Zwei Klöster, Schnee und Eis – Erinnerung an eine Tour mit Peter vor 9 Jahren

Das waren Zeiten! Mit Peter – hab ihn selig, über Schnee und Eis im Jahre 2017

Endlich ist der Winter da. Minus 2 Grad, ein paar Schneeflocken, und Tief Axel schaufelt an der Ostflanke eines hereinschiebenden Hochs kalte Polarluft nach Brandenburg. Ein paar Schneeschauer soll es auch noch geben heute. Ideales Wetter für einen kleinen Ausritt nach Süden, hinein in den Fläming. Peters Track führt zuerst von Werder nach Westen zum Kloster Lehnin, dann dreht der Kurs nach Süden und dann ostwärts nach Jüterbog, wo in Zinna das zweite Zisterzienserkloster auf uns wartet.p1070174

Auf den freien Flächen westlich von Werder sehen wir den ersten Schnee dieses Winters. Die Straße, die uns nach Lehnin führt, ist vereist und fordert unsere Fahrkünste. Wie gut, dass ich am Vorabend noch die Schwalbe CX mit Stollen aufgezogen habe. Immer schön locker geradeaus rollen, Hände weg vom Bremshebel.

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Die spätromanisch-frühgotische St. Marien Klosterkirche gehört zu den bedeutendsten Backsteinbauten in der Mark Brandenburg.p1070180p1070181

Kalt ist es hinter Klostermauern

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So, wie hier Bäume und Büsche aus dem alten Pfeiler wachsen, hat es schon Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg„beschrieben: „Auf den hohen Pfeilertrümmern wachsen Ebereschen und Berberitzensträucher, jeder Zweig steht in Frucht, und die Schuljugend jagt und klettert umher und lacht mit roten Gesichtern aus den roten Beeren heraus. Aber wenn die Sonne unter ist, geben sie das Spiel in den Trümmern auf, und wer dann das Ohr an die Erde legt, der hört tief unten die Mönche singen.“  

Die Klosteranlage ist mittlerweile wieder aufwändig restauriert und beherbergt eine Reihe von kirchlichen Einrichtungen. Wanderer, Pilger und Radler sind eingeladen, hier einzukehren, zu sehen, zu staunen.

Für eine Kaffeepause sind wir jetzt um die Mittagszeit einfach zu früh hier, um im Klostercafé einzukehren. Also setzen wir uns alsbald wieder auf die Crosser und treten uns in den sanften Steigungen nach Süden hin warm. Lange kurbeln wir uns durch langweilige Kiefern- und Fichtenwälder. Immer geradeaus – Borkheide, Borkwalde, Alt-Bork… Endlich spuckt uns der Schatten wieder aus. Peter kennt einen guten Bäcker in Treuenbrietzen, und bei dem sollte es auch heißen Kaffe geben. p1070187

Die Räder müssen draußen bleiben während wir uns an Milchkaffee und leckerem Kuchen laben. Nach 20 Minuten Wärmepause starten wir wieder hinein in die kalte Luft und hinaus aus dem Ort. Nach zwei Kilometern biegen wir nach Osten auf den Bardenitzer Weg ab. Hier sind nur wenige Autos unterwegs, dafür ist die Straße komplett schneebedeckt und vereist. Hoffentlich fahren die Brandenburger vorsichtig und kommen uns nicht zu nahe. Die  Schleuderspur eines Autos, die im Straßengraben endet, macht uns ein wenig unruhig.p1070190

Peters „Cuneo“ hat schon ordentlich Schnee aufgenommen, fühlt sich aber offensichtlich wohl in der Kälte. “ All Systems go!“

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Bardenitz präsentiert sich inklusive Ortsschild eingeeist, und die kopfsteingepflasterte Durchfahrtsstraße nötigt uns artistische Einlagen ab. Der folgende Ort heißt Pechüle, trotzdem bleiben wir auf unseren Rädern und machen keinen Abflieger.

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Auf dem Weg nach Jüterbog passieren wir unendlich lang erscheinende Betonmauern. Einer der größten, geheimen Stützpunkte der Sowjetarmee befand sich hier im Forst Jüterbog-Zinna-Keilberg.

Zig-tausende Soldaten lebten hier in einer Parallelwelt, abgeschirmt von der Bevölkerung.

Der kleine Ort „Altes Lager“  ging aus einem Barackenlager hervor, das 1870 als zeitweilige Soldatenunterkunft am Rande des Jüterboger Schießplatzes errichtet worden war und zeugt von der mehr als 150 Jahre alten militärischen Prägung dieser Region.

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Alter Backstein erinnert an bessere Zeiten. Erstaunt, bestürzt, verwundert über soviel brutale Gegensätze arbeiten wir uns über den  eisglatten Radweg vor – an Jüterbog vorbei nach Zinna. Hier wartet als Ausgleich für unsere Sinne das Kloster mitsamt Klosterbrennerei und Museum. fullsizeoutput_2c45

Jaaaaa! Schnee ist das reine Vergnügen für die Winter-Randonneure.

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„PORTA PATET, COR MAGIS – Die Tür ist offen, das Herz noch mehr“

Der Leitspruch der Zisterzienser weist uns den Weg zum Kloster. Das Örtchen Zinna hat eine beeindruckenden Geschichte, die nicht nur vom Kloster geprägt ist, sondern auch von der Vergangenheit als Weberstadt, die Friedrich der Große  schon 1777 ins Leben rief.

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Heute haben wir nur Augen und nur Zeit für einen kleinen Besuch des Klosters.fullsizeoutput_2c37

 

 

 

Im Eingang zum Klostermuseum stehen die alten  Brennanlagen für den „Klosterbruder-Likör“, den wir  als wunderbare Aufwärmflüssigkeit für 1 € pro Becher gleich zwiefach genießen. p1070230p1070231

Als wir das ehrwürdige Backsteingebäude verlassen, wissen wir, dass wir wiederkommen. Im Frühjahr, wenn es warm ist, wenn die Tage länger sind. Es lohnt sich, hier auf Entdeckungsreise zu gehen. fullsizeoutput_2c3c

Die Rösser sind angespannt und erwarten ihre Reiter. Der kurze Ritt nach Luckenwalde führt uns nochmal auf Eis und Schnee – und jetzt nach Norden gegen den Wind. Entschädigt werden wir vom wunderbaren Licht und vom tiefen Blau des Himmels zwischen den Schneeschauern. fullsizeoutput_2c34

Schnee auf Eis! Obacht!

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Kaum können wir  uns losreißen von Landschaft, Himmel und Licht.fullsizeoutput_2c32 Kalt, unwirtlich, schlecht beschildert: Der Bahnhof von Luckenwalde holt uns zurück in die Realität. Dafür ist der RE3 gut geheizt und der Kontrolleur freundlich. Um 18 Uhr sitzen wir schon ( wieder einmal) am flackernden Kamin des Zollpackhofs und laben uns an Weißwürstel und Augustiner-Bier.

Wann starten wir zur nächsten Schneerunde, fragt Peter. Na, wenn wieder Schnee liegt!

Und hier der Track: Werder-Lehnin-Zinna-Luckenwalde

 

N+1

Mein Titan-Granfondo ist nach der Rahmenschweißung in bester Form, das Canyon Endurace weiß, dass seine Zeit im Frühjahr und im Sommer kommt. Die beiden Oldies Colnago Mexico und der Basso Crosser wissen genau, dass sie auch zukünftig maßvoll bewegt werden. Und das Cannondale Taurine MTB freut sich darauf, demnächst Enkel Justus zu zeigen, wie es noch drauf ist. So klafft bald im Bereich der Geländegeräte eine Lücke.

Also: Zeit für ein N+1. Ein echter Graveller soll es sein. Solide, mit genügend Freigang für Reifen bis 45 mm Breite, mit Scheibenbremsen, aus Alu, stabil und komfortabel zugleich. Die Auswahl ist groß. Gravel Bikes sind von Herstellern und deren Marketing-Abteilungen gepusht worden. Die Produktion wurde hochgefahren. Nun drücken die Lagerbestände. Gut für den Kunden, die Preise wackeln, eine wahre Rabattschlacht ist im Gange. Ich will kein Edelrad, aber Rahmen und Komponenten sollten einen ordentlichen Standard haben. Also durchforste ich meine Zeitschriften, lese -zig Testberichte und weiß am Ende doch: Ich muss nur meine eigene Vernunft und meine Erfahrung befragen. So lande ich bei Ridley, Rose und dann Cannondale.

And the winner is: the Cannondale Topstone Apex 1. Bei Fahrrad Rabe in München habe ich bestellt. Versandkostenfrei. Drei Tage Lieferzeit, top verpackt. Und der Preis von gut 1400 € ist gegenüber dem Listenpreis von 2199 € eine entscheidungsförderliche Reduzierung.

Der Rahmen in der Größe M entspricht in der Geometrie nahezu meinem Titan-Granfondo mit Rahmenhöhe 54 cm. Die Verarbeitung der Schweißnähte ist sauber und sorgfältig. Für die Flaschenhalter gibt es am Unterrohr oben drei Ösen. Gut für eine variable Position. Und unten nochmal zwei Ösen für eine dritte Flasche. Die Carbon-Gabel hat drei Aufnahmepunkte für Forkbags. Da kann ich meine Ortliebs wunderbar montieren. Und auf dem Oberrohr befinden sich zwei Befestigungspunkte für eine kleine Tasche. Endlich kein Verrutschen mehr.

Jetzt wird es Zeit, das Gerät in die nähere und fernere Umgebung auszuführen. Dabei werde ich herausfinden, ob die Einstellungen von Lenker und Sattel passen, wie Schaltung und Bremsen sich anfühlen, wie ich am besten Front-und Heckbeleuchtung anbringe …

Also los. Die erste größere Runde führt in den Krämerforst und über die Alte Hamburger Poststraße. Kilometerlang durch den Wald und über Schotter, Sandwege und weichen Humusboden.

Ich bin gespannt darauf, wie es sich mit der 12-fach-Schaltung und einem Kettenblatt mit 40 Zähnen vorn und hinten 11-44 fahren lässt. Locker und leicht! Nur einmal muss ich den Zug nachjustieren. Am Schaltwerk die Rändelschraube eine halbe Umdrehung raus, und schon ist die erste Längung oder Setzung des Zuges ausgeglichen. Feineinstellung!

Die SRAM Apex hydraulischen Bremsen greifen auf 160 mm Scheiben. Definiert und sehr wirksam.

Da macht das Fahren auf Waldwegen Freude. Mein Taurine-Mtb vermisse ich auf Schotter, Split, festem Sand überhaupt nicht. Die Vittoria Terreno Dry, 700x38c rollen komfortabel und spursicher. Den Druck habe ich bei knapp 3 bar eingestellt. Bei weichem Untergrund sollte man sicher den Druck noch weiter absenken in Richtung 2,2 bis 2,5 Bar. Das werde ich noch testen.

Die ersten 100 Kilometer fühlen sich gut an. Auch, weil ich den Fizik-Aliante-Sattel gegen meinen Fizik-Arione Tri 2, der perfekt zu meinem Hinterteil passt, getauscht hatte. Für zukünftige Fahrten bei nassen Wegen habe ich dann noch Schutzbleche montiert. SKS Schutzblech Set 28″ Edge AL. Passen perfekt und lassen noch genügend Freiraum zu den 42 mm breiten Reifen. Hier noch ein paar Eindrücke von der Tour durch die Barnim-Wellen und Wälder und am Oder-Havel-Kanal entlang.

Obligatorisch ist natürlich ein Besuch meiner Lieblingseiche vor der Kirche in Grüntal. Dieser Baum strahlt Kraft, Wärme und Souveränität aus. In jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter. Die Stieleiche ist etwa 400 Jahre alt und hat der Erzählung nach schon Napoleon bei seinem Rückzug aus Russland „Obdach“ geboten.

Das Topstone lehnt entspannt an der Eiche von Grüntal, hier schon mit den Edge AL- Schutzblechen von SKS.

Gegenüber im Schaukasten der Herberge hängt ein passendes Schild zum Jakobs-Pilgern. „Reduziere Dein Gepäck auf das Nötigste. Es ist ein gutes Gefühl, mit wenig auszukommen.“ So ist es!

Bei Trampe stürze ich mich dann in den Wald und sauge den Duft von Kiefernharz und feuchtem Laub in meine Lungen. Dem Topstone gefällt es auch sehr gut abseits der asphaltierten Straßen. Wir stürzen uns bei Hohenfinow dann hinunter an den Oder-Havel-Kanal und an den Rand des Oderbruchs. In Niederfinow wird köstliches Bier gebraut, und ein paar Meter weiter ist die skurrile Sammlung eines sehr eifrigen Bastlers zu sehen.

Auf dem Radweg von Niederfinow nach Eberswalde können wir uns noch in der späten Sonne wärmen, und ich schlürfe genüsslich den heißen Ingwertee aus der Thermosflasche. Es wird dämmrig am Finowkanal und dunkel, als ich auf den Berlin-Usedom-Radweg bei Finowfurt in Richtung Bernau abbiege. Ein guter Test für die Beleuchtung. Der Lupine-Akku ist sicher in der Oberrohrtasche untergebracht, die Piko strahlt wie immer breit und weit. Nach hinten blitzt die Lezyne Airstrip Pro. So werden Rad und Reiter nicht übersehen.

Ein kurzer Fotostopp in der beleuchteten Bushalte am Gorinsee, dann noch 10 Kilometer Endspurt bis nach Hause.

Das Topstone ist top! Das kann ich nach den ersten 400 Kilometern Touren durch Wald und Felder zufrieden feststellen. Ein würdiges N+1!

Lost Places in Brandenburg – Bogensee

Mein Basso-Crosser wird bald 35 Jahre alt. Als ich das Rad bei Radsport Holczer in Herrenberg in Empfang nahm, fiel die Mauer in Berlin. Seine Räder rollten zuerst nur in Schwaben, Bayern und auch in der Provence. Erst nach dem Umzug aus dem Ländle ins Brandenburger Land um die Jahrtausendwende durfte es die hiesigen Wälder und Feldfluren erkunden. An uralte Eichen, Ulmen und Linden wurde es angelehnt. Verfallene Bunkeranlagen aus Weltkriegs- und auch DDR-Zeiten durchkurvte es. Alte Flugzeughallen, in denen die Bomber standen, Lungenheilanstalten, in denen schon lange keine Patienten mehr atmen, bestaunte es.

Und vor mehr als zehn Jahren war ich zum ersten Mal mit ihm in Bogensee. Heute, an einem Herbsttag mit klarem Himmel und frischen Lüften, habe ich Lust, wieder durch die bunten Wälder nach Norden zu fahren. In Wandlitz treffe ich an der Anlegestelle am See einen Ex-Rennkajakfahrer, der sein neues Kevlarboot aus dem Wasser zieht. Zufrieden sieht er aus, und er ist es auch. Das Boot ist leicht und nicht so kippelig wie ein Renngerät. Das sei sehr entspannt zu fahren und genussvoll zugleich. Schließlich ist der Sportler gerade in Rente gegangen, wie er mir erzählt. Wir konstatieren, dass die Rentnerzeit geradezu dazu verpflichtet, körperlich und auch geistig aktiv zu bleiben, und wünschen uns in diesem Sinne einen erlebnisreichen Tag. Von Wandlitz bis Bogensee ist es nicht weit. So um die sieben Kilometer. Wenn also die DDR-Granden den FDJ- Schülern in der Kaderschmiede Bogensee einen Besuch abstatten wollten, hatten sie es nicht weit.

Nördlich von Wandlitz führt die Straße hin nach Prenden. Nach drei Kilometern folge ich dem Schild „Bogensee“.

Um halb eins stehe ich vor dem überwucherten Torhäuschen, an dem einst der Zugang zum Gelände kontrolliert wurde. Daneben, offensichtlich jüngst abgefackelt, eine Garage mit undefinierbarem Inhalt. Ein paar Meter weiter begrüßen mich die Hinweistafeln zum längst verlassenen Internationalen Bildungs-Centrum IBC. Seit 1999 wird hier niemand mehr gebildet. Stillstand herrscht, die Natur holt sich die Anlage zurück.

„Herzlich willkommen“ … heute wirkt das wie ein Hohn. Willkommen sind hier bestenfalls Füchse und Wildschweine.

Im einzigen Gebäude, das heute noch genutzt wird, dem ursprünglichen Wirtschaftstrakt der Villa, residiert die „INU“ Waldschule.

Ein paar Meter weiter dann erblicke ich die einstige Göbbels-Villa, die er romantisch seinen „Waldhof“ genannt hat. Schon 1936 schenkte die Stadt Berlin dem Propagandaminister das Nießbrauchrecht für 496 Hektar Land zum 39. Geburtstag. Wahrscheinlich auf Weisung des Führers Adolf H. Dann ließ er das bescheidene Gebäude mit 1600 qm Grundfläche, 30 Privaträumen, 40 Dienstzimmern, einem 100 Quadratmeter großen Filmsaal und 60 Telefonen errichten. Dazu kamen noch Dienst-und Wirtschaftsgebäude für die Versorgung und das Wachpersonal. In den letzten Jahren ist das Gebäude immer mehr von Büschen und Bäumen zugewuchert. Vom bogenförmigen Schriftzug überm Eingang bröselt der Lack, der Putz löst sich in großen Placken.

Die Liebespaar-Skulptur, die erst im Jahre 1986 hier aufgestellt wurde, stammt aus einem Kunstprojekt der DDR. Ute Appelt-Lillack kann ich als die Bildhauerin dieses und auch anderer Werke auf dem Gelände ergooglen. Das Paar ist seit vier Jahren kopflos. Nur ein dicker Stahldraht ragt noch oben aus der Betonskulptur heraus.

Wenn ich mir vorstelle, wie Joseph Göbbels hier seine Rede mit dem Kernsatz: „Wollt ihr den totalen Krieg“ vorbereitet hat, gruselt es mich. Am 18. Februar 1943 wurden die allerletzten Menschenreserven für die Endphase des Krieges mobilisiert,

Alle Männer zwischen 16 und 65 sowie Frauen zwischen 17 und 45 Jahren konnten zur Reichsverteidigung herangezogen werden. Mit der Erweiterung der Wehrpflicht ab August 1943 wurden Hitlerjungen unter 18 Jahren direkt aus Wehrertüchtigungslagern in die Wehrmacht eingezogen . 

Göbbels hat hier zu Kriegszeiten heile Welt samt Familie gespielt und inszeniert.

Heute gibt es auf dem Gelände keinen einzigen Hinweis auf die Historie des Ortes. Keine Informationen, einfach NICHTS! So viel offensichtliche Geschichtsvergessenheit macht mich geradezu zornig.

Auch zur Historie der riesigen Anlage, die Anfang der 50er Jahre als FDJ-Jugendhochschule errichtet wurde, ist nirgendwo eine Information zu finden. Das Ende der DDR bedeutete auch das Ende der FDJ. In den 90er Jahren wurden das Lektionsgebäude, die Wohnhäuser, das Kulturhaus und auch die Ex-Göbbels-Villa von ehemaligen Mitarbeitern der Hochschule als Internationales Bildungs-Centrum bis 1999 weiter genutzt und erhalten. Bis die Kosten zu hoch wurden und die notwendigen Restaurierungsarbeiten das Budget der Organisation weit überstiegen. Die Pleite war die Folge. Ein Nachnutzungskonzept gab und gibt es immer noch nicht. Viele Anläufe, kein Fortschritt. Das Land Berlin als Eigentümer erwägt aktuell den Abriss der Bauten. Der würde aber mindestens 40 Mio. Euro kosten.

Und die hat natürlich Berlin nicht. Stattdessen wird wohl bald eine aktuelle Studie zur möglichen zukünftigen Nutzung erscheinen. Der Einzige, dem das Nutzen bringt, ist wahrscheinlich das beauftragte Planungsbüro. So wird wahrscheinlich Bogensee irgendwann komplett zugewuchert sein. Die nächsten Generationen können dann hier archäologische Abenteuerwanderungen machen.

Mein Basso sieht die Geschichte und die Zukunft von Bogensee mit dem gelassenen Blick eines gereiften Oldies. So wie ich auch. Darauf einen Schluck heißen Ingwertee aus der Thermosflasche.

Nachklapp:

Die bunte Herbstnatur macht dann doch wieder gute Laune.

Herbst

Himmel, Wolken, Farben

Die Luft ist klar, die Luft ist kalt, die Luft duftet nach Erde, feuchtem Gras und Holz. Wir rollen durch die Barnimer Feldmark nach Osten.

Am Ende der herrlichen Lindenallee ist der Kirchturm von Freudenberg zu erkennen. Ein Türmchen wächst schmal aus dem neugotischen Turm in den Herbsthimmel.

Am Giebel einer Feldsteinscheune zwei Davidsterne, dazwischen im Fenster eine halb herabhängende Flagge mit der Aufschrift “ Schwerter zu Pflugscharen“. Gab es hier einmal eine jüdische Gemeinde, eine Synagoge gar? Ich kann nirgendwo eine Information dazu finden… Es ist Mittag geworden, als wir uns die kleine Welle nach Haselberg hinaufarbeiten. Von hier reicht der Blick bis weit in das Oderbruch. Hinunter geht es nach Vevais, einer kleinen Ansiedlung mit hoch interessanter hugenottischer Historie. Nach wenigen Minuten stehen wir vor der kleinen Figurengruppe aus Keramik, die zur Erinnerung an die Kolonistenfamilien, die aus der Gegend von Vevey am Genfer See mit allem Hab und Gut vor mehr als 250 Jahren ins Oderbruch gewandert waren. Die Geschichte dazu habe ich unter dem blau unterstrichenen Link beschrieben.

Eine Viertelstunde später stehen wir wieder vor einem Kunstwerk mit historischem Bezug. Vor der Kirche in Wriezen umkurven wir den Lebensbrunnen des Bildhauers Horst Engelhardt. Offiziell ist es der Marktbrunnen, im Volksmund der Teufelsbrunnen. Je nach Perspektive ein teuflisch-frivoles Kunstwerk. Oben auf dem Granit tanzt ein Fabelwesen. Unten liegt eine Nixe, daneben ein Spielmann und ein Fischer.

Die beiden Titan-Granfondi lehnen an der Bronzefigur mit Helm und Brett vorm Kopf mit der Inschrift „Jeder kann es sich selbst herunter reissen“ . Dem stimme ich einfach mal vorbehaltlos zu.

Nach einer stärkenden Kaffeepause suchen und finden wir den Einstieg auf den Bahnradweg hinüber zur Europabrücke. 10 Kilometer ohne Menschen, ohne Autos. Herrlich!

Herbstfassade in Alt Mädewitz

Die Oder empfängt uns mit einem traumhaften Cumulushimmel über dem noch flutverbreiterten Flussbett. Stehen und staunen.

Auf dem Oderradweg wählen wir die obere Spur auf dem Deich und werden mit den schönsten Ausblicken belohnt, die ein Herbsttag im Bruch bieten kann. Wir rollen und schauen und rollen und staunen. Ein riesiger Cumulus hat sich wie ein Fächer am Himmel ausgebreitet und trägt zur Zierde eine wirbelige, weiße Vorderkante.

In Groß Neuendorf sind die Bahnwaggons des Cafés wieder aus der Flut der vergangenen Tage aufgestiegen und sehen unversehrt aus. An der Wegbiegung leuchtet an der alten Drogeriefassade rot das Herbstlaub.

In Kienitz machen wir halt am Panzerdenkmal, das seit 1970 hier steht. Als Erinnerung und Mahnmal für die Sowjetsoldaten, die hier am 31. Januar 1945 die Oder überschritten und den ersten Brückenkopf auf der Westseite errichteten. Bis zum Ende des Krieges starben danach in der Schlacht um die Seelower Höhen zehntausende Soldaten.

Russischer T 34 – Panzer

Das Titan-Granfondo freut sich über bald 80 Jahre Frieden. Hier jedenfalls.

16 Uhr ist es mittlerweile, 110 Genusskilometer liegen hinter uns. Die Sonne beleuchtet die Oderlandschaft besser, als es die Profis am Filmset vermögen. Der Abschnitt bis Küstrin kommt uns vor wie eine großartige Naturinszenierung. Hier die Stimmungsfotos dazu:

Nach dem zurückgegangenen Hochwasser der vergangenen Woche haben die Bäume immer noch nasse Füße. Ende September, zwei Wochen vor unserer Tour, war der Pegelstand noch zwei Meter höher in Kienitz . Die Kraniche, die Graugänse und die Stare untermalen die beeindruckende Vorstellung mit einem vielfältigen Konzert.

In Neubleyen gelangen wir wieder in die schnöde Realität der Zivilisation. Eine Übernachtung wird hier ab 25 € pro Person geboten. Die Lokalität lockt uns allerdings absolut nicht. Zudem ist der Gasthof geschlossen. Also heißt es weiterfahren, obwohl der Magen knurrt. Aber wir haben ja unsere wohlgefüllten Trinkflaschen dabei. Und Wolfgang stärkt sich mit einer Banane, ich bevorzuge meinen Eiweißriegel. So erreichen wir in lockerer Stimmung den Bahnhof Küstrin-Kietz, wobei wir wissen, dass seit Jahren hier außer dem Bahnanschluss absolut nichts geboten wird. Nur die Luft ist rein und riecht nach Herbst. Ich befrage meine Bahn-App nach der Abfahrtszeit für den Zug nach Berlin. Die erste Zeit leuchtet rot und ist durchgestrichen! Aha! Der Zug fällt aus. Und genau das bestätigen uns zwei nette Mitarbeiter der NEG, die genauso warten wie wir. Nur scheint das für die beiden absolut normal zu sein. Total entspannt unterhalten sie sich weiter. Der nächste Zug geht in 90 Minuten. Eineinhalb Stunden hier herumstehen?! Nein! Also rollen wir hinüber nach Polen, nach Küstrin, dorthin, wo es Bier gibt und auch einen Bahnhof.

Wir haben Glück. Nach zwei Polen, die Schnaps und Bier und noch mehr Schnaps wollen, kaufen wir zwei Flaschen TYSK Bier für den Sparpreis von 3,60 €. Genuss pur. Fast sind wir versucht, noch einen Sixpack für die Bahnfahrt zu ordern. Dann fährt der Zug nach Berlin. Pünktlich. Um 22 Uhr bin ich zu Hause. Ein wunderbarer Tag war das. Natur, Natur, Natur.

Himmel und Erde in Kienitz

Werde ich heute nass oder bleibe ich trocken? Wer weiß? So packe ich meine Shakedry-Regenjacke in den Aeropack. Bekanntlich kann man das Regenrisiko maßgeblich durch die Mitnahme von Regensachen herunterschrauben. Schließlich regnet es ja auch selten, wenn man einen Regenschirm dabei hat.

Erst um halb zehn sitze ich auf dem Granfondo und setze Kurs nach Osten, hinein in den Barnim und die großen Felder und Wälder. Es rollt! So mache ich den ersten Halt erst in Grüntal an meiner Lieblingseiche. So richtig gut sieht ihr Blattwerk in diesem Frühjahr nicht aus. Einiges Totholz wird sichtbar. Ich lehne mein Rad vorsichtig an ihren monumentalen Stamm. Warm fühlt sich die Rinde an, als ich meine Hände auflege.

Neben dem 400 Jahre alten Baumriesen und vor der Kirche hat die Gemeinde in diesem Frühjahr einen Gedenkstein für den „Besitzer Grünthals“, den Justizrat Carl August Julius Schuetz, aufgestellt. Folgende Information entdeckte ich auf Wikipedia:

„Im Jahre 1826 gründet Carl August Julius Schütz in Grüntal die erste Brauerei nach bayrischer Art, „es war das erste bayerische Lagerbier, das in der Mark Brandenburg gebraut wurde“ (nach R. Schmidt 1922, 1928). Er hatte sich vorher in Süddeutschland ausführlich über das Brauen untergärigen Bieres erkundigt und den Bamberger Küfer (Fassmacher) und Bierbrauer Conrad Bechmann (* 1801 in Pommersfelden; † 1881 in Berlin)[7] als Braumeister für die Produktion gewonnen“

Wer heute in Grüntal nach einer Brauerei sucht, sucht vergebens. So gerne hätte ich hier einmal , am besten unter der riesigen Eiche vor der Kirche, ein „Grünthaler Unterhöler“ getrunken. Genauso, wie seinerzeit der Reichskanzler Otto von Bismarck.

Über Gersdorf, an Hohenfinow vorbei, rausche ich schließlich hinunter nach Falkenberg und dann an der Abbruchkante des Oderhanges entlang nach Bad Freienwalde. An den Wegrändern blüht der Mohn und leuchtet in herrlichem Rot. Ausnahmsweise mache ich kein Foto, ich warte auf ein riesiges Blütenfeld als Motiv. Aber leider warte ich heute auf eine Mohnorgie vergeblich. In Hohenwutzen erreiche ich die Oder und biege auf den wunderbaren Radweg ein. Es beginnt zu tröpfeln, hinter mir schiebt sich eine Schauerzelle heran. Also reintreten und dem Regen davonfahren. Es gelingt! Ist aber recht kraftraubend für mich, so zwischen 25 und 30 km/h zu fahren. Früher ging das auch lockerer, als ich beim 400er Brevet zusammen mit Wolfgang und Matthias bis Kienitz mit einen Schnitt von 27 unterwegs war. 10 Jahre liegt das nun zurück.

Die Europabrücke moderte zu dieser Zeit noch vor sich hin, heute kann man wunderbar nach Polen hinüberrollen und den Blick über die Oderauen genießen. Ob das Kirchencafé Himmel und Erde wohl geöffnet hat? Ja, es hat. ( Mittwochs- Sonntags von 12 bis 18 Uhr). Einfach schön, heute habe ich Glück.

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Ich gönne mir ein großes Stück hausgemachten Erdbeerkuchen, dazu einen erstklassigen Milchkaffee. Den beiden Radfahrerinnen, die auch im Kirchencafé sitzen, erzähle ich von der Trockenlegung des Oderbruchs und dem wunderbaren Buch von Norman Ohler: „Die Gleichung des Lebens„. Vor meinem inneren Auge kommen gerade Leonhard Euler und der Oberdeichinspektor Simon Leonhard von Haerlem durch die Kirchenpforte. Aber nein, die beiden haben ja hier im Auftrag von Friedrich II. schon vor über 270 Jahren gezeigt, was sie konnten.

Fast eine Stunde bleibe ich im Kirchencafé Himmel und Erde. Ein Ort zum Wohlfühlen!

Dann rolle ich weiter entlang der Oder. In Küstrin steige ich heute noch nicht in die Bahn. Nächstes Ziel: Frankfurt. Die Oderauen zeigen sich in herrlichem Licht unter dem dynamischen Himmel mit im Norden vorbeiziehender Schauerfront. Heute bin ich dem Regen immer 10 Kilometer voraus.

Am Rande des Reitweiner Sporns füttere ich noch einmal meine Kohlenhydratspeicher mit einer Banane. Die Mohnfelder, auf die ich gehofft hatte, bekomme ich immer noch nicht vor die Augen. Entweder sind sie verblüht oder ich fahre immer ein paar Kilometer an ihnen vorbei. Die weißen Rinder und die Pferde am Hang von Lebus entschädigen mich für das entgangene Blütenrot.

Die Wüste Kunersdorf kann mich auch heute nicht locken. Ich spare meine Kräfte für die kleinen, aber fiesen Rampen auf dem Wege nach Frankfurt. Diese Stadt zeigt mir auf den Straßen hin zum Bahnhof ihr weniger attraktives Gesicht. Hochhäuser, vergammelte Häuserfronten,

Das ehemalige Lichtspieltheater der Jugend, die Frankfurter Tafel in einem Gebäude mit eingeworfenen Fenstern… Ich lese auf der Seite des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur, dass hier einmal das Brandenburgische Museum für moderne Kunst entstehen soll… Ein Architekturwettbewerb war auf europäischer Ebene schon 2020 ausgeschrieben. Die Fördermittel stehen bereit… berichtet stolz die Ministerin Manja Schüle. Nur kann ich an dem Gebäude beim besten Willen weder Hinweise auf die Zukunft, noch Umbauaktivitäten erkennen. Auch hier: zerborstene Fenster, Graffiti, Unrat…

Und hier der aktuelle Stand der Planung, zu lesen in der Süddeutschen Zeitung vom 16.Februar 2024:

Aha, nun weiß ich mehr und bin, wie sooft bei ähnlichen Bauvorhaben und Politikereigenlob reichlich desillusioniert.

Der Stadt Frankfurt/Oder und ihrer historischen Bedeutung samt Viadrina, Heinrich von Kleist, bis zu Henry Maske kann ich an diesem Spätnachmittag nicht mehr gerecht werden. Ich werde wiederkommen und die schönen Seiten suchen.

Ich beeile mich, den Bahnhof zu erreichen. Diese Stadt kann mich zumindest heute nicht zu weiteren Erkundungen locken. Der Zug fährt pünktlich, um 20 Uhr bin ich wieder daheim.

Schönes, Erhabenes, Hässliches, Erstaunliches… Alles habe ich an diesem Tag vor die Augen bekommen.

P.S Als ich am Folgetag mein Titan Granfondo vom Staub der Tour befreie, entdecke ich höchst Unliebsames: Die Kettenstrebe hat einen deutlich erkennbaren, fast umlaufenden Riss! >>> Darüber werde ich mich nach dem Verdauen des ersten Schrecks in Kürze detailliert auslassen.

Birnen, Lady Agnes, Bernsteinzimmer und Wunderblut

Die Wettervorhersage für den 30. April verspricht einen warmen, fast wolkenlosen Tag mit spürbarem Ostwind. Beim Frühstück entsteht vor meinem inneren Auge eine Strecke hinein ins Havelland und dann an die Elbe. Ein kleiner Film mit den Bausteinen aus vergangenen Brevets, Ausfahrten mit Freunden und all den Touren, die ich mit dem alten Colnago, dem Basso, dem Endurace oder immer öfter mit meinem Granfondo gemacht habe. Heute flüstert mir einmal mehr das Titangerät ins Ohr, es sei doch wohl das ideale Gefährt für diese Tour. Zumal das angebaute, leichte Aeropack von Tailwind weiter erprobt werden will. Die Contis sind auf 6 Bar aufgepumpt, Kette und Ritzel gereinigt und sparsam geölt. Die Trinkflaschen sind mit Isogetränk gefüllt, und zwei Eiweißriegel stecken in der Fronttasche.

Los geht es nach Westen über Hennigsdorf und Nauen auf den Havelland-Radweg. Bei Bötzow ein kurzer Fotostopp am Meilenstein, den ich wieder einmal durch Anlehnen auf seine Standfestigkeit überprüfe.

Granfondo mit Tailfin-Aeropack am Meilenstein zwischen Hennigsdorf und Bötzow

Über Wansdorf und Pausin nach Paaren im Ländchen Glien, wo gerade die Brandenburgische Landwirtschaftsschau vorbereitet wird.

Ab Nauen rolle ich auf dem Havelland-Radweg durch duftende Rapsfelder hinüber nach Ribbeck, wo ich wieder einmal nach dem im Jahr 2000 gepflanzten Birnbaum schauen will. Geht es ihm gut? Hat er geblüht? Wird er Früchte tragen?

Seit dem vergangenen Jahr hat er wieder erkennbar an Höhe und Umfang zugelegt. Der Römischen Schmalzbirne scheint es zu gefallen am Standort des ursprünglichen, im Gedicht besungenen Segensbringers. Zur Erntezeit werde ich sicher wiederkommen und mir eine süße Frucht gönnen, so mir die Touristen welche übrig lassen. Das Schloss Ribbeck strahlt in der Frühlingssonne; im Park davor liegen die drei Havelnixen des Bildhauers Knuth Seim. Mein Granfondo will gar nicht mehr weg von hier.

Im Schloss werden mannigfaltige Ausstellungen gezeigt, der Park kann sich sehen lassen. Und Fontane würde sich sicher über den Stellenwert seines Gedichtes freuen. Wobei man dem Dichter sicher nicht gerecht wird, wenn man ihn auf die Birnbaum-Ballade reduziert. Zumal er von sich selbst sagt, dass Gedichteschreiben nicht zu seinen Stärken zählte. Der kleine Ort Ribbeck hat sich in den vergangenen Jahren zum wahren Kleinod entwickelt. Fast hätte ich mich von den in der Alten Schule angebotenen Kuchenköstlichkeiten zur Pause verführen lassen. Aber es ist gerade Mittag, da sollte ich noch ein paar Kilometer machen. Über Pessin und Senzke erreiche ich die Ortschaft Haage, wo ich mich von einem Wanderweghinweis nach Görne verführen lasse, mich über den tiefsandigen Waldweg nach Westen vorzuarbeiten. Zwanzig Minuten absteigen, aufsteigen, fluchen… Dann bin ich wieder auf festem, fahrbaren Grund. Als Belohnung für die Mühen beginnt in Görne ein wunderbarer Radweg, der nur abschnittsweise durch die typische „Platte“ unterbrochen ist. Aussichten, Weite, Havelland eben. Vom Feinsten!

Auf den 15 Kilometern hin nach Stölln begleite ich einen Mountainbiker, der die Strecke schon früh um fünf gefahren war. „MdRzAuz“ : so lautet die gängige Abkürzung auf STRAVA für: Mit dem Rad zur Arbeit und zurück. Er freut sich auf seinen Feierabend, ich genieße die kundige Begleitung. Nahe Stölln, vor dem Gollenberg, wächst die Lady Agnes beim Näherkommen immer höher aus den Wiesen zum vollen Format. Sie steht am wahrscheinlich ältesten Flugplatz der Welt, wo Otto Lilienthal schon 1893 die ersten Flugversuche mit seinen Gleitern machte. Drei Jahre später stürzte er aus 15 Metern Höhe, durch eine Windböe aus dem Gleichgewicht gebracht, zu Tode. Oben, auf dem Gollenberg erinnert ein Denkmal an den Urvater der Fliegerei. Am Rande des heutigen Segelflugplatzes steht zu Ehren und Erinnerung an den Flugpionier auch die IL 62 , ein Geschenk der DDR-Interflug an die Gemeinde Stölln. Flugkapitän Kallbach brachte den Jet am 23.Oktober 1989 spektakulär auf der 900-m-Graspiste auf den Boden und zum Stehen. Normalerweise braucht eine IL 62 zur ordentlichen Landung eine 2500 m lange Betonbahn.

Die „Lady Agnes“ ist nach Agnes Fischer, der Frau von Otto Lilienthal benannt.

Ich lasse die Lady hinter mir und fahre den Hügel zur Ortschaft Stölln hinunter. Hier steht als Blickfänger eine ausgemusterte Zlin Z 37 Cmelak ( Hummel), die ich schon so oft fotografiert habe. Bei Brevets, beim Zeitfahren Hamburg-Berlin, bei zahlreichen Touren mit Freunden.

Auf der Wiese vorm Museum nisten in symbolischer Weise für die Vorbilder der Lilienthal-Gleiter zwei Störche, die sich auch dieses Jahr das prominente Nest ausgesucht haben. Sie wissen offensichtlich um die Geschichte und ihre Bedeutung. Drinnen hängt unter der Decke ein ausgestopftes Exemplar mit ausgebreiteten Schwingen.

Die nächste Pause will ich in Havelberg machen und endlich einmal den riesigen Dom, der so klotzig und trutzig auf der Hangkante über der Havelaue thront, aus der Nähe betrachten. Er sieht mehr aus wie eine Festung als eine Kirche. St. Marien besitzt keinen echten Turm, dafür aber den riesigen 33 Meter hohen Westriegel, der aus Backstein und Grauwacke gebaut ist. Das Bauwerk stammt in seiner Urform aus dem 12. Jahrhundert und wurde mehrfach ergänzt und umgestaltet. Eine Schönheit ist er dadurch nicht geworden, imposant ist er allerdings. Etwa 40 Höhenmeter muss ich einen steilen Weg erklimmen, bis ich auf dem Domplatz stehe. Mit dem Kopf im Nacken mache ich ein paar Fotos und brauche mein Weitwinkelobjektiv, um das Bauwerk ganz aufs Bild zu bannen. In der ehemaligen Domschule, gegenüber der Kirche, residiert das italienische Restaurant La Cucina. Es sieht sehr einladend aus mit der herrlichen Terrasse und dem Blick über die Stadt. Weizenbier und Apfelstrudel munden köstlich und bringen verbrauchte Energie schnell wieder in meinen Körper.

„In der einstigen Propstei, direkt neben dem Dom, unterzeichneten Zar Peter I. und König Friedrich Wilhelm I. am 27. November 1716 die ‚Konvention von Havelberg‘ im Rahmen der antischwedischen Koalition. Gastgeschenke: as Bernsteinzimmer und die Staatsyacht gegen 200 ‚Lange Kerls‘ für den Soldatenkönig.“ Dieser Text auf der Tafel an der ehemaligen Propstei am Havelberger Krankenhaus erinnert seit vielen Jahren an den Besuch beider Monarchen“ ( Zitat aus der Seite des Havelberg-Heimatvereins).

Beim Lesen dieser Zeilen bekomme ich eine Ahnung davon, dass in diesem kleinen Ort vor 300 Jahren große Politik gemacht wurde. Heute würde man sagen, Friedrich Wilhelm I. und Zar Peter I. hatten einen Deal gemacht. In der Zeit des Aufenthalts in Havelberg haben die beiden Herrscher den Berichten nach Feste gefeiert, viel getrunken und gegessen und waren wohl kaum nüchtern beim Verhandeln. Irgendwann ist der Zar dann auf der ihm von Friedrich geschenkten Yacht, oder besser, dem luxuriösen Holzboot, wieder zurück gen Petersburg geschippert. Das legendäre Bernsteinzimmer wurde kurze Zeit darauf von Berlin zum Zarenpalast transportiert.

Und das alles geschah hier, in Havelberg, dem Städtchen mit heute gerade 6500 Einwohnern.

Nach der wohltuenden Rast mache ich mich auf den Weg nach Bad Wilsnack und seiner Wunderblutkirche. Über Quitzöbel, wo die Havel in die Elbe mündet, nähere ich mich von Süden her Bad Wilsnack. In den Jahren von 1382 bis 1552 pilgerten tausende Gläubige zu den „Bluthostien“, die in der Wunderblutkirche aufbewahrt wurden. Hier die Geschichte in kurzer Fassung aus Wikipedia:

Im August 1383 wurde der in der Prignitz gelegene Ort Wilsnack von Raubrittern gebrandschatzt. Auch die Kirche wurde stark beschädigt, und der Priester des Ortes fand drei mit Blut befleckte Hostien. Dies wurde als ein Wunder gedeutet und zog bald Tausende von Pilgern an, die auf Heilung von Krankheiten oder Straferlass hofften oder später auch zur Vollstreckung von testamentarischen Anordnungen kamen. Durch die Abgaben und Spenden der Pilger konnte in Wilsnack eine große Wallfahrtskirche St. Nikolai gebaut werden, und es wurde schließlich zu einem der fünf bedeutendsten Wallfahrtsorte Europas.

Friedrich II. von Brandenburg pilgerte zwischen 1440 und 1451 sechs Mal nach Wilsnack, wo es jährlich bis zu einhunderttausend Pilger aus ganz Europa gab. Schon Ende des 14. Jahrhunderts war die Gegend um Wilsnack, in der es kaum eintausend Einwohner gab, von Pilgern völlig überlaufen.

Die Reformation setzte der Wallfahrt ein Ende. Nach der Verbrennung der Wunderbluthostien durch den ersten protestantischen Pfarrer von Wilsnack im Jahre 1552 fiel Wilsnack in die Bedeutungslosigkeit zurück.

Neugierig auf die Kirche kurbele ich die letzten Kilometer und dann hinein ins „Stadtzentrum“, wobei der kleine Ort mit gerade 2500 Einwohnern die Stadtrechte seit dem Jahre 1513 besitzt. Der Baukörper von St. Nicolai ragt weit über die umgebenden Gebäude hinaus.

Auf dem mächtigen Renaissance-Giebel steht ein schmächtiges Glockentürmchen. Leider ist die „offene“ Kirche nur bis 16 Uhr geöffnet. Ich bin zu spät, um den Wunderblutschrein zu besichtigen, und ein Blick auf meine Bahn-App zeigt, dass der RE in Richtung Berlin in wenigen Minuten kommen soll. „Kleine Stadt, große Kirche, kurze Wege.“ Der Zug rollt ein, als ich am Bahnsteig ankomme. Fahrzeit nach Spandau 1 h 14 min. So bin ich schon um halb sieben wieder in Berlin und kann gemütlich die verbleibenden 18 km nach Hause radeln.

Das Granfondo ist zufrieden mit der heutigen Ausfahrt und hat sich an die Aeropack-Trägertasche gewöhnt. Nichts klappert, nichts steht über oder im Wege. Eine Tasche, die man beim Fahren überhaupt nicht merkt. Die nächste Tour wird dann über mehrere Tage gehen und dann mit mehr Gepäck. Schaun mer mal.

Bäume, Wasser und riesige Findlinge

Nach Nordosten, bis die Oder kommt. Das ist das Motto meiner Freitagstour. Über die Barnimwellen nach Heckelberg und Kruge. Dann den Feldweg hinüber nach Krummenpfahl. Mein Auge kann sich nicht sattsehen an der ergrünenden, erblühenden Natur. Bei zwei Eichen liegt ein mächtiger Findling, der mich zur ersten Pause animiert. Das Alter der Bäume schätze ich auf etwa 100 Jahre, der rundgeschliffene Granit hat am Ende der letzten Eiszeit vor 10000 Jahren hier seine Reise, die irgendwo in Skandinavien begann, beendet.

Von der schon kräftig strahlenden Sonne erwärmt, fühlt der Stein sich angenehm wohlig an. Die kupfergrüne Spitze der Gersdorfer Kirche lugt über den Feldhorizont. Nur ein paar Minuten weiter, in Dannenberg, grüße ich die Gerichtslinde. In ihrem 500-jährigen Leben von Blitzeinschlägen mehrfach malträtiert, steht sie immer noch trotzig da und treibt auch in diesem Frühjahr wieder frische Triebe.

Gerichtslinde in Dannenberg bei Freienwalde

Dann schwinge ich mich in den Wald hinunter nach Bad Freienwalde, vorbei an der Skisprungschanze, die mir immer wieder aufs Neue in dieser Gegend deplatziert vorkommt. Mit fast 50 km/h rausche ich hinunter in die Altstadt. Beim Bäcker im Norma-Supermarkt vertilge ich eine Riesenschnecke und schlürfe einen genauso riesigen Milchkaffee. Die Bedienung ist wie immer freundlich, und mein Granfondo habe ich direkt vor mir im Blick. Auf dem Titel der am Wandhaken feilgebotenen BILD lese ich, dass Fürst Albert „die Krise wegwinkt“. Was auch immer damit gemeint ist … Die Titelseite zu lesen reicht mir allemal.

Ich reiße mich von der Qualiätslektüre los und kurbele weiter nach Schiffmühle, vorbei am Fontanehaus, hinüber nach Altglietzen und Hohenwutzen. Die Äcker und Wiesen im Oderbruch ähneln nach dem nassen Winter immer noch einer Seenlandschaft.

Endlich bin ich auf dem Radweg am Ufer der Oder. Blauer Himmel, tiefblaues Wasser, überflutete Auen. Die Bäume haben nasse Füße. Zwei Schwäne ziehen würdevoll ihre Bahnen. Ich denke an Fontanes Zitat :

Der Reisende in der Mark muß sich … mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausgerüstet fühlen. Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben“

Ich sauge die Natur einfach ein in meine Seele, das tut gut.

Vogelgezwitscher, weidende Rinder, blühende Sträucher. Da rollt es leicht und lustvoll. Allein bin ich auf weiter Flur. Keine Radler, nur ein paar Wanderer sind unterwegs. Eine Stunde später stehe ich an der Brücke bei Stolpe, staune wieder einmal über den „Grützpott“, der klotzig seit geschätzt 800 Jahren über der Hangkante thront.

Zeit für eine kleine Pause. Ich genieße einen Proteinriegel und bin froh, dass ich zwei Trinkflaschen dabei habe. Bei 16 milden Grad verlangt der Körper Flüssigkeit. Als ich nachschaue, wann die Züge von Schwedt, meinem geplanten Tagesziel, nach Berlin fahren, sehe ich erstaunt: „Schienenersatzverkehr“ bis Angermünde. Und Busse transportieren Fahrräder bekanntlich nur, wenn man Glück hat. Darauf will ich mich nicht verlassen und setze Kurs in Richtung Angermünde. In Alt-Galow quere ich die Alte Oder über die Brücke und arbeite mich die Rampe nach Schöneberg hoch. 50 hm können auch ganz schön in die Beine gehen. Über Felchow erreiche ich die Bundesstraße 2, die nach Angermünde führt. Leider viel befahren und auf den ersten Kilometern ohne Radweg. Bei Dobberzin biege ich nach Kerkow und dem Mündesee ab. Endlich wieder Ruhe. Der Weg wird sandig, dann rumpele ich über einen so typischen Plattenweg mit Kanten und Löchern. Ich bin auf dem Mündeseerundweg, der mich in großem Bogen erst nach Osten, dann nach Süden zur Stadt führt.

Am höchsten Punkt des Weges steht diese mächtige Findlingsplastik mit dem Namen „Leuchtturm“, gebaut vom niederländischen Bildhauer Ton Kalle. Von hier hat man einen herrlichen Blick auf den See und Angermünde. Eine gute mentale Entschädigung für die Rüttelfahrt auf dem Plattenweg. Mein Granfondo läuft wie immer perfekt und harmoniert sehr gut mit dem Aeropack von Tailfin. Nichts wackelt, nichts klackert. Mit gutem Grund haben sich so viele Ultradistanz-FahrerInnen für die Gepäckbrücke der Engländer entschieden. Für mich ist das die ultimative Tasche für lange und auch kurze Touren, denn sie wiegt knapp 1 kg, ist absolut wasserdicht, wirkt bei Regen wie ein Schutzblech, und sie ist bequem zu beladen und zu komprimieren. Heute wäre ich natürlich auch ohne Oberrohrtasche und die Tailfin ausgekommen. Aber so ein Test vor den nächsten Mehrtagestouren beruhigt enorm.

Ich verlasse den Leuchtturm und freue mich, dass der Plattenweg endet und ein asphaltierter Abschnitt folgt. Die Silhouette der Stadt Angermünde suggeriert eine viel größere Stadt als diese mit etwa 13.000 Einwohnern. Am Seeufer am Altstadtrand erwarten mich weitere Findlings-Kunstwerke. Monumental immer, manchmal brutal, andere filigran.

An einem Anlegesteg neben dem „Segel mit Durchsicht“ komme ich mit einem Radler in meinem Alter ins Gespräch, der sein Bike auch langstreckentauglich ausgerüstet hat. Er wohnt schon seit 20 Jahren hier und fühlt sich offensichtlich wohl. Der Bürgermeister gehört keiner Partei an und hat in den vergangenen 10 Jahren viel Kunst und Kultur hier etabliert. Ein guter Grund für mich, zu einer intensiven Stadtbesichtigung bald wiederzukommen. Der Zug nach Berlin fährt in knapp einer Stunde. So rolle ich noch gemütlich bis Chorin, steige dort in den RE3 und gönne mir noch die 26 km von Bernau aus bis nach Hause. Knapp 150 km sind es heute geworden.

Natur, Kultur, Menschen … was will ich mehr. Schön war es.

Berlin im Winterlicht – eine kleine Fototour

1. Februar, 10.00 Uhr. Aus dem Wolkengrau macht die Sonne Himmelblau. Das Thermometer zeigt vier Grad an, mein Cannondale Taurine ist froh, dass ich es aus dem Winterschlaf wecke. Ich habe Lust auf eine kleine Fototour mittenhinein in die große Stadt. Im Zickzack rolle ich mit der Sonne im Südosten als Wegweiser. Schnell bin ich in Afrika, genauer im Afrikanischen Viertel im Wedding, wo schon 1929 die Architekten Mebes, Emmerich und Bruno Taut die Friedrich-Ebert-Siedlung entwarfen und bauten: erschwinglicher Wohnraum, modern, zeitlos. Wohnungen mit 44 bis 62 qm Fläche und mit Zentralheizung, die über Balkon oder Loggia, dazu ein Bad verfügten. Innerhalb von nur zwei Jahren Bauzeit entstanden über 1400 Wohnungen. Auch heute, fast 100 Jahre später, wirkt die klare Formensprache modern und zeitgemäß.

Friedrich-Ebert-Siedlung im Wedding

Ich lese die Namen Ghana-, Togo- und Swakopmunder Straße. Volkspark Rehberge, Plötzensee mit seiner unrühmlichen Geschichte, dann bin auf dem Radweg am Spandauer Schifffahrtskanal, der über den Invalidenfriedhof zum Hamburger Bahnhof, dem Hauptbahnhof, an der Charité vorbei ins Regierungsviertel führt.

Ich rolle am Hauptbahnhof und dem herrlich spiegelnden City-Cube vorbei und bin wieder einmal fasziniert von der Architektur. Start-Stopp-Foto, Start-Stopp – nächstes Motiv und so weiter. Es ist immer wieder ein Erlebnis, hier hindurchzukurven. Das Winterlicht und der dynamische Wolkenhimmel beleuchten die Szenerie filmreif. Unter den Linden tauche ich ein ins alte Berlin mit Humboldtuniversität, Oper und Berliner Dom; Friedrich der Große sitzt, den Dreispitz auf dem Kopf, den Blick nach Osten gerichtet, auf seinem Lieblingspferd Conde. Die mächtige Bronzeplastik ist ein Meisterwerk von Christian Daniel Rauch, geschaffen 1839-51.

Hier, an der Museumsinsel, an der Schlossbrücke, am Humboldtforum, ist für mich Berlin am schönsten. Also kurve ich noch ausgiebig herum und lande vor der Baustelle des Einheitsdenkmals, genannt Einheitswippe. Allein: Es wippt noch nichts! Beschlossen vor 16 Jahren, Baubeginn vor drei Jahren… Und bis heute eine Baustelle! Blamabel! Peinlich! Einfach nur übel.

2,5 Mio € fordert die Baufirma nach, weil die Kosten gestiegen seien, und der Bund tut sich offenbar schwer, Mittel nachzuschießen. Jetzt ist also Pause, bis Geld und Material kommen.

Beeindruckt von so viel Schnelligkeit und Entschlusskraft setze ich mich wieder auf mein Taurine und schaue mir die Vorderseite des Stadtschlosses und das Replikat des altindischen Sanchi-Tores an. Demnächst werde ich mir dann das Museum für Asiatische Kunst im Humboldtforum gönnen. Heute lehne ich mein Taurine vorsichtig an den Sockel und suche die beste Fotoperspektive.

Wie klein doch der Fernsehturm ist, obwohl er mit einer Höhe von 368 Metern das höchste Bauwerk Deutschlands ist. Bei der Fertigstellung 1969 der ganze Stolz der DDR. Geradezu mitleidig wurde der nur 148 Meter messende Messeturm in Westberlin belächelt. Allerdings steht der schon seit dem Jahre 1926.

Ein paar Meter weiter begrüße ich die Herren Marx und Engels auf dem gleichnamigen Forumsplatz. Gegossen in „Dünnschichtbronze“, sitzen die Erfinder des Sozialismus seit April 1986. Geschaffen vom Bildhauer Ludwig Engelhardt. Das beliebte Fotomotiv haben die Berliner prompt „Sacco und Jacketti“ getauft.

Karl Marx und Friedrich Engels schauen nach Osten, hatten also schon bei der Einweihung ihres Gedenkmonuments dem ehemaligen Palast der Republik, auch „Palazzo Prozzo“ genannt, den Rücken gekehrt.

Im Blick haben die beiden zwei überaus unterschiedliche Kunstwerke: zum einen acht Stelen aus Edelstahl mit eingeätzten Fotos – auf einem Erich Honecker inmitten freundlicher DDR-Bürger. Andere zeigen Menschen von Arbeiteraufständen auf der ganzen Welt. Daneben die Bronzereliefs “ Die Würde und Schönheit freier Menschen“ der Mecklenburgischen Künstlerin Margret Middell.

Die Doppelstelen mit dem Sichtspalt bieten sich an für Fotos durch sie hindurch mit Blick auf den Fernsehturm.

Ich nehme ein paar Schlucke aus der Trinkflasche und wecke das Taurine wieder auf. Nächste Station: Potsdamer Platz. Ein Ort, den ich vor 25 Jahren bei der Eröffnungsfeier erlebt habe, an dem ich fast 10 Jahre meines beruflichen Lebens verbracht habe, oft bis in die Nacht hinein. „Der Daimler“ war der Hauptinvestor des „Neuen Potsdamer Platzes“. Und so zog der gesamte deutsche Mercedes-Vertrieb von Stuttgart nach Berlin. Nicht alle haben sich gefreut … Heute blicke ich zurück mit etwas Wehmut auf die Zeit im Richard-Rodgers-Gebäude mit dem markanten Eckturm.

Das Arkaden-Einkaufszentrum, das sich längs zwischen den Gebäuden erstreckt, war in den 2000er Jahren ein echter Publikumsmagnet. Aus meinem Büro konnte ich hinüberschauen zum Marlene-Dietrich-Platz vorm Musical-Theater und die Berlinale-Stars auf dem roten Teppich von oben betrachten. Der Daimler hat seinen Teil des Platzes schon 2016 an einen US-Investor verkauft und ist zum Ostbahnhof umgezogen.

Der Verkehrsturm steht seit 100 Jahren am Potsdamer Platz. Als erste Verkehrsregelanlage dieser Art in Deutschland. Der Vorläufer der heutigen Ampelanlagen.

Als ich wieder gen Westen, Richtung Philharmonie vom Platz rolle, grüße ich die herrliche Skulptur „The Boxers“ von Keith Haring, die hier seit 1987 steht und immer noch leuchtet und wirkt. Bald ist wieder Berlinale, und der Platz wird sich wieder wie neu anfühlen.

Als ich den Westhafenkanal nach Norden quere, lese ich auf dem Geländer den für mich passenden Spruch des Tages: „Some souls feel each other, even miles apart“

Weiter geht es durch Schrebergartenkolonien hin zum Ex-Flughafen Berlin-Tegel

In Tegel habe ich schon oft die riesigen „Mural Art“- Hochhausmalereien fotografiert. Heute gefällt mir dieses Kunstwerk des Künstler-Teams London Police am besten: Es verströmt spontan gute Laune und bringt mich frohgemut wieder nach Hause.

Rollen, schauen, staunen, Neues entdecken, Schönes und Schauerliches sehen, zurückblicken, und dann wieder nach vorn. Dort ist die Zukunft!