Der Barnim, der Finowkanal, und der Schwan von Eberswalde

Mittwoch, 1. April 2020, 11.43 Uhr. Ich stehe auf dem Vorplatz des Tierpräparators Ernst in Heckelberg. „Schlaue Füchse lassen nur bei Ernst präparieren“, lese ich im Schaufenster. Und nur dumme Füchse lassen sich schießen, um dann beim Ernst ausgestopft zu werden, kommt mir dazu in den Sinn. Im Schaufenster daneben Geweihe, Schnitzfiguren, Tand. Auch Zeitungen, Schreib-und Kurzwaren werden hier feilgeboten.

Der Präparator arbeitet sicher im Homeoffice hinter seiner Werkstatt. Die Ladentür ist verschlossen, so wie das ganze Dorf. Auf der Heckelberger Straße rolle ich rüber nach Brunow, dann lasse ich mich von einem nach Wölsickendorf weisenden Radwegschild verführen, hier abzubiegen. Auf den nächsten Kilometern erinnere ich mich an die Flüche von Peter, als wir vor zwei Jahren auch diesen Weg genommen hatten.

Erst Plattenweg, dann Schotter, dann grobes Pflaster, danach ein sandiger Hohlweg. Selten steige ich ab vom Granfondo, außer ich will eine Pause machen. Hier aber muss ich für 200 Meter runter vom Rad.

Die Hinweisschilder sind auf den Typ „Wanderweg“ reduziert. Nach einem kleinen Anstieg durch Kiefernwald weitet sich der Blick, ein langer Feldweg, der von blühenden Schlehenbüschen gesäumt ist, führt nach Wölsickendorf.

Diese Aussicht tröstet bestens über die Unbill des Rumpelweges hinweg. Auf dem Kirchplatz erinnert die frisch vergoldete Inschrift auf einem riesigen Findling an die Gefallenen des 1. Weltkrieges .

Im Wald  bei Wollenberg  passiere ich das Gelände des riesigen ehemaligen NVA-Bunkers aus den 80er Jahren, der mittlerweile von einer örtlichen Initiative zum Museum umgestaltet wurde. Mit modernster Funktechnik ausgerüstet, komplett autark mit Dieselaggregaten zur Stromerzeugung und mit eigenem Wasserwerk. Vergangenheit.

Die Landstraße 35 ist an die sanften Wellen des Barnim anmodelliert. Cöthen kommt in Sicht.

Hier führt ein Weg hinunter nach Falkenberg und hinüber zur Carlsburg durch den ehemaligen Gutspark des Anwesens der Familie von Carl Friedrich von Jena. Dem ehemaligen Gutshaus ist die alte Pracht abhanden gekommen.

Typisches DDR-graubraun ziert die Fassaden. Ein „mehrheitlich queer-feministisches Kollektiv“ müht sich seit Jahren, wieder Leben in die Liegenschaft zu bringen. Mit augenscheinlich mäßigem Erfolg.

 Vorbei an Wasserrad und Wasserfall gleite ich hinunter nach Falkenberg und bin aufs Neue erstaunt über die Hausbezeichnungen Mon Choix und Mon Plaisir. So taufte seinerzeit Carl Friedrich von Jena seine Sommerresidenz. Heute residiert hier ein kleiner Gasthof mit integriertem Puppenmuseum. In Falkenberg biege ich ab in Richtung Niederfinow-Eberswalde und arbeite mich auf dem Oder-Havel-Radweg  gegen den frischen Westwind vor. Im Wald knarren aneinander reibende Stämme, Spechte hämmern im Totholz an ihren Behausungen. Mein Lieblingsplatz an der Ragöser Schleuse liegt verlassen da.

Sehr erfreulich in Corona-Zeiten. Ich mache es mir gemütlich, knabbere gleich zwei Körnerriegel weg und genieße dazu das kühle Wasser aus der Trinkflasche. Zum ersten Mal lese ich die Schilder an der Schleusenbrücke: Vollendet im Jahre 1877. Also ist dieses Bauwerk erst in einer späteren Ausbauphase des Finowkanals entstanden. Denn der ist schließlich mit der Inbetriebnahme im Jahr 1620 die älteste künstliche Wasserstraße nördlich der Alpen.

Der Finowkanal brachte im 18. Und 19. Jahrhundert mannigfaltige Industriebetriebe in die Region. Eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs begann. Wer heute den Radweg auf der ehemaligen Treideltrasse unter die Räder nimmt, dem begegnen auf jedem Meter die Zeugen der vergangenen Zeit. Und jedesmal, wenn ich hier vorbeikomme, entdecke ich wieder Neues und Interessantes. Dieser Weg ist ein historischer Pfad durch die Industriegeschichte der letzten zwei Jahrhunderte. Der Wohlstand der Gründer- und Aufbauzeit ist nur noch zu erahnen.

C(h)orona auch in Eberswalde

Von den großen Fabriken, Kraftwerken, Mühlen stehen nur noch Ruinen am Kanal. Info-Tafeln führen die Gedanken in die alte Zeit.  Als meine Gedanken in die Vergangenheit driften und ich mir die Bauruinen im Blütezustand vorstelle, lenkt ein großer, weißer Schwan meine Aufmerksamkeit einzig auf sich.

Mitten auf dem Treidelweg neben der Eberswalder Schleuse kommt er mir entgegen. Langsam watschelnd, aber in stetigem Tempo, immer näher und näher. Ich halte an und steige vom Rad. Der Schwan läuft weiter, mich immer fest im Blick und umgekehrt. Ganz nah vor mir zischt er mir laut entgegen: „lass mich vorbei, dann bekommst du keinen Ärger“. Nah zum Anfassen schreitet er an mir vorbei und geht wieder auf sein Revier zu, auf das Wasser des Finowkanals. Das ist der „magic-moment“ des heutigen Tages. Allein dafür hätte sich die Ausfahrt schon gelohnt.

Aber zurück zur Industriekultur am Finowkanal. Wer hier mit offenen Augen entlang geht oder fährt, kann die Geschichte vorm geistigen Auge real werden lassen.

Die Ruinen der Papierfabrik
Kraftwerk Heegermühle
Ob Fontane sich auf dieser Brücke 1845 verlobt hat? Zweifel sind angebracht. Angeblich sind Fertigungsstempel eines Walzwerks aus dem Ruhrgebiet vorhanden. Theodor und Emilie wird es nicht mehr kümmern.

So überspannte sie im Jahre 1908 den Finowkanal in Liepe, 1911 wurde sie demontiert, gekürzt, und steht seither im Finower Messinghafen.
Ein Floß nahe der Flößersiedlung

Mit ein wenig Phantasie funktioniert das. Die alte Papierfabrik, die Messingwerksiedlung, das Kraftwerk Heegermühle, die Schöpfurter Mühle, die industriellen und die sozialen Errungenschaften unserer Geschichte. Hinschauen, informieren und nochmal hinschauen. Es lohnt sich!

Zum Nachfahren und Informieren:

https://www.tourismus-eberswalde.de/fileadmin/user_upload/Prospekte/prospekte_2018/Eberswalde-Broschuere-Industriekultur-Webversion.pdf?download

und hier auf STRAVA: https://www.strava.com/activities/3242993968


6 Gedanken zu “Der Barnim, der Finowkanal, und der Schwan von Eberswalde

  1. Lieber Dietmar, mit „Tand“ hast Du mir eine große Freude gemacht. Wundervolles Wort!
    Deine Hintergrund-Berichte legen sich inzwischen praktischerweise über die ein oder andere Tour. Ich bin gespannt auf den Fotoband, der hier irgendwo erwähnt wird.
    Ach ja, und Glückwunsch zum 300er! Da kann sich der ein oder andere „Normalo-Jungspund“ mal noch eine Scheibe abschneiden 🙂
    Herzlichst!

  2. Schöne Erkundung! Gut, daß es histoirisches Bewußtsein im Landkreis gibt, der den Gästen die Vergangenheit erklärt. Mich interessiert daran immer, warum die Fertigung aufgegeben werden mußte. das sind ja nicht selten komplexe Geschichten und epochale Einschnitte. Man kann schließlich nicht das nächste Jahrhundert als Landschaftspark subsistieren.

  3. Hi Didier,

    schöne Tour. Hätte Lust dich mal zu beigleiten bei deinen Fahrten wohne ganz in der Nähe von Glienicke 🙂
    Grüße
    Julius

  4. Wieder ein sehr schöner Bericht. Danke Didier 🙂

    Kannst du vielleicht noch eine Karte einblenden, aus der man den Verlauf und Streckenlänge usw ablesen kann? Ich weiß, dass es dir nicht darum geht, diese Dinge zu messen. Dennoch würden sie für mich den Informationsgehalt abrunden.

    Liebe Grüße Henning

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