Kann ich es noch? Geht es noch? Ja, das Radfahren meine ich. Seit dem 6. November bin ich mehr Kilometer gewandert als pedaliert, 180 km per pedes. Und meine Räder standen traurig im Keller. Als der Wetterbericht für den 18. Dezember weder Schnee noch Regen vorhersagt, hole ich mein Cannondale Taurine aus dem Gartenhaus und bringe erst einmal die 33er Crossreifen von schlappen zwei Bar wieder auf komfortable 3,5 Bar. Dann klemme ich die alte Sigma-Frontleuchte an den Lenker, und an die Sattelstütze klemme ich die helle Lezyne pro.
Um 11 Uhr rolle ich los, eingepackt in lange Hose, Winterjacke und hohe Winterschuhe. Dann noch den Merinobuff und die bewährten Röckl-Handschuhe. So war ich schon oft bei Minusgraden unterwegs. Schaun mer mal, ob es noch läuft.
Schönfließ, Schönerlinde, Schönwalde, Schönow … Warum beginnen diese Orte mit der Bezeichnung „schön“, sinniere ich bei den ersten Kilometern ostwärts. Die ehemaligen Kolonistendörfer haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Fleißige Tuchmacher, die die Preußische Armee mit Uniformstoffen belieferten, sorgten für Wohlstand und Ansehen. Die schönsten Häuser stammen noch aus der Zeit Friedrichs des Großen, der die Gründungsurkunde des Dorfes im Jahr 1753 unterschrieb. Sie haben die wilden Zeiten der Kriege überdauert.
In Schönerlinde passiere ich das riesige Klärwerk, das die Hobrechtschen Rieselfelder überflüssig machte und neuerdings sogar den Strom für die Anlagen aus einem Bockheizkraftwerk, das aus den Abwässern nachhaltige Energie erzeugt.
Auf dem Wege von der Siedlung Waldfrieden nach Bernau steht seit mindestens 10 Jahren dieses gleichsam seltsame wie überflüssige Warnschild:

Weder Radfahrer noch Fußgänger würden auf die Idee kommen, vom Wege abzubiegen, sich durchs Unterholz zu arbeiten und die „fehlende Brücke“ zu suchen.
In Bernau, dessen Altstadt von einer gut erhaltenen mittelalterlichen Mauer umgeben ist, sind die Vorbereitungen für einen Weihnachtsmarkt in vollem Gange. Viel Zeit bleibt auch nicht mehr! Dann verlasse ich das hübsche Städtchen nach Norden und kurbele über Danewitz nach Biesenthal. Hier werfe ich einen Blick in das Schaufenster von HNF-Nicolai, einem Fahrradhersteller, der eine sehr dynamische Geschichte hat. Michael Hecken, der in der Wehrmühle wohnt und seine Ideen produziert, hat sein Unternehmen neu aufgestellt: Hero Cycles aus Indien ist seit zwei Jahren sein Partner und soll mit Kapital und Marketing-Know-how den nächsten Schritt der Entwicklung zum großen Hersteller ermöglichen. Ich bin gespannt. Der kleine Laden mit einem sehr bescheidenen Auftritt und wenigen ausgestellten E-Bikes, ist jedenfalls noch kein Vorzeigeobjekt.

HNF-Schaufenster in Biesenthal
Biesenthal ist mittlerweile sehr ansehnlich geworden. Das Café Auszeit hat mich schon einige Male gelockt, war aber nie geöffnet, wenn ich vorbeikam. Und ein klein wenig fies ist es schon von mir, wenn ich jetzt ausgerechnet eins der wenigen noch nicht aus dem historischen Schlaf erweckten Gebäude zeige:

Nach Norden führt mich mein Weg weiter durch den Wald über die bucklige Landstraße hin nach Sophienstädt mit dem Gasthof Sophienquell, der über Jahre vor sich hin verfiel. Aktuell wird hier gewerkelt, improvisiert und verschlimmbessert. Ein kleines Transportunternehmen hat sich auf dem Grundstück niedergelassen. Die Inhaber haben ihrer Kreativität freien Lauf gelassen und allen Weihnachtsschmuck, der irgendwo übrig war, neu gruppiert, aufgehäuft, angebunden, mit Schleifen verziert und und und. Über Geschmack lässt sich bekanntlich NICHT streiten. Hier zur Illustration Elefanten mit Schleifen und ein Paketberg mit Geschenken hinterm Gartenzaun.



Auf den nächsten Kilometern erhole ich mich langsam von diesen wundersamen Eindrücken. Weiter rolle ich durch Ruhlsdorf und dann nach Zerpenschleuse, wo ich im Spätsommer noch ein leckeres Eis in der Eisschleuse genießen durfte. Unweit vom geschlossenen Café entdecke ich mein nächstes Fotoobjekt. Ein altes Siedlerhäuschen, das auf seine Restaurierung wartet:

In Zerpenschleuse biege ich nach Süden ab. Nächster Halt ist Wandlitz, wo ich beim Bäcker Franke einen großen Milchkaffee und ein Stück Apfelkuchen genieße. Während ich mich aufwärme und die Kalorienspeicher auffülle, lausche ich dem Gespräch zweier Männer, die gut vernehmlich einen qualitätsvollen Diskurs über Migranten und die sonstige politische Lage führen. Fast bin ich versucht, mich zu beteiligen. Aber nein, besser nicht. Lieber schaue ich mir die an der Wand steckenden BILD, BZ und MOZ an. Mit einem Blick bin ich wieder „up to date“.

Körperlich und geistig gestärkt, verlasse ich die gastliche Stätte und mache mich auf die letzten 20 Kilometer meiner Tour de Niederbarnim. Letzter Halt Schönfließ ( noch ein Ort mit Schön drin) und dem gastierenden Ostfriesland-Weihnachtszirkus. Dunkel ist es geworden, die Lichtgirlanden verstrahlen Weihnachtsstimmung.

Zu Hause angekommen lasse ich die 91 Tageskilometer Revue passieren. Heute habe ich sehr selektiv die weniger attraktiven Seiten dieser Gegend vor die Linse genommen. Wissend, dass hier in der Überzahl Schönes und Sehenswertes zu entdecken ist.
Wie sagte schon Antoine de St. Exupéry im Kleinen Prinz: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Schöne Runde Dietmar. In Wandlitz habe ich letztes Jahr mit meinem Enkel Urlaub gemacht.
Von Wandlitz aus haben wir täglich unsere Runden gedreht. Durch einige Orte sind wir auch
durch gefahren. Es war sehr schön und sehr heiß.