Die Tage schrumpfen Tag für Tag, langsam kommt der Winter nahe. Die Sonnenstunden werden weniger, die Tage mit Sonnenschein auch. Immer kostbarer wird das rare Gut. Heute ist Helios gut gelaunt und sendet warmes Licht auf die weiten, abgeernteten Felder am östlichen Stadtrand. Mühlenbeck, dann vorbei an den Arkenbergen, ein künstlicher Hügel, ein Schuttberg, der wieder begrünt ist und mit 122 Metern überm Meer seit 2015 die höchste Erhebung Berlins. Der Teufelsberg mit 120 Metern ist auf Platz zwei gerutscht. Kürzlich durften hier beim Gravel Krit die Sportler auf das sonst abgesperrte Gelände und Höhenmeter machen. https://www.youtube.com/watch?v=zfh4GkLkUK4
Höher werden die Arkenberge zukünftig nicht mehr, Schutt wird nicht weiter aufgeschüttet, ein Erholungsgebiet für die gestressten Großstädter soll entstehen. Und irgendwann, so die Verwaltung will und kann, dürfen hier die Mountainbiker und Graveller sich jeden Tag austoben. Als ich am Rand der trist daliegenden ehemaligen Kleingartenkolonie Arkenberge vorbeirolle, ist der Zaun noch geschlossen. Ich darf, ich muss also heute nicht da hinauf. Auf den Feldwegen sind Hunde mit ihren Menschen im Auslaufgebiet unterwegs. Französisch Buchholz ist der Ortsteil getauft, den ich auf meinem Kurs nach Südosten als Nächstes im Zickzack durchquere. Ursprünglich war es eine Ansiedlung, die um das Jahr 1770 Hugenotten, die aus Frankreich aus Glaubensgründen vertrieben wurde , eine neue Heimat bieten sollte. Heute empfängt mich ein Konglomerat aus Datschen, Einfamilienhäusern, Handwerksbetrieben, Schrottplätzen, das nach Osten vom Autobahnring abgegrenzt wird. Etwas unharmonisch, befremdlich, aber doch naturnah. Das gilt auch für den nächsten Ortsteil, Blankenburg, wo ich am typischen Empfangsgebäude des Bahnhofs aus den 20er Jahren staunend vorbeirolle. Bahnwärter, Bahnhofsvorsteher, Fahrkartenverkäufer, viel Personal war in der Blütezeit ständig vor Ort. Heute finden sich hier nur noch Fahrkartenautomaten.
Auf meinem Weg nach Osten, hinaus aus der großen Stadt, erreiche ich Neu-Hohenschönhausen. Nicht nur der Name dieses Ortsteils ist ein wahres Ungetüm

Die Häuser vor mir bekommen immer mehr Stockwerke, Beton war in Form von Plattenbauten der Lieblingsbaustoff in der DDR. Der Grundstein für mehr modernen Wohnraum wurde 1984 von Erich Honecker gelegt. Die Fertigteile für die Großbauten kamen von Firmen aus Rostock, Schwerin, Neubrandenburg und Frankfurt/Oder. Die Bauteile waren je nach Lieferant unterschiedlich geformt. Daraus resultierten verschiedene Fronten und Formgebungen. Der Herkunftsgegend der Baufirmen entsprechend, bekamen Straßen und Plätze ihre Namen.

Ein Ortsteil samt Infrastruktur mit S-Bahn und Tramlinien wurde als Musterprojekt aus dem Boden gestampft. Die Straßen und Plätze sind nach Orten in Mecklenburg-Vorpommern benannnt. Ribnitz, Ahrenshoop, Wustrow, Zingst und so weiter finden sich auf den Schildern.
Wohnungen für mehr als 60.000 Menschen entstanden. Reichlich Beton, aber auch Spielplätze, Schulen, Schwimmhallen und einige Parkanlagen, die etwas Grün ins Grau der Bauten bringen sollten. Auf der östlichen Seite der S-Bahn-Linie sehen die Bauten anders aus. Die Klötze ragen höher in den Himmel, die Neubrandenburger-, Rostocker- , Demminer Straße künden von den Plattenlieferanten aus dieser Region.

Springbrunnen und Skulpturen sollten die neue Siedlung verschönern, mit der Vergabe von „Goldenen Hausnummern“ wurden besondere Aktivitäten der Bewohner zur individuellen Gestaltung belohnt. Im Oktober 1989, kurz vor der Wende, wurden die Bauarbeiten des Projektes Hohenschönhausen-Nord offiziell für vollendet erklärt.
Auf meinem Zickzack-Kurs durch die Straßen und um die Häuser sehe ich Besonderes und Absonderliches. Schönes und Kaputtes direkt nebeneinander.
In der Mitte der 90er Jahre, kaum zehn Jahre nach Entstehung des Ortsteils, wurden umfangreiche Sanierungen und Umbauten durch die HOWOGE und andere Wohnungsbaugesellschaften vorgenommen. Heizungen und Fenster wurden erneuert, Balkone abgerissen und neu gestaltet. Und dann kam noch mächtig Farbe an die grauen Wände. Und Darstellungen von Natur und Ostsee.

Nur einen echten Mittelpunkt, einen Treffpunkt für die Menschen, kann ich nicht entdecken.
Ich sehe eine Vincent-van-Gogh-Schule, eine Schostakowitsch-Musikschule, fahre am „LindenCenter“ vorbei und erblicke den Brunnen der Jugend, der wie aus der Zeit gefallen scheint. Ursprünglich hatte die Stadt Schwerin schon 1975 den Auftrag für einen Brunnen mit Skulpturen an die Berliner Bildhauerin Senta Baldamus vergeben. Dann ging der Stadt das Geld aus und die bis dahin erstellten Entwürfe wanderten in einen Schweriner Schuppen und wurden dort zwischengelagert. Erst lange nach der Wende wurden dank der Marketinggesellschaft Berlin die zur Fertigstellung der Figuren erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt. Erst im Jahre 2002 wurde dann der Brunnen samt Figuren auf dem Stadtplatz errichtet. Nach einer über 25-jährigen abenteuerlichen Vorgeschichte. Die im Jahr 2001 verstorbene Bildhauerin hat die Einweihung nicht mehr erleben dürfen.

Daneben residiert in einem waschbetonverkleideten, angegammelten Bau das Zukunftswerk Jugend. Auch eine „Tiertafel“ gibt es hier. Auf den Fenstersimsen und auf der Dachkante vergnügen sich Hunderte von Tauben. Offensichtlich Stammgäste, wie an den Hinterlassenschaften am Boden zu erkennen ist. Hier und drumherum soll ein neues „Urbanes Zentrum“ entstehen. Eine Ausschreibung zum Projekt gibt es schon. Ideen werden gesammelt, Arbeitskreise gebildet. Wenn es also in der berlintypischen Geschwindigkeit vorwärtsgeht, können sich die Bewohner in der nächsten Generation über eine echte Mitte freuen. Schaun mer mal.

Nach einer Stunde Ortsteilerkundung freue ich mich wieder auf den Blick in die freie Natur, auf die Wartenberger Feldmark, die im Norden an die Blockbebauung anschließt. Ich rolle vorbei an einem Skatepark, einem aufwändig gestalteten Spielplatz, einem Basketballfeld, einem Japanischen Garten. Das sieht gut aus und versöhnt ein klein wenig mit dem Brutalbeton der Siedlung. Die nächsten Kilometer genieße ich die erstklassige Qualität der Rad- und Wanderwege durch die Flur. Aus der Feldperspektive ist die klotzige Bebauung von Neu-Hohenschönhausen gegen die abgeblendete Sonne als Schattenriss deutlich zu erkennen.

Langsam arbeite ich mich zurück nach Westen über Karow und Buch. Am Stadtgut vorbei und den alten Eichen im Park. Neben Brutalbeton und dichter Bebauung ist erfreulich viel Raum für die freie Natur. Es ist eben immer eine Frage der Perspektive. Ich schaue gerne ins Grüne, auf Bäume und die kleinen Zentren der ehemaligen Vororte der großen Stadt.



Berlin Buch – Eiche am Park 
In Buch gibt es leckere Sachen 
Schlosskirche Berlin Buch 
Im Stadtgut 
Speicher in Hobrechtsfelde
Am späten Nachmittag, 70 gemächliche Kilometer zeigt das Garmin, rolle ich wieder zu Hause ein. Frische Luft und viele neue Eindrücke im Kopf. Es gibt noch viel zu entdecken.
