An diesem Dienstag soll der berühmte Goldene Oktober noch einmal zeigen, was er kann. Milde Lüfte und viel Sonne sind vorhergesagt. Folglich satteln wir unsere Pferde recht früh, rollen gegen 9 Uhr wieder hinaus in die Gassen der Altstadt und setzen Kurs Nord, um wieder auf den Saale-Radweg zu gelangen. Hinweisschilder sind Mangelware, so arbeiten wir uns mit ein paar Schleifen hin bis zur Giebichenstein-Brücke mit dem riesigen Pferd am Brückenkopf. Der Bildhauer Gerhard Marcks hat den Koloss zusammen mit einer Kuh, die auf der gegenüberliegenden Seite liegt, im Jahr 1928 geschaffen. Passend dazu ist hier die Kunsthochschule Halle angesiedelt.


Der Saale-Radweg ist ein Flussradweg und demzufolge flach und hat nur wenige Höhenmeter – hatten wir gedacht. Fehler! Kurz hinter der Brücke wartet die erste knackige Rampe, die auch noch mit einer Pflasteroberfläche garniert ist. Wir fluchen. Es sollte nicht das letzte Mal sein auf den nächsten 30 Kilometern. Zu allem Ungemach knurrt uns langsam der Magen, der sich nach dem Frühstück sehnt. Kein Bäcker, kein Café, und wenn, dann geschlossen. Ich töne Peter gegenüber, dass es in Brachwitz einen tollen Bäcker gäbe, ohne irgendein Indiz dafür zu haben. Dafür beißt hinter jeder Rechtsbiegung eine kleine Rampe in die Waden.
In Mücheln können wir Kunst am Wegesrand erleben: eine zur Bücherstation umgebaute Telefonzelle, daneben Keramikzwerge und ein Tisch mit alten Porzellantellern. Nur leider sind sie leer. Keine Spur von Brötchen oder gar Kaffee. Peter flucht.


Friedeburg, Rothenburg, dann Bernburg – und immer noch viel Natur und Bäume und Auen, aber nicht der ersehnte Bäcker. Droben leuchten die Giebel der Bernburg in der Sonne. Seelennahrung! Bei Rothenburg fühle ich mich erinnert an meine alte Heimat, das Rahmedetal mit seinen Drahtwerken. Auch hier wird Draht gezogen – immer noch! Spezialdrähte für Fußballstadien in aller Welt werden hier erfolgreich gefertigt.
Herrliche Natur, Fabrikruinen, Abbruchhäuser, schöne Häuser – alles auf wenigen Kilometern nebeneinander.
In Mukrena schließlich rettet uns der famose Saale-Grill mit Dürüms und Krostitzer Bier vorm Verhungern.




Die Bernburg thront über der kleinen Stadt, die viel Zwerge zu bieten hat: An Hauswänden, im Zwergengarten, eine 90 Jahre alte winzige Holländermühle, die als Heim der sieben Zwerge gilt.

Ansonsten finden wir keine Verbindung zwischen Schneewittchen und den Sieben Zwergen hier, auch haben die Brüder Grimm weder hier gewohnt noch waren sie je an diesem Ort. Also ist der Zwerg wohl eine Marketingidee der Bernburger.

In Calbe habe ich offensichtlich bereits einen Teil vom Dürüm verdaut, und ich halte Ausschau nach einem gewissen Örtchen, das ich in einer Aral-Tanke finde und aufsuche. 10 Minuten später sitze ich wieder wunderbar erleichtert auf dem Topstone. Es rollt! Und an uns vorbei rauscht auf der vielbefahrenen L 65 der Feierabendverkehr. 12 Kilometer noch bis Schönebeck und dem Weltrad. Dort haben wir schon ein Zimmer im Bed & Bike-Hostel für günstige 66 € gebucht.

Peter sagt: Das ist doch kein Kunstwerk! Ich widerspreche heftig, denn mich beeindruckt die 16 Meter hohe „Salzblume“ des dänischen Künstlers Anders Nyborg sehr. Sitzen lässt es sich jedenfalls gut auf den Stufen – im Licht der tief stehenden Sonne.

Im Weltrad-Quartier können wir unsere Räder sicher in einer Holzscheune parken und uns dann nur wenige Schritte weiter im Hostel abendfein machen.

Das Weltrad-Restaurant ist riesig. Noch riesiger die Regale voller Wein- und Spirituosenflaschen. Nur Räder sind beim Weltrad Mangelware. Ein einziges historisches Rad der Marke Weltrad steht etwas abseits im Flur. Der kommerzielle Schwerpunkt hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend in Richtung Gastronomie bewegt. So können wir am Tisch im Restaurant trefflich über Räder, Reisen, Essen und Trinken reden.
Am nächsten Morgen starten wir gegen 9 Uhr, gönnen uns beim Bäcker ein günstiges Frühstück und rollen schon eine halbe Stunde später gen Südosten hinaus in die Felder und an die Elbe.




Noch lacht die Sonne an diesem Mittwoch, für die nächsten Tage ist aber ein Wetterumschwung vorhergesagt. Also freuen wir uns umso mehr über die milden Lüfte und Düfte. Wir fahren die ersten Kilometer linkselbisch, wollen aber spätestens bei Barby und der Saale-Mündung auf die andere Seite wechseln. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: die Fähre oder eine Eisenbahnbrücke, die vor uns immer größer und größer wird. Kann man da rüber?

Ich klettere eine kleine Stiege hinauf zum Brückenkopf und siehe da: Es gibt neben den stillgelegten Gleisen einen schmalen Holzweg – für Radler gerade noch breit genug. Peter lässt sich nur mühsam davon überzeugen, dass dieser Weg ein guter wäre. Schon nach wenigen Metern steigt er ab. Ihm wird schwindelig beim Runterschauen, und das Balancieren mit den dicken Seitentaschen ist nicht sein Ding. Also rolle ich vor auf die andere Seite:



Die Stahlbrücke stammt aus dem Jahre 1877 und misst lange 757 Meter. Irgendwann sind wir beide auf der anderen Seite. Peter ist froh, dass er wieder festen Boden unter den Rädern hat.

Das war einmal der Eingang zum Lustschloss Friederikenberg, gebaut um 1700 im Auftrag des Fürsten Carl-Wilhelm von Anhalt Zerbst, gedacht als Wohnort für die Prinzessin Friederike von Sachsen-Gotha. Als die Prinzessin im Jahre 1709 plötzlich verstarb, hatte das Anwesen seinen Zweck eingebüßt und der Fürst die Lust am Weiterbauen verloren. Über 100 Jahre später wurden die Reste des Schlosses abgetragen – geblieben ist nur das Eingangsportal zum Park.
Irgendwann kommen wir aus den Wäldern wieder heraus und arbeiten uns an die Fähre in Aken heran. Die kenne ich bestens von zahlreichen Brevets, bei denen der Track hier über die Elbe auf die Südseite führte.


Die Elbe führt so wenig Wasser, dass der Fährmann gerade noch genügend Platz hat, die Seilfähre zu bugsieren.






Die Parklandschaft der Elbauen ist zwar wunderschön, allerdings rollt es nicht ganz so gut auf den Schotterwegen. So sind wir froh, als wir das Kornhaus, ein Café aus der frühen Bauhauszeit, erreichen und einen leckeren Kaffee genießen können. Danach kurbeln wir zu den Meisterhäusern und gönnen uns an der historischen Trinkhalle daneben – ja was denn: noch einen Kaffee!


Bauhaus-Museum und Uni liegen nah, und so kurven wir auch hier noch ausgiebig um die beeindruckenden Gebäude.
Mittlerweile ist es halber fünfe, und es wird Zeit, eine Bleibe für die nächste Übernachtung zu finden.
Dazu aber mehr in Teil drei unserer Kult(o)ur.
