Lobetal und Langer Trödel

Saatengrün, Veilchenduft, Lerchenwirbel, Amselschlag, Sonnenregen, linde Luft! Wenn ich solche Worte singe, braucht es dann noch große Dinge, Dich zu preisen, Frühlingstag!

Ludwig Uhland, Lob des Frühlings
Der Pfuhl bei Ladeburg mit seiner riesigen Silberweide – drumherum schnattern reichlich Graugänse

Montag, 7. März. Heute zieht es mich hinaus in den blauen Morgen, Waldluft tanken, die ersten Blumen entdecken, den kommenden Frühling riechen. Zuerst nach Osten über Schönwalde nach Bernau, dann nach Lobetal.

Eine meiner Lieblingsstrecken. Vor über 100 Jahren gründete der Bielefelder Pastor Bodelschwingh im Geiste der Bethel- Stiftung den Verein „Hoffnungsthal e.V. , der dann die Arbeiterkolonien „Hoffnungstal“ und „Lobetal“ errichtete. In der Ansiedlung ist die Stiftung allgegenwärtig. In historischen Gebäuden und auch neu entstandenen Wohnkomplexen für Benachteiligte und behinderte Menschen. Höchst beeindruckend. Schon im Jahr 2000 entstand im Rahmen der Stiftung die „Ukraine Hilfe Lobetal“. Heute fahre ich hier vorbei, um zu erfahren, welche Spenden noch benötigt werden.

Große und kleine Unternehmen stellen für den Transport ihre Fahrzeuge samt Fahrer zur Verfügung. Hier zu sehen ein riesiger Sattelschlepper, der in normalen Zeiten Lautsprecher, Bühnen und Equipment für Großveranstaltungen transportiert. Helfen macht gute Laune. Alle Menschen, die ich sehe, sind guten Mutes und packen an. Schön und anspornend, das zu erleben.

Durch Lobetal führt der Radweg Berlin-Usedom nach Norden, hin nach Biesenthal mit seiner „Jubiläumseiche“ auf dem kleinen Marktplatz vor dem Rathaus. Im Jahr 1886 wurde der heute 25 Meter hohe Baum zu Ehren des späteren Kaisers Wilhelm I. gepflanzt. Gewürdigt werde der 25. Jahrestag des Regierungsantritts des hier noch ungekrönten Prinzen von Preußen mit dem Namen Wilhelm Friedrich Ludwig (1797-1888) am 2. Januar 1861 – es ist der spätere deutsche Kaiser Wilhelm I. Zu lesen auf der Infotafel am Stamm.

Jubiläumseiche in Biesenthal

Nach ein paar Metern auf der Hauptstraße biegt der Weg nach rechts ab, hinunter zum Kaiser-Friedrich-Turm auf dem Schlossberg. Wo ist hier denn ein Schloss? Es gibt keins zu sehen, es gab hier nie ein Schloss. In Zeiten des Mittelalters soll hier einmal eine Burg der Askanier gestanden haben. Die Reste angeblicher Grundmauern wittern vor sich hin.

Der Weg führt hin zur alten Wehrmühle, die der Gründer und Unternehmer Michael Hecken, der nicht nur Fahrräder baut, zu einem Kreativort gestaltet hat. Die alte Mühle wurde von dem Flüsschen Finow, das ganz nah von hier aus einem kleinen Waldsee entspringt, angetrieben. Das alte Mühlrad dreht sich wieder. “ Eine holprige Idylle in der Talrinne des Finow-Flusses“, viel mehr schreibt Fontane nicht über Biesenthal. Etwas ungerecht, wie ich meine. Aber auch irgendwie treffend.

Der Radweg umkurvt die künstlerisch restaurierte Villa und führt einen Hügel hinauf. Runterschalten und raus aus dem Sattel. Doch, Stop! Raus aus dem Pedal – am Hang winken frisch erblühte Schneeglöckchen und bitten mich um ein Foto. Aber gerne doch.

Der noch feuchte Boden strömt Frühlingsdüfte aus. Genießend verweile ich einige Minuten, ehe ich wieder aufsteige und kurz danach auf die Wiesen der Barnim-Hochfläche schaue. Wo der Radweg wieder im Wald verschwindet, steht ein knallroter Rettungshubschrauber auf der Weide, zwei Polizeiautos, dahinter ein Notarztwagen. Ich steige ab, schaue gar nicht hin und werde an einem am Boden liegenden Rad vorbeigeführt. Offensichtlich war hier auf leicht feuchtem Untergrund und abschüssiger Straße ein Radler gestürzt. Die Tatsache, dass der Hubschrauber doch nicht zum Einsatz kam, lässt mich hoffen, dass es bei weniger kritischen Verletzungen geblieben ist.

Kiefern, Buchen, Eichen – der Weg führt nach Norden durch einen herrlichen Wald. Spechte klopfen, Kranichrufe schallen aus den Finowwiesen herauf. Die immer häufiger werdenden Wurzelaufbrüche rütteln mich ordentlich durch und mahnen zu vorsichtigem Fahren. Beim Schleusengraf, wo gerade Tische und Stühle herausgestellt werden, biege ich nach Westen ab und folge dem Finowkanal. Einigen der alten Schwarzpappeln haben die Stürme der vergangenen Tage den Garaus gemacht. Der Weg ist freigeräumt. Als ich an der Schleuse Leesenbrück ankomme, lockt mich der Rastplatz zu einer kleinen Pause. Heute ist schließlich gemütliches, schauendes Fahren mein Motto.

Die Schleuse, wie sie heute zu sehen ist, wurde im Jahre 1878 gebaut, im Finowmaß, Schleusenkammer 41,25 m lang; 9,50 m breit, Ober- und Untertor: jeweils 5,25 m breit. Hub: 2,50 m. Und das Ganze wird von jeher handbetrieben. Kurbeln ist beim Schleusen die Devise.

In Ruhlsdorf, kurz vor Zerpenschleuse kreuzt der Finowkanal den neueren Oder-Havel-Kanal. Passend zu dieser Erkenntnis tuckert der Lastkahn „Island“ am samt Marina neu entstandenen Hafendorf vorbei. Ich fühle mich weit nach Norden versetzt.

Westlich von der Zerpenschleuse beginnt der „Lange Trödel“. Die Bezeichnung Trödel ist vom Begriff Treideln – ziehen, abgeleitet. Über Jahrhunderte wurden die Lastkähne von Treidelpferden auf den Treidelpfaden gezogen. Heute tummeln sich hier Wanderer und Radler. Der 10 Kilometer lange Kanalabschnitt von Zerpenschleuse bis Liebenwalde ist reserviert für die langsamen Wassergefährte wie Tretboote, Ruderboote und kleine Motorboote. Der lange Trödel wirkt wie ein verwunschenes Erbe aus vergangener Zeit. Zerpenschleuse hat seine Ursprünge in einer Glashütte und einer Spinnerei. Kolonisten wurden hier schon vor Inbetriebnahme des Kanals angesiedelt. Am langen Trödel stehen aufgereiht die alten, meist sorgfältig restaurierten, Jahrhunderte alten Häuser. Es gibt einen Kanuverleih, das Eiscafé „Eisschleuse“, und am westlichen Ende der Ansiedlung das Antiquitäten-Café „Emma Emmelie“ von Ines Schweighöfer als Highlight. Ab 30.3. wieder geöffnet.

In wenigen Wochen werden sich hier Ausflugsgäste tummeln und wohlfühlen. Ich fahre weiter durch den Wald nach Liebenwalde. Dort, im Hafen-Bistro können sich Genussradler wieder stärken. Ich bleibe auf meinem Domane und setze Kurs nach Süden, Richtung Berlin.

Diese Halle wartet seit 10 Jahren auf Mieter

Zwei Kilometer weiter kreuze ich abermals den Oder-Havel-Kanal, wo der Lastkahn Franada gerade unter der alten Bahnbrücke durchgleitet.

Lastkahn Franada

Nachdem mich der Radweg Berlin-Usedom von Bernau aus nach Norden geführt hatte, rolle ich jetzt auf der Trasse Berlin-Kopenhagen in die Havelniederung, vorbei am Örtchen Bernöwe, hin zum Grabowsee mit seiner verfallenen ehemaligen Lungenheilstätte, die seit Jahren auf eine neue Nutzung durch „Kids-Globe“ wartet. Ein potenter Investfor fehlt dem Menschen mit der so sozial klingenden Idee. Und nachdem jetzt der Eigentümer der Liegenschaft statt bisher 10 Millionen jetzt gar 20 Millionen Euro für die Ruinen haben möchte, wird eine Realisierung des Projekts immer unwahrscheinlicher. Bis heute weist nur ein durchscheinendes Transparent und eine Infotafel mit einem zitierten Brief an Bill Gates als gewünschtem großzügigen Spender hin.

Nocheinmal 40 bis 50 Millionen Euro würden allein für den Aufbau der Gebäude fällig. Ob da der gute Bill zuschlägt? Respekt jedenfalls gebührt dem Ideengeber Bernhard Hanke. Sicher wird mich mein Weg noch öfter hier vorbeiführen in den nächsten Monaten. Kids Globe oder doch irgendwann Wohnanlage für Wohlhabende Städter?

Um 17 Uhr bin ich wieder daheim. Sonnensatt. Zufrieden

Und hier die 100 km Runde zur Orientierung

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Spiegelbilder

Das Briesetal nach dem Sturm

Eine glaziale Rinne hat den Verlauf der Briese vorgegeben. Nur 17 Kilometer lang ist das kleine Fließgewässer. Im Wandlitzer See entspringt es und mündet bei Birkenwerder in die Havel. Die Briese fließt durch einen Erlenbruchwald, dem „Briesen“, wobei der Name Briese von „breza“, dem slawischen Wort für Birke stammt. Und die Erle ist ein Birkengewächs.

Heute ist das richtige Briesewetter: klare Luft, die Sonne hat sich durchgearbeitet, die Lüfte sind recht mild. Mein Cannondale Taurine und ich haben Lust, durch das Briesetal zu rollen. Sauerstoff tanken, Waldluft atmen, Natur erleben. Schon einige Male , in allen Jahreszeiten, bin ich hier unterwegs gewesen und habe den für mich schönsten Teil und den beeindruckenden Erlenbruchwald durchkurvt. Ich bin gespannt, welche Auswirkungen die Stürme der vergangenen Tage hinterlassen haben.

Der Radfernweg Berlin-Kopenhagen schneidet die Briese am gleichnamigen Wohnplatz, der Kolonie Briese, wo ein kleiner Biergarten offensichtlich die „Durstzeit“ überdauert hat.

Auf dem großen Parkplatz an der Waldschule Briesetal stehen die Autos in Reihen. Es ist Samstag, es ist mild, es ist trocken, die Familien strömen in die Natur, mit Corona als Beschleuniger solcher Outdoor-Aktivitäten.

Zwischen herrlichen Buchen führt der Weg zunächst hoch am Uferabhang entlang, dann geht es hinunter und heran an das Wasser, an den Bruch. Ein Bruch ist ein langfristig gefluteter, sumpfiger Wald. Beim Blick auf die im Wasser stehenden Erlen bekommt das Wort Bruch eine neue Assoziation. Bruch kommt von brechen, könnte man meinen. Viele der zum Teil morschen und schon abgestorbenen Erlen haben die Stürme Ylenia, Zeynep und Antonia weggeknickt als wären sie Streichhölzer.

Viele der Schwarzerlen, wie sie hier im Briesetal im Wasser und am Wasser stehen, sind schon seit Jahren trocken und morsch. Sie werden als schnellwüchsige Bäume ohnehin nur maximal 100 bis 120 Jahre alt. Danach mutieren sie zum Insektenhotel und sind dann eine hervorragende Nahrungsquelle für viele Vogelarten. Am Rande der Briese und am aufstrebenden Ufer wachsen Kiefern, und ein paar Meter höher haben sich die Buchen angesiedelt.

Einige der flach wurzelnden Kiefern haben die Stürme einfach aus ihrem feuchten, instabilen Fundament gerissen.

Dort, wo die Biber fleißig waren und briesebreite Dämme gebaut haben, steht das Wasser höher und ist ein wunderbarer Spiegel für die Bäume. Ich muss einfach alle paar Meter innehalten und fotografieren. Schauen, staunen, klicken. Bilder sprechen lassen:

Nach etwa drei Kilometern kreuzt die Briese die Landstraße, die Summt und Lehnitz verbindet. Vor über 100 Jahren wurde hier die Schlagbrücke aus den typisch gelben Ziegeln der „Birkenwerderschen“ ( Ziegelei) gebaut.

Mit meinen matsch-geschwärzten Schuhen steige ich die Brückentreppe mitsamt meinem Taurine hinauf, quere die Straße und rolle wieder ins Tal. Auf wenigen hundert Metern fließt die Briese in einem schmalen Bett, ehe sie die Biber wieder aufgestaut und verbreitert haben.

Dicke Kiefern und Fichten liegen geknickt über dem Wanderweg und wollen überklettert werden.

Bei der alten Försterei Wensickendorf biege ich ab nach Süden und folge dem Weg parallel zur Stromtrasse.

Eine wahre Zauberwelt

Mein Taurine lehnt an der derselben Bank. Vor genau fünf Jahren und heute. Der schöne Spruch ist mittlerweile verwittert.

Hören, Schauen und das Maul halten

unbekannter Verfasser

Dem kann und will ich heute nichts hinzufügen.

Nass ist es in den Oderauen – Impressionen

Und immer wieder lockt der Schiebewind … So kann man unseren Ausflug ins Oderbruch titeln. Ja, der angesagte frische Südwest macht es noch attraktiver, über die Wellen des Barnim und dann hinein ins Oderbruch zu kurbeln. Ein paar, noch etwas zaghafte Sonnenstrahlen machen schon die ersten Kilometer zum reinen Genuss. In Bad Freienwalde stürzen wir uns vom Schanzenhügel – nein, nicht von der Schanze hinunter ins Tal, aber dafür auf dem breiten Radstreifen mit fast 50 km/h lustvoll am Stadtrand vorbei nach Schiffmühle. Das Fontane-Haus schlummert vor sich hin, ich schicke einen Gruß zum alten Henri F. hoch auf den Friedhof, und schon knabbern wir an der Abbruchkante des Bruchs und den dünenartigen Erhebungen entlang. Wir machen eine kleine Trink- und Futterpause. Hier, im Windschatten der Neuenhagener Insel, mit dem Blick auf die Stille Oder, ist es wirklich unwirklich still. Diese Dimension der Ruhe ist mein Freund Peter, der Städter, so gar nicht gewohnt. Dafür schätzt er sie umso mehr.

Zu Zeiten der Trockenlegung des Oderbruchs haben im Auftrag von Friedrich II. Simon Leonhard von Haerlem und viele fleißige Untertanen um 1750 Deiche gebaut, Vorwerke errichtet und schließlich den Oderdurchstich von Hohenwutzen bis Hohensaaten bewerkstelligt.

Gedenkstein bei Sophiental

Seitdem wird hier Ackerbau statt Fischerei betrieben, und der ursprüngliche Hauptarm der Oder um Neuenhagen und Bralitz herum trägt den Namen Alte Oder und Stille Oder. Still ist es hier wirklich. In Hohenwutzen werfen wir einen Blick hinüber zum Polenmarkt, lassen uns aber nicht hinüberlocken. Viel mehr lockt uns die Perspektive auf die weiten Oderauen bis hinüber zur polnischen Seite.

Nach dem Durchstich bei Hohensaaten begleitet der Oder-Havel-Kanal, der ab hier die Oder als „Großschifffahrtsweg Berlin –Stettin“ begleitet –  von Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1914 eröffnet. Der Oder-Neiße-Radweg führt immer zwischen den weiten Auen mit der Oder am Ostrand und dem Kanal auf der Westseite hindurch.

Auerochsen-Nachzüchtung bei Lunow

Bei Lunow treibt uns der Hunger hinüber in den kleinen Ort, vorbei an einer Herde friedlich grasender Auerochsen, die eigentlich Heckrinder, eine Nachzüchtung der ausgestorbenen Rinderrasse, heißen müssten. Aber Auerochsen hört sich natürlich besser an. An den herrlichen Tieren vorbei rollen wir zur mir wohl bekannten Landfleischerei gegenüber vom Landgasthof Quilitz hin. Fleischer Künkel hat zwar keine Auerochsen-Bockwurst wie Gastwirt Quilitz im Angebot, dafür ist er aber geöffnet. Bevor wir einkehren, rätseln wir vor der Kirche über die Bedeutung der drei Engel und staunen über die herzförmige Öffnung der alten Sommerlinde.

Schutzengel (sehr lesenswert: Artikel aus dem Spiegel-Magazin von 2013)

Nach einer Überlieferung erschienen im 19. Jahrhundert drei Engel, um den Teil des Dorfes rund um den Friedhof vor der Cholera zu bewahren. Nun bewachen sie das Tor.

Im Fleischerimbiss ist das Angebot um halb drei karg geworden. Nur „Frikassee mit Reis zum Mitnehmen“ gibt es warm. Da entscheiden wir uns kurzerhand für zwei Knacker mit Brötchen, und die kalt. Passend zur kalten Sitzbank draußen. Verzehr drinnen lässt die Verkäuferin streng nach Corona-Vorschrift nicht zu. Wer weiß, wofür es gut ist, denke ich mir. Aber die Würste schmecken. Dazu einen kalten Schluck Apfelschorle aus der Trinkflasche. Mangels Kaffee.

„Das Geräusch der Stille“ heißt der Artikel im Spiegel-Magazin. Besser kann man nicht die Stimmung hier beschreiben, deshalb: LESEN

Kontemplatives Rollen, so könnte man die nächsten Kilometer beschreiben. Wenig Worte, viel Natur, gute Luft. Bei Criewen lockt uns die rosa-weiße kleine Kirche hinüber in den Lennéschen Park mit dem ehemaligen Herrenhaus der Familie Arnim. Erstaunlich, wie weit die Anlage sich erstreckt – alte Bäume, Teiche, Brücken, eine alte Kastanienallee.

Wie mag das alles erst im Frühjahr wirken, wenn die Bäume Blätter tragen und die Blumen blühen…

Nach einer Viertelstunde „Parken“ wenden wir uns wieder den Oderauen zu. Hier, wo das Tal sich immer mehr verbreitert und zum Naturpark Unteres Odertal wird, sind wir froh, dass die Deiche hoch genug sind, um die Wassermengen im Bett zu halten. Die Tierwelt im Park hat mit dem Wasser zu kämpfen, aus ruhigen Rückzugsflächen sind überflutete Auen geworden. Und die zur Eindämmung der Schweinepest angelegten Schutzzäune sind zum lebensgefährlichen Hindernis für Rehe und Füchse geworden. Naturschützer haben mittlerweile eine Reihe von Holzstiegen zum Überklettern angelegt.

Wasserflächen, so weit das Auge reicht. Schön und bedrohlich zugleich. Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive man blickt.

Die Kulisse von Schwedt mit den prägenden Türmen und Rohren der Raffinerien wird beim Näherkommen immer größer. Der russische Staatskonzern Rosneft hat im Jahr 2021 die Mehrheit der Anteile übernommen! In diesen Tagen verschafft mir das ein mehr und mehr unangenehmes Gefühl von Abhängigkeit. Noch im vorigen Jahr hatte Dietmar Woidke die Übernahme als „gute Nachricht“ verkauft. Heute wirkt das eher als Hohn. In Schwedt endet die Pipeline „Freundschaft“ aus Russland, über die Deutschland nach Angaben der Raffinerie zu 25 Prozent mit Rohöl versorgt wird. Freundschaft ist offensichtlich eine Sache der Definition und der Perspektive.

In Schwedt angekommen, hat sich die Sonne erbarmt, den Abendhimmel und auch die Glasfront des Stadttheaters stilvoll zu illuminieren.

Uckermärkische Bühnen Schwedt

Am Bahnhof wartet schon der Regio nach Berlin auf uns. Die Wärme im Zug tut gut, wir blicken auf eine stimmungsvolle, auch nachdenklich machende Tour zurück.

Eichhorst, Werbellin und Schorfheide

Eintauchen in die Wälder und die Geschichte

Kranichrufe sind zu hören, Graugänse sind unterwegs, die ersten Krokusse schieben ihre Knospen hin zum Sonnenlicht. Nach reichlich vielen Regentagen soll es heute trocken bleiben und mit fast 10 Grad auch noch mild dazu. So will ich an diesem Mittwoch eine lange Runde in den Norden fahren. Zerpenschleuse, Marienwerder und dann an den Werbellin – schon Fontane hat sich die Ergänzung „See“ gespart. Einfach an den Werbellin fahren und dann an ihm entlang nach Joachimsthal. In Eichhorst muss ich unbedingt die Eiche, die dem Ort den Namen gegeben hat, besuchen. Schauen, wie es ihr geht, der alten Dame. Seit mindestens 500 Jahren steht das Baum-Monument neben der Brücke, die über den Werbellinkanal führt. Nachdem unter Friedrich II. in den Jahren 1742 bis 1746 der zweite Finowkanal fertiggestellt wurde, nahm der Schiffsverkehr auf der nun wichtigsten Wasserstraße zwischen Oder und Havel stark zu. Die Waren aus den in den Schlesischen Kriegen eroberten Landen konnten so schnell und günstig nach Preußen transportiert werden. Dabei zeigte sich schon in den ersten Jahren nach der Inbetriebnahme, dass die Wasserversorgung über das Werbellinfließ nicht ausreichte.

Immer wieder sank der Wasserstand im Kanal in kritische Bereiche ab, und als immer öfter Schiffe auf Grund liefen, wurde 1765 der meisterhafte Wasserbauer Simon Leonhard van Haerlem von seinem König mit dem Bau eines Versorgungskanals zwischen Werbellinsee und Finowkanal beauftragt. Dazu musste das Gelände neben dem Kanal erheblich aufgeschüttet werden, um ihn in seinem Bett zu halten. Nach nur einem Jahr Bauzeit sorgte die neue Verbindung für mehr Wasser im Kanal und war gleichzeitig Transportweg für das reichlich zu verschiffende Holz aus dem riesigen Werbelliner Forst. Ach ja, die Eiche! Der ehrwürdige Baum stand eigentlich den Kanalbauern im Weg, und trotzdem haben sie ihn nicht gefällt. Stattdessen haben sie den damals sicher schon 20 Meter hohen Baumriesen einfach vier Meter tief eingegraben.

Die Eiche von Eichhorst

Normalerweise stirbt ein Baum bei einer solchen Operation. Nicht aber dieser Quercus Robur, der offensichtlich von sehr widerstandsfähiger Natur ist. So hat er die Jahrhunderte überdauert und fängt die Blicke auch in unserer Zeit mit seiner gewaltigen Erscheinung. Und als im Jahre 1878 wurde die Kanalkolonie umbenannt wurde, war die mächtige Eiche ein würdiger Namensgeber für den Ort Eichhorst.

Dieser Baum gibt Kraft, wenn man ihn nur anschaut. Wenn man seine Borke berührt, erzählt er Geschichten aus alter Zeit.

Der Werbellinkanal führt mich hin zum See, wo ich zum Westufer wechsle und dem mit beim letzten Sturm heruntergelassenen Kiefernästen garnierten Radweg folge. 10 Kilometer lang ist der See und mit 50 Metern Tiefe neben dem Stechlin das zweittiefste Gewässer in Brandenburg. Über 3000 Hirsche sollen hier im Werbelliner Forst heimisch gewesen sein. Das ehemalige „Hofjagdgehege“ Schorfheide umfasste mehr als 400 Quadratkilometer. Preußische Könige, Hohenzollern, Kaiser Friedrich Wilhelm IV, der sich hier schon 1847 das Jagdschloss, besser eigentlich „Jagdhaus“ Hubertusstock bauen ließ, bis zu DDR-Granden wie Honecker und Mittag, alle haben sie hier gejagt und sich gelegentlich die Hirsche bis nahe vor die Flinte treiben lassen.

Kurz vor Joachimsthal geht es einen kleinen Hügel hinauf, wo ein mächtiges Mammut auf den „Geopark Eiszeitland“ hinweist.

Wahrzeichen für den Geopark

Eine kurze Pause, dann rolle ich über die Kuppe zur Schinkelkirche von Joachimsthal hinunter. Jedem, der hier vorbeikommt, sei ein kleiner Bogen am alten Gymnasium vorbei empfohlen. Dieser Ort atmet Geschichte!

Nach Norden verlasse ich das Städtchen und erreiche 15 Minuten später den Holzschuhmacher von Friedrichswalde:

Holzschuhmacher bei der Arbeit am Ortseingang von Friedrichswalde

Friedrichswalde durfte sich größtes Holzschuhmacherdorf Deutschlands nennen. Die Kolonisten aus Kurpfalz und Rheinhessen wandten sich damals einem Handwerk zu, das klassischerweise in Holland zuhause ist. Mit der Erfindung eines ledernen elastischen Oberteils machten sie den Holzschuh bequem und so zum begehrten Produkt, mit dem sie sich einen beneidenswerten Wohlstand schufen. Das Dorf sieht auch heute noch so aus wie in alten Zeiten. Und auch heute komme ich nicht ohne Pause an der wunderbaren Landbäckerei Hakenbeck vorbei. Freundliche Bedienung, duftender Kaffee, eine riesige Mohnschnecke. Wer hier achtlos vorbeifährt, ist selber schuld.

Städter suchen einen neuen Platz zum Leben und heften ihre Suchanzeige im Bäckerladen an die Wand. Schön ruhig ist es hier, aber diese Ruhe und Abgeschiedenheit muss man mögen und auch aushalten.

Über Reiersdorf führt der Uckermärkische Radrundweg nach Westen. Für mich heißt das, gegen den böig wehenden Wind anzukurbeln. In Gollin entscheide ich mich für den Kurs nach Süden, obwohl ich jetzt auf der stark frequentierten Landstraße fahren muss. Noch mindestens 45 Kilometer bis nach Glienicke. Insgesamt 140 sollten mir reichen für heute. Trotzdem rolle ich noch einen kleinen Bogen durch den Forst. Ein Hinweisschild zum „Historischen Ortskern Bebersee“ lockt mich in den Wald. Zu sehen gibt es aber bis auf einige ordentlich restaurierte Fachwerkhäuser wenig, nur ein dicker aus Holz geschnitzter Biber, offensichtlich Namensgeber des Kolonistendorfes, sitzt auf einem Sockel mit der Zahl 1748 – dem Jahr der Ortsgründung von Bebersee.

Auf einem Schild sind Informationen zum Dorf und einer bisher vergeblichen Forderung nach Lärmminderung seitens des Driving Centers auf dem nahegelegenen ehemaligen Militärflugplatz zu lesen. Das Driving Center gibt es schon seit über 20 Jahren, und angeblich unterschreitet der Lärm der Fahrzeuge die vorgeschriebenen Werte bei Weitem. Ich kann das kaum glauben, denn just als ich vor dem Schild stehe, weht der Westwind den schrillen Schall von beschleunigenden Motorrädern herüber. Ich kann den Unmut der Einwohner gut verstehen, obwohl ich selbst in meiner beruflich aktiven Zeit zu den ersten Nutzern des Centers gehörte. Damals wusste ich nichts von Bebersee, den Ansiedlungen Groß Väter und Klein Väter.

Die kleinen Orte mit auch heute nur wenigen Einwohnern entstanden aus den Zaunsetzerstellen, wo die ersten Einwohner den Auftrag hatten, den königlichen Wildzaun zu setzen und dann instand zu halten. Im weiteren Verlaufe wurden hier Kolonisten angesiedelt, um die in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges wüst gefallenen Landstriche wieder zu beleben. Mit Kolonisten, die zum großen Teil in der Pfalz und in Kurhessen angeworben wurden. Grund und Boden, ein Bauzuschuss, ein kleiner Lohn und die Erlaubnis, Vieh zu halten und Landwirtschaft zu betreiben, lockten die Siedler an. „Migrationssteuerung“ nennt man so etwas in unseren Tagen. Auch die Ansiedlung „Torwärterhäuser“ an der Landstraße L 100 ist so entstanden. Kaum jemand hier weiß um diese Historie. Nur die Namen zeugen von der preußischen Vergangenheit und dem Wildzaun, der von Zehdenick bis Oderberg über eine Länge 70 Kilometern hier verlief. Ohne die zahlreichen Neuansiedler wäre die Region wahrscheinlich ein wüster Landstrich geblieben. Wer weiß?

Torwärterhäuser bei Gollin

Die Zusatzrunde über die Waldwege hat Zeit gekostet, aber mir auch wieder einmal Neues gezeigt. Hauptweg und Nebenwege!

Jetzt geht es ab nach Hause. Der Wind ist schwächer geworden, es rollt gut. Mit 25 bis 30 km/h bewältige ich die letzten Kilometer des Tages. Es geht noch. Nach hinten blitzen meine Lezyne-Leuchte und das Taillight , nach vorn die Supernova E3. Erfreulicherweise überholen alle ausnahmslos mit beruhigendem Abstand.

Havelland – Einblicke

Der Brieselang und eine Eiche, die es nicht mehr gibt

Nach Westen führt mein üblicher Weg über Hennigsdorf hin nach Wansdorf. Die ersten 20 Kilometer fühlen sich gegen den frischen Südwest wie Arbeit an. Aus dem grauen Himmel fallen ein paar kalte Tropfen. Aber nur ein paar. Nicht genug zum richtigen Nasswerden. Außerdem schlummert in meiner Rahmentasche meine Shakedry-Regenjacke. Ungemein beruhigend. Beim Imbiss „Auszeit“ habe ich leider noch keinen Hunger, obwohl es hier gut schmeckende Pommes gibt. Ich bin einfach zu früh hier. Also lasse ich meine Blicke schweifen, rechts an der Durchgangsstraße in Pausin der leicht verranzte Lebensmittelladen „Ihre Kette“. Meine Kette würde das sicher nicht sein, wenn ich hier wohnen würde. Wie in so vielen Brandenburger Dörfern ist es auch hier: Ein Imbiss, eine Kneipe, ein Lebensmittelladen. Kein Metzger, kein Bäcker mehr. Letztere gehören offensichtlich einer aussterbenden Spezies an, die in unserer Konsumgesellschaft mit Massenartikeln keine Überlebensfähigkeit besitzen. Parallel zur Durchgangsstraße liegt der gepflegte Pausiner Dorfanger mit der schlicht-schönen Kirche. 

Gutshaus Wansdorf

In Wansdorf gibt es einen kleinen Rastplatz unter alten Eichen. Hier war jahrelang Startplatz für Radtouren mit Freunden. Genau 20 Kilometer sind es von Zuhause bis hierher. Eine knappe Stunde Fahrzeit. Und immer wieder, seit über zehn Jahren, schaue ich in den Innenhof des ehemaligen Gutshauses, auch Wansdorfer Schloss genannt. Der heutige Besitzer kaufte die Liegenschaft im Jahre 2009 der Stadt Berlin ab, die die Bausubstanz über viele Jahre einfach vor sich hin gammeln ließ. Jetzt geht es langsam, aber stetig voran mit den Schritten der Restauration. Ursprünglich hatte sich ein wohlhabender Industrieller aus dem Spreewald die Villa 1906 errichten lassen, um hier einmal mit seiner Familie zu wohnen. Vor dem Umzug starb er. dann wurde an die Stadt Spandau verkauft, und eine wechselvolle Geschichte begann: Lungenheilstätte für Kinder, Genesungsheim, Melkerschule, Lehrerbildungsinstitut, und nach der Wende kam der Verfall. Heute wirkt das Ensemble wieder ansehnlich. 

Fernsehturm Perwenitz

Durch den Wald führt der Radweg vorbei am Fernsehturm von Perwenitz, dem mit 135 Metern höchsten Gebäude im Ländchen Glien. Als Relaisstation für Mobilfunk hat der im Jahr 1956 errichtete Betonriese nach der Zeit für Fernsehübertragungen eine zeitgemäße Bestimmung gefunden. Perwenitz profitiert von der vorbeiführenden A10. Seit 2019 hat sich der Bahnbauer Stadler mit einem neuen Werk niedergelassen. Perwenitz hat mehr Arbeitsplätze als Einwohner. 

Am Industriegelände vorbei führt die alte Nauener Chaussee, die zwar nicht als Radweg ausgezeichnet ist und zudem als Sackgasse gekennzeichnet ist. Das hält mich nicht davon ab, diesen Weg nach Süden, hinein in „den Brieselang“, zu fahren. Ich will einen zweiten Anlauf unternehmen, die von Fontane in seinen „Wanderungen“ erwähnte Königseiche endlich zu finden. In diesem Wald, auf der Grenze von Bütenheide und Brieselanger Forst, soll sie gestanden haben. Als Fontane sie besuchte, war sie schon abgestorben, aber eben noch sehr stattlich in der 40 Meter hohen Erscheinung. „Es gibt Holunderbäume in Pfarrgärten, die in fünfzig Jahren mehr gesehen haben als die große Eiche in fünfhundert. Nur die letzten Jahrzehnte schufen einen Wandel: Landpartien und Berliner kamen.“ So schreibt Fontane über die Eiche, die er im Mai 1870 besuchte und den Brieselang. Ich bleibe mit meinem Granfondo auf der Alten Nauener Chaussee, die bald zu einem vermatschten Waldweg wird. Nach zwei Kilometern entdecke ich an einer Weggabelung eine in die Jahre gekommene Infotafel. 

Reste der Großen Eiche im Brieselang

 … Schon wieder stehe ich nicht am richtigen Ort: Der zerbrochene, verrottende riesige Eichenstamm soll von der  „Alten Eiche“, nicht aber von der Königseiche stammen. Diese soll ein paar hundert Meter weiter östlich gestanden haben. Also mache ich ein paar Fotos und rolle suchend weiter. Ohne Ergebnis. „Wer den Brieselang kennenlernen will, der muss auch, rüstigen Fußes, die beiden andern Staffeln zu erreichen wissen: die Försterei und die Eiche. Nur erst wer bei der „Königseiche“ steht, der hat den Brieselang hinter sich und kann mitsprechen“, schreibt Fontane. Teilziel erreicht, konstatiere ich.

Dörfer, Denkmale, Besonderheiten und Wunderliches

In Alt Brieslang, wo die Försterei gestanden hat, führt eine Brücke über den Havelkanal. Hier sollen sich also „in sommerlicher Lust“ hunderte von Ausflüglern aus Berlin verlustiert haben in alter Zeit. Die Zeit ist vorbei. Der Brieselang hat schon lange wieder seine Ruhe. Nach Westen hin unterquere ich die A10 und setze wieder Kurs nach Norden. Ein riesiger Schriftzug „Amazon“ prangt an einer genauso riesigen Lagerhalle. Das sind die neuen Wahrzeichen der Region. Bei Paaren passiere ich das MAFZ-Freizeitzentrum ( Märkisches Ausflugs- und Freizeitzentrum) Erlebnispark, Mini-Zoo, Braumanufaktur, Kinder- und Erwachsenenbelustigung. Durch den Krämer Forst rolle ich weiter nach Nordwesten. Der nächste Ort heißt Grünefeld.

Grünefeld

Direkt an der Straße steht ein Wohnhaus aus dem Jahr 1909, eine Art von nachempfundenem Vorlaubenhaus. Seltsam unpassend hier. Der 400-Seelen-Ort wirkt wie im Winterschlaf. Im Sommer trafen sich am Waldsee über 8000 Menschen zum „Nation of Gondwana-Festival“ Alternatives Musikfestival. Und im Juli soll es wieder soweit sein. Tausende werden ins Havelland pilgern, um in Grünefeld zu lachen, zu trinken, zu tanzen. 

Nach Grünefeld kommt Börnicke. Das neue Wahrzeichen des Ortes heißt nicht Amazon, sondern DHL. In einer riesigen Halle werden täglich über 500.000 Pakete sortiert und versendet. Bald soll eine neue 220 Meter lange Halle entstehen. Noch mehr Pakete, noch mehr LKW, noch mehr Arbeitsplätze. Mehr als Bürger in Börnicke. Nicht alle sind begeistert. In Börnicke fahre  ich einen Bogen  über den Dorfanger und an der Kirche vorbei. Dann entdecke ich eine alte Bahntrasse, die nach Norden führt. Parallel verläuft ein Fahrweg, hin zum ehemaligen Bahnhof Börnicke.

Alter Bahnhof Börnicke

Hierher verlief von 1914 bis 1967 ein Teil der Nebenbahn Oranienburg-Nauen-Jüterbog. Eine Bahnlinie mit nur kurzer Lebenszeit, nur kurzer Zeit mit Betrieb und Bedeutung. Den Bahnhof hat, wie ich nachgelesen habe, ein junges Paar gekauft, renoviert und zum kleinen Zentrum für Veranstaltungen, Retreats, Coachings, gemacht. Sehr beachtenswert und mutig. Heute muss ich mich an einer Schranke vorbeizwängen, um mit leicht schlechtem Gewissen das „verbotene Privatgelände“ zu queren. Vorbei an einer alten Lok, die an alte Zeiten erinnert. Der bahndammbegleitende Pflasterweg mündet beim Denkmal für die Opfer des KZ Börnicke in die Tietzower Straße.

Mahnmal für das KZ Börnicke

Eines der ersten „wilden KZ“ wurde hier schon 1933, kurz nach der Machtergreifung Hitlers auf dem Gelände einer Zementfabrik betrieben und war bis zum Ende des Krieges Außenstelle des KZ Sachsenhausen. Das in die Jahre gekommene Denkmal erinnert an die Gräuel vergangener Zeit. Irgendwie trist und traurig und verloren wirkt der Ort auf mich heute. In Tietzow erreiche ich kurz danach wieder ein etwas freundlicher wirkendes Umfeld. Ich gönne mir eine ausgiebige Runde über und um den Dorfanger herum.

Dorfanger Tietzow – viel Bäume, wenig Menschen

Einen großen Dorfanger mit alten Bäumen hat hier jedes Dorf. Mittendrin die Kirche und der Friedhof und die Feuerwehr. Sorgfältig mit Ziegeln gepflasterte Gehsteige kontrastieren mit Rumpelpflaster auf dem Fahrweg und den Häusern in sehr unterschiedlichem Erhaltungszustand. Schönes und Verfallenes und neu entstehendes in direkter Nachbarschaft. Mit einem großen Kinderspielplatz in der Mitte, direkt daneben eine Denkmalsäule für Karl Liebknecht. Grau, der Schriftzug verrostet. Die Sitzbank daneben neu. Kontraste! 

Flatow, Staffelde, ORION, Kremmen, das sind die nächsten Stationen meiner Tour. Wobei Orion eine besondere Geschichte hat: Der Ortsteil von Kremmen trägt diese Bezeichnung erst seit dem Beginn des 2. Weltkriegs, nach der gleichnamigen Fabrik, in der Leuchtspur- und Signalmunition in großem Stil produziert und getestet wurden. Mit zwangsweiser Unterstützung von aus den Ostgebieten und der Ukraine herangeschafften Arbeitskräften, die unter grausamen Bedingungen hier geschuftet haben. Erstaunlicherweise finden sich in der Stadthistorie nur nach mühsamem Nachsuchen Informationen zur unrühmlichen Historie der Siedlung. Und auch in Orion selbst entdecke ich keinerlei Hinweis auf die Vergangenheit. Die Vertriebszentren von LIDL, GEL und Fiege dominieren die Flächen. 

Orion bei Kremmen

Mit den unbeantworteten Fragen zu Orion im Kopf erreiche ich das Kremmener Scheunenviertel, das sich auch an diesem grauen Februartag erstaunlich belebt zeigt. Hier residieren das Theater „Tiefste Provinz“, ein Café, ein Museum, kleine Läden, ein Restaurant, ein Friseur gar. Erstaunlich! Kremmen at its best. 

Das Städtchen verlasse ich auf dem gekennzeichneten Radweg, der erst kein Radweg, sondern ein Wiesenweg ist, dann aber zum gut befahrbaren Waldweg durch den Kremmener Forst wird. Vor dem Waldgebiet wartet der mit weißen Folien bedeckte Spargel auf Sonne und steigende Temperaturen. Der Kremmener Spargel hat Tradition, und die Anbaufläche wird mächtig erweitert. Wer soll den ganzen Spargel noch vertilgen. Am Ende der Plastikfelder ragt eine mächtige Eiche am Waldrand auf. Eine beeindruckende Baumskulptur. Sie zieht mich förmlich in ihren Bann. Das Granfondo lehnt sich behaglich an die krakenarm ähnlichen Wurzeln. Ich nehme einige Schlucke aus meiner Trinkflasche und lasse die Eindrücke wirken. 

Der Baum trägt den Namen „Träneneiche“, kann ich bei Google nachlesen. Für mich erzeugt er Wohlbefinden und Frische, also eher Freudentränen. Zehn Minuten später tauche ich ein in den Kremmener Forst, in dem der Sturm der letzten Tage sichtbare Spuren hinterlassen hat. Einige ziemlich wild aussehende Rinder rupfen Gras zwischen umgestürzten Bäumen. Ein paar Meter weiter bremst mich eine Baum-Stiefel-Schuhskulptur. Auf eine solche Idee muss man ersteinmal kommen. Kunst im Forst! Nächster Halt: Verlorenort. Ja, die Ansiedlung heißt tatsächlich so. Keiner weiß genau, woher der Name herrührt. Angeblich hat der Alte Fritz bei einer Kutschfahrt nach einem Achsbruch ausgerufen: „Hier sind wir an einem verloren Ort“.

Eine andere Geschichte berichtet über Holländer, die hier im 18. Jhd. verloren gegangen sein sollen… 10 bunte Häuser, sechs Familien. Wer Ruhe sucht, hier ist sie zu finden.

Immer geradeaus, auf mittlerweile glatt geteertem Weg, rolle ich gen Sommerfeld, dann hinüber nach Germendorf mit seinem illustren Tierpark. Der große Dinosaurier und der gewaltige Elch am Eingang geben ein prächtiges Fotomotiv ab.

Das Granfondo mit Gran Dino. In Hohen-Neuendorf bremse ich noch einmal am Skulpturen-Boulevard für das frisch entstandene „Poetische Weltbild“ der Künstlerin Zaine Brockmeyer-Barbosa . Das bringt Farbe in den grauen Tag und ist ein perfekter Abschluss der heutigen Tour. 

Und als Epilog Fontanes Aufzählung der lachenden Dörfer im Havelland :

Und an dieses Teppichs blühendem Saum

All die lachenden Dörfer, ich zähle sie kaum:

Linow, Lindow,

Rhinow, Glindow,

Beetz und Gatow,

Dreetz und Flatow,

Bamme, Damme, Kriele, Krielow,

Petzow, Retzow, Ferch am Schwielow,

Zachow, Wachow und Groß-Behnitz,

Marquardt-Ütz an Wublitz-Schlänitz,

Senzke, Lenzke und Marzahne,

Lietzow, Tietzow und Rekahne,

Und zum Schluß in dem leuchtenden Kranz:

Ketzin, Ketzür und Vehlefanz.

Zur Derfflinger Eiche – Sonne für die Seele

Die Sonne sorgt für die Ausschüttung von Serotonin, Dopamin und Noradrenalin. Das sind die sogenannten Glückshormone. Im Umkehrschluss fördert graues Winterwetter mit wenig Licht miese Stimmung und macht müde. Wenn „wetteronline“ also nach einer grauen Woche einen Tag mit acht Stunden Sonne vorhersagt, wäre es geradezu sträflich, drinnen zu bleiben.

Körper und Seele mit Nahrung versorgen, das wollen Wolfgang und ich an diesem Sonnenfreitag. Start halb elf praktisch vor seiner Haustür in Pankow, um dann möglichst schnell aus der Stadt hinaus in die Felder und Wälder zu kommen. Die Äste der Eiche, die vor unserem Haus steht, schwingen im aufkommenden Westwind. Die Luftströmung sollte nicht nur die letzen Wolken vom Himmel verscheuchen, sondern uns auch auf dem Weg nach Osten ordentlich Schub geben. Ich packe mich gut in meine Winterjacke ein, drunter ein Merino Trikot und an den Beinen die treffliche Winterhose von La Passione. Eine Thermosflasche habe ich mit Ingwertee gefüllt, die Apfelsaftmischung in der zweiten darf ruhig kalt werden. Mit meinem Granfondo rolle ich um 9.30 Uhr los, dann werde ich pünktlich eine Stunde später nahe beim Schloss Schönhausen, dem vereinbarten Startpunkt, ankommen. Ich bin viel zu früh dort, so mache ich noch eine kleine Extrarunde durch den Majakowskiring. Hier wohnten einst Hans Fallada und Arnold Zweig, dann nach dem Krieg Ulbricht, Honecker und Grotewohl. Das ehemalige Polit-Bonzenviertel mit seinen Gründerzeitvillen erstrahlt in frischem Glanze. Die heutigen Bewohner dürften nicht zu den Ärmsten der Stadt zählen. Nahe dran der Amalienpark mit seinen Mietervillen im Landhausstil. Über 100 Jahre stehen sie schon hier. Bei der Einfahrt entdecke ich die Skulptur eines sitzenden Paares. Friedlich und irgendwie Sanftheit ausstrahlend. Die Berliner Bildhauerin Carin Kreuzberg hat sie 1976 geschaffen. Und viele andere im gleichen Stil, die allesamt im Osten des Landes zu finden sind. Genau wie die Skulpturen ihres Lehrers Drake. Mutig, gar modern ist der Stil nicht, aber schön anzusehen allemal.

Carin Kreuzberg, Liebespaar 1976

Wolfgang führt uns nach Osten über Malchow in die Barnimer Feldflur. Auf dem Weg nach Osten wundern wir uns über in Bau befindliche Riesengaragen. Offensichtlich Winterparkplätze für die Wohnmobile der Großstädter. Trappenfelde, ein Garagenort. Die Großtrappe, den namensgebenden Riesenvogel, bekommen wir leider nicht zu Gesicht.

In Altlandsberg gibt es nicht nur einen schönen Altstadtkern mit Mauer und Türmen zu sehen, nein, die wahre Attraktion ist der Fahrradhof! Seit über 20 Jahren baut hier Peter Horstmann sein damals noch kleines Radlädchen immer weiter aus. Professionell, originell, außergewöhnlich. Einen Ausflug wert für alle, die an Rädern und am Radfahren interessiert sind.

Hunderte von alten Rädern sind an der Fassade aufgehängt und werden im Sommer grün umrankt. Im Innenhof warten Gravelbikes, E-Bikes, Bikes aller Arten und Qualitäten auf Menschen, die Lust auf eine Probefahrt haben. Ein junger, radbegeisterter Monteur erzählt uns die Geschichte des Fahrradhofs und dass „der Laden brummt“. Möge es so weiterlaufen. Engagement und Auftritt passen!

Wir reißen uns los, damit wir wieder warm werden. Der Wind zieht die Wärme aus dem Körper, wenn man sich nicht bewegt. Strausberg kennen wir recht gut, deshalb lassen wir das Städtchen heute einfach links liegen und rollen weiter über Rehfelde hin nach Garzau, wo ich Wolfgang unbedingt die Schmettau´sche Pyramide zeigen will. Vor Jahren hat Wolfgang im Frankfurter Palmengarten eine Ausstellung über das Thema Pyramiden gestaltet, er erinnert sich auch an die Feldsteinpyramide von Garzau. Aber in Natura gesehen hat er sie eben bislang noch nicht. Holen wir es also nach! Um halb zwei stehen wir in Garzau auf dem Pflasterweg, der am ehemaligen Gutshaus ( Schloss) und der Brennerei vorbei zur Pyramide führt.

 Friedrich Wilhelm Carl Graf von Schmettau ließ in den Jahren 1780 bis 1784 das Herrenhaus Garzau samt Landschaftspark und Pyramide errichten. Bis zum Jahr 1804 ließ er sich es hier gut gehen, wenn er nicht gerade irgendwo in irgendwelchen Schlachten für seinen König unterwegs war. Wenn man die Historie liest, könnte man meinen, sein Leben hätte nur in Kriegen stattgefunden. Wenn er nicht dazwischen das erstaunliche Kartenwerk für die preußischen Lande gezeichnet hätte. Wen das interessiert: hier der Link zu meinem Beitrag aus 2020.

Im Jahr 1804, zwei Jahre vor seinem Tod in der Schlacht von Auerstädt, verkaufte Schmettau Garzau samt Pyramide, um in das Schloss Köpenick umzuziehen, das zum Verkauf stand. Geldnot scheint der gute Mann jedenfalls nicht gekannt zu haben. Die Taler flossen zuverlässig. Aufgaben und Verdienste als Offizier für verschiedene Kriegsherren zahlten sich in barer Münze aus.

Auf der Mauer vor dem Eingangsportal schlürfen wir heißen Tee aus unseren Thermosflaschen und räsonieren über die alte Zeit und wie die Menschen hier gelebt haben mögen. Dann peilen wir das eigentliche Ziel des Tages an: Die Derfflinger-Eiche in Gusow. Noch 40 Kilometer im Zickzack der Radwege, immer wieder hinüber und herüber über die Ostbahntrasse. In Trebnitz leuchtet der Ziegelturm einer ehemaligen Kalkbrennerei im späten Licht.

Kalkbrennerei Trebnitz

Dann erreichen wir Neuhardenberg, werfen einen Blick hinüber zum Schlosspark und bleiben auf den Rädern. Wir wollen die alte Eiche noch im Abendlicht erblicken. Platkow, Gusow-Platkow, Gusow. Hier zweigt der Weg ab nach Werbig. Nur noch ein Kilometer bis zum Baum-Monument.

I 1646 heiratete Georg Derfflinger Margarete Tugendreich von Schapelow. So kam er in den Besitz der Rittergüter Gusow, Platkow und Wulkow. Eine wahrhaft lukrative Beziehung. Die Beziehung zur „Derfflinger Eiche“ ist eine ganz besondere: Der Sage nach pflanzte der General-Feldmarschall im Jahre 1650 genau auf der Grenze zum Nachbarort Werbig eine junge Eiche.

 „Als Derfflinger sie an der Grenze zwischen den beiden Dörfern Gusow und Werbig gepflanzt hatte, soll er 13 Jungen aus der Gusower Schule an den Baum geführt und ihnen 13 Schläge verabreicht haben, mit der Bemerkung: ‘Nun werdet ihr behalten, wo die Grenze steht. Verrückt sie nie wieder! Unter der Eiche hat der Alte oft gesessen. Wer um Mitternacht an ihr vorüberfährt, dem bleiben die Pferde wie festgebannt stehen. Sie zittern und tun keinen Schritt vorwärts, soviel man sie auch schlagen mag. Um ein Uhr ist der Bann zu Ende. Der Alte will nicht dulden, dass man um Mitternacht über die Grenze fahre.

Würde man diese Geschichte in unserer Zeit berichten, würde der alte Derfflinger ziemlich sicher eine Anklage wegen Misshandlung Jugendlicher und Missbrauch zu erwarten haben. Nicht so im Jahre 1650.

Wir legen die Hand auf die fast 400 Jahre alte Baumrinde und fragen, was damals wirklich geschah. Sie hat es uns erzählt, die wunderbare Eiche. Aber nur unter der Bedingung, dass wir die Kunde nicht weitertragen. So bleibt das Derfflinger-Geheimnis auch unser Geheimnis. Als wir die Eiche verlassen, leuchten die Wolken am Abendhimmel in malerischem Rot, wie in einem Film.

Am Bahnhof in Seelow-Gusow zeigt die alte Uhr 17.22, 63 Kilometer bis Berlin, Abfahrt nach Lichtenberg 17.36

Das war ein Tag mit viel Nahrung für Körper und Seele, so wir es uns am Morgen erhofft hatten.

Berlin – Anblicke und Einblicke

Der Januar ist grau und bleibt grau. Der Körper lechzt nach Sonne und Vitamin D. Die Nachbarn sind schon nach Mallorca geflüchtet. Was bleibt in dieser trüben Zeit: Viel bewegen! Laufen, Radfahren, Körper und Geist fordern und anregen. Ich weiß, bei einer Radrunde, und sei sie noch so klein, hellt sich meine Stimmungslage auf. Eine Art Mentalmedizin scheint Bewegung an der frischen Luft zu sein. Also setze ich mich wieder auf eines meiner Zweiräder. Heute ist das Cannondale Taurine dran.

Der Wirkstoff Taurin(e) stärkt die Aufmerksamkeit und schützt die Nervenzellen vor „freien Radikalen“. Sind hier auch Rechtsradikale gemeint? Dann scheint der Wirkstoff sehr nützlich zu sein. Aber Vorsicht, ich will schließlich kein Taurin schlucken, sondern mich nur auf ein Rad namens Taurine setzen und damit fahren. Vielleicht ist die Wirkung ähnlich, vielleicht haben die Designer von Cannondale irgendwo im Carbonrahmen eine Art Wirkstoffdepot eingebaut.

Cannondale Taurine in der Version von randonneurdidier

So sieht jedenfalls mein stimmungsaufhellendes Doping-Gerät aus. Heute werde ich mich nochmals hineinarbeiten in die Bezirke der großen Stadt, um Neues zu entdecken und Altes wieder zu erwecken.

Die Crossreifen warten auf Bewegung auf Gravel und Sand und Lehm. Die sollen sie heute auf dem Weg durch das Naturschutzgebiet Eichwerderwiesen bekommen.

Der Barnimer-Dörfer-Weg schlängelt sich durch das Tegeler Fließ hin nach Hermsdorf und Tegel. Ich erblicke Schwäne, Stockenten und Mandarin-Enten mit einem Gefieder, das wie aufgemalt erscheint. Wer bei solchen Aussichten keine gute Laune bekommt, der möge zu Hause bleiben. In Tegel tauche ich ein in das städtische Getriebe. Aber es gibt erfreulicherweise auch hier wenig befahrene Nebenstraßen und radtaugliche Pfade.

Zwischen Stadtautobahn und umgebenden Industriebetrieben liegt versteckt der einzige Russisch Orthodoxe Friedhof Berlins. Mit einer Kapelle aus dem Jahre 1894, die ein wenig so aussieht wie eine Kleinversion der Basiliuskathedrale am Moskauer Roten Platz. 4000 Tonnen russische Erde wurde anlässlich der Friedhofsgestaltung herantransportiert. So habe ich an diesem Tag in Tegel russischen Boden betreten. Eigenartiges Gefühl. Die Zwiebeltürme mit den Andreaskreuzen recken sich als blaue Farbkleckse in den nebelgrauen Himmel. Ich bin neugierig und steige die Treppe zur geöffneten Kirchentür hoch. Innen ist es wohlig warm, das Licht von vielen Kerzen tauchen den mit Ikonen und Verzierungen reichlich ausgestatteten kleinen Raum in goldenes Licht. Vor mir steht ein aufgebahrter Sarg . Ich atme tief durch und ziehe mich ehrfurchtsvoll zurück.

Ein wahres Kleinod ist hier in Tegel versteckt. Eine kleine Spazierrunde über den Friedhof gibt einen Einblick auf die russisch-orthodoxe Tradition in Berlin.

Hinter dem verlassen traurig daliegenden Ex-Flughafen rolle ich auf der Trasse des Radweges Berlin – Kopenhagen in Richtung Stadtmitte. Die Gebäude von Westhafen und des Kraftwerk sind regelrecht eingenebelt und erscheinen in einer Schwarz-Weiß-Version.

Als ich am Gelände des ehemaligen Lehrter Bahnhofs ankomme, staune ich über die in den letzten Jahren entstandenen neuen Wohnbauten. Auf dem Weg ins Büro war ich 15 Jahre lang über die Heidestraße an trist daliegenden alten Gleisen und Lagerschuppen entlang gefahren. Heute steht hier reichlich Beton. Mehr oder weniger schön anzuschauen. Ganz sicher aber teuer ist es, hier zu wohnen, in der „Europacity“

Ich frage mich, warum man ausgerechnet in der Stadt des Mauerbaus in einem modern gestalteten Wohngebiet wieder braune Betonmauern errichtet? Beton gibt es doch ohnehin reichlich. Keine Bäume, keine Pflanzen, nur Beton, Eisen und Glas. Da trösten mich auch die von der Baugesellschaft in Auftrag gegebenen Wandgemälde wenig.

Über eine neu gebaute Fußgängerbrücke wechsele ich auf die nördliche Seite vom Spandauer Schiffahrtskanal, der so lange die Ost-West-Grenze markierte, und fahre über den Invalidenfriedhof, dann am Hauptbahnhof und den alte Charité-Gebäuden vorbei. Der Komplex von Kanzleramt und Elisabeth-Lüders-Haus wird nach Osten verlängert. Die Abgeordneten brauchen mehr Platz, und es sind mehr geworden nach dieser Wahl.

Vor dem gläsernen Futurium parkt der InnoTruck.

Das Brandenburger Tor steht heute einsam da. Wenige Menschen sind auf Entdeckungsgang. Nur die Fahrradboten und ein paar schwarze Regierungslimousinen kurven über das feuchte Pflaster vom Pariser Platz.

Ich visiere das neue Humboldt-Forum an. Fast ohne Baustellen, Kräne und Bauzäune präsentiert sich der Boulevard Unter den Linden. Das tröstet mich über Kälte und Nebel hinweg. Endlich freie Sicht auf die neuen und alten Gebäude. Ein markierter Radstreifen macht endlich eine sichere Fahrt möglich.

Die wichtigsten historischen Gebäude Berlins sind hier in Mitte versammelt. Man muss nur lange genug warten, bis in dieser Stadt das Neue endlich fertig ist und Altes, wie der Palast der Republik, abgerissen ist, und das neue Schloss samt Humboldtforum auch Schinkel, Thaer und Beuth friedlich blicken lässt. Ich sauge die neuen Eindrücke auf und fahre einige Schleifen über die Plätze, bevor ich wieder auf die Seite der Alten Staatsgalerie und zur Museumsinsel wechsle. Es hat zwar einen besonderen Charme, die Touristenattraktionen ohne Touristen zu erleben – gefüllt mit gut gelaunten Menschen aus aller Welt gefällt mir die Stadt aber doch am besten. Restaurants, Cafés, Dönerbuden, Currywurststände – alles verwaist. In Warteposition für bessere Zeiten.

„Drei Mädchen und ein Knabe“ von Wilfried Fitzenreiter

Der Berliner Bildhauer Wilfried Fitzenreiter hatte ein Faible für Menschen-Skulpturen und -Büsten. Knaben, Mädchen, Liebespaare, Spielende sind im Osten des Landes einige zu sehen. In Wandlitz, Chemnitz, Rostock, Eisenhüttenstadt…

Plastiken, wie sie typisch waren für die in der DDR geförderte Kunst. Schön anzusehen.

Als Kontrast dazu fotografiere ich den Hektor von Markus Lüpertz auf der Monbijoubrücke vor dem Bode-Museum. Eine Brutalplastik, die mich mit ihrer Kraft und Grobheit immer wieder beeindruckt. Nicht schön, aber stark.

Hektor von Markus Lüpertz

Neben der Brücke steht das traurig aussehende Kassenhäuschen des Monbijou-Theaters, das immer erst zum Sommer hin dort aufgebaut wird.“Das Monbijou Theater ist ein Open-Air-Theater im gleichnamigen Monbijoupark in Berlin-Mitte. Das hölzerne Amphitheater wird jeden Sommer auf dem Dach eines ehemaligen Weltkriegsbunkers errichtet und bildet die Kulisse für sommerliches Theaterspektaktel.“ Auf dem darunter an der Spree gelegenen Platz konnte man das Tanzen lernen und in der Bar Cocktails schlürfen. Und, oh Wunder, auf dem nassen Platz tanzt sich ein Paar nach der Musik „Every breath you take“ von Sting warm. Berührend schön und tröstlich.

einfach nur schön

Für meinen Heimweg habe ich die Panke als Wegweiser auserkoren. Das kleine Flüsschen, eigentlich ein Bach, der sich über 29 Kilometer vom alten Bernau ins junge Berlin hineinschlängelt. Der Bach, der dem Ortsteil Pankow seinen Namen gegeben hat. Ein Bach, der über viele Jahre abgedeckt war, in den die Fäkalien geleitet wurden und der entsprechend stank: „Stinke-Panke“.

Hier ein paar Sätze von meinem regionalen Lieblingsdichter Fontane dazu – im Gedicht „Afrikareisender“ zu lesen.

Meine Herren, was soll dieser ganze Zwist,
Ob der Kongo gesund oder ungesund ist?
Ich habe drei Jahre, von Krankheit verschont,
Am grünen und schwarzen Graben gewohnt,
Ich habe das Prachtstück unsrer Gossen,
Die Panke, dicht an der Mündung genossen
Und wohne nun schon im fünften Quartal
Noch immer lebendig am Kanal.
Hier oder da, nah oder fern
Macht keinen Unterschied, meine Herrn,
Und ob Sie’s lassen oder tun,
Ich gehe morgen nach Kamerun.

Sei für Rothschild statt für Ranke,
Nimm den Main und laß die Panke,
Nimm den Butt und laß die Flunder,
Geld ist Glück, und Kunst ist Plunder

Heute fließt die Panke wieder im Wesentlichen frei und ohne Betonabdeckung. Fäkalien wurden schon in der Zeit von James Hobrecht auf den nördlich gelegenen Rieselfeldern ausgebracht. Wer nun meint, es flösse hier trinkbares Wasser, der schaue nur auf Plastikmüll, Kippen und anderen Unrat, der hier auch zu finden ist.

An dieser Panke entlang arbeite ich mich wieder nach Norden, nach Pankow, Hermsdorf und dann wieder nach Glienicke-Nordbahn. Erstaunlich, in wie viele alte Ziegelbauten, die noch vor zehn Jahren kurz vorm endgültigen Verfall standen, jetzt Ateliers, Theater, Läden eingezogen sind. Von außen bunt und schräg, drinnen ausgerüstet mit schnellem Internet und funktionierenden Heizungen. Zu besichtigen in der Ecke zwischen Kolberger- und Gerichtsstraße.

Zum Ende meiner heutigen Runde rolle ich durch die Uferstraße, nahe dem Bahnhof Gesundbrunnen, wo im Pianosalon von Christoph Schreiber in einer ehemaligen Motorenbauhalle Konzerte von höchster Klasse zu erleben sind. Allein darüber könnte ich jetzt einen langen, begeisterten Beitrag schreiben. Heute treffe ich ihn vor der Halle, als er gemeinsam mit seinem Sohn Weinkartons, Toilettenpapier, und Sprudelkisten aus seinem dazu recht wenig geeigneten Porsche Carrera auslädt. Er ist guten Mutes und bereitet die nächsten Konzerte vor.

Kaum zu glauben, aber wunderbare Realität: In dieser alten Motorhalle spielen Weltklasse-Solisten Konzerte alter und neuer Meister auf meisterhaft restaurierten Konzertflügeln.

Zum guten Schluss noch ein architektonisches Schmankerl, zu finden in der Klemkestraße im Wedding. Die Siedlung Paddenpuhl aus den 20er und 30er Jahren.

Siedlung Paddenpuhl in Reinickendorf

Nur knapp über 50 Kilometer bin ich heute gefahren. Mit gefühlten 100 Fotostopps. Mit der Ausbeute bin ich zufrieden, und gute Laune habe ich auch bekommen.

Dit is Berlin – Kunst an jeder Ecke

Schon vor einem Jahr lagen zwei schöne Bücher von Norbert und Melanie Martins auf meinem Gabentisch. Nur kurz habe ich reingeschaut, war beeindruckt, und trotzdem landeten die beiden Bände „Street Art Galerie“ und „Hauswände statt Leinwände“ in der unteren Reihe des wohl gefüllten Bücherregals. Einfach vergessen hatte ich sie. Bis mich meine bessere Hälfte an diesen Weihnachtstagen sanft, aber deutlich an die Preziosen erinnerte. Kurzum: Ich habe die herrlichen Fotos samt Beschreibungen unverzüglich aus ihrem Schlummer geweckt, und genauso unverzüglich weckten die Bilder bei mir den Wunsch, die Druckversionen in der Berliner Realität zu entdecken. Heute war es so weit, ein halbwegs trockener Tag mit etwas Sonnenschein ist vorhergesagt. Mein Basso bekommt eine frische Kettenschmierung und Öl auf Schaltgelenke und -röllchen.

Um 10 Uhr sitze ich gut gelaunt auf dem alten Stahlgerät und rolle Richtung Charlottenburg, wo laut Bildbeschreibung in der Sömmeringstraße ein ganzes Hotel bemalt sein soll. Vorsorglich habe ich einen Wegpunkt für das Garmin gesetzt, um zumindest das erste Wandgemälde ohne langes Suchen zu finden. Es funktioniert:

Künstlergruppe GRACO, Jahr 2000

Als das Econtel Hotel die Arbeit im Jahre 1999 in Auftrag gab, sollten Touristen dargestellt werden, die das Brandenburger Tor fotografieren und dann am besten im Superior *** für 60 € übernachten. Dann mit dem roten Motorroller von emmy ab in die Stadt. „Urban mobility.“

Ein paar Meter weiter, in der Quedlinburger Straße, wird derzeit das alte Tanklager abgerissen. Die Baustelle bietet Perspektiven, die einem großen Wandgemälde nicht nachstehen. Und das Ganze kommt dreidimensional daher. Auf dem 28000 qm großen Gelände sollen in den nächsten zwei Jahren 1100 Wohnungen entstehen. Berlin wächst!

Ich komme ins Gespräch mit den beiden Enkeln des Abbruchunternehmers aus Ratzeburg, der hier alles abräumt und die Vorbereitungen für eine Wohnbebauung erledigt. Er hat die beiden Jungen mitgenommen nach Berlin, und die finden es sehr spannend hier. Sogar einen Fuchs, der in einer Abbruchhalle nächtigt, haben sie entdeckt. Abenteuer Großstadt!

Der Uferweg an der Spree ist gut befahrbar, nur wenige, dafür freundliche Spaziergänger sind unterwegs. Gegenüber leuchtet in Weiß das imposante Gebäude von TU und Fraunhofer-Gesellschaft. Hier wird gedacht, hier wird erfunden für die Zukunft.

Ich fahre am Südrand des Tiergartens durch den Park und staune über eine große Filmcrew, die dabei ist, Scheinwerfer und Kameras in Position zu bringen. Am heute irgendwie trist wirkenden Glaspalast der CDU biege ich nach Süden ab, um kurz danach am Nollendorfplatz das zweite Wandgemälde des Tages zu erspähen.

In den 70er Jahren soll die Vorführung pornografischer Filme die Spezialität des Metropol-Theaters gewesen sein. Schauspielhaus, Bühne, Tanzclub. Alle Aktivitäten in diesem Haus waren mal erfolgreich, mal stürzten sie nach wenigen Monaten in die Insolvenz. Das Haus mit Baujahr 1905 hat sicher so manche interessante Geschichte zu erzählen. Um den Nollendorfplatz herum wohnten berühmte Persönlichkeiten: Max Beckmann, Wilhelm Furtwängler, Frank Wedekind. Und Altkanzler Helmut Schmidt soll seiner Loki gar im Jahre 1942 auf einer Bank am Nollendorfplatz einen Heiratsantrag gemacht haben. Ein Platz mit Geschichte und Geschichten also.

Der Häftling mit dem rosa Winkel. Es ist ein ganz besonderes, eindringliches großformatiges Wandbild, das einem an einer Wand in der Bülowstraße begegnet. Mit ernstem Blick schaut einen Walter Degen an, der in der Nazizeit im Alter von 32 Jahren wegen seiner Homosexualität und als deutscher politischer Gefangener deportiert und am 29. August 1941 im Konzentrationslager Auschwitz registriert wurde. Im Mai 1942 wurde Degen in das Konzentrationslager Mauthausen überführt. Es ist nicht bekannt, ob er überlebt hat. Homosexuelle wurden im KZ mit dem rosa Winkel gekennzeichnet.

Auf meiner Streetart-Erkundungsrunde fahre ich so manche Schleife und sehe dann im Westen über den Häusergiebeln das Gerippe des alten Gasometers. Es zieht mich einfach an, jetzt muss ich dorthin, weil ich dort noch nie war. Die restlichen 700 plus x Wandgemälde können erst einmal warten. Ich nehme also Direktkurs auf den Gasometer, am Bahnhof Südkreuz vorbei, dann auf dem Alfred-Lion-Steg über die Gleise nach Schöneberg. Am Aufstieg zur Brücke fängt ein großes Backsteingebäude meinen Blick:

Wo heute eine der Abteilungen des Robert-Koch-Instituts residiert, befand sich 1933 ein berüchtigtes SA-Gefängnis, in dem mehr als 2000 Menschen inhaftiert und zum Teil brutal gefoltert wurden. Eine Ausstellung im Gebäude zeugt von den vergangenen Gräueltaten.

Erst der Blick über die Gleise, dann der Gasometer über dem Haus in Rosa. Noch einen Bogen um die nächste Hausecke, dann wächst vor mir der riesige Komplex des EUREF-Campus in die Höhe, daneben der Gasometer in Vollformat. Noch schöner und für Berliner Verhältnisse eine echte Überraschung: ein zweispuriger Radweg, geradezu eine Autobahn, daneben eine breite Spur für Fußgänger. Chapeau! Dass ich das noch erleben darf in dieser Stadt!

Eine breite Einfahrt mit Schranke führt in den EUREF-Innenbereich. Freundlich, Daumen hoch, wird für mich geöffnet. Die Architektur der neuen Bauten beeindruckt mich, nicht nur der riesige Gasometer. Allerdings wird der gerade saniert und umgestaltet in einen „Büroturm“. Die Büros werden sich aber in der alt aussehenden Schale verstecken.

Die Fotos lasse ich einfach mal für sich sprechen. Nur so viel: Der Komplex atmet Innovation! Schön zu erleben in Berlin. EUREF

Nur 100 Meter weiter tauche ich in die andere Realität der Stadt ein, mit rostigen Eisenbahnbrücken, mit Obdachlosenmatratzen an den Mauerseiten.

 „Adanzé“ nennt Christian Awe sein Werk, ein Wort in westafrikanischen Sprachen, das „Herzliches Willkommen“ bedeutet. Kennengelernt habe er die Grußformel in Burkina Faso, erzählt der 37-jährige Schüler von Georg Baselitz.

„Das sieht doch richtig schön aus!“, ruft mir eine vorbeigehende Frau zu, als ich mit der Kamera in der Hand vor der Wand stehe. Recht hat sie!

Langsam wird es dämmrig an diesem grauen Januartag, und ich rolle wieder heimwärts auf dem Radweg Berlin–Kopenhagen, der am Kanal entlangführt, am Rand des verlassenen Flughafens Tegel vorbei, vorbei an Mauerfragmenten, an denen sich seit vielen Jahren Graffiti-Sprayer austoben. „Free Julian Assange“ lese ich beim Durchblick zum Kanal hin. Und wahre Berge aus Spraydosen und Müll liegen fast wie zur Deko hier herum.

Kunst und Ordnungsliebe vertragen sich, zumindest hier, ganz und gar nicht.

Neue Aspekte, neue Eindrücke sammle ich heute : Erstaunliches, Hässliches, Zukunftweisendes, Modernes, Dreckiges, Abstoßendes, Anregendes.

All das ist Berlin.