An Kocher und Jagst

Lange schon wollten wir einmal ein paar gemütliche Tage gemeinsam radeln. Peter war immer viel unterwegs, aber mit dem Reisebus, Touristen durch halb Europa schaukeln. Ich habe ihn beneidet für seine Fahrten ans Nordkap, nach Rom und ins Baltikum. Sogar ein Marathon Team hat er vor Jahren kutschiert. Samt Masseuren, Ärzten und Trainern. Jetzt hat er sich entschlossen, aufzuhören. Mit 70 ist das nur vernünftig. Ein klein wenig hadert er noch mit seiner Entscheidung. Da kommt eine schöne Radtour für Körper und Seele gerade recht.

Das Granfondo im Zug nach Crailsheim

Geplant – getan! Am 19. Juni sitze ich mit meinem minimal bepackten Granfondo in Hennigsdorf im Regio und arbeite mich in Etappen vor in südliche Gefilde. Das 49 Euro Ticket will schließlich ausgenutzt werden. Von Potsdam nach Dessau, von Dessau nach Leipzig, dann nach Nürnberg und schon sitze ich im gelben Nahverkehrszug, der mich nach Crailsheim bringen wird. Heute sind alle Züge pünktlich. Ich fasse es kaum, dass ich das noch erleben darf. Ankunft Crailsheim 17.38 Uhr. Nach neun Stunden Bahnfahrt genieße ich die fränkische Luft und rolle mich auf dem Jagstradweg ein. Jagstheim, Jagstzell, Kalkhöfe. Hier will mich Peter samt Rad in sein Campingmobil einladen. Nach kurzweiligen, zum Ende mit einigen Rampen garnierten 16 Kilometern stehen wir voreinander, umarmen uns und freuen uns. Mein Granfondo passt sehr gut auf den Radträger neben Peters Mtb. Mit seinem Mercedes Marco Polo chauffiert uns Peter gekonnt nach Aalen. Ich bin gespannt, wie die Herberge, die ich mit Booking.com gebucht habe, aussieht.

Als wir auf den Innenhof zwischen Handwerksbetrieben und Autowerkstätten rollen, sind wir erst sehr skeptisch. Das sieht sehr nach einer Monteursunterkunft aus. Allerdings empfängt uns der Besitzer sehr freundlich, erzählt uns sogleich seine Unternehmensgeschichte und seine zukünftigen Projekte. Als ob wir seine Berater wären… Hört sich alles gut an. Und der Schwabe war zu alledem auch vor seiner Karriere als Hotelmanager beim Daimler im Motorenbau beschäftigt. Wie auch immer, wir fühlen uns herzlich willkommen und das Apartment sieht richtig gut aus.

Guter Dinge rollen wir mit unseren Rädern hinein in die Altstadt von Aalen, wo wir zünftige Speis und Trank genießen und intensiv über alte und neue Zeiten reden. Irgendwann fahren wir zurück zum Hotel und fallen müde in die Betten.

Peters Marco Polo darf die nächsten Tage hinter dem Boarding House parken, wir bepacken unsere Räder und starten zur 1. Etappe, die uns nach Schwäbisch Hall führen soll. Doch halt, bevor wir an den Kocher rollen, wollen wir noch ordentlich frühstücken, am besten wieder im Zentrum der Altstadt, das uns schon am Vorabend gut gefallen hat. Bei einem Bäcker bekommen wir duftenden Kaffee, dazu belegte Brötchen. Was braucht der Radler mehr. Wie am Vorabend auch, fallen uns der Begriff „Spion“ auf. Spion-Metzgerei, Spion Café und noch einige Male öfter taucht der Spion in Bezeichnungen auf. Als wir losrollen, fragt Peter kurzerhand einen Herrn in unserem Alter, der mit seinem E-Bike an der Ecke steht. Volltreffer! Der Mensch ist nicht nur freundlich, er kennt sich auch bestens aus, weil er in einem Haus direkt am Markt geboren ist. Und dann erzählt er uns die Geschichte vom Spion: hier für die Neugierigen nachzulesen.

Ganz kurz: Wer in der ehemaligen Reichsstadt Aalen zum Rathausturm hochschaut, der sieht dort den Kopf eines bärtigen Mannes mit einer Pfeife im Mund mit verschmitztem Blick herunterlächeln und sich hin- und herdrehen. Das ist der Aalener Spion, dem die Bürger ein Denkmal gesetzt haben. Denn ihm verdanken sie es, dass die Stadt vom Heer des Kaisers einst verschont wurde.

Nun kennen wir die wahre Geschichte vom Spion und können uns wissend und kundig auf den Kocher-Radweg begeben. Der Spion-Erzähler lässt es sich nicht nehmen, uns den besten Weg zum Kocher zu zeigen und verabschiedet sich mit den besten Wünschen.

Einige Male queren wir den Kocher über die typischen Holzbrücken mit Dach. Wer nun meint, die Überdachung wäre als Regenschutz für Wanderer und Radfahrer gebaut, der irrt. Bei „gedeckten“ Holzbrücken schützt das Dach die tragende Konstruktion und sorgt für ein Jahrhunderte währendes Leben. Bei Wöllstein passieren wir einen Wegweiser, der uns fast auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela gelockt hätte. Allein die Entfernung von 2180 Kilometern hält uns von dem Vorhaben ab. Also arbeiten wir uns entlang des Kocher weiter vor in Richtung Schwäbisch Hall. Einige rampenartige Anstiege haben die Planer mit eingebaut. Peter muss so richtig schuften auf seinem Mountainbike.

In Gaildorf schließlich überqueren wir den 49. Breitengrad. Auch er wird uns heute nicht bremsen.

Gerade rechtzeitig entdecken wir an der Stadbefestigung von Gaildorf einen lauschigen Biergarten, der zwar noch nicht geöffnet hat, aber die nette Dame zeigt sich flexibel und zapft für uns Radler zwei große Radler. Die bringen verbrauchte Energie im Nu zurück.

Und bevor ich das vergesse: In Untergröningen staunen wir über einen gut sortierten GIANT-Radladen, noch mehr allerdings über die feinen Colnagos, Eddy Merckx, Basso- Oldies in einem angestaubten Laden namens FEUCHT. Hier ist der Inhalt wesentlich wertvoller als die Hülle.

Zurück auf die Strecke: Noch einige Rampen warten, bis wir endlich am Stadtrand von Schwäbisch Hall ankommen. Die Kulisse der alten Stadt ist beeindruckend, Peter hat schon vor einer Woche eine Unterkunft namens City Living mitten in der Altstadt gebucht. Nur müssen wir das Etablissement erst einmal finden. Unter der Adresse ist nicht einmal ein Türschild auszumachen. Schließlich hilft uns der Wirt der benachbarten Kneipe aus der Bredouille. Er weiß, der Schlüssel ist per Code in einem versteckten Kästchen zu finden. Als wir erleichtert vor der Eingangstreppe stehen, kommt auch schon Franz um die Ecke. Franz, ein alter guter Kollege aus Daimler-Zeiten, der nah von hier wohnt und ein wahrhafter Kenner der Region ist. Wir umarmen uns, freuen uns, bringen unsere Räder unter, ziehen uns um, und schon sind wir wir auf einem Stadtspaziergang mit kundiger Führung unterwegs.

Franz führt uns um die schönsten Ecken, erklärt uns die Historie, wohlwissend, dass uns der Hunger und der Durst baldig in einen Gasthof treiben wird. Direkt am Kocher kehren wir in die Brauereigaststätte Zum Löwen ein. Zünftig! Das Bier schmeckt, Ich esse als Flexitarier ausnahmsweise eine Riesenportion Wurstsalat. Wir reden und reden und essen und trinken und und… Herrlich ist es hier in dieser alten Stadt. Schließlich verabschieden wir uns von Franz, der noch nach Hause fahren muss. Peter und ich gönnen uns noch einen Absacker im Alt Hall. Wir schlummern wohlig und tief und wachen am nächsten Morgen tatendurstig auf. Erst ein Frühstück beim Bäcker, dann hinüber zum Bahnhof Hessental, wo wir für ein paar wenige Kilometer in den Nahverkehrszug nach Crailsheim einsteigen. Hätten wir auch locker ohne Bahn gemacht. Von Crailsheim aus wollen wir Etappe 2 nach Aalen zurück entlang der Jagst in Angriff nehmen. Peter hat sich langsam eingewöhnt auf seinem Mtb. Er macht das für einen „Radanfänger“ richtig gut. Er kann beißen, wenn es bergan geht und sich freuen, wenn es den Berg runter geht. Die ersten Kilometer von Crailsheim in Richtung Aalen kenne ich von Tag 1. Die kleinen Rampen ackert der Peter tapfer hoch. Derweil braut sich vor uns auf Kurs ein heftiges Gewitter zusammen. Es wird immer dunkler, Wind kommt auf, es wird Zeit für eine Pause mit festem Dach überm Kopf. Wir haben unverschämtes Glück. In Schimpfach schlüpfen wir bei beginnendem Regen unter das Vordach eines – noch geschlossenen- Gasthofs. Egal, Hauptsache trocken. Ein paar Minuten später kommt der Gastwirt in Handwerkerklamotten an unseren Tisch, und wir können ihn überzeugen, uns zwei gekühlte Biere zu kredenzen. So überstehen wir den heftigen Schauer mit Donnergrollen locker.

„Da sitzen die, die immer dort sitzen“ – frei übersetzt aus dem Schwäbischen ins Hochdeutsche.

Eine Stunde später ist der Gewitterspuk vorbeigezogen. Die Sonne lacht spöttisch, wir rollen gut gelaunt weiter. Kultur und Historie in Form der Limes-Gedenkstätten warten auf uns. Davor kurven wir durch die Altstadt von Ellwangen und kehren ein im Café Omnibus, genießen Kaffee und Kuchen – wir können uns kaum lösen von diesem gemütlichen Ort. Aber der Limes wartet schon auf uns! Schließlich ist der römische Kaiser Caracalla auf seinem Germanenfeldzug weit in den Norden vorgedrungen und hat einen Grenzwall – den Limes – errichten lassen. Mit Toren, mit Kastellen und anderen Bauwerken. Fast 2000 Jahre liegt das zurück! Weit danach fielen Kultur und Errungenschaften wie Toiletten, Bäder, Kanalisation… in den Schlund des frühen Mittelalters. Umso bewundernswerter ist es, zu sehen, wie kultiviert und fortschrittlich die Römer waren. Wir kurbeln hoch zur Limes-Gedenkstätte. Auf halbem Wege zwischen Schwabsberg und Dalkingen. Aufwändig gemacht, viel Glas, viel Information. Chapeau! Und die Dame im Innern des Glashauses informiert uns professionell und engagiert. Vollkommen unerwartet für uns, so weit ganz draußen auf dem Lande!

Wir saugen eine Stunde lang Geschichte und Kultur in uns hinein, bis wir wieder Lust verspüren, weiterzufahren. Unser Boarding-House-Chef ruft uns an, um zu verkünden, dass soeben ein Gast frühzeitig abgereist ist und wir doch noch ein Zimmer bekommen. Beruhigend. Wir müssen nicht mehr weitersuchen und können uns ganz entspannt auf ein genüssliches Abendessen freuen.

Sonnenuntergang und köstlicher Rotwein, dazu lassen wir unsere Kocher-Jagst-Tour Revue passieren. Bis zur nächsten Radrunde warten wir nicht wieder solange, sind wir uns einig.

Fläming, Elbe, Elster

Drei Tage Traumwetter, drei Tage ohne irgendwelche Termine, drei Tage auf dem Rad.

Am besten der Nase nach, am besten los mit dem Wind im Rücken, „easy-riding for an old man“. So sollte es gehen, denke ich mir am Mittwochabend und packe meine Sachen zusammen.

Ich werde auch die neue Ortlieb-Trunkbag-Tasche testen. 12 Liter Inhalt, wasserdicht, schmal bauend, 800 g leicht. Mein vorerst letzter Schritt zur Gepäckminimierung für kleine Etappentouren im Frühjahr und Sommer. Als ich die Tasche bestellte, hatte ich nicht berücksichtigt, dass mein Tubus-Airy-Titan-Gepäckträger nur 60 mm schmal ist. Da hängen die beiden Gravelpacks seitlich wunderbar dran, aber 6 cm Stegabstand ist zu wenig für die Befestigungsklauen derTasche. Die Lösung des Problems ist die Verbreiterung mittels zweier Alustäbe rechts und links am Träger. Verdrehfest mit Kabelbindern und zwei vorgebohrten Aluprofilen befestigt. Kosten 10 Euro. Zeitaufwand 90 Minuten. Der Trunkbag sitzt nun bombenfest auf dem Airy.

Am Donnerstagmorgen gegen 10 Uhr mache ich mich auf den Weg. Noch sind es frische 13 Grad, Brevet-Jersey, dünne Armlinge, Windweste drüber und an den Beinen die schön wärmenden X-Bionic-Beinlinge. So rolle ich mich ein und wähle einen Track, der an Berlin westlich vorbeiführt, hin nach Falkensee, über Seedorf nach Potsdam, nach Caputh am Schwielowseee und dann hinein in den Fläming.

Ich verlasse die geteerten Wege und tauche ein in die Wiesen und Auen. Zwei Störche überfliegen mich in wenigen Metern Höhe. Ein erhabener Anblick. Einfach innehalten, wahrnehmen und genießen.

Die Sandpassagen auf den nächsten Kilometern bremsen mich zwar, die gute Laune können sie aber nicht trüben. Barockkirchen in Rosa, ein Ortsname wie im Voralpenland: Salzbrunn.

Hier wurde schon im 16 Jhd. nach Salz gebohrt. Eine Saline sollte entstehen. Alle Mühe war vergebens, der Salzgehalt war viel zu gering. Allein der Ortsname erinnert an das frühe Projekt der Kurfürsten. Im Fläming muss man nur die Hauptrouten verlassen, um immer wieder Erstaunliches zu entdecken.

Barockkirche in Reesdorf

In Treuenbrietzen erkenne ich die Dahlbeck-Bäckerei wieder, bei der Peter, Matthias und ich die erste Pause auf der Etappentour 2016 nach Tschechien und Bayern eingelegt hatten. Heute teste ich die Qualität des Milchkaffees erneut. Bestanden. Lecker. Nur doppelt so teuer wie vor sieben Jahren.

Noch 30 Kilometer bis zu meinem Tagesziel Wittenberg. In einem kleinen Bogen nach Südosten arbeite ich mich über Zahna an die Stadt heran. Die Lutherstadt strahlt seit den mit großem Aufwand betriebenen Restaurationsarbeiten zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation im Jahre 2017 in neuem Glanz. Eine vorzeigbare Innenstadtzone ist entstanden. An diesem herrlichen Donnerstagabend flanieren nur wenige Menschen in der Stadt. Nur im Bereich vom Marktplatz mit Luther-und Melanchthondenkmal tummeln sich einige Touristen.

Hinter der Schlosskirche schießt ein Mann mit einem langen Blasrohr auf einen kleinen Luftballon. Aus sicher mehr als 50 Metern Entfernung. Als ich respektvoll näher zu ihm gehe, zeigt er mir mit einigen präzisen Schüssen seine Pustekunst. Irgendwie passend zum den mächtigen Turm umgreifenden Spruchband: “ Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“.

Noch mehr Kunst gibt es in Form der Skulptur “ Die unerträgliche Leichtigkeit“ des Bildhauers Frank Seidel zu bestaunen. Sie balanciert auf einem rostrot in der Sonne leuchtenden Sockel. Es ist 19 Uhr geworden und ich sollte bald eine Bleibe für die Nacht finden. Booking.com lotst mich in Richtung Bahnhof und zum Hotel Acron. Die Dame an der Rezeption kann ich davon überzeugen, dass mein Granfondo besser im Zimmer als im Radschuppen auf dem Hof untergebracht ist. Duschen, umziehen, Stadt erkunden. Nach 15 Minuten bin ich unterwegs und laufe durch die Gassen.

Dreimal hin und wieder zurück, Luther, Melanchthon, Thesentür, dann endlich ein Italiener, kein historischer, nein, einfach ein guter Gastgeber mit einem guten Koch. Satt und zufrieden wandere ich zurück zum Hotel und gönne mir noch ein Absacker-Bier. Danach falle ich in einen erholsamen Tiefschlaf.

Am nächsten Morgen lacht die Sonne aus einem klarblauen Himmel herab. Das Grün der Elbauen bildet einen filmreifen Kontrast dazu. Genuss pur für Körper und Seele! Es rollt wunderbar. Querab von Torgau enden die Ortschaften fast alle auf – witz. Kein Witz! Triestewitz, Kathewitz, Adelwitz, Ammelgoßwitz… Besonders in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen ist diese Endung häufig anzutreffen und weist meistens wohl auf den Gründer oder Erbherren des Ortes hin. Also: Kathewitz – die zu Kathe Gehörigen.

In Prettin rolle ich am Schloss Lichtenburg vorbei. Das teilrestaurierte, riesige Gebäude hat eine ziemlich illustre Geschichte: Erbaut im 16. Jahrhundert als Wittwensitz der sächsischen Kurfürstinnen, wurde das Anwesen im Jahr 1812 umfunktioniert zum kursächsischen Gefängnis und danach zur Strafanstalt für über 500 Insassen. Im dritten Reich begann das finstere Kapitel als Konzentrationslager. Man mag kaum glauben, was hinter den Mauern der Schlossfassade alles geschehen ist über die Jahrhunderte. Heute residiert hier ein Museum zum Gedenken an die KZ-Opfer.

In Triestewitz wird das ehemalige Rittergut als Hotel genutzt, direkt daneben verfallene Gutsanlagen und rostendes Landwirtschaftsgerät. Die Zeit steht still.

In Großtreben backt der Bäcker Schröder in großem Stil und betreibt auch noch einen netten Bäckerladen samt Café. Der Milchkaffee mundet und das Hefeteilchen bringt verbrauchte Energie im Nu zurück. „Heimat, Handwerk, Herzlichkeit“, lese ich hinter der Sitzecke. Kann ich so bestätigen!

In Belgern setze ich mit der Seilfähre über auf die Westseite der Elbe. Der Elbe-Radweg führt im Zickzack-Kurs durch die Auen und Hügel. Genau richtig für Menschen, die keine Eile haben und gerne viel sehen wollen. Also ideal für mich in diesen Tagen. Blumenwiesen, zufrieden wiederkäuende Rinder, eine prächtige Kastanie in voller Blüte. Dann ein gelber Hochzeitstrabbi mit Blumenschmuck vorm Standesamt in Strehla und als vorläufiger Höhepunkt des Tages die Entdeckung des ganz besonderen Flugplatzes von Riesa.

Als ich auf der linken Seite die Fliegerhalle und den Tower entdecke, wundere ich mich darüber, dass die Startbahn auf der gegenüberliegenden Straßenseite anfängt. Obacht! Flugzeuge queren die Fahrbahn. Alles gut geregelt, denn der Flugleiter schaltet die Ampel auf Rot, der Sportflieger rollt quer über die Straße, mein Granfondo staunt.

Neugierig, wie ich bin, rolle ich danach noch zur Halle, vor der gerade ein Doppeldecker startbereit gemacht wird. Sieht alt aus, ist aber ein gänzlich neues Ultraleicht-Fluggerät, wie mir später der Erbauer und Besitzer stolz erzählt. Wir ratschen über alte und neue Zeiten – schließlich habe ich auch in grauer Vorzeit solche Flugzeuge geflogen. Eine halbe Stunde später verlasse ich den Verkehrslandeplatz Riesa Göhlis und nehme den letzten Teil meiner Tagesetappe ins Visier: Meißen. Auf den nächsten Kilometern könnten die Gegensätze nicht größer sein: Auf der Ostseite der Elbe die riesigen Anlagen von Wacker Chemie, auf meiner Seite blühende Landschaften.

An der Wäscheleine am Ufer trocknen Büstenhalter und Unterhosen. Daneben grasen friedlich wunderbar braune, gescheckte und gelbweiße Rinder. Dann kommt die mächtige Albrechtsburg in mein Blickfeld und wird immer größer. In der Altstadt von Meißen herrscht rege Betriebsamkeit, die Stadt ist heute Abend im sportlichen Ausnahmezustand. Aufgeblasene Zielbögen, Getränkestände, Streckenabgrenzungen… Ich staune und schiebe mich und mein Granfondo durch die Menschenmassen. Als ich im Zielbereich ankomme, biegen gerade die Schnellsten der vierten Klassen um die letzte Kurve. Beifall brandet auf.

Bei der Suche nach einer Unterkunft habe ich Glück. Ich bekomme ein Zimmer im Hotel Am Markt. Mein Granfondo residiert selbstverständlich wieder einmal gemeinsam mit mir. Jetzt beginnt der sportkulturelle Genussteil des Tages. Erst duschen, umziehen, dann wieder hinein in den Trubel. Fast wie beim Sechstagerennen ist es hier, man kann inmitten der Sportveranstaltung essen und trinken und es sich gut gehen lassen. Drumherum schwitzen die Läuferinnen und Läufer. Ich genieße derweil ein Glas Wackerbarth Rosé.

Fast 22 Uhr ist es , als die Letzten ambitionierten Amateure nach ihrer Marathonstrecke ins Ziel kommen. Der Mond leuchtet herunter auf die Altstadt. Eine friedliche Stimmung. Ich bin zufrieden mit diesem Tag, mit den Menschen um mich herum und der atmenden alten Kultur dieser Stadt.

Am nächsten Morgen starte ich gut gelaunt und nehme wieder Kurs auf Berliner Gefilde. Zurück auf der Ostseite der Elbe, entlang an den Weinbergen hin bis Riesa und dann das Elstertal hinauf. Mit der Bahn will ich das letzte Stück fahren. Allein die Bahn hat ein Problem. Ein Stellwerk ist ausgefallen, der Zug kann nicht weiter, ich setze mich wieder aufs Rad und ziehe noch einmal 50 km durch bis Jüterbog, dann bekomme ich eine Verbindung nach B. Als es dunkelt, rolle ich wieder vor der Haustür aus. Eine echte Kultur- Genusstour war es. Wittenberg, Meißen, die Elbauen. Herrlich! Verlangt nach baldiger Wiederholung, weil es immer wieder Neues zu entdecken gibt.