Die Würfel sind gefallen: Peter und ich wollen im Oktober unsere zweite Etappentour des Jahres starten – diesmal, nach der verregneten Wesertour im März, locken Saale und Elbe mit viel Natur, Kultur und Historie. Passend dazu haben wir als Treffpunkt das Paradies auserkoren – Pardon: den Bahnhof Jena-Paradies. Der liegt ziemlich genau auf halber Strecke zwischen unseren Wohnorten Regensburg und Berlin. Schiller, Goethe, die Fichtes und die Schlegel-Brüder, die Humboldts und Novalis haben sich genau hier schon Ende der 1790erJahre getroffen, diskutiert, philosophiert, das Ich in den Mittelpunkt des Denkens gestellt. Welcher Ort wäre besser geeignet als Jena, um unsere Kultour zu beginnen!

Leider ist von der historischen Altstadt nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und dem typischen DDR-Aufbau wenig geblieben. Man nannte das damals „sozialistische Umgestaltung“. Immerhin: Orte des geistigen Aufbruchs der „Jenaer Allianz“ um 1800 sind erhalten geblieben, darunter Schillers Gartenhaus, das Inspektorhaus im Botanischen Garten (in dem Goethe lebte und forschte) sowie die traditionsreiche Universität Jena. So lassen wir unseren Gedanken und unserer Fantasie freien Lauf: Schließlich haben in der Leutra-Gasse schon 1789 die Philosophen fröhlich gezecht und diskutiert. In Schillers Garten entstanden der Wallenstein, Maria Stuart und Die Bürgschaft. Vom damaligen revolutionären Geist weht aber nichts mehr hinüber in den Park und zum Bahnhofsaufzug, wo ich Peter in Empfang nehme. So richten wir unsere Blicke kurzerhand nach Norden, hinein in die Saale-Auen und die herrliche Natur.

Nach wenigen Kilometern kommen die Dornburg-Schlösser auf den Saale-Höhen in Sicht, wir queren den Fluss auf der historischen, genieteten Stahlbrücke aus dem Jahre 1892. Wir sind angekommen! Wir fühlen uns wohl in Natur und Kultur.



Nach 20 Kilometern gemütlichem Einrollen schallt der Beifall von Fussballanhängern zu uns herüber: Camburg spielt gegen Krölpa! Genau hier biegen wir auf das Sportplatzgelände ab und gönnen uns ein „Apoldaer Glocken Hell“. Lecker!


Zwanzig Minuten später kurven wir weiter hinüber nach Kaatschen-Weichau, wo uns direkt an der kleinen Saalebrücke ein Weinfest bei der Katuka-Bar zur zweiten Pause einlädt.
Hier wird gefeiert, musiziert, Wein getrunken, dazu sorgt eine kleine Band für die richtige Stimmung. Also bremsen wir unseren Vorwärtsdrang und stellen Alcide und das Topstone neben einer alten Garage ab. Peter übernimmt die Weinversorgung. Beim Weingenuss kommen wir mit dem Weingutbesitzer und Betreiber der Katuka-Bar ins Gespräch. Eine erstaunliche Geschichte tut sich auf: Torsten kommt ursprünglich aus dem Westen, aus NRW, und hat sich Anfang der 90er Jahre entschlossen, nach Thüringen zu gehen, hat in eine Weindynastie eingeheiratet und ist geblieben.





Fast eine Stunde verweilen wir an diesem herrlichen Ort und fühlen uns wohl. Der hervorragende Wein tut das Seine!
Bis Naumburg sind es nur noch 20 Kilometer, die bei milden Temperaturen und wunderbarem Herbstlicht purer Genuss sind.

Schließlich haben wir den Naumburger Dom und die Stadtkirche als Navigationspunkt direkt im Blick und arbeiten uns durch die Saaleauen und an den Weinhängen vorbei an die Altstadt heran.


Nach einigem Herumkurven finden wir direkt neben der Stadtkirche St. Wenzel das Hotel Toscana. In einem 500 Jahre alten Haus mit illustrer Geschichte hat der Besitzer, der ursprünglich aus Bagdad stammt, hier schon 2010 ein Restaurant und ein Hotel eröffnet.
Der Innenhof zeigt die ersten Spuren des Herbstes, die Gartenmöbel sind weggeräumt, dafür haben die Räder reichlich Platz. Im Gebäude wird es sehr historisch – gemischt. Alter Stuck, Malereien, gedrechselte Möbel und ein Empfangstisch aus den 20er Jahren, wo ein junger Kollege unsere Personalien unkompliziert auf einem Zettel aufschreibt.



Neben unserem fürstlichen Doppelbett finden wir einen Ausziehschrank mit einem Hosenbügler drin. Wir fragen uns, ob heutzutage noch irgendjemand seine Hosen mit einer Bügelfalte versieht. Wir Radler jedenfalls nicht. Als wir uns umgezogen haben und einen kleinen Stadtspaziergang machen wollen, komme ich mit dem Hotelbesitzer, der es sich an einem kleinen Tisch vor dem Hauseingang mit einem Bier gemütlich gemacht hat, ins Gespräch: Ich erfahre, dass er ursprünglich in Köln BWL studiert hat, Unternehmen gegründet und geleitet hat und nebenbei bis heute als Präsident der Deutsch-Irakischen Mittelstandsvereinigung fungiert. Passend dazu spricht er Französisch, Arabisch, Englisch und Spanisch. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus.

Der Feinbäcker nebenan backt offensichtlich schon lange nicht mehr.
An diesem Abend laufen wir durch die alten Gassen, bis Durst und Hunger uns in ein Gasthaus am Markt treiben. Das Essen schmeckt, das Bier kommt aus Bayern. Wir sind zufrieden und diskutieren über Politik, Geschichte, Merz, Klingbeil, Putin und Trump. Kurz vor Mitternacht fallen wir in das komfortable Doppelbett und schlummern Tag zwei unserer Tour entgegen.
Am Montagmorgen nach frugalem Frühstück lacht die Sonne bei milden 14 Grad. Wir wollen schnell wieder auf den Saale-Radweg, allerdings sind die Wegweiser dorthin Mangelware. So drehen wir noch einige Kurven durch die Gassen und über Rumpelpflaster, bis die Saale neben uns liegt. Der Auennebel löst sich nur zögerlich auf, das hat aber auch einen besonderen Reiz.



Zwei Radlerinnen empfehlen uns an der Fährbrücke von Lobitzsch, am rechten Ufer der Saale zu bleiben, und dann hinüber nach Weißenfels zu kurbeln. Einige kleine Rampen warten, Schotter und Pflaster wechseln sich ab. Schließlich erreichen wir den Marktplatz der alten Schuhmacherstadt. Der Barockkomponist Heinrich Schütz und der Philosoph Novalis, alias Friedrich von Hardenberg haben hier gelebt. Im 19. und 20. Jhd. war die Stadt Zentrum der industriellen Schuhfabrikation. Im Kombinat wurden über 30.000 Schuhe pro Tag produziert – 75% des Bedarfs der DDR-Einwohner.




Die Stadt hat schöne und hässliche Bereiche, auch mal direkt nebeneinander, wie hier am Marktplatz, wo wir einen Radlerkollegen aus Kiel treffen und uns zwei Milchkaffee gönnen – für neun Euro. Da sparen wir uns das Trinkgeld. Auf dem Hügel thront Schloss Weißenfels mit dem Schuhmuseum und den Tretern von Dirk Nowitzki. Auch das sparen wir uns heute. Schließlich wollen wir noch unser Tagesziel Halle erreichen. In Kleinkorbetha führt uns der Radweg per Fähre hinüber auf die andere Saaleseite, wo an der Dachrinne des Fährhauses der Hochwasserstand des Jahres 2013 markiert ist. Heute können wir froh sein, dass die Fähre bei einem Pegelstand von 30 cm noch genügend Wasser unterm Kiel hat.


„Oebles-Schlechtewitz“ 2 km. Zu lesen auf der Seite der Solestadt Bad Dürrenberg: „Der erschrockene König soll daraufhin ausgerufen haben: „Hier ist Übelsein und Schlechtessen!“ Daraus wurden im Volksglauben später die Ortsnamen Oebles und Schlechtewitz abgeleitet. Wie gesagt, das sagt die Sage!
Wir sind gewarnt und bleiben auf dem Saale-Radweg und genießen die Sonne und die würzige Luft. Bald kommt die Industriekulisse der Chemiewerke Leuna in Sicht und wird am Horizont immer breiter und immer dominanter. Peter kann es kaum fassen.


Schornsteine, Kühltürme, riesige Tankbehälter, dicke Rohre. Es grüßt der Chemie-Komplex Leuna.
Das Städtchen Leuna hat zwei vollkommen verschiedene Seiten: die riesigen Leuna-Werke, die eine Fläche bedecken, die mindestens viermal so groß ist wie der Ortskern, daneben Arbeitersiedlungen und Parkanlagen. Zwei Welten! Die klassische Chemieproduktion mit Ammoniak, Methanol, Agrardünger und Treibstoffen ist mittlerweile abgelöst von neuer Technologie zu Biokraftstoffen und chemischen Verfahren. Trotz aktueller Insolvenzverfahren zeigt sich der Standort zukunftsfähig.
Am Radweg in den Saaleauen treffen wir passenderweise einen Pensionär, der sein Berufsleben als Rangierlokführer hier verbracht hat und gar nicht mehr mit dem Erzählen von Geschichten aus seiner Zeit im Kombinat und danach bei Leuna-Polyamid und Domo aufhören wollte. Industrie und Mittelalter liegen hier nah beieinander, denn nur wenige Kilometer weiter rollen wir in die Altstadt von Merseburg ein. Mit Dom, Barockgarten und historischem Marktplatz.



Einige beschauliche Kilometer an der Saale, aber auch der brutale Industriekomplex von Schkopau folgen, dann arbeiten wir uns durch die Vorstadtbereiche an die Altstadt von Halle heran. Leicht gesagt, schwer getan! Die Qualität der Radweghinweise ist höchst bescheiden. Wir rumpeln durch dreckige, vermüllte Straßen und staunen über so viele Gegensätze. Miettransporter, Schrottautos, kaputte Haustüren …, der Duft von Drogen … Jeder Dritte bezieht hier Bürgergeld. Im Beitrag von Stern TV wird das deutlich:
Als wir an der Mansfelder Brücke ankommen, fragen wir zwei Radler unserer Alterskategorie nach dem besten Weg zur Altstadt. “ Beschilderungen kannste hier vergessen, det is typisch für Halle!“ Nun wissen wir das auch aus kundigem Mund.
Aber: Auf den nächsten paar hundert Metern ändert sich das Bild komplett. Auf einer Radwegautobahn im holländischen Stil gleiten wir hinein in die historische Mitte. Hallmarkt, Halloren und Händel grüßen.
Dann fragen wir Booking.com nach einer günstigen Bleibe für die Nacht, werden fündig in der Pension Am alten Markt und buchen direkt. Wenn wir den Eingang vorher gesehen hätten – vielleicht hätten wir noch weitergesucht. Wie kommen wir jetzt dort rein? Die Bestätigung von Booking habe ich, aber sonst nichts. Nur ein paar Schlüsselkästchen hängen neben der Eingangstür, und auf einem handgeschriebenen Zettel finden wir eine Telefonnummer. Es meldet sich ein Herr mit brüchiger Stimme und teilt uns den Code für Kästchen Nummer fünf mit. Mit dem Schlüssel ausgerüstet, schieben wir unsere Räder in den Flur und dann hinter eine klemmende Glastür. Das scheint für Räder und Gepäck ein sicherer Ort zu sein. Dann erklimmen wir drei Stockwerke über die Treppe aus dem Jahre 1471.

Die Einrichtung des Zimmers ist bescheiden, aber es ist sauber.
Zwei Einzelbetten mit guten Matratzen, was braucht der Radler mehr.

Wir haben Durst und der Magen knurrt. Zeit, ein gutes Gasthaus zu finden. So werfen wir einen schnelle Blick auf den alten Händel, wundern uns über die vielen Polizeifahrzeuge am Rand des Marktes und sehen und hören dann die Ursache dafür: An der Kirchmauer steht ein Redner, ausgerüstet mit Mikro und kleinem Lautsprecher und liest vom Zettel krude Thesen zum Angriff der Nato, der USA usw. auf die Russen ab, verunglimpft unseren Kanzler und bekommt von geschätzt 15 Anhängern Beifall. Ein junger Mann steht mit seinem alten Fahrrad dazwischen und hebt die rechte Hand zum Gruße. Ich bin drauf und dran, ihm nahezurücken. Peter hält mich vernünftigerweise davon ab. Wir sind zwar noch fit, aber eben nicht mehr in unseren Kampfsportjahren. So verarbeiten wir das Erlebnis auf dem Weg hin zum „Schad“, einer urigen Kneipe mit geschichtsträchtiger Einrichtung. Das Bier schmeckt, Peter bekommt seine Grützwurst, ich meinen Salat mit Teigtaschen. Und: Wir sitzen auf Stühlen, auf denen schon Michail Gorbatschow und Hans-Dietrich Genscher gesessen haben. Ich nehme Platz auf dem Stuhl, wo Andy Borg am 12.12.98 sein Bier bekommen hat. Hoffentlich hat er nicht auch noch gesungen.


Dann legen wir unsere Hände in die Gipsabdrücke derselben von Gorbatschow und Genscher.

Speis und Trank munden uns bestens, die Stimmung ist gut in dieser berühmtesten Kneipe von Halle.
Mal schauen, wie es auf der Etappe hin nach Schöneberg an der Elbe laufen wird, aber davon mehr in Teil zwei in Kürze.

Freut mich sehr, wenn es Dir gefällt
Eine sehr schöne Runde von euch beiden.
Danke fürs mitnehmen.