4. Dezember 2020

Rauf auf den Darß und rüber nach Rügen, Teil 3

Westwind, Stärke 4-5, aufklarend. So sieht die Wettersituation aus, als ich am Frühstückstisch sitze. Eine Sonnenetappe erwartet mich heute, eine Etappe zum Erinnern an frühere Urlaube hier, an die Wanderungen mit unserem Retriever, und jetzt zum Entdecken von Neuem, das es immer gibt, wenn man das Herz öffnet. „Aber die Augen sind blind, man muss mit dem Herzen suchen“, lässt Antoine de Saint-Exupéry bekanntlich seinen Kleinen Prinzen sagen.

Ich befreie mein Granfondo aus dem Hausmeisterbereich hinter der Hoteltiefgarage, den ich freimütig genutzt habe, weil das Dorint offensichtlich hauptsächlich an die Autourlauber denkt, weniger an das sichere Unterbringen von Fahrrädern. Ein klares Minus für dieses Hotel. Dreckverkrustet sind Innenlagerbereich, Bremsen und Hinterbau. Auf dem Deich werde ich das einfach abschütteln.

Eine Lustfahrt über den Darß, dann auf dem Ostseeradweg nach Stralsund und dann hinüber auf die Insel Rügen soll es werden. Die ersten Kilometer bleibe ich auf dem Deichweg, der hinüber nach Ahrenshoop führt. Die Steilküste weicht immer weiter zurück, Meter um Meter frisst das Meer den Strand weg. Vor zehn Jahren konnte ich noch laufen, wo jetzt die Abbruchkante verläuft.

In Ahrenshoop kann ich nicht widerstehen, beim wunderbaren Licht dieses Morgens ein paar Fotos aus der Postkartenperspektive zu schießen. Das Reetdachhaus und die Baumgruppe stehen sehr geübt dort, wo sie immer stehen.

Ich mache eine kleine Pause und sauge diesen Blick ganz tief in mich hinein. Dann schwinge ich mich gut gelaunt aufs Rad und fahre hinüber auf die Boddenseite des Künstlerdorfes, vorbei an der Schifferkirche und dem hohen Sendemast. Weit reicht heute der Blick bis nach Born, das ich nach 15 Minuten Rückenwindgleiten erreiche. Eine riesige Rinderherde steht auf einer genauso riesigen Weidefläche. Wasserbüffel als Schattenrisse vor einem kleinen Tümpel.

Auf dem Radweg hin nach Zingst kommen mir unzählige Radlergruppen entgegen. Die E-Bikes werden deutlich favorisiert. So verlieren die Kilometer und auch der Gegenwind den Schrecken. Ich blicke in lachende und zufriedene Gesichter. Als ich Kurs nach Barth und zur Meiningenbrücke setze, bin ich wieder allein auf den Wegen. Zum ersten Mal schaue ich mir die historische Hansestadt genauer an. Bei Brevets aus Berlin kommend, hatten wir es immer eilig, direkt zum Kontrollpunkt in Prerow zu kommen.

Es ist Markt in Barth, nur bin ich noch leidlich satt vom guten Frühstück, so lasse ich die Verkaufsstände links liegen. Nach Osten hin verlasse ich den Stadtkern und fahre weiter in das grüne Land. Die Touristen laufen auf dem Darß herum, hier jedenfalls ist kaum eine Menschenseele unterwegs. Weites Land.

Noch 20 Kilometer bis Stralsund, ich fahre bis an den Strelasund heran und nähere mich dem Stadtkern von Norden. Zwischen den Bäumen kann ich an der Abbruchkante hindurchschauen auf den weißen Strand. Die riesige Rügenbrücke kommt in Sicht, die Hafenspeicher türmen sich vor mir auf. Im Hafenrund wird es touristisch: Backfischstuben und -stände sind hier aufgereiht. Die Besucher stehen Schlange. Auf Anstehen und Einreihen habe ich keine Lust, so mache ich einen Zusatzbogen zur Gorch Fock 1 hin, die als Museumsschiff den Hafen verschönert. Es ist 14 Uhr, als ich unter der neuen Brücke hindurchquere und auf den alten Rügendamm einbiege.

Zwei Kilometer inseleinwärts dann der Imbiss der besonderen Art: Das Bistro „Reiter“ wirbt mit einer Angebotspalette vom Russischen Eis über Backfisch XL und Rauchwurst bis zum Apfelstrudel. Mein Hunger ist so mächtig, dass ich mich heranlocken lasse. Vor mir holt ein Insulaner gerade seinen vorbestellten Heilbutt ab, 10 kg bratpfannengroße Fische in einer Plastiktüte. Folgerichtig entscheide ich mich für eine Portion Backfisch mit Kartoffelspalten. Die Portion ist riesig und sehr schmackhaft.

Satt und zufrieden kurbele ich weiter in Richtung Putbus. Die Fahrt über die „Deutsche Alleenstraße“ eröffnet herrliche Ausblicke, der nicht vorhandene Radweg sorgt aber für ein leichtes Unwohlsein, denn hier sind reichlich Autos unterwegs.

Fürst Malte hat vor über 200 Jahren den Kern des Städtchens seinem Schloss angepasst, alles in Weiß gestrichen, alles im klassizistischen Stil gebaut. Im Laufe der ( DDR)Zeit ergraut und mittlerweile wieder herausgeputzt, steht das Ensemble als Gesamtdenkmal da. Heute lasse ich den Schlosspark einfach „rechts liegen“ und fahre weiter – hin nach Sellin und Baabe, wo endlich ein Radweg nach Alt-Reddevitz abzweigt. In den Sonnenuntergang hinein radle ich einsam gen Middelhagen, wo ich im Gasthof Linde übernachten werde.

Auf der Weide blöken die Rinder noch lange in die Nacht hinein, ich mache noch einen kleinen Rundgang an unserem ehemaligen Feriendomizil vorbei, und dann entdecke ich einen WEINKELLER! Auf Rügen! Das Ehepaar Geller hat 2016 nahe beim Gutshaus 1000 Rebstöcke gepflanzt, mit Sorten wie Ortega und Pinotin. Das Ergebnis der ersten Lese aus 2019 teste ich mit einem Glas Ortega, einem milden, doch aromenreichen weißen Wein. Sehr schmackhaft, ein echter, weil unerwarteter Genuss.

Beim nächsten Familien-Rügenurlaub ist der Weinkeller jedenfalls eine erste Adresse.

Im Gasthof Linde, dem ältesten der Insel, genieße ich noch ein Bier aus der eigenen Brauerei, dann sinke ich in die Federn.

Am nächsten Morgen scheint wieder die Sonne über Mönchgut und den Zickerbergen. Auf dem Weg nach Westen wird mir heute der Wind ins Gesicht blasen. Aber ich kann mir ja Zeit lassen. Bis zum Bahnhof in Greifswald sind es nur knapp 70 Kilometer, auch wenn ich alle Radwegumwege mitfahre.

Mein Granfondo war in der vergangenen Nacht der einzige Gast im Fahrradschuppen der Linde. Ich winke nochmal rüber zur alten Dorfschule und der Keramikwerkstatt, dann bin ich schon wieder on the road. In Alt-Reddevitz stürze ich mich die 13-% -Abfahrt hinunter, obwohl doch Absteigen befohlen ist.

In Moritzdorf hat der Fährmann nach der Urlaubssaison einen kleinen Außenborder am Boot in Betrieb genommen . „Im Sommer rudere ich aber immer“, versichert mir der Wettergegerbte. Von hier aus schwingt sich der Weg über die Hügel und immer wieder runter an die Wasserlinie. In Groß Stresow begegnet mir der Preußenkönig Wilhelm I. – in Form einer leicht ramponierten Statue.

Ursprünglich stand der Wilhelm auf einer hohen Säule, dann wurde er abtransportiert und sollte restauriert werden. Das ganze Projekt scheiterte mehrfach, Wilhelm wurde arg beschädigt. Arm ab, Bein ab, Hutkrempe zerdeppert. Der Arme!

Jetzt steht er einigermaßen sicher wieder ganz nahe der ursprünglichen Stelle. Wer die ganze Geschichte erfahren will, hier ist sie zu lesen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Preußensäulen

Über Putbus und Garz rolle ich wieder die Alleenstraße entlang, herrliche Linden und Eichen säumen den Weg.

In Glewitz wartet schon die Fähre, die mich hinüber bringt nach Stahlbrode. Drei Kilometer weiter westlich treffe ich wieder auf den Ostseeküstenradweg. Der verläuft nun parallel zur B 105 auf der ehemaligen Landstraßenallee. Das hört sich zunächst gut an, wenn diese Straße nicht gepflastert wäre – mit sogenanntem Kleinpflaster, das zwar nicht, den Rumpelfaktor betreffend, mit den dickeren „Katzenköpfen“ mithalten kann, aber arg unbequem zu fahren ist. Mit dem Mtb oder dickbereiftem Tourenrad mag das noch verträglich sein, mein Granfondo jedenfalls schüttelt sich unwillig.

Kleinpflaster-Radweg

Kurz vor Erreichen von Greifswald mache ich noch eine Biege hin zum Bodden. Einmal noch Wasser sehen. Die Wohnplätze heißen hier Leist 1, Leist 2, Leist 3. Sehr ideenreiche Namensgebung. So ähnlich wie Ausbau 1, … Dann wende ich mich für heute das letzte Mal der Hansekultur zu. Eine Runde durch Greifswald ist noch drin, bevor der R 3 um 14.39 Uhr in Richtung Berlin abfährt.

Nach 2 1/2 Stunden Bahnfahrt steige ich in Bernau aus und genieße die letzten 24 Kilometer der Etappenreise im strömenden Regen. Zu Hause wartet die beste Ehefrau von allen und vor allem eine heiße Dusche.

500 Kilometer Natur und Kultur. Es hat gut getan.

Als ich diese Zeilen schreibe, ist der Lockdown 2 beschlossen. Gutes Timing war das.

https://www.strava.com/activities/4236661765/embed/13597b3e9f9383a669b454c7b02cd463747fa52a

Demnächst folgt noch ein kleines Kompendium zur Ausrüstung und zur Packliste.

randonneurdidier

ich bin 1950 im Sauerland geboren, bin verheiratet und lebe in Glienicke-Nordbahn bei Berlin. Leidenschaftlicher Radfahrer bin ich seit 50 Jahren.

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3 Gedanken zu “Rauf auf den Darß und rüber nach Rügen, Teil 3

  1. Versprechungen soll man halten. So danke ich dir für die Erinnerung an die angekündigten Infos zu Ausrüstung und Packliste. Da muss ich jetzt wohl ran.

    Zu meinem Timing bei den letzten Touren: Ich kurbele immer recht entspannt, mache aber wenige lange Pausen. Dafür viele kurze, zum Fotografieren. An den Fotos arbeite ich mich entlang, wenn ich schreibe. Die Recherche nach einer Tour macht es aus, nachher weiß ich mehr.

    all the best

    Dietmar

  2. Monday 2020-11-16

    Wenn auch verspätet, um so herzlicheren Dank für Deine Reiseberichte Müritz, Darß, Rügen, Greifswald.
    Verspätet deshalb, weil gf noch wartete auf angekündigte Infos zu Packliste, Ausrüstung.
    Z.B. der Ortlieb-Forkbag war für gf neu. Erfahrung? Vergleich zur Lowrider-Tasche?

    Informativ die Bewertung der Unterkünfte. Beim Strecken-Nachfahren wird das eine sachdienliche Hilfe sein.

    Wind, Wetter, etc. sind Voraussetzungen, die bei fester Reisezeit und Reiseroute der Radfahrer hinzunehmen hat.

    Was gf ein wenig überrascht: Einerseits ist DC gelassen: Trotz begrenzter Tages-Helligkeit frühstücksbedingt relativ späte Aufbruchzeiten. Andrerseits scheint es DC – trotz Unterbrechungen für schöne Fotos – eilig zu haben, denn das Tempo ist beachtlich. Ich nehme den Eile-Hinweis zurück. Wenn man alleine fährt und das Wetter frisch ist, was soll man dann lange irgendwo verweilen! Zum Auffrischen von Erinnerungen hat es ja gereicht, worauf DCs eingestreute Zwischenbetrachtungen hindeuten.

    Der Radweg auf der alten Bundesstraße nach Greifswald ist in der Tat eine Qual. Schön, dass gf mit dieser Erfahrung nicht alleine ist.

    Zusammengefaßt: gf hat die Berichte wiederholt gelesen und immer wieder neue Aspekte für sich als nützlich empfunden. Welche abermalige Bereicherung durch DC, dem von dieser Stelle dankbare Grüße gesandt werden.
    gf

  3. Lieber Dietmar,
    wieder ein wunderbarer Bericht. Das entspannte Radfahren hat doch klare Vorteile,was die tollen Anregungen deutich zeigen. Mach weiter so.
    LG, Dirk

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