2. Etappe entlang Elbe, Saale und Unstrut

Magdeburg – Bernburg – Halle

Nach einem reichhaltigen Frühstück befreie ich das Granfondo wieder aus dem Motorradkeller, wo es neben mehr oder weniger gut restaurierten Maschinen aus den 50er Jahren offensichtlich eine gute Nacht verbracht hat. Der hintere Reifen hat die Luft gehalten, und so hänge ich zufrieden die beiden Gravel-Packs wieder am Tubus-Träger ein. Die Trinkflaschen sind gefüllt, die Akkus von Garmin und iPhone auch. Die gestrigen 182 Kilometer habe ich dank gutem Abendessen und langem Schlummer gut verdaut. Es ist kurz nach acht, und schon wieder lacht die Sonne bei milden Temperaturen. Ich setze Kurs Süd, an Magdeburg vorbei, der Blick reicht weit hinein in die abgeernteten Felder der Börde. So träume ich vor mich hin, als – war da nicht wieder das Gefühl des weich werdenden Hinterbaus? Untrüglich, schon wieder schleicht die Luft sich durch ein Leck aus dem Schlauch hinaus. 500 Meter weiter stehe ich bedröppelt auf dem Parkplatz eines Autohändlers. Nur heute , bei Plattfuß Nummer drei, habe ich keine Co2-Kartusche mehr zum Aufpumpen, und zu allem Übel baut die kleine Carbon-Handpumpe aus dem Erbe eines alten Freundes fast keinen Druck auf. Das Gummi, das den Ventilschaft dicht umschließen sollte, ist im Laufe der Zeit spröde geworden. Und das ist dem Ding halt nicht anzusehen. Ich fluche laut, aber genauso vergeblich vor mich hin. Die Ursache des Luftverlustes war offensichtlich der innovative , aber leider nicht mehr gut haftende, nicht hitzeresistenten Flicken. Jetzt weiß ich das auch. Und was nützt ein neuer, unversehrter Schlauch, wenn man ihn nicht vernünftig aufpumpen kann. „Wenn man kein Glück hat, kommt auch noch Pech hinzu!“ Ich befrage Google nach Radgeschäften in der Nähe und werde in Olvenstedt, zwei Kilometer entfernt, fündig. Also Abmarsch auf Schusters Rappen und immer schön die entlastende Hand am Hinterbau. Eine halbe Stunde später stehe ich vor dem Radladen.

Der Aufkleber an der Ladentür schafft deprimierende Klarheit. Wo ist denn der nächste Laden, frage ich Google Maps. Noch einmal 1,5 Kilometer, und Lemmy´s Fahrradcenter soll tatsächlich geöffnet haben. Das Schieben fällt leicht, mit dieser Perspektive. Nach 20 Minuten empfängt mich Ingo Lehmbruch vor seinem Laden, mitten in einem Wohngebiet. Nach fünf Minuten weiß ich: Auch hier bin ich an einen Magdeburger Radsportler von Format geraten. Umso schöner – er berät gut und launig, und nach 15 Minuten habe ich neue Kartuschen, neue Schläuche und eine schöne, kleine Pumpe bekommen. Luft auf den Reifen, Sachen einpacken – herzlichen Dank an den Sportler und Schrauber –, und frohgemut begebe ich mich um 10.30 Uhr wieder auf Kurs. Es rollt gut, und ich leiste mir ein paar Rumpelumwege durch die Bördehügel, vorbei an einem riesigen Motocrossgelände. Dann schnurstracks durch nach Süden in Richtung Bernburg an der Saale , das ich noch von einem 600er Brevet positiv in Erinnerung habe. Wie kann Radfahren doch schön sein, mit genügend Druck in den Reifen, genügend Reserveschläuchen und einer funktionierenden Pumpe ausgerüstet!

Am Ortsrand verdreht mir eine ganz besondere Siedlung den Kopf: „Zickzackhausen“ Hier wurden um 1930 im Bauhausstil etwa 90 Häuser von ursprünglich ganzen 2800 geplanten samt Versorgungsgeschäften und Gemeinschaftsanlagen gebaut.

Beeindruckend zu lesen, welche Geschichte hinter den schlichten Bauten steckt. Das historische Bernburg dagegen, ein paar Meter tiefer an der Saale gelegen, wirkt beschaulich und herausgeputzt. Die Poststraße ist mit einer Reihe von Skulpturen an einem Wasserlauf gestaltet. Und das Schönste: In einem Bäckerladen bekomme ich einen riesigen Milchkaffee und ein genauso riesiges Stück Kuchen.

Ich bin froh, auf den Saale-Radweg einbiegen zu können, gesäumt von gepflegten kleinen Orten. Die Saale mäandert wunderbar durch die Auenwälder. Der Weg ist abschnittweise noch feucht, aber gut zu fahren. Die Düfte von Bäumen und Blumen würzen die Luft. Hier könnte man auch sehr gut wandern und Vieles noch intensiver als beim Radeln erleben und entdecken.

Am späten Nachmittag erinnere ich mich an den Hotelsuchprozess des Vortages und beschließe, jetzt und hier so lange booking.com zu quälen, bis ich eine Unterkunft gefunden habe. In Brachwitz wechselt der Radweg die Saaleseite, und eine kleine Fährfahrt wird nötig. Eine ideale Zwangspause zum Suchen.

In diesem Jahr haben die Fluten andere Teilen des Landes heimgesucht. Aber auch hier wissen die Menschen, was Hochwasser bedeutet. – Ich werde schnell bei meiner Hotelsuche fündig: „Hotel Stadt-gut Westfalia“ hört sich doch ordentlich an. Der Preis passt. Flugs buche ich ein Zimmer. Bis Halle sind es noch wenige Kilometer. Was ich nicht bedacht hatte, ist die Lage der Unterkunft im Ostteil der Stadt. Aber, aber, Halle ist doch historisch, ein schöner Ort mit guten Restaurants und Gasthöfen. Schon läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Wie wäre es, ein kühles Bier zu trinken und dazu ein deftiges Mahl zu genießen?! So weit meine Fantasie. Mein Garmin führt mich zuverlässig durch die Stadt, durch den schönen historischen Teil, hinüber in ein Industriegebiet. Hier soll das Hotel sein??? Hat sich mein Navi getäuscht? Nein, es hat sich leider nicht geirrt. Das „Hotel“ entpuppt sich als grauer Schuppen mit der Anmutung eines heruntergekommenen Verwaltungsgebäudes. Daneben Fabriken, Werkhöfe, Lagerplätze … Herrlich! Die Tür ist verschlossen, ich drücke auf die Klingeltaste: “ Ich bin nicht mehr im Hause, tönt es auf der anderen Seite der Leitung. Aber ich öffne die Tür, und Sie finden den Schlüssel in einem Umschlag im zweiten Stock.“ Gesagt, getan. Rein durch die schmale Tür, rein in den schmalen Aufzug. Samt Granfondo hochkant passe ich hinein. Das Zimmer hat zumindest ein Bett, eine Dusche und einen kleinen Fernseher. Stickig ist es, also Fenster auf. Draußen haben es sich in einem Unterstand ein paar Handwerker bei Bier und Würstchen gemütlich gemacht und geben ihrem Wohlgefühl lautstark Ausdruck. Warum grillen die hier vorm Hotel, frage ich mich. Die Antwort ist einfach: Restaurant geschlossen, Personal zu Hause, Frühstück gibt es auch nicht. Uff. Schöne Bescherung.

Luxusherberge

„Ärgere dich nur über Dinge, die du auch ändern kannst“, lautet eine alte Weisheit. So beschließe ich, das Beste aus den misslichen Umständen zu machen. Ich finde zwar in der fußläufigen Nähe kein Restaurant, dafür bekomme ich in einer Tankstelle Bier, Beefi und Chips. Nahrhaft und ungesund. Aber es hilft.

Morgen beginnt ein neuer Tag, und dann suche ich mir eine Bleibe mit allem Komfort.

Mehr dazu in Teil 3

1. Etappe einer kleinen Reise entlang Elbe, Saale und Unstrut

Berlin – Ribbeck – Rathenow – Tangermünde – Wolmirstedt – Ebendorf

In Etappen durch das Land – endlich wieder mal ein paar Tage im Sattel und Neues entdecken. Nach Westen hin will ich aus dem Speckgürtel der Stadt hinaus ins Havelland und dann rüber an die Elbe. Mein Granfondo ist mittlerweile routiniert im Lasten tragen – hinten die beiden Ortlieb Gravelpacks, am Oberrohr eine kurze Tasche, die noch genügend Raum für eine große und eine mittlere Trinkflasche lässt und an der Gabel links noch die erprobte Forkbag mit Flickzeug, Schloss etc.

Insgesamt wiegt mein Gepäck knapp neun Kilo, also nocheinmal soviel wie das Granfondo in Grundausstattung. Ich habe alles dabei, was ich für fünf Tourtage brauche. Ein Zelt und Kochutensilien habe ich eingespart, denn ich werde abends komfortabel in Pension oder Hotel übernachten.

Alles Notwendige ist an Bord

Um halb neun nehme ich die ersten Kilometer unter die Räder. Die Sonne lacht, der sanfte Südwind schiebt erste Cumuluswolken über den ansonsten blauen Himmel. Da überrascht mich eine veritable Riesenpfütze, die vom Starkregen der vergangenen Tage übrig geblieben ist und verhindert in Frohnau die Durchfahrt zum Radweg. So früh habe ich noch keine Lust auf nasse Füße. Bei meiner locker geplanten Tour gibt es keine Umwege. Der Weg ist das Ziel, rufe ich mir zu und lasse es über Nauen und über den Havelradweg nach Ribbeck rollen. Ob Fontane im neobarocken Schloss einmal zu Gast war, ist nicht genau überliefert. Aber sein Gedicht kennt jeder: „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland…“ der Herrensitz erstrahlt schon seit 2009 wieder in alter neuer Pracht und lockt mit guter Gastlichkeit und interessanten Ausstellungen. Heute mache ich hier nur einen Fotostopp.

Mein Track führt hinüber nach Retzow, Möthlow und Buschow. Beim Sinnieren über die so häufig vorkommende Namensendung „ow“ lenkt der schwabbelig werdende Hinterbau des Granfondo meine Aufmerksamkeit auf den Hinterreifen. In Sekunden verliert er seinen Überdruckinhalt und rumpelt auf der Felge. Stopp! Runter von der Straße und rein in die grüne Wiese, wo ich mir die Bescherung genauer anschauen kann. Klassischer Plattfuß. Das Titangerät auf die Seite legen, Rad ausbauen, Mantel runter und schon habe ich den Übeltäter ertastet: einen fiesen, spitzen Dorn – wahrscheinlich aus einer der schönen wegbegleitenden Hecken. Wenn der Einstichwinkel passt, wird auch der ansonsten resistente 4-seasons-Reifen gelöchert. Zwei Ersatzschläuche habe ich dabei. Ich nehme den ersten, den ich im Beutel greifen kann. Fatalerweise den, den ich schon einmal mit einem blumig beworbenen selbstklebenden Flicken repariert hatte. Nichtsahnend pumpe ich per Kartusche den Reifen auf knackige 7 bar auf und steige frohgemut wieder in die Pedale. In Nennhausen passiere ich das im Tudorstil errichtete Schloss. Fontane hat beim idyllischen Heimatort seiner Effi Briest sich wahrscheinlich den Herrensitz Nennhausen zum Vorbild genommen. Der nächste Ort trägt bezeichnenderweise den Namen Stechow. Genau hier, nach 20 Kilometern, gibt mein frisch aufgepumpter Hinterreifen seinen Überdruck wieder von sich. Diesmal hänge ich den Titanrahmen an ein Gartentor. Optimale Reparaturposition!

Zur Herausforderung und Beweisführung der Zuverlässigkeit moderner Flicktechnik per Aufklebeflicken verwende ich einen der Marke Topeak aus der gleichnamigen, famos gestylten Rescuebox.

Test it!

Ich opfere Kartusche Nr. 2, und flugs hat der frisch geflickte Reifen wieder Betriebsdruck. Und hält ihn auch – vorerst. Aber dazu später mehr …

Bevor nun der Beitrag gänzlich zum „Reparaturspezial“ abdriftet, wende ich mich ab jetzt wieder Kultur und Natur zu. Also aufsteigen und weiter durch Rathenow und dann lang durch den Wald hinüber zur alten Stadt Tangermünde. In Wust, kurz vor Erreichen der Elbbrücke, kann ich an der alten Hausfassade sehen, was die Stunde geschlagen hat.

Eine halbe Stunde später rolle ich in der ehrwürdigen Stadt Tangermünde ein. Nein, heute führt mein Weg zwischen der Elbe und der mächtigen Stadtmauer hindurch, weiter nach Süden. An der Elbe entlang.

Stadtmauer Hansestadt Tangermünde

Dieses Mal locken mich eher die ganz kleinen Orte, die auch Schönes, zumindest Besonderes zu bieten haben. Zum Beispiel Buch mit seinen gerade 300 Einwohnern – einer davon heißt Roland, ist 3,50 Meter groß, aus Sandstein gehauen und hält es hier schon seit dem Jahre 1580 tapfer aus. Dabei hatte er nicht immer eine gute Zeit. Im zarten Alter von etwa 100 Jahren stürzte der Rathausturm auf ihn herunter und lädierte ihn so sehr, dass er einen neuen Kopf brauchte. Kopf Nr. 2 wurde mit einer prächtigen Lockenfrisur versehen. Im Zuge dieser Operation ließ der Lehnschulze Helmicke ihn vom Rathausvorplatz vor seinen eigenen Schulzenhof transportieren und dort aufstellen. Was wird ihn das wohl gekostet haben?! Bis zum heutigen Tage wacht er vor dem Hofgebäude. Ich lehne mein Granfondo an, schaue auf zum Roland und frage mich, was der schon alles gesehen haben mag.

Ich nehme einen großen Schluck aus der Flasche, proste Roland zu und setze mich wieder in Bewegung. Auf den nächsten Kilometern passiere ich die Wiesen der Elbaue, kleinste Ortschaften und schaue auf horizontweite, abgeerntete Kornfelder. Es wird langsam Zeit, dass ich mich um eine Bleibe für die nächste Nacht kümmere. Auf einem Rastplatz mache ich es mir gemütlich, vertilge drei Gemüsefrikadellen und frage Booking.com nach den verfügbaren Betten auf der Strecke, die vor mir liegt. Gestern war hier noch reichlich Angebot vorhanden, aber jetzt sieht es mager aus.

An diesem Gasthof ist die Zeit vorbeigeströmt und hat die Gastlichkeit mitgenommen. Und Diamant Pilsener gibt es seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Also kurbele ich weiter. Noch sind die Beine gut und meine Laune auch. In der Ferne taucht der Kalimandscharo von Zietlitz auf. Aber Obacht, wenn die mehr als 100 Meter hohe Abraumhalde schon nahe scheint, ist sie noch locker 20 Kilometer entfernt.

Der Kalimandscharo

Im Örtchen Loitsche, direkt am Riesenberg, sitzen drei Männer in einem Vorgarten, vor sich einen halb geleerten Kasten Bier und rufen rüber: wohin des Weges, Radler? Ich gebe bereitwillig Auskunft und ernte ungläubiges Staunen, als ich von den heute bis hierher zurückgelegten 150 Kilometern erzähle. „Det is ja unfassbar“, murmelt der Wohlgenährte und streicht sich über seinen mächtigen Bauch. Als mir auch nach einer kleinen Abwartpause kein Bier angeboten wird, suche ich das Weite und richte den Blick nach vorn. Irgendwo wird hier doch ein Hotel zu finden sein! In Wolmirstedt folge ich dem Hinweisschild zum Gasthof Auerbachs Mühle. Sieht gut aus. Gut gelaunte Menschen im Biergarten. Ich bekomme spontan Durst. Nur, auch hier sind alle Betten ausgebucht. Zu meiner Rettung telefoniert die Dame am Empfangstresen in der Gegend herum und wird beim Hotel Bördehof in Ebendorf fündig. Flugs reserviert sie für mich ein Zimmer und kündigt mich an. Treffer! Noch 12 Kilometer, dann warten Dusche und Bier auf mich. Eine halbe Stunde später stehe ich vor dem ansehnlichen Hotel. Mein Granfondo darf im „Motorradkeller“ sicher übernachten, und ich beziehe ein schönes Zimmer unterm Schrägdach.

Im Örtchen Ebendorf mache ich noch eine kleine Spazierrunde zum Beine vertreten und kehre bei einem einladend aussehenden Dönerladen mit Pizzaangebot ein. Die Pasta mit Ei und Pilzen schmeckt köstlich, und Becks Bier löscht bekanntlich „Männerdurst“ ( in unseren Tagen ein unsäglicher Werbespruch). Wieder zurück im Hotel, sind gegen 22 Uhr kaum mehr Gäste zu sehen. Nur hinter der Bar räumt genau der junge Mann auf , der mich schon zum Motorradkeller begleitet hatte und mein Granfondo mit Lob bedachte. Ich fahre auch Rad, bemerkte er – und in meiner Familie sind viele Radsportler. Flandern-Rundfahrt, Tour de France, Paris-Roubaix, all diese Rennen haben die Verwandten meines Barmanns bestritten. Magdeburger Radlegenden: Rolf Pöschke, Robert Wagner… Und Täve Schur ist auch noch der Patenonkel meines bierzapfenden Gesprächspartners. Zuletzt holt er noch sein Stevens-Rennrad vor die Theke zur Begutachtung meinerseits. Anerkennende Worte, fachsimpeln über die Ausstattung. Dann verabschiedet er sich in den Feierabend, wünscht mir eine genussvolle Tour, und ich gehe beseelt und zufrieden auf mein Zimmer und schlummere dem nächsten Tag entgegen.

Teil 2 folgt

Angus-Rinder in Friedrichswalde und ein majestätischer Storch in Densow

„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“, so hat Martin Luther einen Vers des Lukas-Evangeliums volksnah übersetzt. Genau so ging es mir gestern! Als ich bei Friedrichswalde eine riesige Rinderherde entdecke, die auf einer weiten, sattgrünen, welligen Weide steht, wusste ich: Hierüber muss ich ein paar Sätze schreiben.

An diesem Dienstag hatte ich beschlossen, wieder einmal eine ordentliche Runde in den Barnim und die Uckermark zu radeln. Hinein in die wunderbare Landschaft, die jetzt so in vollen Farben leuchtet, die alles zeigt, was im Winter nur schlummert und schläft. Alles ist wach, die Vögel überbieten sich in variantenreichen Gesängen, der Wald duftet nach Holz und nach frischen Kräutern. Schwärmerei! Ja, ich gebe es zu, ich lasse mich gerne einfangen von der Stimmung der Natur.

JANINE transportiert Holzhäcksel auf dem Oder-Havel-Kanal nach Westen

Über Zerpenschleuse und Marienwerder rolle ich mich ein. Dann genieße ich die Wald-und Strandkilometer am Werbellinsee entlang und den Radweg hinauf durch den Buchenwald nach Joachimsthal. Mein Trikot saugt gierig meinen Schweiß auf, den ich an diesem schwülwarmen Tag produziere. Meine Beine funktionieren gut, nur eine spürbare Spannung in den Oberschenkeln zeigt mir, dass ich mich anstrengen muss, um die sanften Hügel zu erklimmen.

Von Joachimsthal führt die Landstraße in Richtung Parlow und Glambeck. Am Waldrand steht ein Feldstein mit der Aufschrift: „Toter Mann“.

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Die schaurigen Geschichten dazu sind hier zu lesen: https://www.amt-joachimsthal.de/texte/seite.php?id=37482. Ein paar hundert Meter weiter führt mich der Wegweiser „Uckermärkischer Radrundweg“ in Richtung Friedrichswalde. Über glatten Leichtrollteer durch den kühlenden Wald, dann auf eine Lichtung hinaus, die sich zu saftigen Wiesen weitet. Und da stehen sie! Wie in einer Filmkulisse weiden mindestens 50 schwarze und braune Angusrinder im hoch stehenden Gras. Mein erster Griff geht zur Kamera, ich bleibe stehen, steige ab und gehe an den Weidezaun heran.

Offensichtlich nehmen die Tiere mich nicht als Bedrohung, sondern eher als Anreiz zum Näherkommen wahr. Die ganze Herde bewegt sich gemächlich in meine Richtung. Große Elterntiere und Kälber, alle einträchtig und sehr entspannt.

Zugleich mit mir hält ein Paar an, das mir mit E-Bikes entgegenkommt. „Meine Frau muss wieder einmal fotografieren“, schmunzelt der Mann. So werden die herrlichen, zutraulichen Tiere zig-Mal auf die SD-Cards gebannt. Und ich nehme die Gelegenheit wahr, den beiden Naturrreisenden die Kultur-Schönheiten von Joachimsthal anzuempfehlen. Sie bedanken sich, und ich kurbele weiter hinüber zum Holzschuhmacherdorf Friedrichswalde.

Wieder einmal kehre ich beim Bäcker Hakenbeck ein und verspeise ein wohlschmeckendes Stück Kirschkuchen, zusammen mit einem duftenden Milchkaffee. Hakenbeck ist eine meiner Top-Adressen in Brandenburger Landen. Bernd Hakenbeck ist sogar auf die Idee mit dem „Brotsponsor“ gekommen: Ein junger Immobilienmakler aus Eberswalde lässt ein eigens kreiertes Hanfsamenbrot mit seinem Logo ausrüsten. Da sage einer, die Märker seien nicht innovativ.

Auf den Spuren der alten Holzschuhmacher-Tradition umkurve ich noch die Kirche mit dem Gedenkstein für die ersten 30 Siedler, die vor 250 Jahren im Auftrag Friedrichs des Großen angeworben wurden, hier das Land zu bewirtschaften. Schließlich wurden sie über die Landesgrenzen berühmt durch die trefflichen Holzschuhe, die sie hier schnitzten. In einem kleinen Museum hinter der Kirche wird die Geschichte dazu lebendig.

Der Radweg führt mich weiter in Richtung Templin und zunächst durch die Ortschaften Reiersdorf, Gollin und Ahlimbsmühle. Am Rande von Templin erreiche ich bei Postheim den Badestrand vom Lübbesee.

Unter den Sonnenschirmen mit Südseeflair tummeln sich die Menschen ganz so wie vor Corona-Zeiten. Fröhlichkeit und gute Laune schwingen in der Luft.

Mein alter Freund Rainer sagt so schön: „Templin ist immer eine Reise wert“. Stimmt!

Heute wähle ich den Radweg hinter der Stadtmauer entlang, über die alte Pionierbrücke und dann nach Norden aus der Stadt hinaus– Kurs Lychen. Der Himmel im Nordwesten wird immer dunkler, drohender. Ein Gewitter braut sich zusammen. Aber ich habe Glück heute, die Front zieht immer weiter nach Westen weg. Ich bleibe trocken und passiere Orte wie Alt-Placht, Neu-Placht – alte Gutsdörfer und Vorwerke mit einer Handvoll Einwohner. Dann folge ich einem Wegweiser nach Süden, nach Annenwalde. In der Hoffnung auf eine Abkürzung direkt nach Süden, denn ich will pünktlich zum Anstoß des Spiels Deutschland-England zu Hause sein. Es sollte anders kommen. Die Landstraße hin nach Annenwalde ist gesäumt von einer prächtigen Lindenallee, meine Laune ist gut, eine Trinkflasche ist noch voll. Dann lasse ich mich verführen, einem schmaler werdenden Weg zum Örtchen Beutel zu folgen. Der endet dann im Wald. Kein Durchkommen nach Süden. Nur Wanderer haben eine Chance. Zwei Seen ohne Übergang stehen mir im Weg. Für eine schöne Rundwanderung ein wunderbarer Ausgangsort. Aber mein Granfondo ist für diesen Zweck nicht geeignet. Also zurück auf festen Untergrund und wieder hinüber nach Templin. In Annewalde wartet nicht nur eine wieder zu neuem Leben erweckte Glashütte samt Künstleraltelier, sondern auch in einer alten Scheune ein Hofladen.

Kirsch-Banane-Eis und eine Flasche Mineralwasser zum Wiederbefüllen meiner Trinkflasche trösten mich über den ungewollten Umweg hinweg. „Der Weg ist das Ziel“. Der nächste Ort heißt Densow und zieht meinen Blick zunächst auf ein Storchennest, das auf einem Mast thront. Die Störchin sitzt und bietet aktuell kein gutes Fotomotiv. Dann endecke ich auf dem First des übernächsten Hauses Herrn Storch, der würdig und entspannt auf mich herabblickt.

Schönes Haus
Stolzer Storch

Wie souverän das Tier im Einbeinstand auf dem First des Hauses mit dem herrlich stuckverzierten Giebel aus dem Jahre 1906 thront. Für mich ist dieser Anblick das Highlight der heutigen Tour. Jetzt kann ich die Kamera beruhigt wegstecken und mich auf den Heimweg machen.

Leitspruch aller Randonneure

Noch einmal durch Templin, an dem gelben Hausgiebel mit dem Zitat von Franz von Assisi vorbei, das schon mein alter Freund Claus Czycholl vor vielen Jahren als Motto für die ganz langen Strecken gewählt hatte. Dann über Hindenburg, Hammelspring und Vogelsang nach Zehdenick, wo ich in den Regio nach Berlin klettere, um dann pünktlich zum Fußballspiel in den heimatlichen Gefilden anzukommen. 155 Kilometer Kultur- und Naturgenuss. Die bleiben viel nachhaltiger in Erinnerung als die beiden eingefangenen Gegentore der englischen Mannschaft, die der unseren gezeigt hat, dass sie in Wembley auch gewinnen kann.

Buchenwald, Uckermark und durch das Oderbruch zurück

Auf dem Weg nach Norden, raus aus dem Speckgürtel der großen Stadt, bin ich nach 3o Kilometern am alten Finowkanal, rolle am Werbellin vorbei und nehme Kurs auf den Grimnitzsee. Diesen Weg bin ich schon einige Male bei Brevets gefahren, dann kamen wir meistens wieder von Angermünde her zurück, und es war schon stockfinster. Heute bin ich allein unterwegs, ich bin erst gegen 11 Uhr aufs Rad gestiegen, und die mittägliche Sonne brennt mir auf den Rücken. Am östlichen Rand des Eiszeitsees steht eine restaurierte Bockwindmühle auf einer leichten Anhöhe. Die Flügel hat sie schon vor fast 100 Jahren abgelegt, als ein Verbrennungsmotor zum Antrieb des Mahlwerkes zum Einsatz kam. In unseren Tagen erfreut sie nach liebevoller Rekonstruktion das Auge des Betrachters.

Bockwindmühle Althüttendorf

In Neugrimnitz locken abermals Natur und Kultur, die Kamera auszupacken. Eine wunderbar restaurierte Feldsteinmauer mit Steingewächsen begrünt, lädt das Granfondo zum Anlehnen ein. Hier wird an eine Glashütte erinnert, in der schon 1682 Gebrauchsglas in Form von Flaschen, Fensterglas und Vasen hergestellt wurde. Die Quarzsandvorkommen rund um den Grimnitzsee und der Holzreichtum der umliegenden Wälder boten die notwendigen Ressourcen.

Ein paar Moränenwellen noch, dann tauche ich in den Grumsiner Buchenwald ein. Die alten Bäume mit dem prächtigen Blätterkleid sorgen für angenehme Temperaturen. Noch sehen sie recht gesund aus. Diese Gegend ist prächtig geeignet zum Wandern – hier kann man viele Stunden verweilen und staunen.

Vom Walde erfrischt und vom Pflaster durchgerüttelt nähere ich mich Angermünde, einige sanfte Anstiege sind noch zu bewältigen. Heute will ich einen Bogen durch die historische Altstadt machen und nicht, wie beim Brevetfahren, möglichst schnell vorwärtskommen. Das erste Mal nehme ich wahr, wie schön restauriert die alte Stadtmauer ist, wie liebevoll angelegt die Grünflächen und der Skulpturenpark vor der 700 Jahre alten Franziskaner-Klosterkirche. Zuerst fangen die mächtigen Steinskulpturen meine Blicke, dann sehe ich eine Gruppe festlich gekleideter Jugendlicher vor der Kirchenmauer. Es wird gelacht, es wird fotografiert, posiert… Hier feiern die Abiturienten des Einstein-Gymnasiums, lese ich Tage später in der MOZ.

Nach Osten verlasse ich das schmucke Städtchen. Über Dobberzin und Crussow erreiche ich die Kante des Oderbruchs in Stolpe. Ob wohl das Radlercafé Fuchs und Hase geöffnet hat? Es hat! Und immer noch versprüht die Lokalität den Charme des ehemaligen Betonwerkes. Nur die äußere Kulisse täuscht! Drinnen sind nette Menschen und die Gastlichkeit ist grandios. Radfahrer, die hier achtlos vorbeifahren, verpassen definitiv eine der besten Rast-Adressen Brandenburgs.

Wer in Stolpe noch etwas für die kulturelle Bildung und dazu für die körperliche Ertüchtigung tun will, möge den Hügel zum dicken Turm hinauflaufen und die Aussicht über das Bruch genießen.

Nach einer deftigen Brotzeit mit Auerochsen Bockwurst und Boizenburger Bier setze ich mich gestärkt auf mein Granfondo und rolle weiter oderaufwärts. Wenige Kilometer weiter, bei Lunow, kann ich die Auerochsen, die eigentlich Heckrinder sind, in lebendem Zustand bewundern. Als bekennender Fast-Vegetarier gefallen mir die Tiere so noch viel besser als in Bockwurstform. Die letzten echten Auerochsen sind in Polen im Jahre 1627 dokumentiert. Erst den Zoodirektoren in Berlin und München, Heinz und Lutz Heck, gelang es in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die Auerochsen nachzuzüchten. Folglich heißen die etwas leichter und weniger massig geratenen Tiere „Heckrinder“.

Heckrinder, Schafe, Schwäne, Störche – Natur pur im Oderbruch zum Sattsehen.

Der Blick auf die Uhr mahnt mich, den Kurs langsam wieder in Richtung Berlin zu setzen. Also biege ich in Hohensaaten ab auf den Radweg entlang der Alten Wriezener Oder. Zuerst nach Oderberg, dann Bralitz und wieder durch die Felder nach Niederfinow. Ein Gravelbike ist für diese Etappe das ideale Gefährt. Beim im Jahre 1894 errichteten Schöpfwerk Liepe führt eine neue Holzbrücke über die Alte Finow.

Angler und Naturbeobachter sind hier unterwegs, keine Touristen wie beim Schiffshebewerk. Ich komme ins Gespräch mit einem Ehepaar, das auf einer hölzernen Brücke mittels Spiegelreflex und langer Brennweite Ausschau nach Bibern hält. Stolz zeigt mir der Fotograf ein wunderbares Bild mit einer Bibermutter, die ihr Kind durch die Fluten trägt. In Niederfinow hat mich die glatte Straße wieder.

Gedankensprung!

Zwei Wochen zuvor radelte ich mit meiner besseren Hälfte den Oderradweg von Hohenwutzen nach Groß Neuendorf und zurück. Das Erleben bei bestem Wetter und frischem Wind passt ideal als Abschluss dieses Beitrags, denn der für mich schönste Teil des Oderbruchs fängt just hier an und erstreckt sich bis in die Gegend von Küstrin.

Groß Neuendorf im Oderbruch. Ich stehe in der Schiebetür eines alten Eisenbahnwaggons, der zum Cafe´-Ausschank umfunktioniert ist. An diesem letzten Wochenende im Mai ist ein Stück Freiheit zurück. Kaffeetrinken und Kuchen genießen im Freien. Andere gut gelaunte Menschen sehen. Auf die leicht vom Wind gekräuselte Oder blicken. Auf der östlichen Stromseite leuchten die Ziegeldächer der Bauernhäuser in strahlendem Rot. 

Cumuluswolken  stehen wie gemalt am Himmel. Ganz ähnlich scheinen Wilhelm von Humboldt und Theodor Fontane dies Fleckchen Erde auch zu ihrer Zeit erlebt zu haben. Die passenden Zitate der beiden zieren die Innenwände der Waggonseiten.

Das Oderbruch entfaltet seine Reize zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter – am liebsten ist es mir bei milden Temperaturen und bei sehr klarer Luft. Im Frühjahr, wenn die Natur wach wird und  die Oderauen gut im Wasser stehen, sind die Tiere besonders aktiv. Die Vögel brüten, die Frösche überbieten sich in quakendem Konzert, Störche, Schwäne und Reiher schwimmen und staken in friedlicher Eintracht. Und ein Stockwerk darüber kreisen Milane, Seeadler und Rohrweihen. 

Für eine kleine Oderbruchtour kann man das Auto abstellen in Hohenwutzen und von dort losradeln. Dann 30 km bis Groß Neuendorf und wieder zurück. Jede Minute hat neue Eindrücke parat – Hinschauen und entdecken!

Barnim und Oderbruch – 200 frische Frühlingskilometer

Heute muss es endlich sein – endlich wieder eine epische Strecke fahren hin zum Oderbruch. Sehr frisch ist die Morgenluft, zwei Grad zeigt das Thermometer, der Wind weht spürbar aus Nordwest. Mein Granfondo Titan wird mich heute begleiten, es hat Übung und Erfahrung in diesem Terrain. Es freut sich wie ich auf die erste lange Tour des Jahres, eine Corona-Tour. Ich bin mit mir selbst unterwegs. Me and myself. Zwei dicke Proteinriegel und zwei Trinkflaschen mit Apfelsaftschorle müssen reichen für die nächsten zehn Stunden. Und wenn ein Bäckereicafé geöffnet haben sollte, dann wird es noch einen Milchkaffee und ein Stück Kuchen geben. Um 9.15 Uhr sitze ich auf dem Rad und rolle los, hinein in den Barnim. Erste Station Bernau, dann hinüber nach Tempelfelde, wo ich in an einer Seitenstraße eine riesige Eiche entdecke. Natürlich fahre ich hier nicht einfach vorbei, ohne die Hand aufzulegen und ein paar Fotos zu machen. Mangels Metermaß muss ich den Umfang schätzen. So um die fünf bis sechs Meter wird der Stamm messen. Also wird der mächtige Baum hier seit mindestens 300 bis 350 Jahren stehen. Weiter rollt es mit Schiebewind hinüber nach Heckelberg und Haselberg. Tatsächlich gibt es einen kleinen Anstieg hinauf in das Reihendorf, das einen Gutspark hat, samt alter Brennerei. Und natürlich gibt es auch hier eine alte Eiche zu bewundern. Leider nur aus 100 Metern Entfernung. Privatgrund! Abgezäunt. Als ob es hier etwas zu klauen gäbe.

Endlich, nach der Durchfahrt von Schulzendorf kann ich mich ins tief gelegene Oderbruch stürzen, nach Wriezen mit seiner wechselvollen Geschichte. Der Dönerladen, der uns beim 200er Brevet 2019 als Kontroll- und Verpflegungspunkt diente, sieht traurig aus. Die Türen sind verschlossen. Ich tröste mich mit einer Portion Kultur in Form des Lebensbrunnens vor der St.-Marien-Kirche. Hier hat sich der Bildhauer Horst Engelhard Ende der 90er Jahre so richtig austoben dürfen. Fischer, Teufel, eine Nixe, ein Spielmann und dann noch der Herr mit dem Brett vor dem Kopf. Mittlerweile haben sich die Wriezener ausgesöhnt mit der progressiven Kunst. Sogar stolz sollen sie auf den Brunnen sein.

Der Künstler spiegelt hier die wechselvolle Geschichte der kleinen Stadt.

Seit ich Norman Ohlers Roman „Die Gleichung des Lebens“ gelesen habe, sehe ich das Oderbruch mit anderen Augen, sehe mehr die Historie hinter der aktuellen Kulisse. Hier hat in den Jahren 1747 bis 1753 der Deichinspektor Simon Leonhard von Haerlem im Auftrag Friedrichs des Großen die Oder eingedeicht und begradigt. Sein Büro hatte er in Wriezen aufgeschlagen. Finaler Akt des Projektes war der Oderdurchstich zwischen Güstebiese und Hohensaaten. Um 25 Kilometer verkürzte sich dadurch der Lauf der Oder. Aus einem Paradies für Fischer sollte im Laufe der Jahre Bauernland werden, mit angeworbenen Kolonisten und neuen Ansiedlungen neben den alten. Alt Ranft – Neu Ranft, Alt-Küstrinchen – Neuküstrinchen… Die Zeit der Hechtreißergilde in Wriezen ging dem Ende entgegen. Die Kartoffel war der neue Fisch. Zum Fluch der Fischer und zum Segen der Bauern.

Durch den ansehnlichen Ortskern kurbele ich nach Norden und biege ab in die Hafenstraße. Der „Alte Hafen“ wurde erst im Jahre 1902 errichtet und schon 50 Jahre später rückgebaut. Die neuen Häfen in Kienitz und Groß Neuendorf, direkt am Hauptlauf der Oder gelegen, haben ihm über die Jahre den Rang abgelaufen. Reste der alten Kaimauer und die angrenzenden Kalköfen samt ehemaliger herrschaftlicher Villa fristen ein eher tristes Dasein und harren der geplanten Wiedererweckung als Museum und Veranstaltungsort.

Kalköfen und Villa
Der Rost nagt unbarmherzig

Tausende von alten Fotos und Abbildungen des Hafengeländes hat der Besitzer gesammelt und ausgestellt. Nostalgie.

Weiter führt mich mein Weg von der alten Oder hin zum Hauptfluss. Über einen gut fahrbaren Feldweg, vorbei an alten Weiden, nach Neuküstrinchen, dessen Kirchturm am Horizont die näher gelegenen Kollektoren einer Fotovoltaikanlage überragt. Neue und alte Welt.

Blick nach Neuküstrinchen
Kirche von Neuküstrinchen

In Bienenwerder erreiche ich den Oderdeich und die Oder. Genau dort, wo die alte Eisenbahnbrücke ( Europabrücke) hinüber nach Polen führt. Besser: noch im Jahr 2021 nach Restaurierung mit 3,6 Millionen Euro Europafördermitteln ihrem Namen endlich gerecht werden kann und dann Wanderern und Radfahrern die Oderquerung nach Polen wieder ermöglichen soll.

Ab hier setze ich Kurs oderabwärts nach Hohenwutzen, Hohensaaten … Der Wind bläst mir kräftig ins Gesicht, ich lasse die Beine genauso kräftig arbeiten. Es funktioniert noch. Wohlgeformte Cumuluswolken modellieren den tiefblauen Frühlingshimmel. Verrostete, ausgemusterte Fischer- oder Lastkähne liegen auf dem Deich.

Bei Hohensaaten, wo die Alte Oder von Westen her einmündet, biegt der Flusslauf wieder ab nach Norden. Das untere Odertal beginnt, das Oderbruch liegt hinter mir. Der Radweg führt über den Deich zwischen der Oder und der  Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße. Links Wasser und rechts Wasser. Dazwischen endlose Wiesen, die teilweise noch überflutet sind. Einzelne Schwäne haben es sich gemütlich gemacht. Dicke Graugänse watscheln durch das Grün.

Am Eiswachhaus verlasse ich den Deich und nehme den „Grützpott“, den alten Wohnturm von Stolpe, ins Visier. Ein Wanderwegweiser führt hinüber durch die Wiesen und zwischen Tümpeln hindurch zum Hauptradweg. Doch vorher muss ich noch durch eine Barriere, die noch nicht lange hier steht:

Der frisch errichtete Wildschutzzaun zur Eindämmung der Afrikanischen Schweinepest. Auch die Schweine kennen ihr eigenes Corona. Hier oder jedenfalls ganz in der Nähe war Eva ( Takeshi) unlängst bei Vollmond nächtens auf einer genauso wilden wie langen Tour allein und ganze 493 Kilometer unterwegs und stand vor Kälte schlotternd vorm Schutzzaun. Hier sehr anregend zu lesen: https://takeshifaehrtrad.com/2021/03/31/ridefar-493-km-nonstop-durch-den-norden/

Im Vergleich zu ihr bin ich heute geradezu gemütlich auf relativer Kurzstrecke unterwegs. Ich rechne mir einen satten Altersbonus an und fühle mich sogleich wieder wohl. Angekommen unterm Grützpott, rolle ich auf dem Oder-Neiße-Radweg wieder ein Stück stromaufwärts und schwinge mich in Lunow hinein in die Barnim-Hügel, hin zum Parsteiner See, dann wieder über Oderberg nach Liepe und zum Schiffshebewerk.

So sehen glückliche Rinder aus!

Ich verwerfe meine Plan, in Chorin in die Bahn zu steigen, zu schön lacht die Sonne, zu gut fühlen sich die Beine an. Also rolle ich gen Eberswalde, auf dem Treidelweg nach Westen und bin bei Bernau schon fast wieder zu Hause.

Besser ist Beides zu gleichen Teilen, denke ich mir und weiche leicht von der „Fontane-Weisheit“ ab.

Um 20:15 Uhr trage ich das brave Granfondo wieder in den Radkeller, brate mir drei Spiegeleier, drüber lege ich eine große Portion Käse , dazu noch ein köstliches Augustiner Bier. Das wird nicht meine letzte Tour ins Oderbruch sein.

Hier die Strecke zum Nachfahren: https://www.strava.com/activities/5121459518/embed/43130c221f9d14f02f9cb8a867f066ba6402d7d1„>http://https://www.strava.com/activities/5121459518/embed/43130c221f9d14f02f9cb8a867f066ba6402d7d1

Abschied von einem wunderbaren Freund und Randonneur

Im Gedenken an Peter Wylach geboren am 22.11.1948 – gestorben am 9.3.2021

Erst spät in seiner Zeit als Randonneur lernte ich Peter Wylach kennen. Es war bei der Saisonabschlussfahrt im September 2015. Die Berlin-Brandenburger Randonneure trafen sich im Grunewald zu einer Runde durch den Fläming. Gemütliches Tempo war angesagt, damit alle locker mitfahren konnten.

Peter bei der Abschlussfahrt 27.9.2015 – stehend- rechts

Die jungen Wilden genauso wie die alten Erfahrenen. Irgendwo bei Beelitz rollte ich dann Seite an Seite mit einem Oldie der Szene. Ich erzählte ihm von meinem Paris-Brest-Paris-Abenteuer, das ich nach 1100 Kilometern wegen „Shermer’s Neck“ aufgeben musste. Er konterte mit seinem ersten PBP, das er schon im Jahre 1995 gemeinsam mit Claus Czycholl gefahren war. In 72 Stunden. Und gar mit einem 2000-Kilometer-Ultra-Brevet in Skandinavien. Im Vergleich zu ihm war ich also ein Jungspund im Langstreckenfahren. Abends, beim gemütlichen Beisammensein im L`Etape bei Gilles redeten wir lange über Kultur, Natur und auch Radfahren. Es war der Beginn einer intensiven Freundschaft, weit über das Randonnieren hinaus.

Peter Wylach ganz rechts

Peter hatte im Jahr 1997 ARA-Berlin-Brandenburg gegründet und die ersten Brevets von Potsdam aus organisiert. 2009 dann übergab er an Ralf Störmer. Peter hatte jahrelang aus gesundheitlichen Gründen kurztreten müssen und fand just 2015 die Freude am Langstreckenfahren wieder. Zur Freude und zum Glück seiner Mitrandonneure.

Im Winter 2016 genießen wir das Balancieren auf Eis und Schnee, das Radfahren bei jedem Wetter. In dem Beitrag “ Die glorreichen fünf im Winterlicht“ habe ich die Tour durch das vereiste Havelland beschrieben.

Im Februar sind wir das erste Mal gemeinsam auf der Radlerinsel Mallorca. Peter zeigt mir auf der legendären Passstraße Sa Calobra, dass er mutig und schnell hinunterfahren kann. Im heftigen Anstieg wieder hinauf zum „Krawattenknoten“ hängt er mich locker um Minuten ab. Dieser Kerl ist immer noch zäh und schnell in den Bergen.

Mallorca, Can Picafort , am Strand

Bei Claus Czycholl, seinem alten Freund aus den Gründerzeiten von ARA Deutschland, fahren wir in Hamburg ein 200er Brevet. Auch das macht er locker. Auch das 300er und das 400er fährt Peter in diesem Jahr.

Er kann es noch! Nur das 600er auf den Brocken verkneift er sich.

Dafür steht er beim Verpflegungs-Support in Schierke mit seinem Campingbus stundenlang an der Strecke und reicht heißen Tee, Erbsensuppe mit Würstchen und Energieriegel.

Peter versorgt uns am Fuße des Brockens in Schierke
Peter und Ingo beim 300er Brevet

Bei der Anfahrt per Bahn zum Zeitfahren Hamburg-Berlin hat er ein reich bebildertes Fotoalbum dabei. Ich staune über die unzähligen Brevets und Super-Brevets, die er in über 20 Jahren absolviert hat. Chapeau Peter! Und auch beim Zeitfahren im zarten Alter von 68 Jahren zeigt er, dass er nichts verlernt hat, nur ein paar km/h weniger als früher zeigt das Garmin.

Dietmar, Peter S. und Peter am Start zum Zeitfahren Hamburg-Berlin

Im späten Herbst führt er uns dann eine neue Errungenschaft vor: eine individuell aufgebaute, komplett verchromte Tommasini- Stahl-Schönheit vom Feinsten. Wir taufen den Italo-Renner mit einem wunderbaren Chardonnay in Werder am Havelufer.

Das neue Tommasini wird getauft

2017 sind wir wieder auf der Insel, diesmal gemeinsam mit Claus Czycholl und Ingo Pluns. Geballte Randonneurserfahrung aus Jahrzehnten. Genießen und Kilometermachen in guter Kombination. Im folgenden Sommer gehen wir auf eine Etappentour durch Tschechien, Österreich und die deutschen Lande. Radfahren, Natur und Kultur erleben. So langsam schiebt sich der Kulturgenuss vor das reine Kilometermachen. Die Randonneure mutieren jetzt zu Kultur-Randonneuren.

Auf Mallorca im Blumenmeer

2018 weilen wir auf Sizilien, sehen uns den Ätna genauer an, und genießen herrliche Weine und andere Köstlichkeiten. Zurück in deutschen Landen, sehen wir uns an, was die Weser zu bieten hat, und übernachten im Kloster Corvey.

Claus und Peter beim 200er in Hamburg

Dann kommt ein arger Rückschlag für Peter: Er stürzt unglücklich und bricht sich die Hüfte. Dank der Kunst der Ärzte, einem künstlichen Gelenk und seiner unglaublichen Zähigkeit, kommt er schnell wieder auf die Beine und folglich auf das Rad. Im Oktober, ganze neun Wochen nach der OP, fährt er gemeinsam mit Wolfgang und mir abermals Hamburg-Berlin. 280 Kilometer! Wie macht der Kerl das? Ist das Härte oder manchmal schon bald Unvernunft? Wie auch immer, wir kommen zusammen ins Ziel und genießen den Erfolg.

Im Laufe der Zeit lernt Peter das Langsamfahren, das noch intensivere Hinschauen. Manchmal bekommt die Vorlesung an der TU über Stadtentwicklung und über Klimaschutz den Vorrang gegenüber einer ausgedehnten Radrunde. Ich profitiere davon, denn Peter nimmt mich mit in die Uni und stellt mich alten Bekannten aus der Zeit in seinem Job in der Senatsverwaltung vor. Diskussionen über Wasserbau, Klimaerwärmung und Umweltschutz füllen den Abend. Peter beginnt, wieder mehr zu reisen – mit seiner Frau besucht er die Orte, an denen er schon in den 80er und 90er Jahren mit dem VW-Campingbus war. Etwas Nostalgie und auch Neugier auf alles, was neu entstanden ist, treibt ihn.

Dann kommt der erste echte gesundheitliche Niederschlag, ein Herzinfarkt streckt ihn nieder, Stents werden gesetzt. Er hofft, schnell wieder auf dem geliebten Rad zu sitzen. Es kommt anders – noch eine OP, lange Reha-Zeit. Alles geht ihm viel zu langsam, aber er lernt, mit seinem Körper geduldig zu sein. Kurz nach Weihnachten besuche ich ihn mit Matthias, und wir rollen eine 50-Kilometer-Runde durch die Havelauen. Peter blüht auf, und trotz der Anstrengung hat er beste Laune. Als im Februar noch einmal Kälte und Eis zurückkommen, entdeckt er gemeinsam mit Jutta das genussvolle Wandern.

Ende Februar sitzt er wieder auf dem Rad, stürzt sehr unglücklich und zieht sich schwerste Wirbelverletzungen zu. Diesmal reichen alle ärztliche Kunst und alle Zähigkeit nicht, den geschwächten Körper im Leben zu halten. Schließlich kann er ruhig einschlafen und gehen.

Adieu lieber Peter, bester Freund, wir werden Dich sehr vermissen und nie vergessen.

Brustumfang 7,90 m, aber es kommt noch dicker!

Um so dick zu werden, braucht auch eine schnellwüchsige Eiche etwa 500 Jahre. Also hat die „Kaisereiche“, die zwischen Schönfließ und Bergfelde steht, die frühen Tage beider Ansiedlungen schon erlebt. Hat die unruhigen Zeiten des 30-jährigen Krieges schadlos überstanden, im Gegensatz zur Ortschaft Schönfließ, wo die Kriege und die Pest kaum Einwohner übrig gelassen hatten. Heute kann das Baummonument hinüberblicken zu zwei Orten des Berliner „Speckgürtels“, die prosperieren und mehr und mehr Einwohner aus der Stadt ins ruhigere Grün hinausziehen.

Kaisereiche bei Schönfließ

Der stattliche Baum trägt den Namen Kaisereiche, ich kann allerdings nirgendwo ergooglen, auf welchen Kaiser sich dieser Name wohl beziehen mag.

Einen Kilometer Luftlinie entfernt steht im Kindelwald ein zeitverwandter Baumriese, eine Stieleiche, die über 6 Meter Umfang hat. Heute ist sie umgeben von jüngeren Bäumen – Ahorn, Buchen, Kiefern, Erlen. Sie versteckt sich geradezu vor neugierigen Blicken. So bleibt sie von Spaziergängern und von Radfahrern unbeachtet, unentdeckt. Ein kleiner Abstecher zu diesem eindrucksvollen Baum lohnt sich aber.

https://www.ostdeutsches-baumarchiv.de/albums/froehlich-wege-zu-alten-baeumen-brandenburg/content/nr-72-eiche-kindelwald-glienicke/

Eiche im Kindelwald bei Glienicke

200 Meter weiter östlich stehen auf einer riesigen Pferdekoppel noch zwei Huteeichen, die ein paar Jahre jünger sind als der Kindelwaldriese, aber bei etwa 5 Meter Umfang auch über 300 Lenze zählen.

Weiter führt mich die Suche nach den monumentalen Bäumen der Umgebung nach Osten, hinein in den Barnim.

Bei der Recherche im Ostdeutschen Baumarchiv habe ich schon vor Wochen die Flatterulme von Ladeburg entdeckt, habe aber ungerechterweise bisher immer die Eichen den anderen Baumarten vorgezogen. Heute soll das anders werden. Auch Ulmen können groß und dick und sehr alt werden. Also, auf nach Ladeburg. Der Ort liegt am Radweg Berlin-Usedom, der hier abknickt und über Lobetal nach Biesenthal führt. Diese Tatsache hat bei meinen Touren bisher dafür gesorgt, dass ich immer am alten Ortskern vorbeigefahren bin. Heute habe ich die Koordinaten in mein Garmin geladen und navigiere per Luftlinie zum Ziel. Gegenüber der Kirche rolle ich ca. 150 Meter in die Rüdnitzer Straße, in die alte Dorfstraße hinein, dann stehe ich vor dem alten Riesen, der besonders im Winter, ganz ohne Blattwerk, durch seine Stammstruktur wirkt. Als wenn sich ein barocker Bildhauer hier am Holz ausgetobt hätte.

Alter 500-600 Jahre, Stammumfang stattliche 8,50 Meter

Wie ein riesiges V aus in sich verschlungenem Holz steht das Baum-Monument auf dem Grundstück neben einer Backsteinscheune. Bei Dunkelheit und Nebel ein ideales Versteck für Trolle, Heinzelmännchen und andere Märchenfiguren.

Ein informativer und anregender Beitrag zu dieser Ulme und zu Ulmen im Allgemeinen ist hier zu lesen:

https://www.in-berlin-brandenburg.com/Brandenburg/Landkreise/Barnim/Sehenswuerdigkeiten/Ulme-Ladeburg.html

Keine 10 Kilometer von Ladeburg in Richtung Südosten entfernt, sagt meine Recherche, steht in Börnicke ein Baumriese, der noch ein paar Zentimeter dicker ist als die Flatterulme. Eine Schwarzpappel muss ich in Börnicke finden – am nordwestlichen Ortsrand. Nach einer halben Stunde gemütlichem Kurbeln zieht zunächst ein alter Trabbi meine Blicke auf sich. Traurig steht er unter mittelalten Eichen, einen Scheinwerfer hält es schon nicht mehr im Plaste-Gehäuse. Auf der Motorhaube prangt, leicht übermoost, ein roter Adler. Mein sicher etwa genauso alter Basso-Crosser schaut mitleidig auf die ramponierte „Rennpappe“. Mein Basso erfreut sich mit 35 Jahren nach einer sorgsamen Restauration und roter Neubepulverung bester Gesundheit.

Jetzt aber weiter zum eigentlichen Ziel nahe am Börnicker Schlosspark: Neben der Straße die Böschung hinunter schiebe ich mein Stahlgefährt über einen leicht vermatschten Wiesenweg zur Schwarzpappel, deren Dimensionen erst deutlich werden, als ich die alte, unglaublich dick und grob gefaltete Rinde anfasse. Ich klettere durch das Gestrüpp auf die Rückseite des gewaltigen Stammes und falle fast in den Baum hinein. Ein Seitenstamm ist weggebrochen und hinterläßt eine riesige, klaffende Wunde im Hauptstamm. Schlingpflanzen klettern ins Innere, Spinnweben, Moos, faules Holz kleiden die Baumhöhle aus. Ein Wunder, dass die Pappel noch fest steht und den Winden und Naturgewalten trotzt.

Unglaubliche 9,11 Meter Umfang hat das Ungetüm. Aber nur 180 Jahre hat die Pappel gebraucht, um so groß und so mächtig zu werden. „Schnellwüchsig“ nennt man solch ein Wachstumsvermögen. Im Vergleich dazu wächst eine Stieleiche geradezu in Zeitlupe. Die Schwarzpappel von Börnicke soll die älteste und die dickste ihrer Art in ganz Deutschland sein.

Ich umrunde und umklettere das Ungetüm mehrfach und atme und staune. Starker Charakter, dieser Prachtbaum! Ich kann mich kaum losreißen und blicke immer wieder zurück, bis die Silhouette kleiner und kleiner wird und schließlich am Horizont verschwindet.

Die Suche nach Eichen, Ulmen, Buchen, Pappeln und deren Geschichte wird mich so schnell nicht mehr loslassen. Trotzdem freue ich mich darauf, irgendwann wieder bei lauen Lüften dem reinen Randonnieren frönen zu können. Am besten gemeinsam mit Freunden, am besten wieder mit einer zünftigen Einkehr beim Lieblingsbäcker – abends ein Bier oder zwei….

Hoffentlich bald werden wir zurückblicken auf die Corona-Pein und wieder die gemeinsamen Freiheiten genießen. Aber bis dahin, egal wielange das dauern wird, warten noch viele Bäume auf meine Entdeckung, warten noch viele freilaufende Rinderherden, Schafe, Ziegen, Pferde – Kraniche und Gänse auf den Wiesen. Natur ist nie langweilig, ist immer interessant und staunenswert.

Eben ein „Naturgenuss“, wie schon Alexander von Humboldt diesen damals neuen Begriff vor 200 Jahren formulierte.

In Zeiten abnehmenden Lichts

Etwas wehmütig denke ich zurück an meine Ostsee-Tour im Oktober. Die Bäume standen noch fast voll im Laub. Der Wald leuchtete grün mit braungelbroten Tupfen. Zehn Stunden Licht und Wärme spendete das Himmelsgestirn im günstigsten Falle. Im grauen Endnovember wird es gar nicht mehr richtig hell. Und warm auch nicht.

Trotzdem, oder gerade deswegen ist Waldbaden, ist Laufen, ist Radfahren so enorm wichtig für Körper und Seele. Also rauf aufs Rad und rein in die Natur, egal wie grau der Himmel ist, egal wie niedrig die Temperaturen sind.

Anfang November werfen die noch jungen Maulbeerbäume in der Bornimer Feldflur ihre letzten Blätter auf den Weg und auf die grünen Wiesen. Die Schatten sind auch am Mittag schon lang. Um vier Uhr bei der Heimfahrt grüßt die Heilig-Geist-Kirche von Werder herüber nach Wildpark-West.

Eine halbe Stunde später ist es stockfinster, und meine Supernova-Frontleuchte weist mir den Weg nach Norden. Nach einer Stunde Fahrt dringt die Kälte unbarmherzig durch die dünnen Langfingerhandschuhe hindurch. Also ziehe ich die Finger zurück und balle sie zur Faust. Das wärmt, ist aber schnellen Bremsmanövern abträglich. Trommeln auf den Oberschenkeln bringt auch Linderung. Bei der nächsten Runde in kalter Luft nehme ich die dickeren von Roeckl mit. Später, bei Minustemperaturen, kommen die Dreifingerfäustlinge zum Einsatz.

Am 19. November gehe ich wieder einmal auf Baumsuche – die „Kaisereiche“ von Schönfließ hat sich des Laubs mittlerweile komplett entledigt. Die mächtigen Äste sind einzeln zu erkennen und machen aus der 500-jährigen Eiche ein dreidimensionales Kunstwerk.

Kaisereiche bei Schönfließ
https://www.ostdeutsches-baumarchiv.de/albums/bemerkenswerte-eichen-in-brandenburg/content/kaisereiche-bei-schoenfliess/

http://maps.google.de/maps?q=N52°39.7267%27,E13°19.6058%27&t=k&z=15

Die herrliche Stieleiche ist 26 Meter hoch und hat einen Stammumfang von 7,90 Metern. Auf dem Weg nordwärts biege ich zwei Kilometer später in Bergfelde rechts ab zum Friedhof, auf dem Blicke fangend eine wunderbar geformte Traubeneiche ihre Krone schützend über die Gräber streckt. Dieses Naturmonument wächst seit etwa 400 Jahren hier. https://www.ostdeutsches-baumarchiv.de/albums/froehlich-wege-zu-alten-baeumen-brandenburg/content/nr-70-friedhofseiche-bergfelde/

400-jährige Traubeneiche in Bergfelde

Ich lege meine Hände eine Weile auf die tief zerfurchte Rinde, und schon erzählt mir der Baum Geschichten aus alter Zeit.

Zwischen Klosterfelde und Zerpenschleuse sind Jäger bei den Vorbereitungen für eine Treibjagd.

Mich erinnern die aufgehängten Laken an „the running fence“, den Christo und Jeanne-Claude in den 70ern in Kalifornien kilometerweit über die Hügel gespannt hatten – nur eben etwas kleiner, etwas kürzer. Und der Zweck ist auch ein anderer.

An der Rosenbecker Schleuse sitzt die Wirtin der „Kleinen Moldau“ im Garten und wartet auf das Ende der Corona-Einschränkungen.

Der „Werbellin“, wie Fontane den See mit eiszeitlicher Entstehungsgeschichte nannte, liegt glasklar und still da.

Es rollt wunderbar leicht am Seeufer entlang und dann hinüber nach Joachimsthal. Heute mache ich zum ersten Mal eine Kurve hin zur Kirche und zu der alten Schule.

„Was fragt ihr mich nur täglich: Wirst du es denn nicht satt, zu leben in dem Städtchen, das nichts des Schönen hat? Du hörest nie Konzerte, und Schauspiel hast du nicht – wie kannst du dort nur leben, je schaffen ein Gedicht!“

So schreibt der „Dichter des Waldes“, Joachim Brunold, um 1850. Hinschauen! So möchte ich ergänzen – dann gibt es eine Menge schöner Dinge zu entdecken. Heute werde ich reichlich fündig. Weiter nach Norden führt mich mein innerer Kompass, nach Friedrichswalde, das im 18. bis 20 Jhd. einmal das größte Holzschuhmacherdorf Deutschlands war.

Im Mai 1748 erhielt der Amtmann Georg Krause aus Grimnitz den Befehl von König Friedrich II. , Kolonistenfamilien dort anzusiedeln. Unschwer zu erkennen ist, dass die Erstsiedler allesamt aus der Kurpfalz kamen. Sie brachten das notwendige handwerkliche Können mit, um über lange Zeit mit dem Schnitzen und Verkaufen der besten Holzschuhe Deutschlands erfolgreich zu sein.

Mein Lieblingsbäcker Hakenbeck hat heute leider geschlossen, so kurbele ich weiter nach Reiersdorf und zur dortigen Landeswaldoberförsterei. Im Hof des Försters kann ich heute die zweite mächtige Traubeneiche bewundern. Sicher nicht ganz so alt wie die in Bergfelde, aber genauso schön anzusehen.

Von Reiersdorf rumpele ich weiter nach Gollin, wo ein allerliebst anheimelndes „Gemeindezentrum“ die Ortsdurchfahrt verschönert.

Gemeindezentrum oder Ortsgefängnis, das ist hier die Frage

In Grunewald, ja es gibt ein gleichnamiges Dörfchen in der Großdöllner Heide, genau hier – vor der Kirche, stärke ich mich für die letzten knapp 50 Kilometer des Tages mit einem Proteinriegel und heißem Tee. Grunewald hat seine Existenz dem sogenannten „großen Wildzaun“ zu verdanken, den der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm um 1660 hier errichten ließ, um das Wild am Überwechseln auf das nördlich davon liegende Kulturland der Uckermark zu hindern. Welch ein Aufwand! Aus einer der 12 Zaunsetzerstellen entstand später die Ortschaft Grunewald.

Auf dem Heimweg bin ich versucht, einen Umweg über Deutschboden zu machen, sehe doch im Sinne meiner körperlichen Unversehrtheit – der Weg dorthin führt über üble Waldwege – davon ab. Noch einmal den Finowkanal queren im letzten Licht, dann ersetzt meine bewährte Supernova das untergegangene Himmelsgestirn.

Zeiten abnehmenden Lichts!