Drei Tage Traumwetter, drei Tage ohne irgendwelche Termine, drei Tage auf dem Rad.
Am besten der Nase nach, am besten los mit dem Wind im Rücken, „easy-riding for an old man“. So sollte es gehen, denke ich mir am Mittwochabend und packe meine Sachen zusammen.
Ich werde auch die neue Ortlieb-Trunkbag-Tasche testen. 12 Liter Inhalt, wasserdicht, schmal bauend, 800 g leicht. Mein vorerst letzter Schritt zur Gepäckminimierung für kleine Etappentouren im Frühjahr und Sommer. Als ich die Tasche bestellte, hatte ich nicht berücksichtigt, dass mein Tubus-Airy-Titan-Gepäckträger nur 60 mm schmal ist. Da hängen die beiden Gravelpacks seitlich wunderbar dran, aber 6 cm Stegabstand ist zu wenig für die Befestigungsklauen derTasche. Die Lösung des Problems ist die Verbreiterung mittels zweier Alustäbe rechts und links am Träger. Verdrehfest mit Kabelbindern und zwei vorgebohrten Aluprofilen befestigt. Kosten 10 Euro. Zeitaufwand 90 Minuten. Der Trunkbag sitzt nun bombenfest auf dem Airy.


Am Donnerstagmorgen gegen 10 Uhr mache ich mich auf den Weg. Noch sind es frische 13 Grad, Brevet-Jersey, dünne Armlinge, Windweste drüber und an den Beinen die schön wärmenden X-Bionic-Beinlinge. So rolle ich mich ein und wähle einen Track, der an Berlin westlich vorbeiführt, hin nach Falkensee, über Seedorf nach Potsdam, nach Caputh am Schwielowseee und dann hinein in den Fläming.
Ich verlasse die geteerten Wege und tauche ein in die Wiesen und Auen. Zwei Störche überfliegen mich in wenigen Metern Höhe. Ein erhabener Anblick. Einfach innehalten, wahrnehmen und genießen.

Die Sandpassagen auf den nächsten Kilometern bremsen mich zwar, die gute Laune können sie aber nicht trüben. Barockkirchen in Rosa, ein Ortsname wie im Voralpenland: Salzbrunn.
Hier wurde schon im 16 Jhd. nach Salz gebohrt. Eine Saline sollte entstehen. Alle Mühe war vergebens, der Salzgehalt war viel zu gering. Allein der Ortsname erinnert an das frühe Projekt der Kurfürsten. Im Fläming muss man nur die Hauptrouten verlassen, um immer wieder Erstaunliches zu entdecken.

In Treuenbrietzen erkenne ich die Dahlbeck-Bäckerei wieder, bei der Peter, Matthias und ich die erste Pause auf der Etappentour 2016 nach Tschechien und Bayern eingelegt hatten. Heute teste ich die Qualität des Milchkaffees erneut. Bestanden. Lecker. Nur doppelt so teuer wie vor sieben Jahren.

Noch 30 Kilometer bis zu meinem Tagesziel Wittenberg. In einem kleinen Bogen nach Südosten arbeite ich mich über Zahna an die Stadt heran. Die Lutherstadt strahlt seit den mit großem Aufwand betriebenen Restaurationsarbeiten zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation im Jahre 2017 in neuem Glanz. Eine vorzeigbare Innenstadtzone ist entstanden. An diesem herrlichen Donnerstagabend flanieren nur wenige Menschen in der Stadt. Nur im Bereich vom Marktplatz mit Luther-und Melanchthondenkmal tummeln sich einige Touristen.

Hinter der Schlosskirche schießt ein Mann mit einem langen Blasrohr auf einen kleinen Luftballon. Aus sicher mehr als 50 Metern Entfernung. Als ich respektvoll näher zu ihm gehe, zeigt er mir mit einigen präzisen Schüssen seine Pustekunst. Irgendwie passend zum den mächtigen Turm umgreifenden Spruchband: “ Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“.

Noch mehr Kunst gibt es in Form der Skulptur “ Die unerträgliche Leichtigkeit“ des Bildhauers Frank Seidel zu bestaunen. Sie balanciert auf einem rostrot in der Sonne leuchtenden Sockel. Es ist 19 Uhr geworden und ich sollte bald eine Bleibe für die Nacht finden. Booking.com lotst mich in Richtung Bahnhof und zum Hotel Acron. Die Dame an der Rezeption kann ich davon überzeugen, dass mein Granfondo besser im Zimmer als im Radschuppen auf dem Hof untergebracht ist. Duschen, umziehen, Stadt erkunden. Nach 15 Minuten bin ich unterwegs und laufe durch die Gassen.
Dreimal hin und wieder zurück, Luther, Melanchthon, Thesentür, dann endlich ein Italiener, kein historischer, nein, einfach ein guter Gastgeber mit einem guten Koch. Satt und zufrieden wandere ich zurück zum Hotel und gönne mir noch ein Absacker-Bier. Danach falle ich in einen erholsamen Tiefschlaf.






Am nächsten Morgen lacht die Sonne aus einem klarblauen Himmel herab. Das Grün der Elbauen bildet einen filmreifen Kontrast dazu. Genuss pur für Körper und Seele! Es rollt wunderbar. Querab von Torgau enden die Ortschaften fast alle auf – witz. Kein Witz! Triestewitz, Kathewitz, Adelwitz, Ammelgoßwitz… Besonders in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen ist diese Endung häufig anzutreffen und weist meistens wohl auf den Gründer oder Erbherren des Ortes hin. Also: Kathewitz – die zu Kathe Gehörigen.





In Prettin rolle ich am Schloss Lichtenburg vorbei. Das teilrestaurierte, riesige Gebäude hat eine ziemlich illustre Geschichte: Erbaut im 16. Jahrhundert als Wittwensitz der sächsischen Kurfürstinnen, wurde das Anwesen im Jahr 1812 umfunktioniert zum kursächsischen Gefängnis und danach zur Strafanstalt für über 500 Insassen. Im dritten Reich begann das finstere Kapitel als Konzentrationslager. Man mag kaum glauben, was hinter den Mauern der Schlossfassade alles geschehen ist über die Jahrhunderte. Heute residiert hier ein Museum zum Gedenken an die KZ-Opfer.
In Triestewitz wird das ehemalige Rittergut als Hotel genutzt, direkt daneben verfallene Gutsanlagen und rostendes Landwirtschaftsgerät. Die Zeit steht still.
In Großtreben backt der Bäcker Schröder in großem Stil und betreibt auch noch einen netten Bäckerladen samt Café. Der Milchkaffee mundet und das Hefeteilchen bringt verbrauchte Energie im Nu zurück. „Heimat, Handwerk, Herzlichkeit“, lese ich hinter der Sitzecke. Kann ich so bestätigen!


In Belgern setze ich mit der Seilfähre über auf die Westseite der Elbe. Der Elbe-Radweg führt im Zickzack-Kurs durch die Auen und Hügel. Genau richtig für Menschen, die keine Eile haben und gerne viel sehen wollen. Also ideal für mich in diesen Tagen. Blumenwiesen, zufrieden wiederkäuende Rinder, eine prächtige Kastanie in voller Blüte. Dann ein gelber Hochzeitstrabbi mit Blumenschmuck vorm Standesamt in Strehla und als vorläufiger Höhepunkt des Tages die Entdeckung des ganz besonderen Flugplatzes von Riesa.



Als ich auf der linken Seite die Fliegerhalle und den Tower entdecke, wundere ich mich darüber, dass die Startbahn auf der gegenüberliegenden Straßenseite anfängt. Obacht! Flugzeuge queren die Fahrbahn. Alles gut geregelt, denn der Flugleiter schaltet die Ampel auf Rot, der Sportflieger rollt quer über die Straße, mein Granfondo staunt.


Neugierig, wie ich bin, rolle ich danach noch zur Halle, vor der gerade ein Doppeldecker startbereit gemacht wird. Sieht alt aus, ist aber ein gänzlich neues Ultraleicht-Fluggerät, wie mir später der Erbauer und Besitzer stolz erzählt. Wir ratschen über alte und neue Zeiten – schließlich habe ich auch in grauer Vorzeit solche Flugzeuge geflogen. Eine halbe Stunde später verlasse ich den Verkehrslandeplatz Riesa Göhlis und nehme den letzten Teil meiner Tagesetappe ins Visier: Meißen. Auf den nächsten Kilometern könnten die Gegensätze nicht größer sein: Auf der Ostseite der Elbe die riesigen Anlagen von Wacker Chemie, auf meiner Seite blühende Landschaften.




An der Wäscheleine am Ufer trocknen Büstenhalter und Unterhosen. Daneben grasen friedlich wunderbar braune, gescheckte und gelbweiße Rinder. Dann kommt die mächtige Albrechtsburg in mein Blickfeld und wird immer größer. In der Altstadt von Meißen herrscht rege Betriebsamkeit, die Stadt ist heute Abend im sportlichen Ausnahmezustand. Aufgeblasene Zielbögen, Getränkestände, Streckenabgrenzungen… Ich staune und schiebe mich und mein Granfondo durch die Menschenmassen. Als ich im Zielbereich ankomme, biegen gerade die Schnellsten der vierten Klassen um die letzte Kurve. Beifall brandet auf.
Bei der Suche nach einer Unterkunft habe ich Glück. Ich bekomme ein Zimmer im Hotel Am Markt. Mein Granfondo residiert selbstverständlich wieder einmal gemeinsam mit mir. Jetzt beginnt der sportkulturelle Genussteil des Tages. Erst duschen, umziehen, dann wieder hinein in den Trubel. Fast wie beim Sechstagerennen ist es hier, man kann inmitten der Sportveranstaltung essen und trinken und es sich gut gehen lassen. Drumherum schwitzen die Läuferinnen und Läufer. Ich genieße derweil ein Glas Wackerbarth Rosé.










Fast 22 Uhr ist es , als die Letzten ambitionierten Amateure nach ihrer Marathonstrecke ins Ziel kommen. Der Mond leuchtet herunter auf die Altstadt. Eine friedliche Stimmung. Ich bin zufrieden mit diesem Tag, mit den Menschen um mich herum und der atmenden alten Kultur dieser Stadt.



Am nächsten Morgen starte ich gut gelaunt und nehme wieder Kurs auf Berliner Gefilde. Zurück auf der Ostseite der Elbe, entlang an den Weinbergen hin bis Riesa und dann das Elstertal hinauf. Mit der Bahn will ich das letzte Stück fahren. Allein die Bahn hat ein Problem. Ein Stellwerk ist ausgefallen, der Zug kann nicht weiter, ich setze mich wieder aufs Rad und ziehe noch einmal 50 km durch bis Jüterbog, dann bekomme ich eine Verbindung nach B. Als es dunkelt, rolle ich wieder vor der Haustür aus. Eine echte Kultur- Genusstour war es. Wittenberg, Meißen, die Elbauen. Herrlich! Verlangt nach baldiger Wiederholung, weil es immer wieder Neues zu entdecken gibt.

P.S schau mal auf meiner Seite in den verlinkten Bog von Torsten Fran zu Bikepacking… da gibt es noch reichlich Infos..https://torstenfrank.wordpress.com
Hallo Stefan, schön, wenn ich Dich mit meinen Berichten anregen kann, auch auf DAS RAD zu steigen und das Land zu erkunden. Zur Trunkbag: Nach zwei Mehrtagestouren damit ist mein Fazit durchweg positiv. Besonders die schmale Bauweise sorgt dafür, dass man in den Regionalzügen genügend Platz hat und kein Gepäck abnehmen muss. Das finde ich in Zeiten der Deutschlandtickets besonders wichtig. Dann reichen mir die 12 l Inhalt plus Rahmen- und Oberrohrtasche von Rapha plus kleine Forkbag vorne aus, um für einige Tage gerüstet zu sein. Ersatztrikot, Wäsche, Hose, leichte Freizeitschuhe, Zahnbürste etc, Gore shakedry Regenjacke. Passt alles locker hinein. Die Tasche sitzt sehr fest auf dem Träger und ist trotzdem sehr schnell entriegelt und abzunehmen. Wasserdicht und stabil. Zur Sicherheit habe ich noch einen Riemen unter den Tubus Träger und dann über die Trunkbag gezogen. Einziger Kritikpunkt, Der Klettverschluss, der seinerseits den Rollverschluss hält, scheint nicht sehr sicher, zumindest nicht in meinen Augen. Ansonsten: Empfehlenswert für Sommertouren. Beste Grüße Dietmar
Hallo Dietmar,
klasse, von Deinen Touren zu hören. Das macht mir als alterndem Radfahrer Mut.
Wie waren denn die Erfahrungen mit der Trunk-Bag?
Grüsse aus Hannover, Stefan
Liebe Eva, schön, auf diese Weise mal wieder von Dir zu hören. Genau! Wenn der eigene Radius langsam kleiner wird, ist es umso wichtiger, noch genauer hinzuschauen. Es gibt noch viel zu entdecken! Beste Grüße Dietmar
Lieber Dietmar, wunderbar, dass du dem näheren Umland immer wieder etwas Neues abgewinnst – das muss am Radfahren liegen. Danke fürs Mitnehmen auf deinen Ausflug, beste Ablenkung vom noch nicht ganz Wochenend-bereiten Schreibtisch 😉
Hab Dank, ja das macht Freude, wenn ich allerdings Deine Berichte von epischen Bergtouren lese, ergreift mich die Wehmut🥲👏
Hallo, wie immer e
Wie schön diese gepflegte Durchmessen von Landschaft ist!