18. Januar 2022

Nebel, Niesel, Weite – ins Oderbruch zum Jahresende

Wolfgang will unbedingt Kilometer machen für Rapha 500. Im Gegensatz zu ihm bin ich an diesem Jahresende wenig motiviert zum Fahren bei Regen, Kälte und Schnee. Aber gemeinsam mit ihm, Matthias und Peter war das auch immer freudvoll, egal wie das Wetter auch war. So verabreden wir uns für eine Tour ins Oderbruch. Bedeckt soll es sein, trocken soll es bleiben, und die Temperaturen immer über Null. Treffen um 11 Uhr an der Bank bei Hobrechtsfelde. Das bedeutet für mich, losrollen von zu Hause um 10.15 Uhr. Zeit für ein genüssliches Frühstück und Zeit genug zum Luftdruck prüfen, Trinkflasche füllen, diesmal mit Ingwertee und Honig in der Thermosflasche. Etwas Öl auf die Kette, Fett auf die Klick-Pedale. Dann das Garmin Vista Touch mit frischen Akkus bestücken. Zur Sicherheit noch meine Lezyne 300 Rückleuchte an der Satteltasche festmachen. Nach hinten kann man gar nicht auffallend genug sein bei Sauwetter im Winter. Und dann noch zwei Eiweißriegel von Seitenbacher einpacken. In der gastronomischen Diaspora von Barnim und Oderbruch immer zu empfehlen.

Das Langarmtrikot von Rapha und drüber die Winterjacke von Gore werden mich warm halten. Dazu eine lange Winter Bib. Heute mit meiner Neuerwerbung von La Passione. Sitzt perfekt und ist auch noch schön warm und schützt vor Wind und Nässe. Mavic Winterschuhe, auch wasserdicht. Und dann noch zur Sicherheit die Shakedry-Jacke ins Gepäck. Dann kann kommen, was wolle. Pünktlich viertel nach zehn starte ich.

Mein Basso-Crosser aus dem Jahre 1996 hat Übung mit winterlichen Bedingungen, ist ausgerüstet mit Schutzblechen, SON-Nabendynamo und unkaputtbaren Leuchten von Supernova. 32er Conti 4seasons rollen leicht und vertragen den Splitt auf den Wegen klaglos. Drei Grad plus sagt wetteronline voraus. Das trifft zwar zu, der Frost der letzten Tage sitzt aber noch im Boden und sorgt immer noch für Eisflächen. Vorsicht ist also angesagt.

Eine weitere Besonderheit der Wetterlage ist der wabernde Nebel über den Restschneeflächen. Es will gar nicht so richtig hell werden. Ein Grund mehr, an schöne Dinge, schönes Wetter zu denken und die Natur, so wie sie ist, zu genießen. Als ich auf dem Weg nach Hobrechtsfelde den Gorinsee passiere, blicke ich auf eine Eisfläche.

Gorinsee

Auf der Liegewiese liegt niemand, und Hunde wollen auch nicht baden. Die Wildpferde und Hirsche haben sich in die Schönower Heide zurückgezogen und liegen wahrscheinlich im Kiefernwald.

Schönower Heide

Auf dem Radweg mahnt das Resteis zum sensiblen Fahren. Wolfgang kommt von Süden heran, von Buch aus nach Hobrechtsfelde. Nach Osten rollen wir gen Bernau und dann hinein in den Barnim. Die Drehorte des Films „Unterleuten“ liegen verschlafen im nassen Nebel. Für den Bau der dringend notwendigen Stromtrassen liegen schon die Holzbohlen für die LKW auf den Feldern und glänzen nassbraun im fahlen Licht. Der Nebel ist auch nichts anderes als eine auf dem Boden liegende Wolke. Und wenn die Sonne sich zurückzieht und die Bodenkälte wirksam wird, fällt auch noch Nieselregen aus dieser Mischsuppe.

Trassenbau

Wolfgang schleudert mit seinem ungeschützten Hinterrad die dreckigen Tropfen massenweise auf seine neue Shakedry von Gore. Ein echter Härtetest für die feine Regenjacke. Mein Rücken bleibt dank der angeschraubten langen Schutzbleche trocken. Nur meine Schuhe werden zunehmend eingesaut. Macht aber nichts, die Füße bleiben trocken, und das ist die Hauptsache. Beim Reden über unsere Räder, unsere Touren, über die Dinge, die wir in der Natur sehen, machen wir Kilometer und erleben die Barnimwellen als zähe Tempobremser. Warum geht das alles im Sommer so leicht und warum so langsam jetzt im Winter?

In Freudenberg ist die Dorfdurchfahrt auf dem glänzend-glatten Pflaster alles andere als lustig. Wolfgang nimmt es trotzdem mit Humor. Der markante Kirchturm der neogotischen Kirche stochert mit seiner spitzen Spitze im Nebel herum. Wir testen unser Balancevermögen in der vereisten Rinne am Fahrbahnrand.

Wolfgang mit Freude in Freudenberg

Die Gemeinde, deren Gebiet wir queren, trägt den Namen Höhenland. Im Vergleich mit dem Oderbruch liegen die Orte Wollenberg, Leuenberg und Steinbeck tatsächlich auf den Höhen, mit Schwindel erregenden 120 Metern über N.N. Mit der Aussicht auf eine lange wellige Walddurchfahrt nehmen Wolfgang und ich erst einmal vorsorglich einen Schluck aus der Thermosflasche. Der Ingwertee mit Honig schmeichelt meinem Gaumen.

Tee in Steinbeck

Aus dem Barnim arbeiten wir uns hinein in die Wälder der Oderbruchkante. 20 Zentimeter Schnee liegen am Fahrbahnrand. Das sanfte, aber fordernde Auf und Ab sorgt gemeinsam mit dem eingeflößten Tee für eine angenehme Körpertemperatur. Wohlbefinden stellt sich ein trotz Nebelnässe. Bei Schulzendorf schwingen wir uns hinab nach Vevais, dem kleinen Kolonistendörfchen, dessen Name wahrscheinlich von den Siedlern aus Vevey am Genfer See herrührt. Im Jahre 1752 zogen auf Anwerbung vom Alten Fritz 14 Familien hierher, um bei der Urbarmachung des trocken gelegten Oderbruchs ihren Beitrag zu leisten. Das tönerne kleine Denkmal mit Siedlern und Wagen ist eingehaust in Wellblech, um es vor Frost und Wetterunbill zu schützen. Wir genießen die guten, aber immer noch nassen Straßen, die hin zur Oder führen.

Traubeneiche

Eine Traubeneiche, zu Recht auch „Wintereiche“ genannt, beeindruckt uns mit ihrer üppigen, braunen Winterbelaubung. Langsam kommen wir der Oder näher, aber eben nicht ganz an sie heran. Heute bleiben wir auf Abstand zum Deich. Wahrscheinlich ist der Weg dort auch noch vereist, mahnt Wolfgang. Am Ortseingang von Letschin kehren wir im Netto Markt ein und gönnen uns Milchkaffee und Kuchen. Sicher ist sicher. Wer weiß, wo wir sonst noch eine Möglichkeit haben, uns zu stärken. In diesem Ort führte Fontanes Vater einige Jahre lang eine Apotheke , bis seine Spielsucht in der Pleite und dem fluchtartigen Verlassen der Gegend endete. Wir rollen durch den beschaulichen Ort und sichten am südlichen Ende das Denkmal für den Alten Fritz und gegenüber den gleichnamigen Gasthof.

Im Gasthof und der Umgebung spielt Fontanes Kriminal-Novelle „Unterm Birnbaum“, die er aber erst 40 Jahre nach seiner Letschiner Zeit bei einem Rügen-Aufenthalt verfasst hat. So kann man zumindest hinterfragen, ob das finstere Romangeschehen wirklich hier den gedanklichen Ursprung hat. Wir richten unseren Blick auf das Denkmal aus dem Jahr 1905 zu Ehren des Alten Fritz, der vor über 260 Jahren das Oderbruch trockenlegen ließ.
Seitdem ist das 515 Kilogramm schwere Denkmal schon mehrfach umgezogen, so dass die Letschiner bereits scherzhaft von ihrem „Stehaufmännchen“ sprechen. 2008 erst hat der Alte Fritz seinen Bestimmungsort vor dem gleichnamigen Gasthof gefunden. Über Zechin und Golzow führt uns der Weg nach Gorgast, wo wir am Bahnhof von einem freundlichen Einwohner erfahren, dass der nächste Zug nach Berlin hier nicht hält. Aber die Strecke an der B1 entlang nach Küstrin-Kietz, einem der ungastlichsten Bahnhöfe, die ich kenne, ist nur vier Kilometer weit. Um 16.30 Uhr erklimmen wir die Brücke hin zu den Bahnsteigen.

Mit den in Paris-Roubaix-Manier eingeschlämmten Rädern besteigen wir den Regio nach Berlin, wärmen uns auf und lassen die Nebeltour Revue passieren. Schön war es trotzdem nach dem Motto: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

9 Gedanken zu “Nebel, Niesel, Weite – ins Oderbruch zum Jahresende

  1. Hallo Markus, so sehe ich das auch: die Bewegung in der Natur ist nicht durch Kurbeln auf der Rolle zu ersetzen, wobei sicher ein effektives Training drinnen so machbar ist. > Auch ich habe die Club deep Winter Hose. Ich finde sie auch an den Oberschenkeln gut isolierend, ich trage bei sehr tiefen Temperaturen drunter noch eine lange Ski- Unterwäsche. Dann bleibe ich auch bei langen Touren warm.
    Beste Grüße an den Rhein

    Dietmar

  2. Hallo Dietmar,
    schön zu lesen, dass Du immer wieder auch bei widrigen Bedingungen den Weg nach draußen findest und nicht nur virtuell unterwegs bist. Die Natur ist doch, egal bei welchem Wetter, durch nichts zu ersetzen.
    Darf ich Fragen welche La Passione Bib Du erworben hast? Ich habe nämlich die Club Deep Winter Tights. Zwar mit schön hochgezogenem Vorderteil samt Reißverschluß und gedoppeltem Knie aber leider an den Oberschenkeln so gar nicht Deep Winter tauglich. Ansonsten macht diese einen sehr guten Eindruck aber wenns Richtung Gefrierpunkt geht sollte man besser eine kurze Überhose drüberziehen.
    Viele Grüße aus Duisburg,
    Markus

  3. Deine Wünsche zum neuen Jahr nehme ich dankbar entgegen. Möge Euch beiden auch in 2022 die Neugier, die Entdeckerlust und die Freude an der Bewegung in Natur und Kultur erhalten bleiben. All the best
    Dietmar

  4. Schönes, gesundes 2022 für Deine Lieben und Dich.
    1. Herzlichen Dank für Deinen winterlichen Fahrbericht zum Bahnhof nach Küstin und danke auch für Deine Einschätzung („Küstrin-Kietz, einem der ungastlichsten Bahnhöfe, die ich kenne…“)
    2. Danke auch an Wolfang (unbekannterweise), der Dich zur (Mit-)Fahrt animiert hat.
    3. Interessant Dein Hinweis auf Vevais („…dem kleinen Kolonistendörfchen, dessen Name wahrscheinlich von den Siedlern aus Vevey am Genfer See…“). Das erinnert mich tatsächlich an VEVEY, Schweiz, u.a. auch deshalb, weil Graham Greene dort 2011 zu Grabe getragen wurde.
    4. Danke ebenfalls für den Hinweis: „….Für den Bau der dringend notwendigen Stromtrassen liegen schon die Holzbohlen für die LKW auf den Feldern …“. Immer wenn ich bisher dieserart Bohlen sah, wunderte ich mich. Nun weiss der arme gf Bescheid.
    5. Rätseln lässt den armen gf Dein Hinweis: „…Treffen um 11 Uhr an der Bank bei Hobrechtsfelde…“ Aber bin guten Mutes, dass dieses Rätsel von gf noch gelöst werden kann.
    6. Schön die Bemerkung von Takeshi: „die kleine Abfahrt von Schulzendorf nach Vevais ist wohl mein liebster Einstieg in das Oderbruch – der Blick schweift über dunstige Felder in der Ferne und der Fluß ist fast schon zu riechen…“. Gf wird nicht anders können, Eurer Empfehlung zu folgen.
    7. Nicht verstanden hat gf einen weiteren Kommentar: „Verwendung … Nabendynamos… zusätzlichen magnetischen Widerstand … Geht es hier wirklich um den minimalen Kraftaufwand beim Kurbeln? Wenn ja, so scheint doch der Vorteil des Dynamos zu überwiegen….
    Ah ha, jetzt lese ich https://www.velonerd.cc/nabendynamo-wirkungsgrad-geschwindigkeit-ade/. Alles verstanden, alles gut.
    Euch beiden das Beste für 2022, wünscht der dankbare gf.
    gt

  5. liebe Eva, es gibt noch so viel zu entdecken. Das Gute liegt so nah´… Trotzdem reizt es mich auch in diesem Jahr, ein paar lange Touren zu planen. Das Machbare in Angriff nehmen, mit der richtigen Selbsteinschätzung. Bleib auch Du gesund und unternehmungslustig. All the best Dietmar

  6. Lieber Dietmar,
    die kleine Abfahrt von Schulzendorf nach Vevais ist wohl mein liebster Einstieg in das Oderbruch – der Blick schweift über dunstige Felder in der Ferne und der Fluß ist fast schon zu riechen (auch wenn doch noch etwas entfernt). Danke mal wieder für die schönen Eindrücke aus dem Winterrevier.
    Hab ein frohes und erlebnisreiches (Rad)Jahr! Eva

  7. Hallo Michael, mit „Diaspora“ meine ich die recht spärliche Versorgungslage, gerade für Radler in Barnim, Märkisch Oderland… Kleine Bäckereien sind sehr selten geworden – leider aber nachvollziehbar. Und beim Nabendynamo ist es sicher entscheidend, welche Prioritäten man setzt. Ein Racer wird sich schaudernd abwenden, ein Langstrecken-Randonneur schätzt die Sicherheit der selbst erzeugten Energie für Licht und Navi. Außerdem: Sehr gute Nabendynamos wie die von Schmidt in Tübingen erzeugen ohne eingeschaltete Geräte und Licht etwa 1-2 Watt Widerstand. Das ist zu vernachlässigen, besonders beim Fahren mit Gepäck. Mit Verbrauchern steigt der Widerstand auf ca. 5-7 Watt. Ein interessanter Artikel darüber hier:
    https://www.velonerd.cc/nabendynamo-wirkungsgrad-geschwindigkeit-ade/

  8. Hut ab für die Fahrt bei diesen schlechten Wetterbedingungen. Da muss man schon ein harter Knochen sein, ausgestattet mit maximaler Ausrüstung, über die man sich dann wenigstens freue kann.
    Die Hintergrundinformationen sind wie immer sehr interessant. Das Wort „Diaspora“ hatten wir bis dato noch nie gehört.
    Trotzdem muss ich bezüglich der Ausrüstung die Verwendung eines Nabendynamos bezweifel. Er stellt immer einen permanenten zusätzlichen magnetischen Widerstand dar. LG Michael

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