18. Januar 2022

Dit is Berlin – Kunst an jeder Ecke

Schon vor einem Jahr lagen zwei schöne Bücher von Norbert und Melanie Martins auf meinem Gabentisch. Nur kurz habe ich reingeschaut, war beeindruckt, und trotzdem landeten die beiden Bände „Street Art Galerie“ und „Hauswände statt Leinwände“ in der unteren Reihe des wohl gefüllten Bücherregals. Einfach vergessen hatte ich sie. Bis mich meine bessere Hälfte an diesen Weihnachtstagen sanft, aber deutlich an die Preziosen erinnerte. Kurzum: Ich habe die herrlichen Fotos samt Beschreibungen unverzüglich aus ihrem Schlummer geweckt, und genauso unverzüglich weckten die Bilder bei mir den Wunsch, die Druckversionen in der Berliner Realität zu entdecken. Heute war es so weit, ein halbwegs trockener Tag mit etwas Sonnenschein ist vorhergesagt. Mein Basso bekommt eine frische Kettenschmierung und Öl auf Schaltgelenke und -röllchen.

Um 10 Uhr sitze ich gut gelaunt auf dem alten Stahlgerät und rolle Richtung Charlottenburg, wo laut Bildbeschreibung in der Sömmeringstraße ein ganzes Hotel bemalt sein soll. Vorsorglich habe ich einen Wegpunkt für das Garmin gesetzt, um zumindest das erste Wandgemälde ohne langes Suchen zu finden. Es funktioniert:

Künstlergruppe GRACO, Jahr 2000

Als das Econtel Hotel die Arbeit im Jahre 1999 in Auftrag gab, sollten Touristen dargestellt werden, die das Brandenburger Tor fotografieren und dann am besten im Superior *** für 60 € übernachten. Dann mit dem roten Motorroller von emmy ab in die Stadt. „Urban mobility.“

Ein paar Meter weiter, in der Quedlinburger Straße, wird derzeit das alte Tanklager abgerissen. Die Baustelle bietet Perspektiven, die einem großen Wandgemälde nicht nachstehen. Und das Ganze kommt dreidimensional daher. Auf dem 28000 qm großen Gelände sollen in den nächsten zwei Jahren 1100 Wohnungen entstehen. Berlin wächst!

Ich komme ins Gespräch mit den beiden Enkeln des Abbruchunternehmers aus Ratzeburg, der hier alles abräumt und die Vorbereitungen für eine Wohnbebauung erledigt. Er hat die beiden Jungen mitgenommen nach Berlin, und die finden es sehr spannend hier. Sogar einen Fuchs, der in einer Abbruchhalle nächtigt, haben sie entdeckt. Abenteuer Großstadt!

Der Uferweg an der Spree ist gut befahrbar, nur wenige, dafür freundliche Spaziergänger sind unterwegs. Gegenüber leuchtet in Weiß das imposante Gebäude von TU und Fraunhofer-Gesellschaft. Hier wird gedacht, hier wird erfunden für die Zukunft.

Ich fahre am Südrand des Tiergartens durch den Park und staune über eine große Filmcrew, die dabei ist, Scheinwerfer und Kameras in Position zu bringen. Am heute irgendwie trist wirkenden Glaspalast der CDU biege ich nach Süden ab, um kurz danach am Nollendorfplatz das zweite Wandgemälde des Tages zu erspähen.

In den 70er Jahren soll die Vorführung pornografischer Filme die Spezialität des Metropol-Theaters gewesen sein. Schauspielhaus, Bühne, Tanzclub. Alle Aktivitäten in diesem Haus waren mal erfolgreich, mal stürzten sie nach wenigen Monaten in die Insolvenz. Das Haus mit Baujahr 1905 hat sicher so manche interessante Geschichte zu erzählen. Um den Nollendorfplatz herum wohnten berühmte Persönlichkeiten: Max Beckmann, Wilhelm Furtwängler, Frank Wedekind. Und Altkanzler Helmut Schmidt soll seiner Loki gar im Jahre 1942 auf einer Bank am Nollendorfplatz einen Heiratsantrag gemacht haben. Ein Platz mit Geschichte und Geschichten also.

Der Häftling mit dem rosa Winkel. Es ist ein ganz besonderes, eindringliches großformatiges Wandbild, das einem an einer Wand in der Bülowstraße begegnet. Mit ernstem Blick schaut einen Walter Degen an, der in der Nazizeit im Alter von 32 Jahren wegen seiner Homosexualität und als deutscher politischer Gefangener deportiert und am 29. August 1941 im Konzentrationslager Auschwitz registriert wurde. Im Mai 1942 wurde Degen in das Konzentrationslager Mauthausen überführt. Es ist nicht bekannt, ob er überlebt hat. Homosexuelle wurden im KZ mit dem rosa Winkel gekennzeichnet.

Auf meiner Streetart-Erkundungsrunde fahre ich so manche Schleife und sehe dann im Westen über den Häusergiebeln das Gerippe des alten Gasometers. Es zieht mich einfach an, jetzt muss ich dorthin, weil ich dort noch nie war. Die restlichen 700 plus x Wandgemälde können erst einmal warten. Ich nehme also Direktkurs auf den Gasometer, am Bahnhof Südkreuz vorbei, dann auf dem Alfred-Lion-Steg über die Gleise nach Schöneberg. Am Aufstieg zur Brücke fängt ein großes Backsteingebäude meinen Blick:

Wo heute eine der Abteilungen des Robert-Koch-Instituts residiert, befand sich 1933 ein berüchtigtes SA-Gefängnis, in dem mehr als 2000 Menschen inhaftiert und zum Teil brutal gefoltert wurden. Eine Ausstellung im Gebäude zeugt von den vergangenen Gräueltaten.

Erst der Blick über die Gleise, dann der Gasometer über dem Haus in Rosa. Noch einen Bogen um die nächste Hausecke, dann wächst vor mir der riesige Komplex des EUREF-Campus in die Höhe, daneben der Gasometer in Vollformat. Noch schöner und für Berliner Verhältnisse eine echte Überraschung: ein zweispuriger Radweg, geradezu eine Autobahn, daneben eine breite Spur für Fußgänger. Chapeau! Dass ich das noch erleben darf in dieser Stadt!

Eine breite Einfahrt mit Schranke führt in den EUREF-Innenbereich. Freundlich, Daumen hoch, wird für mich geöffnet. Die Architektur der neuen Bauten beeindruckt mich, nicht nur der riesige Gasometer. Allerdings wird der gerade saniert und umgestaltet in einen „Büroturm“. Die Büros werden sich aber in der alt aussehenden Schale verstecken.

Die Fotos lasse ich einfach mal für sich sprechen. Nur so viel: Der Komplex atmet Innovation! Schön zu erleben in Berlin. EUREF

Nur 100 Meter weiter tauche ich in die andere Realität der Stadt ein, mit rostigen Eisenbahnbrücken, mit Obdachlosenmatratzen an den Mauerseiten.

 „Adanzé“ nennt Christian Awe sein Werk, ein Wort in westafrikanischen Sprachen, das „Herzliches Willkommen“ bedeutet. Kennengelernt habe er die Grußformel in Burkina Faso, erzählt der 37-jährige Schüler von Georg Baselitz.

„Das sieht doch richtig schön aus!“, ruft mir eine vorbeigehende Frau zu, als ich mit der Kamera in der Hand vor der Wand stehe. Recht hat sie!

Langsam wird es dämmrig an diesem grauen Januartag, und ich rolle wieder heimwärts auf dem Radweg Berlin–Kopenhagen, der am Kanal entlangführt, am Rand des verlassenen Flughafens Tegel vorbei, vorbei an Mauerfragmenten, an denen sich seit vielen Jahren Graffiti-Sprayer austoben. „Free Julian Assange“ lese ich beim Durchblick zum Kanal hin. Und wahre Berge aus Spraydosen und Müll liegen fast wie zur Deko hier herum.

Kunst und Ordnungsliebe vertragen sich, zumindest hier, ganz und gar nicht.

Neue Aspekte, neue Eindrücke sammle ich heute : Erstaunliches, Hässliches, Zukunftweisendes, Modernes, Dreckiges, Abstoßendes, Anregendes.

All das ist Berlin.

Ein Gedanke zu “Dit is Berlin – Kunst an jeder Ecke

  1. Wieder höchst interessante Einblicke in versteckte Welten. Danke für die Eindrücke.

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