Rein in den Schlamm – raus aus dem Schlamm

Für diesen Mittwoch sagt Wetteronline saumäßiges Wetter voraus: 40 km/h Wind aus NW, dazu reichlich Schauer oder auch mal ein Gewitter. Also entscheiden wir uns, den Hamelner Bahnhof anzulaufen und in den Zug gen Bremen zu steigen. Die Verbindung ist gut. Nach knapp zwei Stunden steigen wir in der Hansestadt aus und kurven zunächst ein in die Altstadt. Peter will unbedingt den Roland sehen.

Das Kopfsteinpflaster ist noch feucht, die Fahne flattert waagerecht im Wind. Die Richtung stimmt: Schiebewind hin nach Verden, erst dann biegt die Weser ab in südliche Richtung. Zwischen den Hafenanlagen und den alten Bürgerhäusern kurven wir nach Südosten, aber nach 25 Minuten erwischt uns die erste Schauerzelle mit Macht. Gerade rechtzeitig können wir uns in einer Straßenunterführung unterstellen.


Peter hat sich in die Regenjacke gezwängt und die Gepäcktasche mit dem dichten Überzug versehen. Es schüttet wie aus Kübeln, und wir schauen den Autos beim Gischten zu. Nach 30 Minuten sitzen wir wieder auf und vergnügen uns am etwas rumpeligen Radweg auf und am Weserdeich. Eine Umleitung zwingt uns in die nassen Wiesen und dann wieder über die Deichkrone zurück auf die Ostseite. Wir nehmen es mit Humor.

So langsam könnten wir einen kleinen Imbiss brauchen, aber wo soll so etwas zu finden sein hier auf dem Lande? Während wir uns mit Hungergefühlen über die nächsten Kilometer quälen, kommt die Überraschung: Weserweg 6, „Leckeres vom Lande – ein Imbissverschlag mit einem Futterautomaten, dem wir Getränke und Mettwürste entlocken können. Ideal! Denn es fängt wieder an zu schütten.

Im „Regiomaten“ stärken wir uns mental und körperlich für die Weiterfahrt nach Verden, das wir gegen 17 Uhr und nach 50 mageren Kilometern erreichen. Die Hoffnung, eine vernünftige Bleibe für die Nacht zu finden, zerschlägt sich schließlich an der geschlossenen Tür des leicht abgeranzten Hotels Davide. Also hin zum Bahnhof und ab nach Wunstorf. Booking.com weist ein Hotel namens Bölke aus, und das auch noch in der Oswald-Boelcke-Straße. Benannt nach dem berühmten Jagdflieger des Ersten Weltkrieges. Wunstorf ist auch aktuell ein wichtiger Standort der Luftwaffe, so kann ich auf Google erfahren. In der Abenddämmerung stehen wir vorm Hotel und haben Glück, dass die Dame an der Rezeption uns noch hereinlässt. Peters Alcide bekommt seinen Nachtplatz in einem nicht abschließbaren Verschlag im Hinterhof. Mein Topstone darf ich nach der Versicherung, die Tapete nicht zu verschmutzen, die steile Treppe zu unserem Zimmer hochwuchten.



Der Tag war kalt, windig und nass, hat aber unsere gute Laune nicht killen können. So stolpern wir schließlich durch die Dunkelheit bei mäßigem Laternenlicht hinüber zur Wunstorfer Innenstadt. Ein gut besuchter Chinese lockt uns ins Lokal, in dem wir sehr lecker und günstig Nudeln, Tofu und einen riesigen Salat vertilgen. Satt und bettschwer steigen wir im Hotel Bölke ( eigentlich wird der Jagdflieger, nach dem das Haus angeblich benannt ist, BOELCKE ausgeschrieben.) Wir können diese „Unschärfe“ am Abend nicht mehr klären und schlummern tief dem Donnerstag entgegen.

Beim Bäcker um die Ecke genießen wir Brötchen, Eier und Kaffee, dann heißt es es, ranradeln an den Mittellandkanal, wo wir ein vermoortes Boot entdecken, in dem offensichtlich Menschen übernachten. Eine Kaffeemaschine ist jedenfalls vorhanden.

Am Rand von Hannover angelangt, folgen wir dem Verlauf der Leine, die uns dann durch die Stadt führen wird. Hier hat Peter vor über 50 Jahren gewohnt und sein erstes Geld verdient. Als wir dann auch noch am Sportgelände der „Sportgemeinschaft Limmer“ stehen, überkommen Peter geradezu die Gefühle.

Peter kann sich nur schwer von der Stätte seiner Erinnerungen trennen, aber Hannover hat noch mehr zu bieten.

Zum Beispiel den alten Conti-Turm auf dem ehemaligen Fabrikgelände der Firma Continental. Leere Fensteröffnungen, Bauschutt … hier wird in naher Zukunft die moderne „Wasserstadt“ entstehen.

Als wir am unglaublich vergammelten Ihme-Zentrum, einem Prestige-Wohnobjekt aus den 70er Jahren stehen, kann Peter es kaum fassen, dass dieser Riesenkomplex dem Verfall preisgegeben wurde. Schandfleck! Weiter geht es zur Heinz von Heiden-Arena, dann zum Maschsee, wo uns der nächste Graupelschauer erwischt.



Stillleben: Graupelkörner auf Cafétisch
Gerade noch rechtzeitig finden wir ein kleines Café, wo wir unsere Räder im Hof abstellen können. Den Graupelschauer überstehen wir souverän bei Linseneintopf plus Kaltgetränk.

Eine halbe Stunde später starten wir neu und baggern uns wieder nach Osten vor zum Mittellandkanal. Als wir wieder auf den Kanalbetriebsweg einbiegen, ahnen wir noch nicht, was uns noch bevorsteht. Kurz nach dem Passieren eines Beladekais für Sand und Zement rollen wir auf das Gelände der Mergelgrube Höver. Erst Schotter, dann flacher Schlamm, dann tiefer Zementschlamm – und kein Weg zurück ohne absolute Schweinerei beim Absteigen. Peter legt sich samt Alcide rein in den Dreck! Ich komme gerade eben durch auf die andere Seite. Nicht nochmal zurück durch den Stinkeschlamm! Also vorwärts ran an den Kanal. Der Weg wird zum Pfad, der Pfad zur Kletterstrecke über die Befestigungsbasaltsteine. „Stinksauer“ betrachten wir den Schlamassel: Alcide hat sich am schlimmsten eingeschlammt. Die Räder vom Topstone drehen sich noch dank der Scheibenbremsen, die im oberen Gabelbereich mehr Raum zum Reifen bieten.



Schöne Schweinerei!
Nach fast einer Stunde Schieben und Keuchen und Fluchen stehen wir wieder auf einem fahrbaren Weg, sichten bald das Ex-Kohlekraftwerk Mehrum. Wieder mal nach Grohnde eine Kraftwerksruine. Die Kühltürme sind schon weggesprengt, wobei 2022, zu Beginn des Ukraine-Krieges, die Turbinen noch einmal ans Netz gehen durften. Jetzt steht die letzte Phase des Rückbaus unmittelbar bevor.

In Sehnde bestaunen wir den 144 m hohen Kaliabraumberg. Im Ort sieht der Marktplatz zwar einladend aus, wir rollen trotzdem durch, investieren aber in die Reinigung unserer Schlachtrösser an einer Aral-Tanke und danach noch in einer Autowaschanlage. Wie neu stehen Alcide und Topstone wieder da.

Wir wollen endlich ein paar Kilometer machen und auf jeden Fall bis Peine fahren. Hier sollte sich doch ein geeignetes Hotel finden… Versuch Nr. 1 beim Hotel „Stadt Peine“ scheitert an der schroffen Rezeptionistin, die jegliche Bereitschaft, die Räder sicher unterzustellen, verweigert. „Unten wird renoviert, im Hof haben wir keine Garagen und Aufs-Zimmer-Nehmen geht schon gar nicht“ Ich verlasse die ungastliche Stätte mit dem Daumen nach unten. Schließlich finden wir im Best Western ein günstiges und gutes Zimmer, wo unsere Stahlrösser sogar einen geheizten Platz im Konferenzraum bekommen. Ein Hoch auf den netten Mann an der Rezeption!

Jetzt sind wir raummäßig versorgt, sind aber hungrig. Und bei der 1,5 km-Entfernung zum nächsten Gasthof entschließen wir uns kurzerhand zur Selbstversorgung beim LIDL auf der anderen Straßenseite.

Und hier beende ich den Teil 2 unserer Geschichte. Es soll schließlich noch Material für Teil 3 übrig bleiben.
