26. Mai 2022

Nass ist es in den Oderauen – Impressionen

Und immer wieder lockt der Schiebewind … So kann man unseren Ausflug ins Oderbruch titeln. Ja, der angesagte frische Südwest macht es noch attraktiver, über die Wellen des Barnim und dann hinein ins Oderbruch zu kurbeln. Ein paar, noch etwas zaghafte Sonnenstrahlen machen schon die ersten Kilometer zum reinen Genuss. In Bad Freienwalde stürzen wir uns vom Schanzenhügel – nein, nicht von der Schanze hinunter ins Tal, aber dafür auf dem breiten Radstreifen mit fast 50 km/h lustvoll am Stadtrand vorbei nach Schiffmühle. Das Fontane-Haus schlummert vor sich hin, ich schicke einen Gruß zum alten Henri F. hoch auf den Friedhof, und schon knabbern wir an der Abbruchkante des Bruchs und den dünenartigen Erhebungen entlang. Wir machen eine kleine Trink- und Futterpause. Hier, im Windschatten der Neuenhagener Insel, mit dem Blick auf die Stille Oder, ist es wirklich unwirklich still. Diese Dimension der Ruhe ist mein Freund Peter, der Städter, so gar nicht gewohnt. Dafür schätzt er sie umso mehr.

Zu Zeiten der Trockenlegung des Oderbruchs haben im Auftrag von Friedrich II. Simon Leonhard von Haerlem und viele fleißige Untertanen um 1750 Deiche gebaut, Vorwerke errichtet und schließlich den Oderdurchstich von Hohenwutzen bis Hohensaaten bewerkstelligt.

Gedenkstein bei Sophiental

Seitdem wird hier Ackerbau statt Fischerei betrieben, und der ursprüngliche Hauptarm der Oder um Neuenhagen und Bralitz herum trägt den Namen Alte Oder und Stille Oder. Still ist es hier wirklich. In Hohenwutzen werfen wir einen Blick hinüber zum Polenmarkt, lassen uns aber nicht hinüberlocken. Viel mehr lockt uns die Perspektive auf die weiten Oderauen bis hinüber zur polnischen Seite.

Nach dem Durchstich bei Hohensaaten begleitet der Oder-Havel-Kanal, der ab hier die Oder als „Großschifffahrtsweg Berlin –Stettin“ begleitet –  von Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1914 eröffnet. Der Oder-Neiße-Radweg führt immer zwischen den weiten Auen mit der Oder am Ostrand und dem Kanal auf der Westseite hindurch.

Auerochsen-Nachzüchtung bei Lunow

Bei Lunow treibt uns der Hunger hinüber in den kleinen Ort, vorbei an einer Herde friedlich grasender Auerochsen, die eigentlich Heckrinder, eine Nachzüchtung der ausgestorbenen Rinderrasse, heißen müssten. Aber Auerochsen hört sich natürlich besser an. An den herrlichen Tieren vorbei rollen wir zur mir wohl bekannten Landfleischerei gegenüber vom Landgasthof Quilitz hin. Fleischer Künkel hat zwar keine Auerochsen-Bockwurst wie Gastwirt Quilitz im Angebot, dafür ist er aber geöffnet. Bevor wir einkehren, rätseln wir vor der Kirche über die Bedeutung der drei Engel und staunen über die herzförmige Öffnung der alten Sommerlinde.

Schutzengel (sehr lesenswert: Artikel aus dem Spiegel-Magazin von 2013)

Nach einer Überlieferung erschienen im 19. Jahrhundert drei Engel, um den Teil des Dorfes rund um den Friedhof vor der Cholera zu bewahren. Nun bewachen sie das Tor.

Im Fleischerimbiss ist das Angebot um halb drei karg geworden. Nur „Frikassee mit Reis zum Mitnehmen“ gibt es warm. Da entscheiden wir uns kurzerhand für zwei Knacker mit Brötchen, und die kalt. Passend zur kalten Sitzbank draußen. Verzehr drinnen lässt die Verkäuferin streng nach Corona-Vorschrift nicht zu. Wer weiß, wofür es gut ist, denke ich mir. Aber die Würste schmecken. Dazu einen kalten Schluck Apfelschorle aus der Trinkflasche. Mangels Kaffee.

„Das Geräusch der Stille“ heißt der Artikel im Spiegel-Magazin. Besser kann man nicht die Stimmung hier beschreiben, deshalb: LESEN

Kontemplatives Rollen, so könnte man die nächsten Kilometer beschreiben. Wenig Worte, viel Natur, gute Luft. Bei Criewen lockt uns die rosa-weiße kleine Kirche hinüber in den Lennéschen Park mit dem ehemaligen Herrenhaus der Familie Arnim. Erstaunlich, wie weit die Anlage sich erstreckt – alte Bäume, Teiche, Brücken, eine alte Kastanienallee.

Wie mag das alles erst im Frühjahr wirken, wenn die Bäume Blätter tragen und die Blumen blühen…

Nach einer Viertelstunde „Parken“ wenden wir uns wieder den Oderauen zu. Hier, wo das Tal sich immer mehr verbreitert und zum Naturpark Unteres Odertal wird, sind wir froh, dass die Deiche hoch genug sind, um die Wassermengen im Bett zu halten. Die Tierwelt im Park hat mit dem Wasser zu kämpfen, aus ruhigen Rückzugsflächen sind überflutete Auen geworden. Und die zur Eindämmung der Schweinepest angelegten Schutzzäune sind zum lebensgefährlichen Hindernis für Rehe und Füchse geworden. Naturschützer haben mittlerweile eine Reihe von Holzstiegen zum Überklettern angelegt.

Wasserflächen, so weit das Auge reicht. Schön und bedrohlich zugleich. Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive man blickt.

Die Kulisse von Schwedt mit den prägenden Türmen und Rohren der Raffinerien wird beim Näherkommen immer größer. Der russische Staatskonzern Rosneft hat im Jahr 2021 die Mehrheit der Anteile übernommen! In diesen Tagen verschafft mir das ein mehr und mehr unangenehmes Gefühl von Abhängigkeit. Noch im vorigen Jahr hatte Dietmar Woidke die Übernahme als „gute Nachricht“ verkauft. Heute wirkt das eher als Hohn. In Schwedt endet die Pipeline „Freundschaft“ aus Russland, über die Deutschland nach Angaben der Raffinerie zu 25 Prozent mit Rohöl versorgt wird. Freundschaft ist offensichtlich eine Sache der Definition und der Perspektive.

In Schwedt angekommen, hat sich die Sonne erbarmt, den Abendhimmel und auch die Glasfront des Stadttheaters stilvoll zu illuminieren.

Uckermärkische Bühnen Schwedt

Am Bahnhof wartet schon der Regio nach Berlin auf uns. Die Wärme im Zug tut gut, wir blicken auf eine stimmungsvolle, auch nachdenklich machende Tour zurück.

8 Gedanken zu “Nass ist es in den Oderauen – Impressionen

  1. Hallo Gravelino, es freut mich sehr, dass Du gerne meine Beiträge liest. Und „gravel „ weist auf Deine Aktivitäten und Ambitionen hin. Bleib munter und unternehmungslustig. All the best. Dietmar

  2. Seit Jahren lese ich still die schönen Tourberichte aus der alten Heimat. Wunderbar geschrieben und eine wahre Freude. Ist mir immer eine Motivation aufs Rad zu steigen und eine Tour zu fahren. Da lässt sich immer viel erleben. Muss jetzt wirklich mal „danke“ sagen!

  3. hauptsächlich geht es mir darum, Informationen und Eindrücke zu liefern – das geht natürlich kaum ohne die eigene Meinung und die Einschätzung/ Einordnung des Erlebten, des Gesehenen. Wichtig ist mir aber, dass jeder Leser sich ein eigenes Bild machen kann und auch soll.

  4. Berlin, 18.02.2022:
    Drei Dinge möchte gf noch ergänzen dürfen:
    1.) DC hat eine Meinung und deutet sie gelegentlich an, siehe z.B. Äußerungen über Rosneft, Woidke, PCK oder vor einiger Zeit Äußerungen über Hohenschönhausen und die dortige Plattenbauweise. Dies ist angenehm. Wer eine Meinung äussert, macht sich zwar angreifbar. Aber für den Leser bringt das Erkenntnisgewinn! Danke.
    2.) Danke auch noch einmal für Deine Einbeziehung von Kultur, Geschichte, von Bildern und Büchern sowie Autoren und Landschaften etc., etc. Man erfährt und lernt unendlich viel!
    3.) Dass Deine technischen Hinweise, Infos, Empfehlungen, Erfahrungen unschätzbar und unbezahlbar sind, dazu habe ich mich schon wiederholt bekannt und tue es an dieser Stelle abermals mit großer Verve.

  5. Betreff:
    1.) Eichhorst, Werbellin und Schorfheide vom 13.02.2022
    2.) Nass ist es in den Oderauen – Impressionen vom 16.02.2022

    Herzlichen Dank für Deine obige Berichte. Die eindrucksvolle farbliche Bebilderung, die Identifizierung der Kanäle und der Kanalverläufe, die geschichtliche Einordnung der Kanäle etc. hat mir so manche Perspektive eröffnet. Und neues Wissen gebracht. Eigentlich möchte ich sofort los und Deine Touren nachfahren, dabei auch wieder an Deine gute Buch-Empfehlung „Die Gleichung des Lebens“ denkend und die dort aufgeführten Orte aufsuchen. Ich liebe Deine ironische Ergebenheit („Verzehr drinnen lässt die Verkäuferin streng nach Corona-Vorschrift nicht zu. Wer weiß, wofür es gut ist, denke ich mir. Aber die Würste schmecken…“). Ich liebe Deine Detailfreude („Nach einer Überlieferung erschienen im 19. Jahrhundert drei Engel, um den Teil des Dorfes rund um den Friedhof vor der Cholera zu bewahren. Nun bewachen sie das Tor.“). Du bist ein radelnder Fontane.

  6. Hallo Julius, das sollte doch im Frühling gut möglich sein. Brevets werde ich ggf nur mal begleiten. Fahren ohne Stempel, nur die alten Kollegen erleben😉

  7. Gerne würde ich dich bei einer deiner Touren mal begleiten. Ich wohne in Wilhelmsruh…
    Oder man sieht sich bei einem brevet dieses Jahr?!

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