarten. Hier werden wir von einer Gärtnerin barsch gebremst. „Erst ab 28. März geöffnet, können Sie nicht lesen…“ Von der Gastfreundlichkeit des Personals beeindruckt, verlassen wir die unwirtliche Stätte.
Nächster Halt ist Holzminden, wo wir nach einem Café Ausschau halten. Die Innenstadt präsentiert sich aber eher spröde und mit viel Leerstand. Wenig einladend!
Also heißt es, weiterradeln weserabwärts, wo wir in die grünen Auen eintauchen und die ersten Störche der Saison entdecken. Enten, Gänse, Rinder… Die Natur versöhnt uns nach den ersten ernüchternden Eindrücken von Innenstädten und Industriebauten.
Die Muschelkalkformationen auf der Westseite der Weser formen eine herrliche Naturkulisse
In der Münchhausenstadt Bodenwerder posiert Peter neben dem Baron auf der Kanonenkugel.
Schließlich entdecken wir am Platz vorm Penny-Markt eine markante Imbissbude und gönnen uns eine Currywurst mit Pommes.
An der anderen Weserseite grüßt die Weser-Renaissance in Form des Wasserschlosses Hehlen, das schon im Jahre 1579 vom Obristen Fritz von der Schulenburg und seiner Frau Ilse von Saldern erbaut wurde. Heute residiert hier das Unternehmen „Machwitz-Kaffee“, in dessen Familie das Schloss sich noch heute befindet.
Hinter dem nächsten Weserbogen erscheinen die Kühltürme des Kernkraftwerkes Grohnde der Preussen-Elektra und werden beim Näherkommen immer höher und größer und höher. 2021 wurde das Kernkraftwerk abgeschaltet und wird für den Rückbau vorbereitet. Seit 2023 liegen Plan und Genehmigung dazu vor. „Gut Ding braucht Weile“ , fällt uns humorig dazu ein.
Die Erfolgsgeschichte des KWG beginnt mit der ersten Netzsynchronisation am 5. September 1984: Seitdem war der Druckwasserreaktor insgesamt acht Mal Weltmeister in der Jahresstromerzeugung und stellte dabei zwei Mal einen Weltrekord auf. Ein weiterer Rekord kam im Februar 2021 mit der Erzeugung der 400-milliardsten Kilowattstunde hinzu. Bis heute gibt es weltweit keinen einzigen Kraftwerksblock, der mehr Strom erzeugt hat.
In den vergangenen gut 37 Jahren wurden durch den Betrieb des Kernkraftwerks Grohnde über 400 Millionen Tonnen CO2 eingespart. ( zu lesen auf der Homepage von Preussenelektra)
Die Kraftwerksbetreiber loben sich kräftig selbst und erwähnen mit keinem Wort die anstehenden Kosten für den Rückbau ( Abriss-Sprengung) und die sichere Aufbewahrung des „strahlenden“ Atommülls.
Hinter der nächsten Weserschleife kommt die Kulisse der Rattenfängerstadt Hameln in Sicht. Hier bin ich schon einige Male in den vergangenen Jahren hindurchgerollt, und übernachtet habe ich auch bei zwei Besuchen. Zuletzt 2023 im Hotel Zur Börse. Also steuern wir auch heute erstmal diese Adresse an. An der Rezeption bin ich noch im Datenbestand und auch heute bekommen wir ein kostenloses Upgrade-Zimmer.
Nach einem frugalen Abendessen und einer Flasche italienischen Rotwein, die wir in unserer Upgrade-Suite genießen, schlummern wir tief und starten dann in den so nass vorhergesagten Mittwoch.
Gerade einmal 150 Kilometer haben wir an den ersten beiden Tagen per Rad geschafft. Dagegen über 300 Kilometer per Bahn und Deutschlandticket. Schon jetzt DIE Investition des Monats!
Der Schlummer war tief in Lauffen, der leckere Primitivo beim überaus freundlichen Italiener hat unsere Gedanken vom sanierungsbedürftigen Lauffener Städtle nach vorn gelenkt auf unsere nächste Etappe. Der Blick aus dem Fenster zeigt um 8 Uhr 18 einen mächtigen Lastenkahn, der Mühe hat, auf dem Lauffener Neckarkanal die enge Kurve zu bekommen.
Wir genießen das Frühstück und sind um 9 Uhr startbereit.
Alle Taschen und der Tailfin-Aeropack wollen jetzt schnell ans Topstone montiert werden.
Die ersten 1o Kilometer in Richtung Heilbronn führen hinauf in die Weinhänge. Ein Weinberg ist auch ein Berg, bemerkt Peter schwitzend. Und nach dem Hinaufkurbeln folgt bekanntlich immer eine schöne Abfahrt. Und der Peter traut sich jetzt auch, die Bremsen mal offen zu lassen.
Weinreben, so weit das Auge reicht. Am Horizont die Kraftwerke von Heilbronn.
Aktuell werden hier noch 4000 t Steinkohle TÄGLICH angeliefert. Der höchste Kamin misst 250 m. Aber die Tage des Kohlekraftwerks sind gezählt. Neben dem alten Block entsteht ein Gaskraftwerk, das mit Flüssiggas gefüttert werden soll.
Links Gewerbebetriebe und Baumärkte, rechts der Neckar und dominierend Industriebauten. Nur noch ein paar Meter bis Neckarsulm, der Heimatstadt von Audi. Die Werksanlagen erstrecken sich über Kilometer am Neckar entlang, wo wir auf einem Info-Panel lesen können, dass es hier schon im Jahre 1905 mit den Neckarsulmer Fahrrädern und Motorrädern angefangen hat.
Auf der Infotafel zur Audi-Historie pappt der Werbeaufkleber einer „Cannabis Business-School“ Wir schnuppern allerdings hier keine süßen Hanf-Düfte, sondern eher miefige Industrieluft.
Endlich rollen wir wieder in die Neckarauen ein. Grün, mit Blütenduft anstelle Industriegestank. Dann urplötzlich stehen wir auf einer Radautobahn, pardon, einem Radschnellweg! Und staunen! Fünf Meter breit, Mittelstreifen, Seitenstreifen… An Fußgänger wurde hier offensichtlich nicht gedacht!
Wer schrauben, pumpen, reparieren muss, hier stehen die Hilfsmittel dazuAuf dem Radlerzähler sind wir heute Nr. 192 und 193
Wir fahren auf dem ersten Abschnitt eines gerade mit großem politischen Pomp eingeweihten Radschnellweges. Nach etwa einem Kilometer sind wir schon durch… War es das schon? Irgendwann sollen es 18 Kilometer Pendlerstrecke werden. Hoffentlich werden wir das noch erleben. Und hoffentlich dann mit notwendigen Verbesserungen. Denn wenn sich Fußgänger und die Kinder des nahgelegenen Spielplatzes auf die „Autobahn“ verirren, sind sie arg gefährdet.
Schon sind wir wieder auf dem ganz normalen Neckar-Radweg und blicken bewundernd hoch zur Bad Wimpfener Altstadt.
Bad Wimpfen
Wir bleiben ganz nah am Neckar. Gefühlt auf jedem Hügel thront eine mehr oder weniger erhaltene Burg. Hier zu sehen das Heim von Bernolph Frhr. v. Gemmingen-Guttenberg.
Burg Guttenberg
Nur eine Neckarschleife weiter zieht die Burg Hornberg unsere Blicke an.
Im Jahr 1517 kaufte Götz von Berlichingen, der Ritter mit der eisernen Hand, die Burg mit Steinbach und Haßmersheim für 6500 Gulden von Conz Schott von Schottenstein und lebte auf dieser, zusammen mit seiner Familie, bis zu seinem Tode 1562.
Berühmt ist der Satz, den Götz dem Anführer der überlegenen kaiserlichen Truppen zuruft: „Vor Ihro Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt.Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsch lecken.“
Geschichtsträchtig, aber im überaus negativen Sinne ist auch der hier zu sehende Eingang zum Stollen für den Gipsabbau in Neckarelz. In diesem Bereich sollten gegen Ende des Weltkriegs riesige unterirdische Produktionsanlagen für Flugmotoren entstehen. Die notwendigen Arbeitskräfte wurden von den Konzentrationslagern Natzweiler und Dachau hierhergebracht. Über 5000 KZ-Häftlinge , die schon entkräftet waren, wurden hier gequält. Die beiden Gruben „Friede und Ernst“ wurden umbenannt in „Goldfisch und Brasse“.
Heute wird in dieser Region wieder Gips abgebaut, über 300.000 t werden im größten Untertagebergbau Deutschlands pro Jahr gewonnen und auf Schiffe verladen.
In der nächsten Neckarschleife wartet schon das nächste „Denkmal“ auf uns: das am 11. Mai 2005 stillgelegte Kernkraftwerk Obrigheim. Vor 25 Jahren also. Der Abbau der Anlagen soll in diesem Jahr noch vollendet werden – wer´s glaubt?! Ein Foto der Kraftwerkanlagen spare ich mir.
Dann, in Neckargerach, locke ich Peter auf einen schmalen Weg, der zunächst direkt am Neckar entlangführt, ohne Steigung. Zunächst! Dann aber geht es rauf in den Wald, immer weiter, dann wird der Weg schlechter und schlechter. Das Garmin zeigt immer noch einen fahrbaren Weg, aber der führt vom Neckar weg, auf die Berghöhen hinauf. Schließlich halten wir an, trinken einen Schluck und beschließen den Rückzug. Peter hält sich mit Flüchen zu meinen Navigationskünsten sehr freundschaftlich zurück. „Er hätte es schließlich auch nicht besser gekonnt“, sagt er mir. Danke Peter!
Wir queren hinüber auf die andere Seite nach Neckargerach, wo der offizielle Neckarweg kilometerweit an der Bundesstraße entlangführt. Aber es rollt gut. Wieder staunen wir über eine Burg im Hang, das Schloss Zwingenberg.
Schloss Zwingenberg
Nur noch eine Neckarkurve, dann sind wir in Eberbach und fahren über die mit „Eberflaggen“ geschmückte Brücke in die Altstadt.
Auf der Suche nach einem Quartier kurven wir durch die Gassen, stärken uns mit Weizenbier, fotografieren die Kirche St. Johannes Nepomuk und tun uns schwer, eine Unterkunft zu finden. Peter ist schließlich erfolgreich und stößt auf das Gasthaus Zur Linde in Neckarwimmersbach. Also wieder hinüber auf die andere Neckarseite und rauf auf den Hügel. Hier werden wir freundlich empfangen, das Essen ist preiswert und lecker, und wir wundern uns über das Durchhaltevermögen der beiden Wirtsleute, die praktisch im Alleingang das Geschäft in Gang halten.
Feierabendwein auf dem Balkon des Gasthauses Zur Linde
Die Lüfte sind mild, unsere Laune ist gut, währenddessen hängt der Wirt die Hotelwäsche im Vorgarten auf die Leine: Selbst ist der Mann!
Am nächsten Morgen lacht die Sonne, der Wind bläst uns nicht mehr von Norden ins Gesicht: Radlerglück! Wir sind schließlich hier im Naturpark Neckartal-Odenwald. Noch nie haben wir solche Mengen von blühendem Bärlauch erlebt. Die Luft ist wahrhaft bärlauchgeschwängert.
Schließlich genehmigen wir unseren Rädern eine kurze Pause im Bärlauchbett.
Koga-Burner und Cannondale Topstone im Bärlauchbett
Die Düfte haften noch Stunden später an Sattel und Gepäck. In Ersheim hat der Neckar beschlossen, eine 180-Grad-Wende nach Süden zu machen. Am Ortseingang bewundern wir die kleine, aber höchst sehenswerte Kapelle aus dem 14. Jahrhundert, die mit einer Ölbergdarstellung an der Außenwand beeindruckt. Und drinnen staunen wir über sehr gut erhaltene Fresken und Deckenmalereien aus mittelalterlicher Zeit.
Ölbergdarstellung an der Ersinger Kapelle
Auf dem gegenüberliegenden Hang leuchten das Schloss Hirschhorn mit der darunter liegenden Kirche im Sonnenlicht.
Schloss und Kirche Hirschhorn
Für uns der schönste Abschnitt des Neckar-Radwegs.
Wir können uns kaum sattsehen an so viel geschichtsträchtigen Bauten, reißen uns aber irgendwann los und nehmen unser nächstes Ziel, Heidelberg, ins Visier.
Schon um die Mittagszeit erreichen wir die Karl-Theodor-Brücke, die zur Altstadt hinüberführt.
Wir sind keine Selfie-Fans, aber das hier muss einfach sein. Auf den nächsten Metern tauchen wir ein in das Touristengewimmel. Menschen aus dem ferneren Osten dominieren die Innenstadtachse.
200 Meter weiter nur, und wir stehen vor der Parfümerie Frosch, die schon im Jahre 1942 hier von Frau Frosch eröffnet wurde. Sie hat dann Anfang der 50er Jahre eine kleine Wohnung im Dachgeschoss an meine Schwiegereltern vermietet, mein Schwager kam hier zur Welt. So habe ich einen ganz besonderen Bezug zu diesem Haus, das immer noch genauso ausschau wie vor 70 Jahren.
Mit den 1000 Düften aus dem Laden in der Nase begeben wir uns auf die Suche nach einem Plätzchen, wo wir der Geschichte ein wenig nachhängen können und dazu ein Bier trinken.
Irgendwann reißen wir uns los, gehen über die Neckarbrücke zurück und nehmen Kurs auf die badische Bergstraße. Mannheim werden wir uns sparen und sofort nach Norden in Richtung Bensheim abbiegen.
In Weinheim wähnen wir uns kurz im nahen oder ferneren Osten. Eine Moschee steht mitten in einem Gewerbegebiet. Dann machen wir einfach stoisch Kilometer. Auch in Weinheim können wir kaum Weinreben entdecken. Die Bundesstraße 3 ist gesäumt von wenig attraktiven Gewerbeansiedlungen. Für uns Radler jedenfalls ist das eher langweilig hier. Und den Umweg hinein in die Hänge und Dörfer des Odenwaldes sparen wir uns. Wir sind schließlich auf unserer Schlussetappe. Sulzbach, Laudenbach, Hemsbach, schließlich Bensheim, wo wir auf die Suche nach einem Nachtquartier gehen. Gefühlt jeder dritte Laden ist hier ein Friseursalon. „Josefine, Friseur relax, Ästhetik Beauty, Haargold, Kajaks Hair, Hatice´s hairstyle … “ Aber wir suchen doch nur ein kleines Hotel. Dann wählen wir für unsere letzte Übernachtung das Parkhotel Krone. Schönes Zimmer, prächtige Fahrradgarage. Aber dann auch für uns Gäste kein Platz mehr auf der Restaurantterrasse. „Bin nur allein und kann nicht mehr Tische bedienen“, redet sich der unwillige junge Mann heraus. Wir sind stocksauer und gehen auf die Suche nach einer Alternative. Star Döner, Kebap Haus, Meat Heaven, Rhodos … Und im einzigen Biergarten, der gut aussieht, feiern junge Damen einen Junggesellinnenabschied. Alle Plätze sind besetzt. Langsam macht sich Frust bei uns breit. Die Erlösung finden wir dann im Angebot eines Lidl-Marktes, wo wir uns mit Bier, Wein, Würstchen und Chips eindecken. Für ein wahrhaft frugales Mahl auf dem Hotelzimmer. Wir lassen die Erlebnisse der Woche Revue passieren, schwelgen in unseren Eindrücken, sind zufrieden mit uns und der Welt. Der Schlummer ist gut und die letzten 28 Kilometer hin zum Darmstädter Bahnhof gelingen locker.
Auf geht es nach Darmstadt, Peter!
Letztes Highlight ist ein stolzer Reiher auf der Wiese. Dann stehen wir vorm Bahnhof.
Abfahrt für Peter 12.31 Uhr nach Aschaffenburg und Regensburg , für mich nach Frankfurt und dann nach Berlin um 12.30 Uhr.
Abschied, Schulterklopfen, drücken, herzen, verabschieden – bis zur nächsten Tour in alter Frische, bester Freund!
P.S: Einen kleinen Beitrag zu meiner bisher besten Bike-Package-Konfiguration werde ich in Kürze noch verfassen.
Der Kaffee ist gut, dazu ein gekochtes Ei, eine Scheibe Käse, Marmelade aus der Folienverpackung. Ein Starterfrühstück, kein Genussfrühstück. Um 8.30 Uhr wecke ich mein Granfondo, hänge die Gravel-Packtaschen ein und rolle auf den Oder-Neiße-Radweg hinüber. Die Kulisse von Eisenhüttenstadt kommt näher, alte und neue Industrie reckt die Schlote in den Himmel. Von ehemals 53000 Einwohnern im Jahre 1988 sind bis heute 23000 übrig geblieben. Eisenhüttenstadt war zu Beginn der 50er Jahre als sozialistische Planstadt auf Geheiß der SED entstanden. Ein Eisenhüttenkombinat mit sozialistischer Wohnstadt. Die Schlote qualmten wie im Ruhrgebiet. Fast hätte die Stadt zum 70-jährigen Todestag von Karl Marx den Namen Karl-Marx-Stadt erhalten. Dann bekam Chemnitz den Vorzug und die Planstadt bekam den Namen „Stalinstadt“. Keine zehn Jahre dauerte es, da wurde der Ort im Rahmen der Entstalinisierung umgetauft in Eisenhüttenstadt. Von den Einwohnern schlicht „Hütte“ genannt.
Beim Blick vom Oderdeich hinüber zu Häusern und Fabrikgebäuden wusste ich nur wenig über Eisenhüttenstadt; Wikipedia hat mir geholfen, die Geschichte nachzuvollziehen.
Ganz nah am Radweg steht seit Kriegsende die Ruine des Kraftwerks Vogelsang, das zur Energieversorgung der im 2. Weltkrieg errichteten Werke von Degussa und Rheinmetall dienen sollte. Es ging nie in Betrieb – im Rahmen der Reparationsleistungen wurden die Industrieanlagen und auch die Kraftwerksturbinen gen Osten abtransportiert. Es blieben die leeren Gerippe. Als Vogelsang im Jahr 1998 aus 2,5 Mio DM „Fördermitteln“ abgerissen werden sollte, traten Naturschützer auf den Plan und erwirkten den Abriss-Stopp. Heute hausen hier Fledermäuse, die nur selten von „Entdeckertouristen“ gestört werden.
Ich lasse Eisenhüttenstadt hinter mir; hinter Kornfeldern und Wiesen erhebt sich das Kloster Neuzelle aus der Oderaue. Es hat die Jahrhunderte besser überdauert als Industrie und Kraftwerke.
Kloster Neuzelle am Horizont
Neuzelle ist ein wunderbarer Kontrapunkt zu grauem Beton und sozialistischer Planstadt. Jedem, der in dieser Gegend weilt, sei ein Besuch der Klosteranlage wärmstens empfohlen. Die Barockbauten und die Gartenanlage sind einzigartig.
Ich bleibe heute ausnahmsweise auf dem Oderdamm, weil ich Neuzelle bestens kenne. Vor meinem inneren Auge lasse ich mir ersatzweise einen Erinnerungsfilm der letzten Besuche ablaufen. Die nächsten 30 Kilometer erblicke ich Natur, Natur, Natur. Ein paar Minuten beobachte ich eine freche Elster, die immer wieder auf einen doppelt so großen Milan herabstößt und ihn ärgert. Er wehrt sich nicht, er weicht nur immer wieder aus, bis der Plagegeist von ihm ablässt. Auch eine wirksame Methode.
Während dieser Kilometer hat sich die Oder nach Osten davongemacht, statt ihrer rolle ich seit dem kleinen Örtchen Ratzdorf an der nur halb so breiten Neiße entlang. Kurz darauf bin ich in Guben, auch einer Stadt mit typischer, leidvoller Geschichte. Bis 1945 eine Stadt mit namhaften Tuchmacherbetrieben und über 40000 Einwohnern. Mit vielen prächtigen Bauten und Villen. Am Ende des Krieges wurde Guben, wo in den Rüstingsbetrieben über 4000 Menschen, davon die Hälfte Zwangsarbeiter, die letzten Waffen für Adolf produzierten, zu über 90 Prozent zerstört. Das Potsdamer Abkommen sorgte für die Teilung der Stadt in Guben und das östlich der Neiße liegende Gubin. Heute leben hier weniger als 16000 Menschen. In den Fabrikgebäuden der ehemaligen Tuchfabrik residieren das Plastinarium und die Ausstellung „Körperwelten“ von Gunther von Hagens. Vor dem Gebäude wartet gerade eine Schulklasse auf Einlass.
Die größten Arbeitgeber der Stadt sind heute Trevira und die Großbäckerei Dreißig.
Auf der Neiße paddeln gut gelaunte junge Menschen und rufen mir ein fröhliches cześć zu. Ich erblicke eine Bäckerei von Dreißig und gönne mir Milchkaffee, Croissant und Pfannkuchen. Das hebt meine Laune ungemein. Nächster Halt Rosenstadt Forst, würde der Zugbegleiter verkünden, wenn ich denn mit dem Zug fahren würde. Auch Forst war am Ende des Weltkrieges zu 85 Prozent dem Boden gleich gemacht. Auch Forst war und ist wieder eine Tuchmacherstadt mit Textilindustrie. Radsportler verbinden Forst mit seiner historischen Radrennbahn, auf der zahlreiche Top-Sportler trainiert haben. Die Blumenfreunde schätzen den Rosengarten.
Groß Bademeusel, Klein Bademeusel, gegen 15 Uhr stehe ich vor dem Schloß des Fürsten Pückler in Bad Muskau. Lenné oder Pückler haben fast alle bedeutenden Gartenanlagen in Brandenburg gestaltet oder die Ideen dazu geliefert. Der Park in Bad Muskau ist ein besonders beeindruckendes Zeugnis der Gestaltekunst.
Pückler-Schloß
Bevor ich wieder starte, gönne ich mir ein Eis, wie es sicher auch dem Fürsten gemundet hätte. Jetzt noch schlappe 50 Kilometer, und ich werde auf dem Marktplatz von Görlitz stehen. Bis dorthin fließt noch reichlich Schweiß meinen Rücken hinunter. Ein attraktives Tagesziel will eben erarbeitet werden. Eine Ansiedlung am Wege trägt den bezeichnenden Namen „Ungunst“. Als ungünstig empfinde ich auch, dass der Radweg immer wieder durch den Kiefernwald ein paar Höhenmeterauf die Bruchkante macht. Die letzten Kilometer, bevor ich endlich in Görlitz einrolle, ziehen sich. Knapp 170 Kilometer Sonne, Wiesen, Wald, Weitblicke. Jetzt tauche ich in die Kultur der alten Stadt ein. Erstes Ziel ist der Obermarkt, der mit seinen wunderbar restaurierten Bürgerhäusern ein wahres Prunkstück dieser Stadt ist. Das Hotel Am Schwibbogen ist ausgebucht und ich erinnere mich an den Hinweis eines Radlerkollegen in Aurith, der das Hotel Alt Görlitz in höchsten Tönen lobte. Also rufe ich dort an, bekomme ein Zimmer, den Öffnungscode für die Haustür und den Zimmerschlüssel im Umschlag neben der Eingangstür. Dann nehme ich mein Granfondo samt Gepäck auf die Schulter und gönne ihm eine sichere Bleibe in meinem großen Zimmer. Duschen, umziehen und dann bin ich wieder in der Altstadt. Gut gelaunte Menschen flanieren durch die Gassen, am Untermarkt lockt mich ein Italiener mit einer guten Speisekarte.
Die Pasta Calabrese im Restaurant Casanova mundet wunderbar, der Wein ist kühl und verlangt nach einem zweiten Glas. Derweil spielt gegenüber ein mittelalter Gitarrist Songs von Sting, Mark Knopfler und Eric Clapton. In bester Qualität. Besser kann ein Abend für mich nicht laufen. Heute bekommt Görlitz von mir wieder einmal die Note 1. Ich schlummere tief und sitze schon um kurz nach sieben am Frühstückstisch. Das Angebot ist sensationell. Brot, frisch gemachtes Rührei, Müsli, und und und. Ich bediene mich reichlich und genieße. Schon vor acht Uhr stehe ich mit meinem Granfondo auf der Straße und nehme Kurs Süd. Entlang der Neiße will ich nach Zittau fahren. Im Teil 3 mehr davon in Bälde.
Körperschonend und komfortabel. Es soll keine Brevet-Fahrt werden, bei der man 600 oder gar 1000 Kilometer mehr oder weniger am Stück zurücklegt und sich dabei so richtig quält. Immer wieder befrage ich „wetteronline“ in den Tagen vor dem geplanten Start. Durchwachsen soll es werden in der Woche 43 des Jahres 2020. Fest steht, dass es eine Nordrunde mit Fischland-Darß und Rügen wird, und die erste Etappe soll mich nach Norden in Richtung Seenplatte führen. Corona treibt ihr Unwesen zwar auch im Norden, aber es gibt noch keine Hotspots, auch nicht annähernd. Und als Brandenburger darf ich auch noch in Pensionen und Hotels übernachten. Im Radkeller scharrt mein Titan-Granfondo schon unruhig mit den Pedalen. Die zwei Ortlieb-Gravel-Taschen schlucken Radklamotten und Zivilkleidung für die Abende. In der Oberrohrtasche verstaue ich meine Shakedry-Regenjacke und Neoprenfüßlinge – für alle Fälle. Drei dicke Schoko-Eiweißriegel stopfe ich noch hinein. An der Frontgabel habe ich meine neueste Errungenschaft, einen Ortlieb-Forkbag, befestigt. Hier finden Ersatzschläuche, CO2-Kartuschen und ein dickes ABUS-Schloss Platz. Elektronik, Kabel, Powerbank, iPhone, all das liegt vor Nässe geschützt in dem kleinen Frontbag von Topeak.
Am 20.10. rolle ich gegen neun Uhr nach einem ausgiebigen Frühstück los. Ein frischer Wind mit Stärke 3 bis 4 soll aus Südost blasen. Das passt trefflich für den Kurs hin zur Seenplatte und die schöne Stadt Waren am Müritzsee.
Nein, es ist kein Raps! Senfsaat blüht hier bei Liebenberg.
Zuerst geht es auf bekannten Pfaden an Oranienburg vorbei, dann am Voßkanal entlang, dann knicke ich ab nach Malz und nach Liebenberg. Der hilfreich schiebende Wind macht es leicht, in einen schönen Rhythmus ohne Anstrengung zu finden. Kleine Ortschaften, sanfte Landschaftswellen – kurz vor Gransee werden vor einer Hofeinfahrt dicke rote, gelbe und grüne Kürbisse feil geboten.
Gransee liegt verschlafen da. Wo sind die Menschen? Neben dem Ruppiner Tor führt der Weg durch das sogenannte Waldemartor, das nach der vom Kurfürsten verordneten Vermauerung des Haupttors angebaut werden musste. Hier die Geschichte dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Waldemartor
Von Gransee aus führt der Stechlinsee-Radweg auf der historischen Bahntrasse über 10 Kilometer herrlich ausgebaut bis nach Schulzendorf. Ein Gedenkstein und eine bunte Darstellung des Geschehens vom August des Jahres 1316 erinnern an die Schlacht bei Gransee zwischen den Brandenburgern und den Mecklenburgern.
In Schulzendorf, vor der ARCHE-Kinderranch, rollen auch Köpfe und fließt auch Blut, allerdings hier in einer aufwändigen Installation zu Halloween:
Rheinsberg ist die nächste historische Station am Radweg. Kronprinz Friedrich, der bis 1740 hier seine „glücklichste Zeit“ verbrachte, bis er dann die Nachfolge seines strengen Vaters antrat und nach Berlin umziehen musste, begrüßt die Besucher . Friedrich der Große, wie er genannt wird, sollte nie wieder die Stätte seiner unbeschwerten Jugendzeit besuchen.
Weiter rolle ich auf dem alten Bahndamm-Radweg, der durch herrliche Laubwälder führt. Eichen, Buchen, Linden – starke Bäume atmen CO2 ein und Sauerstoff aus. Waldbaden ist gesund für Körper und Seele.
Der Wald duftet herbstlich, nasses Moos, Pilze, Harzgeruch. Aber Waldbaden macht auch hungrig. So lege ich in Rheinsberg beim Bäcker Läge einen Stopp ein und stärke mich mit Milchkaffee und Apfelkuchen.
Die Bahnlinie, die ursprünglich bis Zempow führte, wurde übrigens nach 1945 im Rahmen von Reparationsleistungen abgebaut. Heute kann ich mich als Spätfolge über den glatten, hügelfreien Radweg freuen. Zempow, Sewekow, Karbow, bald bin ich am Meer. Nein, nicht an der Ostsee, aber am größten Binnensee des deutschen Landes, dem Müritzsee. In Röbel mache ich einen Erkundungsgang um die mächtige Backsteinkirche St. Marien, die auf einem kleinen Hügel thront.
Ein paar Meter weiter stehe ich an der Hafenmole vom Stadthafen Röbel. Am Müritzstrand liegt Kunst in Form von zwei Holzfiguren, die genießend auf das Wasser schauen.
Auf dem Weg nach Waren lasse ich mich auf den Müritz-Rundweg ein, der durch die Wälder, am Wasser entlang, Hügel rauf und runter, über Schotter und durch Sand führt. Aber schön ist er!
Aus dieser Perspektive ist das Ostufer des großen Sees nicht zu sehen. Nur die Bäume sind ab mittlerer Höhe zu ahnen. Die „Wölbungshöhe“ der Erdkrümmung macht auf über 10 Kilometern von Ufer zu Ufer ca. 3 Meter aus. Und da schaut meine Kamera nicht drüber, sondern folgerichtig nur auf und hauptsächlich in das Wasser. Noch ein paar Bögen, dann kommt das Schloss Klink in Sicht. Ich wähne mich an der Loire und nicht am Müritzsee.
Schloss Klink
Die sehr wohlhabende Familie Schnitzler ließ das Herrenhaus von den Architekten Grisebach und Dinklage im Stil der Neorenaissance entwerfen und innerhalb von weniger als drei Jahren errichten. Arthur Schnitzler konnte samt Familie im Jahre 1900 einziehen. Auch für eine große Familie reichlich Platz zum Wohnen und Sein. Zumal auch noch 1150 ha Land samt Dörfern der Umgebung zugekauft wurden. Protz und Prunk. Sogar ein Mausoleum im Stile eines antiken Tempels ließ die Familie aufwändig am Steilufer der Müritz bauen. Schließlich brauchte man auch für die Verblichenen und noch Verbleichenden eine adäquate Ruhestätte. Die ist allerdings 1976 im Auftrag der Gemeinde Klink vom Autobahnkombinat Rostock gesprengt worden. Ein Mausoleum sprengen?! Ich mag mir das gar nicht vorstellen.
Weiter führt der Weg am See entlang – zur Linken ein kleiner Park mit einer aufragenden Skulptur. Auf einem Sockel aus Stahlbeton wirbelt ein Athlet eine Frau und ein Kind durch die Lüfte. Wer hat das denn geschaffen, und wann? So intensiv ich auch google, ich finde partout nichts über dieses Kunstwerk.
Dann mache ich wieder einmal mit Kamerun Bekanntschaft, diesmal in Form eines Campingareals am See mit diesem Namen. Sogar eine Nationalflagge hat der Betreiber gehisst.
Afrika
Beim Einbiegen zum Strand hin fängt ein riesiger Schiffspropeller meine Aufmerksamkeit. Die hier ansässige Metallguss GmbH fertigt die größten Antriebsschrauben weltweit! Wer hätte das gedacht!
Waren kommt in Sicht. Ein schön anzuschauendes Städtchen mit historischem Flair. Eigentlich ganz untypisch für diese Region. Ansteigende Gassen, historische Häuser, einladende Gastlichkeit.
Am Yachthafen steht die Skulptur „Der verlorene Sohn“ von Stefan Voigtländer. Zur späten Nachmittagsstunde halte ich mich hier nicht lange auf, obwohl das Ambiente einladend ist. Zuerst kurve ich hinüber zum Tiefwarensee und dem gleichnamigen Hotel, in dem ich ein komfortables Zimmer beziehe. Duschen, frischmachen und dann wieder hinüber in die Altstadt. Es hat angefangen zu regnen. Alle Menschen, die ich vorher in den Gassen gesehen hatte, scheinen die wenigen „Corona-Plätze“ in den Restaurants reserviert zu haben. So bin ich froh, bei einem netten Italiener noch eine Pizza und ein Viertel Rotwein zu bekommen. Um 22 Uhr liege ich im Bett, schaue noch die Nachrichten und schlummere hinweg.
Bis Waren waren es 153 Kilometer. Morgen kommt Etappe 2 – hin zum Darß