28. Juli 2021

In Zeiten abnehmenden Lichts

Etwas wehmütig denke ich zurück an meine Ostsee-Tour im Oktober. Die Bäume standen noch fast voll im Laub. Der Wald leuchtete grün mit braungelbroten Tupfen. Zehn Stunden Licht und Wärme spendete das Himmelsgestirn im günstigsten Falle. Im grauen Endnovember wird es gar nicht mehr richtig hell. Und warm auch nicht.

Trotzdem, oder gerade deswegen ist Waldbaden, ist Laufen, ist Radfahren so enorm wichtig für Körper und Seele. Also rauf aufs Rad und rein in die Natur, egal wie grau der Himmel ist, egal wie niedrig die Temperaturen sind.

Anfang November werfen die noch jungen Maulbeerbäume in der Bornimer Feldflur ihre letzten Blätter auf den Weg und auf die grünen Wiesen. Die Schatten sind auch am Mittag schon lang. Um vier Uhr bei der Heimfahrt grüßt die Heilig-Geist-Kirche von Werder herüber nach Wildpark-West.

Eine halbe Stunde später ist es stockfinster, und meine Supernova-Frontleuchte weist mir den Weg nach Norden. Nach einer Stunde Fahrt dringt die Kälte unbarmherzig durch die dünnen Langfingerhandschuhe hindurch. Also ziehe ich die Finger zurück und balle sie zur Faust. Das wärmt, ist aber schnellen Bremsmanövern abträglich. Trommeln auf den Oberschenkeln bringt auch Linderung. Bei der nächsten Runde in kalter Luft nehme ich die dickeren von Roeckl mit. Später, bei Minustemperaturen, kommen die Dreifingerfäustlinge zum Einsatz.

Am 19. November gehe ich wieder einmal auf Baumsuche – die „Kaisereiche“ von Schönfließ hat sich des Laubs mittlerweile komplett entledigt. Die mächtigen Äste sind einzeln zu erkennen und machen aus der 500-jährigen Eiche ein dreidimensionales Kunstwerk.

Kaisereiche bei Schönfließ
https://www.ostdeutsches-baumarchiv.de/albums/bemerkenswerte-eichen-in-brandenburg/content/kaisereiche-bei-schoenfliess/

http://maps.google.de/maps?q=N52°39.7267%27,E13°19.6058%27&t=k&z=15

Die herrliche Stieleiche ist 26 Meter hoch und hat einen Stammumfang von 7,90 Metern. Auf dem Weg nordwärts biege ich zwei Kilometer später in Bergfelde rechts ab zum Friedhof, auf dem Blicke fangend eine wunderbar geformte Traubeneiche ihre Krone schützend über die Gräber streckt. Dieses Naturmonument wächst seit etwa 400 Jahren hier. https://www.ostdeutsches-baumarchiv.de/albums/froehlich-wege-zu-alten-baeumen-brandenburg/content/nr-70-friedhofseiche-bergfelde/

400-jährige Traubeneiche in Bergfelde

Ich lege meine Hände eine Weile auf die tief zerfurchte Rinde, und schon erzählt mir der Baum Geschichten aus alter Zeit.

Zwischen Klosterfelde und Zerpenschleuse sind Jäger bei den Vorbereitungen für eine Treibjagd.

Mich erinnern die aufgehängten Laken an „the running fence“, den Christo und Jeanne-Claude in den 70ern in Kalifornien kilometerweit über die Hügel gespannt hatten – nur eben etwas kleiner, etwas kürzer. Und der Zweck ist auch ein anderer.

An der Rosenbecker Schleuse sitzt die Wirtin der „Kleinen Moldau“ im Garten und wartet auf das Ende der Corona-Einschränkungen.

Der „Werbellin“, wie Fontane den See mit eiszeitlicher Entstehungsgeschichte nannte, liegt glasklar und still da.

Es rollt wunderbar leicht am Seeufer entlang und dann hinüber nach Joachimsthal. Heute mache ich zum ersten Mal eine Kurve hin zur Kirche und zu der alten Schule.

„Was fragt ihr mich nur täglich: Wirst du es denn nicht satt, zu leben in dem Städtchen, das nichts des Schönen hat? Du hörest nie Konzerte, und Schauspiel hast du nicht – wie kannst du dort nur leben, je schaffen ein Gedicht!“

So schreibt der „Dichter des Waldes“, Joachim Brunold, um 1850. Hinschauen! So möchte ich ergänzen – dann gibt es eine Menge schöner Dinge zu entdecken. Heute werde ich reichlich fündig. Weiter nach Norden führt mich mein innerer Kompass, nach Friedrichswalde, das im 18. bis 20 Jhd. einmal das größte Holzschuhmacherdorf Deutschlands war.

Im Mai 1748 erhielt der Amtmann Georg Krause aus Grimnitz den Befehl von König Friedrich II. , Kolonistenfamilien dort anzusiedeln. Unschwer zu erkennen ist, dass die Erstsiedler allesamt aus der Kurpfalz kamen. Sie brachten das notwendige handwerkliche Können mit, um über lange Zeit mit dem Schnitzen und Verkaufen der besten Holzschuhe Deutschlands erfolgreich zu sein.

Mein Lieblingsbäcker Hakenbeck hat heute leider geschlossen, so kurbele ich weiter nach Reiersdorf und zur dortigen Landeswaldoberförsterei. Im Hof des Försters kann ich heute die zweite mächtige Traubeneiche bewundern. Sicher nicht ganz so alt wie die in Bergfelde, aber genauso schön anzusehen.

Von Reiersdorf rumpele ich weiter nach Gollin, wo ein allerliebst anheimelndes „Gemeindezentrum“ die Ortsdurchfahrt verschönert.

Gemeindezentrum oder Ortsgefängnis, das ist hier die Frage

In Grunewald, ja es gibt ein gleichnamiges Dörfchen in der Großdöllner Heide, genau hier – vor der Kirche, stärke ich mich für die letzten knapp 50 Kilometer des Tages mit einem Proteinriegel und heißem Tee. Grunewald hat seine Existenz dem sogenannten „großen Wildzaun“ zu verdanken, den der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm um 1660 hier errichten ließ, um das Wild am Überwechseln auf das nördlich davon liegende Kulturland der Uckermark zu hindern. Welch ein Aufwand! Aus einer der 12 Zaunsetzerstellen entstand später die Ortschaft Grunewald.

Auf dem Heimweg bin ich versucht, einen Umweg über Deutschboden zu machen, sehe doch im Sinne meiner körperlichen Unversehrtheit – der Weg dorthin führt über üble Waldwege – davon ab. Noch einmal den Finowkanal queren im letzten Licht, dann ersetzt meine bewährte Supernova das untergegangene Himmelsgestirn.

Zeiten abnehmenden Lichts!

4 Gedanken zu “In Zeiten abnehmenden Lichts

  1. Hab Dank für deine ungemein wärmenden Worte,

    Eugen Ruge hat mich tatsächlich angeregt, diesen Titel zu verwenden. Aktuell habe ich von Norman Ohler einen wunderbar geschriebenen Roman über die Geschichte vom Oderbruch gelesen: „Die Gleichung des Lebens“. Absolut lesenswert!

    In einer spannenden und unterhaltsamen Geschichte erfährt man Wesentliches über die Trockenlegung des Bruchs, die Orte, die Menschen, die Historie… Und Leonhard Euler spielt eine Hauptrolle. Und tatsächlich hat Euler mit seinen Berechnungen maßgeblich zur Realisierung des Deichbaues und der Meliorisierung beigetragen. Bei meiner nächsten Oder-Tour werde ich wieder mit neuen-neugierigen Augen unterwegs sein.

    bleib munter und gesund

    all the best – Dietmar

  2. Hallo Peter, danke für die guten Weihnachtsfest-und Neujahrswünsche. In dieser vermaledeiten Corona-Zeit ist es so wichtig und förderlich für die seelische und körperliche Gesundheit, sich in der Natur zu bewegen.

    bleib auch Du gesund und munter

  3. Wie immer Dietmar ein sehr schöner Bericht und Bilder.
    Ich wünsche dir schöne Weihnnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr.
    Bleibe schön gesund.

  4. Heißen Dank für ermutigende, nachdenkliche, informative Hinweise zur Notwendigkeit, auch in dunkler, kälterer Jahreszeit den Weg nach draußen zu suchen. Deine Sach- und Gefühlsbeschreibungen sind wie immer animierend (z.B. zum Nachradeln und nachdenklich machend (der Anlaß Deiner Fahrt nach Potsdam!) sowied auf Anderes hinweisend („Zeit des abnehmenden Lichts“ – Roman v Eugen Ruge). Deine liebevollen Ausführungen sind auch praktisch hilfreich, indem Du Dir wieder die Mühe machst, Weblinks beizugeben, die auf das Leichteste eigene ergänzende Nachforschungen ermöglichen. In diesen schweren Corona-Zeiten herzlichen Dank abermals vom weiterhin so dankbaren gf.
    PS. Ich bewundere Deine Bilder, die oft lustigen, immer inhaltsreichen.

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