Lost Places in Brandenburg – Bogensee

Mein Basso-Crosser wird bald 35 Jahre alt. Als ich das Rad bei Radsport Holczer in Herrenberg in Empfang nahm, fiel die Mauer in Berlin. Seine Räder rollten zuerst nur in Schwaben, Bayern und auch in der Provence. Erst nach dem Umzug aus dem Ländle ins Brandenburger Land um die Jahrtausendwende durfte es die hiesigen Wälder und Feldfluren erkunden. An uralte Eichen, Ulmen und Linden wurde es angelehnt. Verfallene Bunkeranlagen aus Weltkriegs- und auch DDR-Zeiten durchkurvte es. Alte Flugzeughallen, in denen die Bomber standen, Lungenheilanstalten, in denen schon lange keine Patienten mehr atmen, bestaunte es.

Und vor mehr als zehn Jahren war ich zum ersten Mal mit ihm in Bogensee. Heute, an einem Herbsttag mit klarem Himmel und frischen Lüften, habe ich Lust, wieder durch die bunten Wälder nach Norden zu fahren. In Wandlitz treffe ich an der Anlegestelle am See einen Ex-Rennkajakfahrer, der sein neues Kevlarboot aus dem Wasser zieht. Zufrieden sieht er aus, und er ist es auch. Das Boot ist leicht und nicht so kippelig wie ein Renngerät. Das sei sehr entspannt zu fahren und genussvoll zugleich. Schließlich ist der Sportler gerade in Rente gegangen, wie er mir erzählt. Wir konstatieren, dass die Rentnerzeit geradezu dazu verpflichtet, körperlich und auch geistig aktiv zu bleiben, und wünschen uns in diesem Sinne einen erlebnisreichen Tag. Von Wandlitz bis Bogensee ist es nicht weit. So um die sieben Kilometer. Wenn also die DDR-Granden den FDJ- Schülern in der Kaderschmiede Bogensee einen Besuch abstatten wollten, hatten sie es nicht weit.

Nördlich von Wandlitz führt die Straße hin nach Prenden. Nach drei Kilometern folge ich dem Schild „Bogensee“.

Um halb eins stehe ich vor dem überwucherten Torhäuschen, an dem einst der Zugang zum Gelände kontrolliert wurde. Daneben, offensichtlich jüngst abgefackelt, eine Garage mit undefinierbarem Inhalt. Ein paar Meter weiter begrüßen mich die Hinweistafeln zum längst verlassenen Internationalen Bildungs-Centrum IBC. Seit 1999 wird hier niemand mehr gebildet. Stillstand herrscht, die Natur holt sich die Anlage zurück.

„Herzlich willkommen“ … heute wirkt das wie ein Hohn. Willkommen sind hier bestenfalls Füchse und Wildschweine.

Im einzigen Gebäude, das heute noch genutzt wird, dem ursprünglichen Wirtschaftstrakt der Villa, residiert die „INU“ Waldschule.

Ein paar Meter weiter dann erblicke ich die einstige Göbbels-Villa, die er romantisch seinen „Waldhof“ genannt hat. Schon 1936 schenkte die Stadt Berlin dem Propagandaminister das Nießbrauchrecht für 496 Hektar Land zum 39. Geburtstag. Wahrscheinlich auf Weisung des Führers Adolf H. Dann ließ er das bescheidene Gebäude mit 1600 qm Grundfläche, 30 Privaträumen, 40 Dienstzimmern, einem 100 Quadratmeter großen Filmsaal und 60 Telefonen errichten. Dazu kamen noch Dienst-und Wirtschaftsgebäude für die Versorgung und das Wachpersonal. In den letzten Jahren ist das Gebäude immer mehr von Büschen und Bäumen zugewuchert. Vom bogenförmigen Schriftzug überm Eingang bröselt der Lack, der Putz löst sich in großen Placken.

Die Liebespaar-Skulptur, die erst im Jahre 1986 hier aufgestellt wurde, stammt aus einem Kunstprojekt der DDR. Ute Appelt-Lillack kann ich als die Bildhauerin dieses und auch anderer Werke auf dem Gelände ergooglen. Das Paar ist seit vier Jahren kopflos. Nur ein dicker Stahldraht ragt noch oben aus der Betonskulptur heraus.

Wenn ich mir vorstelle, wie Joseph Göbbels hier seine Rede mit dem Kernsatz: „Wollt ihr den totalen Krieg“ vorbereitet hat, gruselt es mich. Am 18. Februar 1943 wurden die allerletzten Menschenreserven für die Endphase des Krieges mobilisiert,

Alle Männer zwischen 16 und 65 sowie Frauen zwischen 17 und 45 Jahren konnten zur Reichsverteidigung herangezogen werden. Mit der Erweiterung der Wehrpflicht ab August 1943 wurden Hitlerjungen unter 18 Jahren direkt aus Wehrertüchtigungslagern in die Wehrmacht eingezogen . 

Göbbels hat hier zu Kriegszeiten heile Welt samt Familie gespielt und inszeniert.

Heute gibt es auf dem Gelände keinen einzigen Hinweis auf die Historie des Ortes. Keine Informationen, einfach NICHTS! So viel offensichtliche Geschichtsvergessenheit macht mich geradezu zornig.

Auch zur Historie der riesigen Anlage, die Anfang der 50er Jahre als FDJ-Jugendhochschule errichtet wurde, ist nirgendwo eine Information zu finden. Das Ende der DDR bedeutete auch das Ende der FDJ. In den 90er Jahren wurden das Lektionsgebäude, die Wohnhäuser, das Kulturhaus und auch die Ex-Göbbels-Villa von ehemaligen Mitarbeitern der Hochschule als Internationales Bildungs-Centrum bis 1999 weiter genutzt und erhalten. Bis die Kosten zu hoch wurden und die notwendigen Restaurierungsarbeiten das Budget der Organisation weit überstiegen. Die Pleite war die Folge. Ein Nachnutzungskonzept gab und gibt es immer noch nicht. Viele Anläufe, kein Fortschritt. Das Land Berlin als Eigentümer erwägt aktuell den Abriss der Bauten. Der würde aber mindestens 40 Mio. Euro kosten.

Und die hat natürlich Berlin nicht. Stattdessen wird wohl bald eine aktuelle Studie zur möglichen zukünftigen Nutzung erscheinen. Der Einzige, dem das Nutzen bringt, ist wahrscheinlich das beauftragte Planungsbüro. So wird wahrscheinlich Bogensee irgendwann komplett zugewuchert sein. Die nächsten Generationen können dann hier archäologische Abenteuerwanderungen machen.

Mein Basso sieht die Geschichte und die Zukunft von Bogensee mit dem gelassenen Blick eines gereiften Oldies. So wie ich auch. Darauf einen Schluck heißen Ingwertee aus der Thermosflasche.

Nachklapp:

Die bunte Herbstnatur macht dann doch wieder gute Laune.

Herbst

Himmel, Wolken, Farben

Die Luft ist klar, die Luft ist kalt, die Luft duftet nach Erde, feuchtem Gras und Holz. Wir rollen durch die Barnimer Feldmark nach Osten.

Am Ende der herrlichen Lindenallee ist der Kirchturm von Freudenberg zu erkennen. Ein Türmchen wächst schmal aus dem neugotischen Turm in den Herbsthimmel.

Am Giebel einer Feldsteinscheune zwei Davidsterne, dazwischen im Fenster eine halb herabhängende Flagge mit der Aufschrift “ Schwerter zu Pflugscharen“. Gab es hier einmal eine jüdische Gemeinde, eine Synagoge gar? Ich kann nirgendwo eine Information dazu finden… Es ist Mittag geworden, als wir uns die kleine Welle nach Haselberg hinaufarbeiten. Von hier reicht der Blick bis weit in das Oderbruch. Hinunter geht es nach Vevais, einer kleinen Ansiedlung mit hoch interessanter hugenottischer Historie. Nach wenigen Minuten stehen wir vor der kleinen Figurengruppe aus Keramik, die zur Erinnerung an die Kolonistenfamilien, die aus der Gegend von Vevey am Genfer See mit allem Hab und Gut vor mehr als 250 Jahren ins Oderbruch gewandert waren. Die Geschichte dazu habe ich unter dem blau unterstrichenen Link beschrieben.

Eine Viertelstunde später stehen wir wieder vor einem Kunstwerk mit historischem Bezug. Vor der Kirche in Wriezen umkurven wir den Lebensbrunnen des Bildhauers Horst Engelhardt. Offiziell ist es der Marktbrunnen, im Volksmund der Teufelsbrunnen. Je nach Perspektive ein teuflisch-frivoles Kunstwerk. Oben auf dem Granit tanzt ein Fabelwesen. Unten liegt eine Nixe, daneben ein Spielmann und ein Fischer.

Die beiden Titan-Granfondi lehnen an der Bronzefigur mit Helm und Brett vorm Kopf mit der Inschrift „Jeder kann es sich selbst herunter reissen“ . Dem stimme ich einfach mal vorbehaltlos zu.

Nach einer stärkenden Kaffeepause suchen und finden wir den Einstieg auf den Bahnradweg hinüber zur Europabrücke. 10 Kilometer ohne Menschen, ohne Autos. Herrlich!

Herbstfassade in Alt Mädewitz

Die Oder empfängt uns mit einem traumhaften Cumulushimmel über dem noch flutverbreiterten Flussbett. Stehen und staunen.

Auf dem Oderradweg wählen wir die obere Spur auf dem Deich und werden mit den schönsten Ausblicken belohnt, die ein Herbsttag im Bruch bieten kann. Wir rollen und schauen und rollen und staunen. Ein riesiger Cumulus hat sich wie ein Fächer am Himmel ausgebreitet und trägt zur Zierde eine wirbelige, weiße Vorderkante.

In Groß Neuendorf sind die Bahnwaggons des Cafés wieder aus der Flut der vergangenen Tage aufgestiegen und sehen unversehrt aus. An der Wegbiegung leuchtet an der alten Drogeriefassade rot das Herbstlaub.

In Kienitz machen wir halt am Panzerdenkmal, das seit 1970 hier steht. Als Erinnerung und Mahnmal für die Sowjetsoldaten, die hier am 31. Januar 1945 die Oder überschritten und den ersten Brückenkopf auf der Westseite errichteten. Bis zum Ende des Krieges starben danach in der Schlacht um die Seelower Höhen zehntausende Soldaten.

Russischer T 34 – Panzer

Das Titan-Granfondo freut sich über bald 80 Jahre Frieden. Hier jedenfalls.

16 Uhr ist es mittlerweile, 110 Genusskilometer liegen hinter uns. Die Sonne beleuchtet die Oderlandschaft besser, als es die Profis am Filmset vermögen. Der Abschnitt bis Küstrin kommt uns vor wie eine großartige Naturinszenierung. Hier die Stimmungsfotos dazu:

Nach dem zurückgegangenen Hochwasser der vergangenen Woche haben die Bäume immer noch nasse Füße. Ende September, zwei Wochen vor unserer Tour, war der Pegelstand noch zwei Meter höher in Kienitz . Die Kraniche, die Graugänse und die Stare untermalen die beeindruckende Vorstellung mit einem vielfältigen Konzert.

In Neubleyen gelangen wir wieder in die schnöde Realität der Zivilisation. Eine Übernachtung wird hier ab 25 € pro Person geboten. Die Lokalität lockt uns allerdings absolut nicht. Zudem ist der Gasthof geschlossen. Also heißt es weiterfahren, obwohl der Magen knurrt. Aber wir haben ja unsere wohlgefüllten Trinkflaschen dabei. Und Wolfgang stärkt sich mit einer Banane, ich bevorzuge meinen Eiweißriegel. So erreichen wir in lockerer Stimmung den Bahnhof Küstrin-Kietz, wobei wir wissen, dass seit Jahren hier außer dem Bahnanschluss absolut nichts geboten wird. Nur die Luft ist rein und riecht nach Herbst. Ich befrage meine Bahn-App nach der Abfahrtszeit für den Zug nach Berlin. Die erste Zeit leuchtet rot und ist durchgestrichen! Aha! Der Zug fällt aus. Und genau das bestätigen uns zwei nette Mitarbeiter der NEG, die genauso warten wie wir. Nur scheint das für die beiden absolut normal zu sein. Total entspannt unterhalten sie sich weiter. Der nächste Zug geht in 90 Minuten. Eineinhalb Stunden hier herumstehen?! Nein! Also rollen wir hinüber nach Polen, nach Küstrin, dorthin, wo es Bier gibt und auch einen Bahnhof.

Wir haben Glück. Nach zwei Polen, die Schnaps und Bier und noch mehr Schnaps wollen, kaufen wir zwei Flaschen TYSK Bier für den Sparpreis von 3,60 €. Genuss pur. Fast sind wir versucht, noch einen Sixpack für die Bahnfahrt zu ordern. Dann fährt der Zug nach Berlin. Pünktlich. Um 22 Uhr bin ich zu Hause. Ein wunderbarer Tag war das. Natur, Natur, Natur.

Zwei Oldies unterwegs am Main

Voriges Jahr war ich mit Peter an Kocher und Jagst unterwegs. Vier Tage lang kurvten wir an den Flüssen entlang und genossen abends leckeres Essen, Bier und Wein. Als wir uns in Aalen verabschiedeten, er nach Regensburg und ich nach Berlin zurückfuhren, hatten wir schon eine Tour für den Folgesommer im Kopf. Irgendwann im Frühjahr machte ich den Vorschlag, doch den Main abwärts zu erkunden. Nahrung für Körper und Geist. Auf den Spuren der fränkischen Bierbrauer und Winzer, der Historie von Dörfern und Städten.

Am 14. August radle ich zum S-Bahnhof in Berlin-Frohnau und bin gespannt, was die Deutsche Bahn heute für mich an Überraschungen bereit hält auf der Etappe nach Bamberg. 7 h 37 min. , fünf Umstiege. Ein Arbeitstag in der Bahn erwartet mich. Was soll ich sagen, es tritt ein, was selten eintritt: Die Züge fahren pünktlich! Mein Granfondo samt Gepäck bekommt immer einen ordentlichen Platz. So rolle ich gegen 17 Uhr gut gelaunt vom Bahnsteig des kleinen Ortes Küps und suche den Einstieg auf den Radweg an der Rodach entlang, Kurs Michelau, wo ich im Hotel Spitzenpfeil ein Zimmer gebucht habe. Redwitz, Zettlitz, Schwürbitz, dann nach 18 Kilometern endlich der Zielort. Ich überrede den Gastwirt an der Rezeption, dass ich mein Titanrad doch besser auf mein Zimmer mitnehme. Eine leichte Übung, denn ich muss nur um die nächste Hausecke mit eigenem Eingang. Duschen, umziehen und raus ins Getümmel. Besser gesagt, in den fast menschenleeren Ort. Nach einer halben Stunde Ortserkundung bin ich einigermaßen gefrustet. Kein offener Gasthof, kein Laden, einfach nüscht! Nur ein Korbflechtermuseum, ein Tattoostudio… 

Und dann doch die Erlösung: In einem Hinterhof sehe ich an langen Tischen Menschen reden, essen, trinken, lachen. Schon habe ich einen Platz gefunden und werde von einer netten, wild tätowierten Dame nach meinen Essenswünschen gefragt. 20 Minuten später duftet vor mir ein Bolognaiseschnitzel mit Pommes, dazu ein Leikeimer Bier. Ein halber Liter für drei Euro. Das gibt es noch! Und wunderbar schmecken tut es auch. Satt und zufrieden liege ich um 23 Uhr im Bett. Die Hitze will nicht weichen, und abdunkeln lässt sich das Zimmer auch nicht. Irgendwann schlummere ich ein.

Der Wirt, der mir am Abend zuvor die Zimmerschlüssel überreicht hat, bereitet auch die Frühstückstafel. Viel geschlafen hat der fleißige Mann ganz sicher nicht. Personalnot oder Sparsamkeit. Oder vielleicht beides. Um 9 Uhr schiebe ich mein Granfondo auf den Hof und rolle gen Bamberg los. Gegen Mittag sollte Peter am Bahnhof eintreffen. Lichtenfels ist der erste Ort mit Fotomotiven. Wieder einmal Flechtwerk, aber auch moderne Kunst. Vor der Kirche, aus der am Tag von Mariä Himmelfahrt Chorgesang schallt, sind riesige Körbe aufgereiht. Dann stehe ich staunend vor einer Skulptur und dem „Archiv der Zukunft“ der Stadt Lichtenfels. 25 Tonnen Stahl sind zu einer „Weidenplastik“ verarbeitet, zur Darstellung des Baumes, aus dem die Körbe und Geflechte gewonnen wurden und werden.

Vierzehnheiligen, Staffelstein – ich kurbele an der fränkischen Historie vorbei. Am Radweg entdecke ich ein seltenes Bierflaschen-Schuhkunstwerk.

Flasche mit Schuh – Künstler unbekannt

Mein Zeitplan, Peter um die Mittagszeit am Bahnhof Bamberg in Empfang zu nehmen, beginnt zu wackeln, als ich versuche, die gesperrte Brücke in Scheßlitz zu umkurven. Wenige Hinweise auf den Verlauf des Mainradweges! Auch andere Radler sind suchend unterwegs. Ich mache einen Umweg von mindestens 10 Kilometern, bis ich wieder auf Kurs Bamberg bin. Sauerei! Am Ende aber überhaupt kein Problem, weil auch Peter nicht zur vereinbarten Zeit in Bamberg einrollen kann. Ich habe alle Zeit der Welt, um den Bahnhof und das Verpflegungsangebot kennenzulernen und zu testen. Gegen 13 Uhr rollt endlich der Zug aus Regensburg ein, und ich kann Peter in Empfang nehmen.

Peter ist im Nebenerwerb auch Reiseführer. So zeigt er mir als Startschmankerl erst einmal ein paar Sehenswürdigkeiten der historischen Stadt Bamberg. Ein leckeres Bier unter schattenspendenden Platanen schlürfen wir zur Vorbereitung auf unsere erste gemeinsame Etappe auf dem Mainradweg. Guter Start!

Das Granfondo vor dem Alten Rathaus in Bamberg

Reden, schauen, kurven … heute nachmittag werden wir keine Rekordetappe fahren! 40 Kilometer stehen ab Bamberg auf dem Zähler. Bei mir sind es von Michelau aus 85. In Zeil finden wir das Hotel Kolb, wo wir sehr freundlich empfangen werden. Peter und ich haben eine Menge zu bereden, schließlich haben wir uns seit über einem Jahr nicht gesehen. Gutes Essen, leckeres Bier, nette Wirtsleut … was will man mehr!

Marktplatz Zeil im Abendlicht

Es ist halb drei, als wir schließlich am Main entlang in Richtung Zeil rollen. Gemütliche, beschauliche 40 Kilometer werden es heute noch, bis wir im Hotel Kolb einchecken.

Am nächsten Morgen müssen wir unsere „Biobikes“ zunächst einmal hinter den davor geparkten, klotzschweren Elektrobikes hervorholen. Dann starten wir in einen herrlichen Blauhimmeltag. In Hassfurt folge ich den kombinierten Radweg-/ Flugplatzschildern. Irgendwie magisch zieht mich wieder, wie zu meiner Hobbypilotenzeit, eine Startbahn an. Es begrüßt uns ein Starfighter aus den 70ern, eine F 104 G. Ein Oldie, der hier als Blickfang auf dem Vorfeld steht. Die Luftwaffe hatte in der Zeit des Kalten Krieges insgesamt 916 F 104 beschafft und im Einsatz. In dieser Zeit machte sich der Mach-2-Jäger als Witwenmacher einen traurigen Namen. 300 von ihnen gingen durch Unfälle verloren, 269 davon stürzten ab, 108 Piloten kamen ums Leben. Eine unfassbare Serie in den Jahren von 1960 bis 1990.

Auf dem Flugplatz erwacht langsam der Betrieb. Eine Absetzmaschine startet mit Fallschirmspringern, die wir allerdings nicht beim Sprung zu sehen bekommen. Wir reißen uns schließlich los und kurven wieder auf den Radweg ein. Der Main macht bei Schweinfurt einen Bogen nach Süden. Die beiden mächtigen Kühltürme des stillgelegten Atomkraftwerks Grafenrheinfeld kommen in Sicht. Wir entdecken erste Sperrungen von Straßen, die hin zum Atommeiler führen. Auf den kleinen Rastplätzen stehen untypisch viele Autos. Fotostative werden in Stellung gebracht, Ferngläser ausgepackt. Was ist hier nur los, fragen wir uns und dann schließlich Google. Aha: Die Menschen warten gespannt auf die Sprengung der beiden Kühltürme, die für etwa 19 Uhr geplant ist. Wir haben gerade Mittagszeit, und wir wollen noch mindestens vier Stunden Strecke machen. Außerdem schauen wir lieber auf altes Fachwerk als auf zusammenstürzenden Beton.

In Volkach sind wir in Weinfranken angekommen, nur gut, dass es hier auch alkoholfreies Weizenbier gibt, ein wohlschmeckendes iostonisches Getränk. Bis Kitzingen sind es nur noch 20 Kilometer. Es wird Zeit, eine Bleibe für die Nacht zu suchen. Im „Richthofen-Circle“, einer Kombination aus Reiterhöfen, Hotel und einer Wohnanlage, bekommen wir im Hotel Cavallestro ein herrschaftliches Zimmer – in den Gebäuden der ehemaligen Kasernen, die der deutschen Wehrmacht und dann nach Kriegsende den Amerikanern mehr als sechs Jahrzehnte als Garnisonsstandort diente. Peter sinkt in einen ausladenden Sessel, in dem vielleicht schon mal die Offiziere Whiskey und Guinness getrunken haben.

Im Biergarten mit Burger-Restaurant werden wir bestens vom Portugiesen Thiago bedient und unterhalten. Wir sind heute die letzten Gäste.

Am nächsten Morgen starten wir auf unsere dritte Etappe. Bisher stehen 174 Kilometer auf der Uhr. Heute sollen knapp 100 Kilometer dazukommen. Der Mainradweg ist ja eher ein Genusstrack als eine sportliche Herausforderung. Bis Ochsenfurt strömt der Main nach Süden, um dann wieder nach Nordwesten, in Richtung Würzburg zu fließen. Vor dem Goldenen Rosshof des schönen Fachwerkstädtchens greift Peter spontan zum Hörer des dort stehenden Telekom-Rufturmes. Wahrhaft ein Zeichen der neuen, digitalen Zeit. Oder ist es doch nur ein Relikt der vergangenen Jahrzehnte?!

Nach einer Pause mit Kauzen-Weissbier, natürlich alkoholfrei, sind wir kaum richtig in Schwung, da werden wir schon wieder von Kultur- und Genussangeboten gebremst: In Würzburg müssen wir unbedingt einen „Brückenschoppen“ zu uns nehmen.

Peter meint, wir sollten uns erst einmal mit einem Frankenwein stärken. Die Vernunft sorgt dafür, dass wir uns mit einem Achtel begnügen. Dazu noch ein Glas Mineralwasser. Die Urlauber flanieren durch die Altstadt und machen in den Andenkenläden Umsatz. Wir setzen uns wieder auf die Räder und sind im Nu im Himmel, Pardon, in Himmelstadt.

Nach dem Würzburger Brückenschoppen brauchen wir ein paar Kilometer, um wieder ins Rollen zu kommen. Peter will unbedingt ein paar Seitenbacher Proteinriegel und ein Röhrchen ISO-Tabletten kaufen. Nur, hier einen DM-Laden zu finden ist nicht so leicht. Endlich, in Karlstadt, werden wir fündig und können uns versorgen. Es ist 16.30 Uhr, als wir wieder auf Kurs gehen. In Lohr habe ich das Hotel „Bike-Lodge Spessart“ gefunden. Vielversprechend! Aber noch mindestens 30 Kilometer bis dorthin. Bei Gemünden und Langenprozelten rücken die Berghänge immer näher heran an den Main. Die lieblichen Weinberge haben wir hinter uns gelassen. Und der Radweg ist von mäßiger Qualität, zumindest der auf der rechten Mainseite. Unsere Kommunikation wird immer spärlicher, Peter kommt langsam an seine Grenzen. Er hat allerdings auf seinem alten „Göpel“, wie er sein 26″-MTB aus den 90ern nennt, auch wesentlich mehr Tretarbeit zu leisten als ich auf meinem Titan-Granfondo. Also bin ich einfach mal ruhig. Fast 100 Kilometer haben wir geschafft, als die Holzhäuser der Bike-Lodge zu sehen sind, allerdings auf der anderen Mainseite. Also müssen wir noch bis Lohr treten, dann über die Brücke und zurück nach Steinbach. Peter hat schlechte Laune ob des Umweges.

Als wir auf dem Innenhof der Bike-Lodge ankommen, verfliegt die mäßige Laune schnell. Nette Menschen, eine wunderbar gestaltete Anlage im Holzbau. Leckeres Bier und das richtige Futter, um die Kohlenhydratspeicher wieder zu füllen. Christoph von Hutten und seine Frau Eli haben hier, ganz nahe dem Familiensitz Schloß Steinbach, die Bike Lodge Spessart aus dem Holz der eigenen Lärchenwälder gebaut. Respekt! Hier können sich Radler, Wanderer, Touristen wohlfühlen.

Am nächsten Morgen starten wir gut gelaunt auf Etappe Nr. 4 nach Wertheim und Miltenberg. Der Main macht jetzt wieder einen großen Bogen nach Süden. Es hat geregnet in der Nacht, und es soll auch tagsüber nass werden. Zumindest werden wir an diesem Tage auf unsere Sonnenschutzcreme verzichten können. Auf den Kilometern nach Wertheim über Marktheidenfeld und Triefenstein können wir allerlei Historisches, aber auch Skurriles entdecken.

Am Main aufgereihte Markt- und Imbissstände. Präsentationen des örtlichen Handwerks, alles in bunter Reihenfolge. Dann stehe ich vor vergammelten Garagen, davor ein vergammeltes Wohnmobil mir den Aufschriften und Lehrsprüchen einer alternativen Szene. Das hätte ich bis jetzt eher in Berlin-Neukölln verortet, weniger am beschaulichen Main.

Die Stadtoberen sind stolz auf ihre Unternehmen und Unternehmer. Den Titel „Stadt der Weltmarktführer“ dürfen sie auf offiziellen Schildern aber nicht verwenden. Ist auch etwas zwiespältig: Denn Wertheim hat zwar pro Einwohner gerechnet die meisten Weltmarktführer. Das ist aber dann im Vergleich zu Stuttgart, Berlin, München und Hamburg doch wieder wenig. Denn Wertheim zählt ganze 24000 Einwohner. Wie auch immer: Stolz sind sie hier im Ländle der Tüftler und Erfinder. Mögen ihnen auch zukünftig nie die Ideen ausgehen.

Wertheim

In Freudenberg erreicht uns endlich das von Wetteronline versprochene Regengebiet. Rechtzeitig können wir uns unter der Mainbrücke unterstellen und kommen mit einer Gruppe holländischer Radler ins Gespräch, die auf dem Weg nach Wien sind. Sie stecken uns mit ihrer guten Laune an. Eine halbe Stunde später lässt der Regen nach, wir ziehen unsere Regensachen über und kurbeln hinein ins Nass.

Endlich kühlendes Wasser von oben.

Eine Mainkurve noch, und schon rollen wir in Miltenberg ein, wo wir im Hotel Zipf freundlich empfangen werden. Unsere Räder dürfen wir in der Weinbar abstellen. Höchst sicher und komfortabel.

Wir ziehen uns um und machen eine erste kleine Stadtrunde. Hier ein paar Impressionen aus Miltenberg: Viel Historie, viel sorgfältige Restaurierung, Altes und Neues. Angestaubtes und Frisches. Tattoo-Studios neben einer Parfümerie mit 4711-Kölnischwasser. Alte und neue Hüte.

Im Gasthof essen wir erstklassig und genießen den Hauswein. Danach starten wir zur kleinen Erkundung der historischen Altstadt. Es lohnt sich!

Unser Frühstück können wir im Café gegenüber einnehmen.

Heute rollen wir auf unsere letzte gemeinsame Kurzetappe nach Aschaffenburg. Peter wird wieder in Regensburg gebraucht.

Wir wundern uns über diverse Radwegsperrungen – Einheimische sehen das so locker wie wir: Wir fahren einfach weiter. Ein kleiner Bagger baggert ein kleines Loch. Wir schieben 10 Meter, und schon ist wieder der Weg frei. Deutsche Vorschriften für Baustellen und Wegeführung können schon mal leicht irritierend sein.

In Aschaffenburg gibt es für Peter ein 29-Euro-Bayern-Ticket, mit dem er bis zum nächsten Morgen per Bahn durch den Freistaat fahren kann. Diverse Zugausfälle sorgen dafür, dass er das Ticket voll auskosten kann und dann erst spät sein Ziel erreicht. Was soll´s, sagt er, die Beleuchtung will ja auch mal getestet werden.

Ich darf noch einen Tag dranhängen und fahre von Aschaffenburg bis Hanau, dann per Bahn bis Marburg, wo ich im Haus Sonneck, das von Diakonissen geführt wird, ein kleines Zimmer bekomme. Mein Granfondo darf mit und findet eine Bleibe im Bad, wo ich dafür sorge, dass alles so sauber bleibt, wie ich es angetroffen habe.

Am nächsten Morgen gönne ich mir noch eine kleine Tour an der Ohm entlang bis zum Bahnhof Stadtallendorf und steige in die Bahn, die mich mit Umstiegen in Kassel und Dessau, nur einem Zugausfall mit Verspätung wieder nach Berlin bringt. Um 21 Uhr bin ich wieder zu Hause und resümiere die Maintour bei einem kühlen Glas Weißwein.

Schön war es. Schön, mit einem alten Freund zu radeln, gemeinsam zu schauen, zu erleben, zu reden. Danke, lieber Peter, es war mir ein Genuss.

P.S:. Die Hotels, in denen wir übernachtet haben, könnt ihr anklicken zur Info.

Eine Karte mit unserem Track habe ich nicht eingefügt, weil es sehr leicht ist, dem Mainradweg zu folgen. Unter dem Link gibt es umfangreiche Infos und GPS-Tracks zum Runterladen.

Für Genussradler ist der Main ein herrliches Ziel. Einfach MACHEN!

Das Titan-Granfondo, der Kettenstrebenschreck und ein versöhnlicher Ausgang.

Der Kettenstrebenschreck: Nach meiner Kienitz-Frankfurt-Tour bekam ich beim Putzen erst große Augen, dann wurde mir ganz anders. Ein deutlich erkennbarer, fast umlaufender Riss direkt neben dem Kettenblatt! Das darf doch bei Titan nicht passieren, dem Rahmenmaterial, dem ewige Haltbarkeit nachgesagt wird. Und doch ist es Realität. Ich drücke die Strebe seitlich weg – der Riß wird breiter. Was habe ich für ein Glück gehabt, dass ich nicht bei der Abfahrt hinunter nach Falkenberg bei 70 km/h einen veritablen Abflug gemacht habe. Erleichterung, Enttäuschung, dann Ärger. Ich mache Fotos vom Schaden und schicke sie an Kinesis UK.

Kinesis meldet sich schnell zurück. „Sorry to see you have a crack in your GF Ti Frame“, und der Service macht das Angebot, einen aktuellen Rahmen mit 25% Rabatt zu erwerben. Leider war die Garantie schon 2020 abgelaufen. Also jetzt 2000 € investieren und den gecrashten Rahmen verschrotten?! Darauf habe ich absolut keine Lust.

Was tun also? Ich suche im Internet nach Spezialisten, die Titan und insbesondere Titanrahmen schweißen können. Die Auswahl in deutschen Landen ist bescheiden. Aber schließlich werde ich in Mecklenburg Vorpommern fündig: „Rotte-Schweißtechnik repariert Fahrradrahmen aus Aluminium, Stahl und Titan“. Die Homepage ist informativ, garniert mit Fotos von geschweißten Rahmen mit unterschiedlichen Schäden. Vielversprechend! Ich rufe also in Waren an. Matthias Rotte ist offensichtlich ein Handwerker aus Überzeugung, einer, der das, was er tut, gerne tut. Und er kommt ursprünglich aus meiner alten Heimat Westfalen. Erst seit zwei Monaten wohnt er am Müritzsee und ist hierher mitsamt seiner Werkstattausrüstung umgezogen. Ich sende ihm Fotos meines Rahmens, und schon in der Folgewoche machen wir einen Termin bei ihm zur Reparatur. Morgens hinfahren und das hoffentlich perfekt geschweißte Titanteil am selben Tag wieder mitnehmen können. Gute Aussichten. Auf der Homepage sehe ich mir das YouTube Video eines Mountainbikers an, der einen veritablen Rahmenbruch hatte. Das überzeugt mich vollends, und meine Vorfreude steigt.

Als ich mir die Fahrtroute zum Müritzsee und die Adresse von Matthias Rotte genau ansehe, erinnere ich mich an eine Tour im Oktober 2020, als ich auf dem Weg zur Ostsee in Waren übernachtete und das Granfondo an eine riesige Schiffsschraube an der Einfahrt zum Campingplatz Kamerun angelehnt habe. Von hier ist die Werkstatt von Matthias gerade mal ein Kilometer entfernt.

Heute habe ich mit dem Auto für die 150 Kilometer keine zwei Stunden gebraucht. Mit dem Granfondo war ich seinerzeit sieben Stunden unterwegs. Pünktlich um 9.30 Uhr stehe ich bei Matthias Rotte vorm Tor.

Hier sieht es mehr nach einem Feriendomizil als nach einer Schweißerwerkstatt aus. Matthias empfängt mich herzlich, und schon sind wir mitten im Thema. Den Rahmen unterm Arm begleite ich ihn in die kleine, aber feine Werkstatt. Wir reden über das Langstreckenfahren, die Ausrüstungen dazu, dann kommen wir so nebenbei zum Riss in meiner Kettenstrebe, Pardon, im Rahmen des Granfondo. Das wird nicht so schwierig, meint Matthias nach genauer Begutachtung. Schon ist der Patient eingespannt, und die Arbeit kann losgehen. Ich verabschiede mich zu einem Rundgang durch das Städtchen Waren, Matthias widmet sich derweil der Kettenstrebe. Er wird mich anrufen, wenn das Werk vollendet ist.

Die beiden Fotos stammen aus der Homepage von Matthias.

Ich spaziere durch Waren, laufe zum Hafen, trinke einen großen Kaffee. Schön hier. Ich nehme mir vor, mit dem wiedergenesenen Granfondo Titan bald wieder hierher zu kommen. Auf dem Weg zur Ostseeküste, als idealer Zwischenstopp. Die Zeit vergeht schnell, um halb zwei ruft Matthias an: Er ist zufrieden mit der Reparatur. Das Ergebnis ist zu seiner Zufriedenheit. Ich bin gespannt und mache mich wieder auf den Weg zur Stillen Bucht in Kamerun. Schon eine wilde Adresse!

In der Werkstatt zeigt mir Matthias die feine Schweißnaht.

Er ist zufrieden, ich bin zufrieden. Ich zahle meinen Obolus für die geleistete Arbeit und mache mich auf den Heimweg. Am frühen Abend bin ich wieder daheim. Jetzt muss sich das Werk nur noch im harten Praxiseinsatz bewähren. Und mindestens eine Woche soll ich dem Metallgefüge Zeit geben, sich zu beruhigen.

Zeit- und Kilometersprung: Heute, zwei Wochen und 250 Kilometer später wieder fertig montiert:

Den Schaltzug habe ich, ausgehend vom Innenlager, außen verlegt, weil wir entschieden hatten, die Eingangsöffnung in der Kettenstrebe zu verschließen. Vielleicht lag genau hier die Wurzel des Übels. Eine Sollbruchstelle möglicherweise.

Vorne wird jetzt mit einer Campa-Super Record gebremst, die ich noch in meinem Bestand hatte. Die hydraulische Felgenbremse von SRAM war nicht mehr ordentlich zu entlüften, nachdem eine Dichtung den Geist aufgegeben hatte.

In dieser Konfiguration habe ich dann in dieser Woche einen Ritt mit Gravel-, Pflaster, Platten- und Waldeinlagen über 160 Kilometer absolviert.

Bravo Matthias, alles hält, alles bestens! Danke dafür.

Ein Bericht über die schöne Tour folgt.

Himmel und Erde in Kienitz

Werde ich heute nass oder bleibe ich trocken? Wer weiß? So packe ich meine Shakedry-Regenjacke in den Aeropack. Bekanntlich kann man das Regenrisiko maßgeblich durch die Mitnahme von Regensachen herunterschrauben. Schließlich regnet es ja auch selten, wenn man einen Regenschirm dabei hat.

Erst um halb zehn sitze ich auf dem Granfondo und setze Kurs nach Osten, hinein in den Barnim und die großen Felder und Wälder. Es rollt! So mache ich den ersten Halt erst in Grüntal an meiner Lieblingseiche. So richtig gut sieht ihr Blattwerk in diesem Frühjahr nicht aus. Einiges Totholz wird sichtbar. Ich lehne mein Rad vorsichtig an ihren monumentalen Stamm. Warm fühlt sich die Rinde an, als ich meine Hände auflege.

Neben dem 400 Jahre alten Baumriesen und vor der Kirche hat die Gemeinde in diesem Frühjahr einen Gedenkstein für den „Besitzer Grünthals“, den Justizrat Carl August Julius Schuetz, aufgestellt. Folgende Information entdeckte ich auf Wikipedia:

„Im Jahre 1826 gründet Carl August Julius Schütz in Grüntal die erste Brauerei nach bayrischer Art, „es war das erste bayerische Lagerbier, das in der Mark Brandenburg gebraut wurde“ (nach R. Schmidt 1922, 1928). Er hatte sich vorher in Süddeutschland ausführlich über das Brauen untergärigen Bieres erkundigt und den Bamberger Küfer (Fassmacher) und Bierbrauer Conrad Bechmann (* 1801 in Pommersfelden; † 1881 in Berlin)[7] als Braumeister für die Produktion gewonnen“

Wer heute in Grüntal nach einer Brauerei sucht, sucht vergebens. So gerne hätte ich hier einmal , am besten unter der riesigen Eiche vor der Kirche, ein „Grünthaler Unterhöler“ getrunken. Genauso, wie seinerzeit der Reichskanzler Otto von Bismarck.

Über Gersdorf, an Hohenfinow vorbei, rausche ich schließlich hinunter nach Falkenberg und dann an der Abbruchkante des Oderhanges entlang nach Bad Freienwalde. An den Wegrändern blüht der Mohn und leuchtet in herrlichem Rot. Ausnahmsweise mache ich kein Foto, ich warte auf ein riesiges Blütenfeld als Motiv. Aber leider warte ich heute auf eine Mohnorgie vergeblich. In Hohenwutzen erreiche ich die Oder und biege auf den wunderbaren Radweg ein. Es beginnt zu tröpfeln, hinter mir schiebt sich eine Schauerzelle heran. Also reintreten und dem Regen davonfahren. Es gelingt! Ist aber recht kraftraubend für mich, so zwischen 25 und 30 km/h zu fahren. Früher ging das auch lockerer, als ich beim 400er Brevet zusammen mit Wolfgang und Matthias bis Kienitz mit einen Schnitt von 27 unterwegs war. 10 Jahre liegt das nun zurück.

Die Europabrücke moderte zu dieser Zeit noch vor sich hin, heute kann man wunderbar nach Polen hinüberrollen und den Blick über die Oderauen genießen. Ob das Kirchencafé Himmel und Erde wohl geöffnet hat? Ja, es hat. ( Mittwochs- Sonntags von 12 bis 18 Uhr). Einfach schön, heute habe ich Glück.

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Ich gönne mir ein großes Stück hausgemachten Erdbeerkuchen, dazu einen erstklassigen Milchkaffee. Den beiden Radfahrerinnen, die auch im Kirchencafé sitzen, erzähle ich von der Trockenlegung des Oderbruchs und dem wunderbaren Buch von Norman Ohler: „Die Gleichung des Lebens„. Vor meinem inneren Auge kommen gerade Leonhard Euler und der Oberdeichinspektor Simon Leonhard von Haerlem durch die Kirchenpforte. Aber nein, die beiden haben ja hier im Auftrag von Friedrich II. schon vor über 270 Jahren gezeigt, was sie konnten.

Fast eine Stunde bleibe ich im Kirchencafé Himmel und Erde. Ein Ort zum Wohlfühlen!

Dann rolle ich weiter entlang der Oder. In Küstrin steige ich heute noch nicht in die Bahn. Nächstes Ziel: Frankfurt. Die Oderauen zeigen sich in herrlichem Licht unter dem dynamischen Himmel mit im Norden vorbeiziehender Schauerfront. Heute bin ich dem Regen immer 10 Kilometer voraus.

Am Rande des Reitweiner Sporns füttere ich noch einmal meine Kohlenhydratspeicher mit einer Banane. Die Mohnfelder, auf die ich gehofft hatte, bekomme ich immer noch nicht vor die Augen. Entweder sind sie verblüht oder ich fahre immer ein paar Kilometer an ihnen vorbei. Die weißen Rinder und die Pferde am Hang von Lebus entschädigen mich für das entgangene Blütenrot.

Die Wüste Kunersdorf kann mich auch heute nicht locken. Ich spare meine Kräfte für die kleinen, aber fiesen Rampen auf dem Wege nach Frankfurt. Diese Stadt zeigt mir auf den Straßen hin zum Bahnhof ihr weniger attraktives Gesicht. Hochhäuser, vergammelte Häuserfronten,

Das ehemalige Lichtspieltheater der Jugend, die Frankfurter Tafel in einem Gebäude mit eingeworfenen Fenstern… Ich lese auf der Seite des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur, dass hier einmal das Brandenburgische Museum für moderne Kunst entstehen soll… Ein Architekturwettbewerb war auf europäischer Ebene schon 2020 ausgeschrieben. Die Fördermittel stehen bereit… berichtet stolz die Ministerin Manja Schüle. Nur kann ich an dem Gebäude beim besten Willen weder Hinweise auf die Zukunft, noch Umbauaktivitäten erkennen. Auch hier: zerborstene Fenster, Graffiti, Unrat…

Und hier der aktuelle Stand der Planung, zu lesen in der Süddeutschen Zeitung vom 16.Februar 2024:

Aha, nun weiß ich mehr und bin, wie sooft bei ähnlichen Bauvorhaben und Politikereigenlob reichlich desillusioniert.

Der Stadt Frankfurt/Oder und ihrer historischen Bedeutung samt Viadrina, Heinrich von Kleist, bis zu Henry Maske kann ich an diesem Spätnachmittag nicht mehr gerecht werden. Ich werde wiederkommen und die schönen Seiten suchen.

Ich beeile mich, den Bahnhof zu erreichen. Diese Stadt kann mich zumindest heute nicht zu weiteren Erkundungen locken. Der Zug fährt pünktlich, um 20 Uhr bin ich wieder daheim.

Schönes, Erhabenes, Hässliches, Erstaunliches… Alles habe ich an diesem Tag vor die Augen bekommen.

P.S Als ich am Folgetag mein Titan Granfondo vom Staub der Tour befreie, entdecke ich höchst Unliebsames: Die Kettenstrebe hat einen deutlich erkennbaren, fast umlaufenden Riss! >>> Darüber werde ich mich nach dem Verdauen des ersten Schrecks in Kürze detailliert auslassen.

Noch einmal 200 Kilometer Kultur und Natur

Ich will es heute wissen: Schaffe ich immer noch 200 Kilometer an einem Tag, ohne Plage, ohne Schmerzen, einfach so? Wie früher zig Male bei Brevets, wobei diese Distanz die kürzeste für die Randonneure ist. In meiner besten Zeit eine leichte Übung mit Start um 7 Uhr und dann im Ziel gegen 16 Uhr. Die richtig Schnellen saßen da schon zwei Stunden beim Bier. Schöne Zeiten damals, immer noch schöne Zeiten heute. Nur muss ich mich eben mit kürzeren Distanzen und weniger Tempo zufriedengeben.

Für diese Tour steige ich auf mein Carbon-Endurace. 11 Jahre und mehr als 30000 Kilometer begleitet mich das Canyon-Rad schon. Klaglos, zuverlässig, wendig, komfortabel und knapp 8 kg leicht. Um 7.30 Uhr starte ich bei blauem Himmel, 12 Grad und spürbarem Ostwind. Klar, dass ich den Kurs nach Nordwesten hin lege. Zum Einrollen dann über Hennigsdorf, Marwitz, Vehlefanz und Kremmen hinein ins Ruppiner Land.

Wo es gut sein könnte, da triffst du es vielleicht schlecht, und wo du das Kümmerlichste erwartest, überraschen dich Luxus und Behaglichkeit, Zustände von Armut und Verwahrlosung schieben sich in die Zustände modernen Kulturlebens ein“ ( aus dem Vorwort zu Theodor Fontanes „Die Grafschaft Ruppin“.)

Trifft auch heute noch zu, stelle ich fest.

In Neuruppin ziehen mich wieder einmal der Parzival am See, die über 700-jährige Wichmann-Linde und dann das Alte Gymnasium mitten in der Stadt an. Es ist gerade halb elf, 70 Kilometer von 200 liegen hinter mir. Nach Westen hin kurve ich hinüber nach Kränzlin und dann auf die Trasse des Prignitz-Express-Radweges. Großenteils ein wunderbar glatter Plattenweg, der kilometerlang geradeaus führt.

10 Kilometer südlich von Fretzdorf bleibe ich, entgegen den Radweghinweisen auf dem Plattenweg, der irgendwann zum Wald-und Schotterweg wird. Schließlich muss ich eine Schiebepassage einlegen, die aber erfreulicherweise nur etwa 200 Meter lang ist. Laufen ist gesund!

Fretzdorf, Christdorf, Karstedtshof… Kilometerlange Alleen bieten Schatten und herrliche Aussichten.

Schon seit Stunden halte ich Ausschau nach einem Café oder einer Bäckerei, wo ich meine Energiespeicher auffüllen könnte.

Das Gasthaus Zum Lindenhof in Katerbow ist verlassen. Die Eingangstür ist zugenagelt, und wo einmal die Speisekarte aushing, kümmert nur noch ein leerer Kasten an der Ziegelwand vor sich hin. Irgendwie traurig.

Jetzt ist es nicht mehr weit bis Heiligengrabe und dem historischen Nonnenkloster. Vor Jahren war ich schon einmal dort, hatte mir aber nicht die Zeit genommen, die Anlage richtig anzuschauen. Dieses Mal will ich das nachholen, zumal ich auch weiß, dass dort ein Klosterladen mit Café wartet. Gegen halb zwei biege ich in den Klosterhof mit seinen Schatten gebenden Linden, Eichen und Buchen ein.

Im Klosterladen bin ich der einzige Besucher. Bücher liegen aus, Wein und Öl gibt es zu kaufen. Eine Kuchentheke oder Ähnliches kann ich nicht entdecken. Aber die nette Dame, die den Laden betreut, bereitet mir einen köstlichen Kaffee und legt großzügig einen dicken Keks dazu. Vor der Tür schlürfe ich genüsslich und knabbere den Keks in kleinen Bissen. So bin ich eine Viertelstunde später gestärkt und zu einem Rundgang über das Klostergelände motiviert. Seit dem 13. Jahrhundert gibt es das Kloster der Zisterzienserinnen. Kriege, Pest, Brände hat die Gemeinschaft der Nonnen überstanden bis zum heutigen Tag. Eine erstaunliche Geschichte über Glauben, Zuversicht und Widerstandskraft. Auch heute atmet die gesamte Anlage pure Historie.

Ganze acht Stiftsfrauen plus Äbtissin zählt heute die Klostergemeinschaft. In der Klosteranlage werden Seminare zur Einkehr, zur Selbstfindung oder auch einfach zur Erholung angeboten. Ein Gästehaus und ein Hotel werden betrieben.

Eine halbe Stunde lang kurve ich kreuz und quer durch den Park und um die verschiedenen Gebäude, wohl wissend, dass ich nur eine kleine Ahnung von dem bekommen habe, was hier drinnen steckt an alter und neuer Geschichte.

Mittendrin in der Prignitz bin ich jetzt. Viel Wiese, Feld und Wald. Wenig Leute. Weite Blicke. Dann Pritzwalk, das ich durchquere, ohne davon etwas zu behalten. Allein die Nikolaikirche mit ihrem neugotischen Turm fällt mir ins Auge. Schon bin ich wieder auf dem Lande. Dann, im winzigen Örtchen namens Helle, zieht ein barockes Kirchlein meine Blicke auf sich. So außergewöhnlich die Bauform, der Kirchplatz, die einladenden Bänke. Eine davon mit zwei Fahrradrahmen an der Seite garniert. Da lehnt sich mein Endurace voller Genuss an.

Die jetzige Kirche wurde erst 1913 gebaut und im teils romanischen, teils barocken Stil errichtet. Die Kirche erweist sich als wahres Kleinod. Farben, Schnitzwerk, Bilder, Glasfenster, Empore, Orgel, überaus beeindruckend. In einem Ort, der gerade 39 Einwohner zählt. Übrigens ausgewiesen als Radwegekirche – am Wegverlauf der „Tour Brandenburg“, die ganze 1111 Kilometer ausweist. Es lohnt sich, hierher zu radeln!

Auf den nächsten Kilometern hin nach Karstädt kann ich wieder den Blick durch lange Alleen und über unendlich weite Felder schweifen lassen. Der Roman „Ein weites Feld“ von Günter Grass, den er ganz im Fontane-Stil geschrieben hat, passt genau in die Geschichte der Region. Ich muss mir diese 800 Seiten demnächst mal wieder antun.

In Karstädt finde ich endlich ein Bäckereicafé und stärke mich mit einem riesigen Milchkaffee, dazu vertilge ich ein genauso riesiges Stück Blechkuchen. Das sollte bis in den Abend als Kraftstoff reichen.

150 km bis Berlin, also ein Kilometerstein, kein Meilenstein

Garlin, Groß Pinnow, Groß Warnow, dann Grabow, ein Ort, der mir bisher nichts und gar nichts sagte. Jetzt bin ich unwiderruflich in Mecklenburg-Vorpommern angekommen. Hier kurve ich wieder um die Hausecken. Eine sehr schöne historische Substanz hat der Ort, und mittendrin:

Das Reuterhaus, Generationentreff, Zukunftswerkstatt und und… Das Gebäude passt so gar nicht in die alte historische Kulisse von Grabow mit den Fachwerkhäusern. Trotzdem oder gerade deswegen ist es ein absoluter Blickfang.

Nur noch wenige Kilometer bis zu meinem 200er Tagesziel. In Ludwigslust, das einen Bahnanschluss hat, um bequem zurückzukommen nach Berlin, habe ich mein Tagesziel erreicht. Es ist halb sieben, ab zum Bahnhof, schon sitze ich im RE 8, der mich zurückbringt nach Hause, besser: fast nach Hause, denn von Falkensee bis vor die Haustür darf ich noch 25 Kilometer drauflegen. Aber ich habe ja zwei Stunden Bahnfahrt, um mich zu erholen und neu zu motivieren. Auf den letzten Kilometern kommen noch meine Lupine Piko und die famose Rückleuchte von Lezyne zum Einsatz. Um kurz vor 22 Uhr schließe ich die Haustür auf und schiebe das Endurace in den Flur.

Gut 220 Kilometer waren das: reiner Genuss und keine Plage. Altes und Neues, viel Schönes und wenig Hässliches. Alles in guter Dosierung. Darauf ein großes Bier.

Birnen, Lady Agnes, Bernsteinzimmer und Wunderblut

Die Wettervorhersage für den 30. April verspricht einen warmen, fast wolkenlosen Tag mit spürbarem Ostwind. Beim Frühstück entsteht vor meinem inneren Auge eine Strecke hinein ins Havelland und dann an die Elbe. Ein kleiner Film mit den Bausteinen aus vergangenen Brevets, Ausfahrten mit Freunden und all den Touren, die ich mit dem alten Colnago, dem Basso, dem Endurace oder immer öfter mit meinem Granfondo gemacht habe. Heute flüstert mir einmal mehr das Titangerät ins Ohr, es sei doch wohl das ideale Gefährt für diese Tour. Zumal das angebaute, leichte Aeropack von Tailwind weiter erprobt werden will. Die Contis sind auf 6 Bar aufgepumpt, Kette und Ritzel gereinigt und sparsam geölt. Die Trinkflaschen sind mit Isogetränk gefüllt, und zwei Eiweißriegel stecken in der Fronttasche.

Los geht es nach Westen über Hennigsdorf und Nauen auf den Havelland-Radweg. Bei Bötzow ein kurzer Fotostopp am Meilenstein, den ich wieder einmal durch Anlehnen auf seine Standfestigkeit überprüfe.

Granfondo mit Tailfin-Aeropack am Meilenstein zwischen Hennigsdorf und Bötzow

Über Wansdorf und Pausin nach Paaren im Ländchen Glien, wo gerade die Brandenburgische Landwirtschaftsschau vorbereitet wird.

Ab Nauen rolle ich auf dem Havelland-Radweg durch duftende Rapsfelder hinüber nach Ribbeck, wo ich wieder einmal nach dem im Jahr 2000 gepflanzten Birnbaum schauen will. Geht es ihm gut? Hat er geblüht? Wird er Früchte tragen?

Seit dem vergangenen Jahr hat er wieder erkennbar an Höhe und Umfang zugelegt. Der Römischen Schmalzbirne scheint es zu gefallen am Standort des ursprünglichen, im Gedicht besungenen Segensbringers. Zur Erntezeit werde ich sicher wiederkommen und mir eine süße Frucht gönnen, so mir die Touristen welche übrig lassen. Das Schloss Ribbeck strahlt in der Frühlingssonne; im Park davor liegen die drei Havelnixen des Bildhauers Knuth Seim. Mein Granfondo will gar nicht mehr weg von hier.

Im Schloss werden mannigfaltige Ausstellungen gezeigt, der Park kann sich sehen lassen. Und Fontane würde sich sicher über den Stellenwert seines Gedichtes freuen. Wobei man dem Dichter sicher nicht gerecht wird, wenn man ihn auf die Birnbaum-Ballade reduziert. Zumal er von sich selbst sagt, dass Gedichteschreiben nicht zu seinen Stärken zählte. Der kleine Ort Ribbeck hat sich in den vergangenen Jahren zum wahren Kleinod entwickelt. Fast hätte ich mich von den in der Alten Schule angebotenen Kuchenköstlichkeiten zur Pause verführen lassen. Aber es ist gerade Mittag, da sollte ich noch ein paar Kilometer machen. Über Pessin und Senzke erreiche ich die Ortschaft Haage, wo ich mich von einem Wanderweghinweis nach Görne verführen lasse, mich über den tiefsandigen Waldweg nach Westen vorzuarbeiten. Zwanzig Minuten absteigen, aufsteigen, fluchen… Dann bin ich wieder auf festem, fahrbaren Grund. Als Belohnung für die Mühen beginnt in Görne ein wunderbarer Radweg, der nur abschnittsweise durch die typische „Platte“ unterbrochen ist. Aussichten, Weite, Havelland eben. Vom Feinsten!

Auf den 15 Kilometern hin nach Stölln begleite ich einen Mountainbiker, der die Strecke schon früh um fünf gefahren war. „MdRzAuz“ : so lautet die gängige Abkürzung auf STRAVA für: Mit dem Rad zur Arbeit und zurück. Er freut sich auf seinen Feierabend, ich genieße die kundige Begleitung. Nahe Stölln, vor dem Gollenberg, wächst die Lady Agnes beim Näherkommen immer höher aus den Wiesen zum vollen Format. Sie steht am wahrscheinlich ältesten Flugplatz der Welt, wo Otto Lilienthal schon 1893 die ersten Flugversuche mit seinen Gleitern machte. Drei Jahre später stürzte er aus 15 Metern Höhe, durch eine Windböe aus dem Gleichgewicht gebracht, zu Tode. Oben, auf dem Gollenberg erinnert ein Denkmal an den Urvater der Fliegerei. Am Rande des heutigen Segelflugplatzes steht zu Ehren und Erinnerung an den Flugpionier auch die IL 62 , ein Geschenk der DDR-Interflug an die Gemeinde Stölln. Flugkapitän Kallbach brachte den Jet am 23.Oktober 1989 spektakulär auf der 900-m-Graspiste auf den Boden und zum Stehen. Normalerweise braucht eine IL 62 zur ordentlichen Landung eine 2500 m lange Betonbahn.

Die „Lady Agnes“ ist nach Agnes Fischer, der Frau von Otto Lilienthal benannt.

Ich lasse die Lady hinter mir und fahre den Hügel zur Ortschaft Stölln hinunter. Hier steht als Blickfänger eine ausgemusterte Zlin Z 37 Cmelak ( Hummel), die ich schon so oft fotografiert habe. Bei Brevets, beim Zeitfahren Hamburg-Berlin, bei zahlreichen Touren mit Freunden.

Auf der Wiese vorm Museum nisten in symbolischer Weise für die Vorbilder der Lilienthal-Gleiter zwei Störche, die sich auch dieses Jahr das prominente Nest ausgesucht haben. Sie wissen offensichtlich um die Geschichte und ihre Bedeutung. Drinnen hängt unter der Decke ein ausgestopftes Exemplar mit ausgebreiteten Schwingen.

Die nächste Pause will ich in Havelberg machen und endlich einmal den riesigen Dom, der so klotzig und trutzig auf der Hangkante über der Havelaue thront, aus der Nähe betrachten. Er sieht mehr aus wie eine Festung als eine Kirche. St. Marien besitzt keinen echten Turm, dafür aber den riesigen 33 Meter hohen Westriegel, der aus Backstein und Grauwacke gebaut ist. Das Bauwerk stammt in seiner Urform aus dem 12. Jahrhundert und wurde mehrfach ergänzt und umgestaltet. Eine Schönheit ist er dadurch nicht geworden, imposant ist er allerdings. Etwa 40 Höhenmeter muss ich einen steilen Weg erklimmen, bis ich auf dem Domplatz stehe. Mit dem Kopf im Nacken mache ich ein paar Fotos und brauche mein Weitwinkelobjektiv, um das Bauwerk ganz aufs Bild zu bannen. In der ehemaligen Domschule, gegenüber der Kirche, residiert das italienische Restaurant La Cucina. Es sieht sehr einladend aus mit der herrlichen Terrasse und dem Blick über die Stadt. Weizenbier und Apfelstrudel munden köstlich und bringen verbrauchte Energie schnell wieder in meinen Körper.

„In der einstigen Propstei, direkt neben dem Dom, unterzeichneten Zar Peter I. und König Friedrich Wilhelm I. am 27. November 1716 die ‚Konvention von Havelberg‘ im Rahmen der antischwedischen Koalition. Gastgeschenke: as Bernsteinzimmer und die Staatsyacht gegen 200 ‚Lange Kerls‘ für den Soldatenkönig.“ Dieser Text auf der Tafel an der ehemaligen Propstei am Havelberger Krankenhaus erinnert seit vielen Jahren an den Besuch beider Monarchen“ ( Zitat aus der Seite des Havelberg-Heimatvereins).

Beim Lesen dieser Zeilen bekomme ich eine Ahnung davon, dass in diesem kleinen Ort vor 300 Jahren große Politik gemacht wurde. Heute würde man sagen, Friedrich Wilhelm I. und Zar Peter I. hatten einen Deal gemacht. In der Zeit des Aufenthalts in Havelberg haben die beiden Herrscher den Berichten nach Feste gefeiert, viel getrunken und gegessen und waren wohl kaum nüchtern beim Verhandeln. Irgendwann ist der Zar dann auf der ihm von Friedrich geschenkten Yacht, oder besser, dem luxuriösen Holzboot, wieder zurück gen Petersburg geschippert. Das legendäre Bernsteinzimmer wurde kurze Zeit darauf von Berlin zum Zarenpalast transportiert.

Und das alles geschah hier, in Havelberg, dem Städtchen mit heute gerade 6500 Einwohnern.

Nach der wohltuenden Rast mache ich mich auf den Weg nach Bad Wilsnack und seiner Wunderblutkirche. Über Quitzöbel, wo die Havel in die Elbe mündet, nähere ich mich von Süden her Bad Wilsnack. In den Jahren von 1382 bis 1552 pilgerten tausende Gläubige zu den „Bluthostien“, die in der Wunderblutkirche aufbewahrt wurden. Hier die Geschichte in kurzer Fassung aus Wikipedia:

Im August 1383 wurde der in der Prignitz gelegene Ort Wilsnack von Raubrittern gebrandschatzt. Auch die Kirche wurde stark beschädigt, und der Priester des Ortes fand drei mit Blut befleckte Hostien. Dies wurde als ein Wunder gedeutet und zog bald Tausende von Pilgern an, die auf Heilung von Krankheiten oder Straferlass hofften oder später auch zur Vollstreckung von testamentarischen Anordnungen kamen. Durch die Abgaben und Spenden der Pilger konnte in Wilsnack eine große Wallfahrtskirche St. Nikolai gebaut werden, und es wurde schließlich zu einem der fünf bedeutendsten Wallfahrtsorte Europas.

Friedrich II. von Brandenburg pilgerte zwischen 1440 und 1451 sechs Mal nach Wilsnack, wo es jährlich bis zu einhunderttausend Pilger aus ganz Europa gab. Schon Ende des 14. Jahrhunderts war die Gegend um Wilsnack, in der es kaum eintausend Einwohner gab, von Pilgern völlig überlaufen.

Die Reformation setzte der Wallfahrt ein Ende. Nach der Verbrennung der Wunderbluthostien durch den ersten protestantischen Pfarrer von Wilsnack im Jahre 1552 fiel Wilsnack in die Bedeutungslosigkeit zurück.

Neugierig auf die Kirche kurbele ich die letzten Kilometer und dann hinein ins „Stadtzentrum“, wobei der kleine Ort mit gerade 2500 Einwohnern die Stadtrechte seit dem Jahre 1513 besitzt. Der Baukörper von St. Nicolai ragt weit über die umgebenden Gebäude hinaus.

Auf dem mächtigen Renaissance-Giebel steht ein schmächtiges Glockentürmchen. Leider ist die „offene“ Kirche nur bis 16 Uhr geöffnet. Ich bin zu spät, um den Wunderblutschrein zu besichtigen, und ein Blick auf meine Bahn-App zeigt, dass der RE in Richtung Berlin in wenigen Minuten kommen soll. „Kleine Stadt, große Kirche, kurze Wege.“ Der Zug rollt ein, als ich am Bahnsteig ankomme. Fahrzeit nach Spandau 1 h 14 min. So bin ich schon um halb sieben wieder in Berlin und kann gemütlich die verbleibenden 18 km nach Hause radeln.

Das Granfondo ist zufrieden mit der heutigen Ausfahrt und hat sich an die Aeropack-Trägertasche gewöhnt. Nichts klappert, nichts steht über oder im Wege. Eine Tasche, die man beim Fahren überhaupt nicht merkt. Die nächste Tour wird dann über mehrere Tage gehen und dann mit mehr Gepäck. Schaun mer mal.

Bäume, Wasser und riesige Findlinge

Nach Nordosten, bis die Oder kommt. Das ist das Motto meiner Freitagstour. Über die Barnimwellen nach Heckelberg und Kruge. Dann den Feldweg hinüber nach Krummenpfahl. Mein Auge kann sich nicht sattsehen an der ergrünenden, erblühenden Natur. Bei zwei Eichen liegt ein mächtiger Findling, der mich zur ersten Pause animiert. Das Alter der Bäume schätze ich auf etwa 100 Jahre, der rundgeschliffene Granit hat am Ende der letzten Eiszeit vor 10000 Jahren hier seine Reise, die irgendwo in Skandinavien begann, beendet.

Von der schon kräftig strahlenden Sonne erwärmt, fühlt der Stein sich angenehm wohlig an. Die kupfergrüne Spitze der Gersdorfer Kirche lugt über den Feldhorizont. Nur ein paar Minuten weiter, in Dannenberg, grüße ich die Gerichtslinde. In ihrem 500-jährigen Leben von Blitzeinschlägen mehrfach malträtiert, steht sie immer noch trotzig da und treibt auch in diesem Frühjahr wieder frische Triebe.

Gerichtslinde in Dannenberg bei Freienwalde

Dann schwinge ich mich in den Wald hinunter nach Bad Freienwalde, vorbei an der Skisprungschanze, die mir immer wieder aufs Neue in dieser Gegend deplatziert vorkommt. Mit fast 50 km/h rausche ich hinunter in die Altstadt. Beim Bäcker im Norma-Supermarkt vertilge ich eine Riesenschnecke und schlürfe einen genauso riesigen Milchkaffee. Die Bedienung ist wie immer freundlich, und mein Granfondo habe ich direkt vor mir im Blick. Auf dem Titel der am Wandhaken feilgebotenen BILD lese ich, dass Fürst Albert „die Krise wegwinkt“. Was auch immer damit gemeint ist … Die Titelseite zu lesen reicht mir allemal.

Ich reiße mich von der Qualiätslektüre los und kurbele weiter nach Schiffmühle, vorbei am Fontanehaus, hinüber nach Altglietzen und Hohenwutzen. Die Äcker und Wiesen im Oderbruch ähneln nach dem nassen Winter immer noch einer Seenlandschaft.

Endlich bin ich auf dem Radweg am Ufer der Oder. Blauer Himmel, tiefblaues Wasser, überflutete Auen. Die Bäume haben nasse Füße. Zwei Schwäne ziehen würdevoll ihre Bahnen. Ich denke an Fontanes Zitat :

Der Reisende in der Mark muß sich … mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausgerüstet fühlen. Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben“

Ich sauge die Natur einfach ein in meine Seele, das tut gut.

Vogelgezwitscher, weidende Rinder, blühende Sträucher. Da rollt es leicht und lustvoll. Allein bin ich auf weiter Flur. Keine Radler, nur ein paar Wanderer sind unterwegs. Eine Stunde später stehe ich an der Brücke bei Stolpe, staune wieder einmal über den „Grützpott“, der klotzig seit geschätzt 800 Jahren über der Hangkante thront.

Zeit für eine kleine Pause. Ich genieße einen Proteinriegel und bin froh, dass ich zwei Trinkflaschen dabei habe. Bei 16 milden Grad verlangt der Körper Flüssigkeit. Als ich nachschaue, wann die Züge von Schwedt, meinem geplanten Tagesziel, nach Berlin fahren, sehe ich erstaunt: „Schienenersatzverkehr“ bis Angermünde. Und Busse transportieren Fahrräder bekanntlich nur, wenn man Glück hat. Darauf will ich mich nicht verlassen und setze Kurs in Richtung Angermünde. In Alt-Galow quere ich die Alte Oder über die Brücke und arbeite mich die Rampe nach Schöneberg hoch. 50 hm können auch ganz schön in die Beine gehen. Über Felchow erreiche ich die Bundesstraße 2, die nach Angermünde führt. Leider viel befahren und auf den ersten Kilometern ohne Radweg. Bei Dobberzin biege ich nach Kerkow und dem Mündesee ab. Endlich wieder Ruhe. Der Weg wird sandig, dann rumpele ich über einen so typischen Plattenweg mit Kanten und Löchern. Ich bin auf dem Mündeseerundweg, der mich in großem Bogen erst nach Osten, dann nach Süden zur Stadt führt.

Am höchsten Punkt des Weges steht diese mächtige Findlingsplastik mit dem Namen „Leuchtturm“, gebaut vom niederländischen Bildhauer Ton Kalle. Von hier hat man einen herrlichen Blick auf den See und Angermünde. Eine gute mentale Entschädigung für die Rüttelfahrt auf dem Plattenweg. Mein Granfondo läuft wie immer perfekt und harmoniert sehr gut mit dem Aeropack von Tailfin. Nichts wackelt, nichts klackert. Mit gutem Grund haben sich so viele Ultradistanz-FahrerInnen für die Gepäckbrücke der Engländer entschieden. Für mich ist das die ultimative Tasche für lange und auch kurze Touren, denn sie wiegt knapp 1 kg, ist absolut wasserdicht, wirkt bei Regen wie ein Schutzblech, und sie ist bequem zu beladen und zu komprimieren. Heute wäre ich natürlich auch ohne Oberrohrtasche und die Tailfin ausgekommen. Aber so ein Test vor den nächsten Mehrtagestouren beruhigt enorm.

Ich verlasse den Leuchtturm und freue mich, dass der Plattenweg endet und ein asphaltierter Abschnitt folgt. Die Silhouette der Stadt Angermünde suggeriert eine viel größere Stadt als diese mit etwa 13.000 Einwohnern. Am Seeufer am Altstadtrand erwarten mich weitere Findlings-Kunstwerke. Monumental immer, manchmal brutal, andere filigran.

An einem Anlegesteg neben dem „Segel mit Durchsicht“ komme ich mit einem Radler in meinem Alter ins Gespräch, der sein Bike auch langstreckentauglich ausgerüstet hat. Er wohnt schon seit 20 Jahren hier und fühlt sich offensichtlich wohl. Der Bürgermeister gehört keiner Partei an und hat in den vergangenen 10 Jahren viel Kunst und Kultur hier etabliert. Ein guter Grund für mich, zu einer intensiven Stadtbesichtigung bald wiederzukommen. Der Zug nach Berlin fährt in knapp einer Stunde. So rolle ich noch gemütlich bis Chorin, steige dort in den RE3 und gönne mir noch die 26 km von Bernau aus bis nach Hause. Knapp 150 km sind es heute geworden.

Natur, Kultur, Menschen … was will ich mehr. Schön war es.