Lost Places in Brandenburg – Bogensee

Mein Basso-Crosser wird bald 35 Jahre alt. Als ich das Rad bei Radsport Holczer in Herrenberg in Empfang nahm, fiel die Mauer in Berlin. Seine Räder rollten zuerst nur in Schwaben, Bayern und auch in der Provence. Erst nach dem Umzug aus dem Ländle ins Brandenburger Land um die Jahrtausendwende durfte es die hiesigen Wälder und Feldfluren erkunden. An uralte Eichen, Ulmen und Linden wurde es angelehnt. Verfallene Bunkeranlagen aus Weltkriegs- und auch DDR-Zeiten durchkurvte es. Alte Flugzeughallen, in denen die Bomber standen, Lungenheilanstalten, in denen schon lange keine Patienten mehr atmen, bestaunte es.

Und vor mehr als zehn Jahren war ich zum ersten Mal mit ihm in Bogensee. Heute, an einem Herbsttag mit klarem Himmel und frischen Lüften, habe ich Lust, wieder durch die bunten Wälder nach Norden zu fahren. In Wandlitz treffe ich an der Anlegestelle am See einen Ex-Rennkajakfahrer, der sein neues Kevlarboot aus dem Wasser zieht. Zufrieden sieht er aus, und er ist es auch. Das Boot ist leicht und nicht so kippelig wie ein Renngerät. Das sei sehr entspannt zu fahren und genussvoll zugleich. Schließlich ist der Sportler gerade in Rente gegangen, wie er mir erzählt. Wir konstatieren, dass die Rentnerzeit geradezu dazu verpflichtet, körperlich und auch geistig aktiv zu bleiben, und wünschen uns in diesem Sinne einen erlebnisreichen Tag. Von Wandlitz bis Bogensee ist es nicht weit. So um die sieben Kilometer. Wenn also die DDR-Granden den FDJ- Schülern in der Kaderschmiede Bogensee einen Besuch abstatten wollten, hatten sie es nicht weit.

Nördlich von Wandlitz führt die Straße hin nach Prenden. Nach drei Kilometern folge ich dem Schild „Bogensee“.

Um halb eins stehe ich vor dem überwucherten Torhäuschen, an dem einst der Zugang zum Gelände kontrolliert wurde. Daneben, offensichtlich jüngst abgefackelt, eine Garage mit undefinierbarem Inhalt. Ein paar Meter weiter begrüßen mich die Hinweistafeln zum längst verlassenen Internationalen Bildungs-Centrum IBC. Seit 1999 wird hier niemand mehr gebildet. Stillstand herrscht, die Natur holt sich die Anlage zurück.

„Herzlich willkommen“ … heute wirkt das wie ein Hohn. Willkommen sind hier bestenfalls Füchse und Wildschweine.

Im einzigen Gebäude, das heute noch genutzt wird, dem ursprünglichen Wirtschaftstrakt der Villa, residiert die „INU“ Waldschule.

Ein paar Meter weiter dann erblicke ich die einstige Göbbels-Villa, die er romantisch seinen „Waldhof“ genannt hat. Schon 1936 schenkte die Stadt Berlin dem Propagandaminister das Nießbrauchrecht für 496 Hektar Land zum 39. Geburtstag. Wahrscheinlich auf Weisung des Führers Adolf H. Dann ließ er das bescheidene Gebäude mit 1600 qm Grundfläche, 30 Privaträumen, 40 Dienstzimmern, einem 100 Quadratmeter großen Filmsaal und 60 Telefonen errichten. Dazu kamen noch Dienst-und Wirtschaftsgebäude für die Versorgung und das Wachpersonal. In den letzten Jahren ist das Gebäude immer mehr von Büschen und Bäumen zugewuchert. Vom bogenförmigen Schriftzug überm Eingang bröselt der Lack, der Putz löst sich in großen Placken.

Die Liebespaar-Skulptur, die erst im Jahre 1986 hier aufgestellt wurde, stammt aus einem Kunstprojekt der DDR. Ute Appelt-Lillack kann ich als die Bildhauerin dieses und auch anderer Werke auf dem Gelände ergooglen. Das Paar ist seit vier Jahren kopflos. Nur ein dicker Stahldraht ragt noch oben aus der Betonskulptur heraus.

Wenn ich mir vorstelle, wie Joseph Göbbels hier seine Rede mit dem Kernsatz: „Wollt ihr den totalen Krieg“ vorbereitet hat, gruselt es mich. Am 18. Februar 1943 wurden die allerletzten Menschenreserven für die Endphase des Krieges mobilisiert,

Alle Männer zwischen 16 und 65 sowie Frauen zwischen 17 und 45 Jahren konnten zur Reichsverteidigung herangezogen werden. Mit der Erweiterung der Wehrpflicht ab August 1943 wurden Hitlerjungen unter 18 Jahren direkt aus Wehrertüchtigungslagern in die Wehrmacht eingezogen . 

Göbbels hat hier zu Kriegszeiten heile Welt samt Familie gespielt und inszeniert.

Heute gibt es auf dem Gelände keinen einzigen Hinweis auf die Historie des Ortes. Keine Informationen, einfach NICHTS! So viel offensichtliche Geschichtsvergessenheit macht mich geradezu zornig.

Auch zur Historie der riesigen Anlage, die Anfang der 50er Jahre als FDJ-Jugendhochschule errichtet wurde, ist nirgendwo eine Information zu finden. Das Ende der DDR bedeutete auch das Ende der FDJ. In den 90er Jahren wurden das Lektionsgebäude, die Wohnhäuser, das Kulturhaus und auch die Ex-Göbbels-Villa von ehemaligen Mitarbeitern der Hochschule als Internationales Bildungs-Centrum bis 1999 weiter genutzt und erhalten. Bis die Kosten zu hoch wurden und die notwendigen Restaurierungsarbeiten das Budget der Organisation weit überstiegen. Die Pleite war die Folge. Ein Nachnutzungskonzept gab und gibt es immer noch nicht. Viele Anläufe, kein Fortschritt. Das Land Berlin als Eigentümer erwägt aktuell den Abriss der Bauten. Der würde aber mindestens 40 Mio. Euro kosten.

Und die hat natürlich Berlin nicht. Stattdessen wird wohl bald eine aktuelle Studie zur möglichen zukünftigen Nutzung erscheinen. Der Einzige, dem das Nutzen bringt, ist wahrscheinlich das beauftragte Planungsbüro. So wird wahrscheinlich Bogensee irgendwann komplett zugewuchert sein. Die nächsten Generationen können dann hier archäologische Abenteuerwanderungen machen.

Mein Basso sieht die Geschichte und die Zukunft von Bogensee mit dem gelassenen Blick eines gereiften Oldies. So wie ich auch. Darauf einen Schluck heißen Ingwertee aus der Thermosflasche.

Nachklapp:

Die bunte Herbstnatur macht dann doch wieder gute Laune.

Noch einmal 200 Kilometer Kultur und Natur

Ich will es heute wissen: Schaffe ich immer noch 200 Kilometer an einem Tag, ohne Plage, ohne Schmerzen, einfach so? Wie früher zig Male bei Brevets, wobei diese Distanz die kürzeste für die Randonneure ist. In meiner besten Zeit eine leichte Übung mit Start um 7 Uhr und dann im Ziel gegen 16 Uhr. Die richtig Schnellen saßen da schon zwei Stunden beim Bier. Schöne Zeiten damals, immer noch schöne Zeiten heute. Nur muss ich mich eben mit kürzeren Distanzen und weniger Tempo zufriedengeben.

Für diese Tour steige ich auf mein Carbon-Endurace. 11 Jahre und mehr als 30000 Kilometer begleitet mich das Canyon-Rad schon. Klaglos, zuverlässig, wendig, komfortabel und knapp 8 kg leicht. Um 7.30 Uhr starte ich bei blauem Himmel, 12 Grad und spürbarem Ostwind. Klar, dass ich den Kurs nach Nordwesten hin lege. Zum Einrollen dann über Hennigsdorf, Marwitz, Vehlefanz und Kremmen hinein ins Ruppiner Land.

Wo es gut sein könnte, da triffst du es vielleicht schlecht, und wo du das Kümmerlichste erwartest, überraschen dich Luxus und Behaglichkeit, Zustände von Armut und Verwahrlosung schieben sich in die Zustände modernen Kulturlebens ein“ ( aus dem Vorwort zu Theodor Fontanes „Die Grafschaft Ruppin“.)

Trifft auch heute noch zu, stelle ich fest.

In Neuruppin ziehen mich wieder einmal der Parzival am See, die über 700-jährige Wichmann-Linde und dann das Alte Gymnasium mitten in der Stadt an. Es ist gerade halb elf, 70 Kilometer von 200 liegen hinter mir. Nach Westen hin kurve ich hinüber nach Kränzlin und dann auf die Trasse des Prignitz-Express-Radweges. Großenteils ein wunderbar glatter Plattenweg, der kilometerlang geradeaus führt.

10 Kilometer südlich von Fretzdorf bleibe ich, entgegen den Radweghinweisen auf dem Plattenweg, der irgendwann zum Wald-und Schotterweg wird. Schließlich muss ich eine Schiebepassage einlegen, die aber erfreulicherweise nur etwa 200 Meter lang ist. Laufen ist gesund!

Fretzdorf, Christdorf, Karstedtshof… Kilometerlange Alleen bieten Schatten und herrliche Aussichten.

Schon seit Stunden halte ich Ausschau nach einem Café oder einer Bäckerei, wo ich meine Energiespeicher auffüllen könnte.

Das Gasthaus Zum Lindenhof in Katerbow ist verlassen. Die Eingangstür ist zugenagelt, und wo einmal die Speisekarte aushing, kümmert nur noch ein leerer Kasten an der Ziegelwand vor sich hin. Irgendwie traurig.

Jetzt ist es nicht mehr weit bis Heiligengrabe und dem historischen Nonnenkloster. Vor Jahren war ich schon einmal dort, hatte mir aber nicht die Zeit genommen, die Anlage richtig anzuschauen. Dieses Mal will ich das nachholen, zumal ich auch weiß, dass dort ein Klosterladen mit Café wartet. Gegen halb zwei biege ich in den Klosterhof mit seinen Schatten gebenden Linden, Eichen und Buchen ein.

Im Klosterladen bin ich der einzige Besucher. Bücher liegen aus, Wein und Öl gibt es zu kaufen. Eine Kuchentheke oder Ähnliches kann ich nicht entdecken. Aber die nette Dame, die den Laden betreut, bereitet mir einen köstlichen Kaffee und legt großzügig einen dicken Keks dazu. Vor der Tür schlürfe ich genüsslich und knabbere den Keks in kleinen Bissen. So bin ich eine Viertelstunde später gestärkt und zu einem Rundgang über das Klostergelände motiviert. Seit dem 13. Jahrhundert gibt es das Kloster der Zisterzienserinnen. Kriege, Pest, Brände hat die Gemeinschaft der Nonnen überstanden bis zum heutigen Tag. Eine erstaunliche Geschichte über Glauben, Zuversicht und Widerstandskraft. Auch heute atmet die gesamte Anlage pure Historie.

Ganze acht Stiftsfrauen plus Äbtissin zählt heute die Klostergemeinschaft. In der Klosteranlage werden Seminare zur Einkehr, zur Selbstfindung oder auch einfach zur Erholung angeboten. Ein Gästehaus und ein Hotel werden betrieben.

Eine halbe Stunde lang kurve ich kreuz und quer durch den Park und um die verschiedenen Gebäude, wohl wissend, dass ich nur eine kleine Ahnung von dem bekommen habe, was hier drinnen steckt an alter und neuer Geschichte.

Mittendrin in der Prignitz bin ich jetzt. Viel Wiese, Feld und Wald. Wenig Leute. Weite Blicke. Dann Pritzwalk, das ich durchquere, ohne davon etwas zu behalten. Allein die Nikolaikirche mit ihrem neugotischen Turm fällt mir ins Auge. Schon bin ich wieder auf dem Lande. Dann, im winzigen Örtchen namens Helle, zieht ein barockes Kirchlein meine Blicke auf sich. So außergewöhnlich die Bauform, der Kirchplatz, die einladenden Bänke. Eine davon mit zwei Fahrradrahmen an der Seite garniert. Da lehnt sich mein Endurace voller Genuss an.

Die jetzige Kirche wurde erst 1913 gebaut und im teils romanischen, teils barocken Stil errichtet. Die Kirche erweist sich als wahres Kleinod. Farben, Schnitzwerk, Bilder, Glasfenster, Empore, Orgel, überaus beeindruckend. In einem Ort, der gerade 39 Einwohner zählt. Übrigens ausgewiesen als Radwegekirche – am Wegverlauf der „Tour Brandenburg“, die ganze 1111 Kilometer ausweist. Es lohnt sich, hierher zu radeln!

Auf den nächsten Kilometern hin nach Karstädt kann ich wieder den Blick durch lange Alleen und über unendlich weite Felder schweifen lassen. Der Roman „Ein weites Feld“ von Günter Grass, den er ganz im Fontane-Stil geschrieben hat, passt genau in die Geschichte der Region. Ich muss mir diese 800 Seiten demnächst mal wieder antun.

In Karstädt finde ich endlich ein Bäckereicafé und stärke mich mit einem riesigen Milchkaffee, dazu vertilge ich ein genauso riesiges Stück Blechkuchen. Das sollte bis in den Abend als Kraftstoff reichen.

150 km bis Berlin, also ein Kilometerstein, kein Meilenstein

Garlin, Groß Pinnow, Groß Warnow, dann Grabow, ein Ort, der mir bisher nichts und gar nichts sagte. Jetzt bin ich unwiderruflich in Mecklenburg-Vorpommern angekommen. Hier kurve ich wieder um die Hausecken. Eine sehr schöne historische Substanz hat der Ort, und mittendrin:

Das Reuterhaus, Generationentreff, Zukunftswerkstatt und und… Das Gebäude passt so gar nicht in die alte historische Kulisse von Grabow mit den Fachwerkhäusern. Trotzdem oder gerade deswegen ist es ein absoluter Blickfang.

Nur noch wenige Kilometer bis zu meinem 200er Tagesziel. In Ludwigslust, das einen Bahnanschluss hat, um bequem zurückzukommen nach Berlin, habe ich mein Tagesziel erreicht. Es ist halb sieben, ab zum Bahnhof, schon sitze ich im RE 8, der mich zurückbringt nach Hause, besser: fast nach Hause, denn von Falkensee bis vor die Haustür darf ich noch 25 Kilometer drauflegen. Aber ich habe ja zwei Stunden Bahnfahrt, um mich zu erholen und neu zu motivieren. Auf den letzten Kilometern kommen noch meine Lupine Piko und die famose Rückleuchte von Lezyne zum Einsatz. Um kurz vor 22 Uhr schließe ich die Haustür auf und schiebe das Endurace in den Flur.

Gut 220 Kilometer waren das: reiner Genuss und keine Plage. Altes und Neues, viel Schönes und wenig Hässliches. Alles in guter Dosierung. Darauf ein großes Bier.

Kastanien, Sand und tiefe Wasser

Die Kastanien blühen, die gefingerten Blätter spreizen sich in voller Größe. Ganze vier Kilometer lang ist die prächtige Kastanienallee am Weg zwischen Tornow und dem Barsdorfer Haussee. Wunderbar als Radweg ausgebaut ist die schmale Verbindungsstraße, die hinter Barsdorf nach Qualzow hin in einen feinsandigen Weg übergeht. Rapsfelder zu beiden Seiten säumen das satte Blattgrün mit sattem Blütengelb.

In Barsdorf wird der ehemalige Dorfgasthof restauriert. Ich fürchte, eine Gaststätte, wie sie bis mindestens 2016 hier betrieben wurde, wird dann nicht mehr Treffpunkt der Barsdorfer sein. Der laubenartige Vorbau des Hauses mit den gotischen Spitzbögen passt so gar nicht zum übrigen Gebäude. Was alt aussieht, ist nicht immer wirklich alt.

Gaststätte zur alten Schmiede, geschrieben in einer seltsamen Schrift, die an die Altdeutsche erinnert, allerdings mit einem wundersamen „e“, das aussieht wie ein „n“ .

Um die Mittagszeit wirkt Barsdorf verlassen, keine Menschenstimmen, nur Vogelgesang ist zu hören. Am Ortsausgang endet die geteerte Straße und wird zum Feldweg. Beim Haussee sinken meine 25 mm Contis in den trockenen Feinsand ein. Ich steige ab und lege eine kleine Wanderpassage ein. So kann ich den Wald und die Felder intensiv genießen.

QUALzow, ein bezeichnender Name und Synonym für die kleine Qual, die der Randonneur im Sand erfährt. Vorbei am Stolpsee und Bredereiche führt die hügelige Rumpelstraße nach Fürstenberg. Schön die Landschaft, aber arg durchgerüttelt wird man. Ab Fürstenberg hin nach Neuglobsow werde ich durch den herrlichen Radweg entschädigt. Keine Autos, viel Wald und Wasser, viele kleine fiese Wellen, die Körnchen kosten und Kondition bringen. Am Stechlin rolle ich an den Strand und gönne mir am Imbiss ein Stück Schokoladenkuchen und einen großen Kaffee. Die angebotene „Pizza-Meterware“ verschmähe ich. Der Stechlin ist immer schön, und heute zeigt er wieder, was in ihm steckt. Die alten Buchen am Uferrand zaubern eine ganz besondere Stimmung.

Bis zur Wetterstation folge ich dem Uferweg, dann kurbele ich zurück in Richtung Menz und setze Kurs nach Südosten. In Zernikow kurve ich kurz ein auf den Hof vom Gut Zernikow, das schon Fontane begeisterte.

„In Vorbereitung – eine Ausstellung über Achim von Arnim und sein Meteorologieprojekt“. Die Hinweistafel macht mich neugierig. Dieser Ort und die Gebäude haben eine besondere Geschichte, um die ich mich demnächst noch intensiver kümmern sollte. Von Zernikow führt einer der schönsten Radwege Brandenburgs zum kleinen und großen Wentowsee. Allein dieses Stück Natur ist ein besonderer Schatz.

Zugegeben: nicht alles ist hier restauriert. Solvente, tatkräftige Investoren können hier noch interessante Objekte finden. Bei Ribbeck, nicht zu verwechseln mit dem Ribbeck vom Ribbeck auf Havelland, schwinge ich mich wieder auf den Radweg, auf dem ich am Morgen in den Norden gekommen war, und mache Kilometer in Richtung Berlin. Am Voßkanal entlang, nach Liebenwalde und Bernöwe, wo ich einen Stopp beim dem mir seit letztem Jahr bekannten Trabi-Imbiss einlege. Aus einem Bier werden zwei, aus 15 Minuten wird eine halbe Stunde mit anregenden Gesprächen. Die „Eingeborenen“ zeigen sich freundlich, weltoffen und naturverbunden.

Heute hat mein Garmin 182 gehaltvolle Kilometer gezählt, die ich nicht missen möchte. 

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Kolonisten und starke Frauen im Oderbruch

Das Oderbruch zieht mich immer wieder aufs Neue in seinen Bann. Die Landschaft, das Licht, die Wolken und die besonderen Menschen, die hier gestaltet und gewirkt haben. Heute mache ich einen langen Anlauf von 70 Kilometern bis zum ersten Foto des Tages. Kurz nach neun bin ich gestartet und über Bernau hinein in die Wellen des Barnim gefahren. Der Raps blüht, die Kirschbäume haben ihre Tracht angelegt und machen das Farbenspiel komplett.

Im riesigen Waldgebiet mit der Märkischen Schweiz, das sich zwischen Strausberg und Bad Freienwalde erstreckt, sehe ich den Hinweis auf den ehemaligen Atombunker Harnekop. Mitten in den Wald hatte in den 70ern die DDR-Führung einen riesigen Bunker, der Atom-und auch Chemiewaffen standhalten sollte, für mehrere hundert Menschen gebaut. Heute frage ich mich: vor wem hatten diese Politiker Angst damals? Aber es war eben die Zeit des Kalten Krieges. West gegen Ost, Ost gegen West. Und heute? Haben wir wieder Angst!

Themenwechsel. Die Natur ist eine wunderbare Medizin, um schlechten Gedanken zu entkommen und sich den schönen Dingen zuzuwenden.

An die schon im Jahr 2003 geschlossene Grundschule erinnert nur noch der Unterstand an der Bushaltestelle.

Nun wende ich mich endlich der Natur zu, die mich mit offenen Armen am Rand des Oderbruchs, mit Blick auf Wriezen empfängt. Eine traumhafte Aussicht bieten die sanften Anhöhen der Bruchkante.

Blick auf das Oderbruch bei Schulzendorf

In Schulzendorf biege ich nach rechts ab in den Vevaiser Weg. Er führt nach, na klar, nach Vevais. Ganz nah bei Wriezen liegt dieser Ort mit dem so französisch klingenden Namen. Hugenotten, die aus Frankreich vertrieben wurden, flohen zunächst in den Schweizer Kanton Neuenburg ( Neuchâtel), wo tatsächlich von 1707 bis 1848 die preußischen Könige in sogenannter Personalunion das Sagen hatten. Ähnlich wie in einer Kolonie. Hier waren die Flüchtlinge geschützt und wurden alsbald als Kolonisten ins ferne Oderbruch angeworben. Nach einem 40 Tage über 800 Kilometer führenden Fußmarsch kamen sie in Vevay an, das damals noch Dornbuschmühle hieß und noch urbar gemacht werden musste. Die Geschichte der ersten Siedler ist trefflich auf der Tonskulptur nachzulesen, die in Vevais zu bestaunen ist.

Nur 20 Jahre später verließen die Kolonisten den Ort wieder. Die Befreiung von Abgaben, vom Militärdienst und andere Vorteile endeten nach 15 Jahren. Vielleicht war das ein Grund dafür, wieder weiterzuziehen? Wer weiß. Aber ich habe jetzt zumindest eine Erklärung für die Tatsache, dass ich vor Jahren bei einer gründlichen Tour um alle Vevaiser Ecken keinen Kolonistennamen mehr gefunden hatte. Von Vevais aus fahre ich auf dem Radweg „Tour Brandenburg“ gen Kunersdorf, wo ich die Grab-Kolonnaden nochmal genauer anschauen will, und den Schlosspark der Frauen von Friedland auch.

Nur wenige Kilometer auf wunderbar glattem Asphalt, dann stehe ich an der Friedhofsmauer von Kunersdorf, schleiche mich samt Rad durch das Tor und gehe gemessenen Schrittes zu den Grabkolonnaden, die von den Bildhauern Schadow und Rauch entworfen wurde. So wurde die Familiengrabstätte derer von Itzenplitz, Lestwitz und Oppen ein beeindruckendes Zeugnis sogenannter klassizistischer Grabmalskunst.

Neben den Kolonnaden erstreckt sich hinter dem Haus mit Chamisso-Museum der Schlosspark – ohne Schloss, das 1945 am Ende des Krieges dem Erdboden gleich gemacht wurde. Mitten auf einer weiten Wiese erinnert ein Gedenkstein mit Apfel und Goldkugel an Helene Charlotte von Lestwitz, die sich später mit Zustimmung des Königs Frau von Friedland nannte.

Keine Frau wird in Theodor Fontanes “ Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ emanzipierter beschrieben: „Es war eine seltene und ganz eminente Frau; ein Charakter durch und durch“. Helene Charlotte von Friedland ist geschieden, verwaltet die Güter von Schloss Cunersdorf alleine und verkauft ihren Schmuck, um in moderne Landwirtschaftsmaschinen zu investieren. Ihre Tochter Henriette Charlotte übernimmt nach ihrem frühen Tod mit 48 Jahren die Landwirtschaft und macht Cunersdorf zu einem geistig-kulturellen Zentrum, in dem Künstler wie Adelbert von Chamisso Inspiration finden, die Humboldt-Brüder Gäste sind.

Irgendwann muss ich auch noch „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ lesen. Von dem Mann, der seinen Schatten an den Teufel verkaufte.

Als ich den Park verlasse, sehe ich erleichtert, dass mein Schatten klar konturiert auf die Straße fällt. Der Teufel hat das Nachsehen. Auf den nächsten Kilometern tauche ich wieder ein ins Oderbruch, über Neutrebbin erreiche ich Quappendorf. Eine Quappe ist ein Fisch, den man hier immer noch fangen kann, ein Fisch, der zum Laichen im Frühjahr die Oder hinaufschwimmt. Wegen seiner typischen Zeichnung wird er auch „Leopard der Oder“ genannt. Und Quappendorf war besonders in der Zeit vor der Trockenlegung des Bruchs ein wahres Eldorado für Quappenfischer. Vor fünf Jahren habe ich von der Wirtin im Gasthof Zollbrücke erfahren, was eine Quappe ist und wie eine Quappe schmeckt! Köstlich!

Der Ort Quappendorf wirkt weniger attraktiv. Nach den Zerstörungen zum Ende des Zweiten Weltkrieges blieb nur wenig von der alten Substanz des Dorfes übrig. Nur noch etwa 100 Einwohner weist die Statistik aus.

Im 17. Jhd. mussten die Reisenden für die Überquerung der Oder per Fähre Zoll entrichten. Nach der Trockenlegung des Bruchs war auch diese Einnahmequelle ausgetrocknet.

Nur sieben Kilometer weiter oderwärts komme ich nach Letschin, erblicke sowohl die Schinkelkirche, bzw. das, was von ihr übrig geblieben ist und, noch wichtiger für mich, den Bäcker direkt am Platz. Ein großer Kaffee und ein Aprikosenstück, auch die freundliche Ansprache der Bäckersfrau, heben meine Laune wesentlich.

An der ehemaligen Fontane-Apotheke kann ich natürlich nicht einfach ohne Fotostopp vorbeikommen. Abends, bei meiner Nachrecherche zur Tour finde ich eine Notiz von Theodor Fontane an seinen Freund Wolfsohn: Letschin im Oderbruch, Kirchdorf mit 3500 Seelen (?) und Residenz zweier dort stationirter Gensdarmen, hängt durch Vermittlung eines sogenannten Rippenbrechers von Postwagen nur lose mit der civilisierten Welt zusammen. Es ist ein zweites Klein-Sibirien; die Lebenszeichen einer Welt da draußen sind selten, aber – sie kommen doch vor. Ich stelle erleichtert fest, dass sich Letschin im Vergleich zur Fontane-Zeit recht erfreulich entwickelt hat. Die Häuser sind gepflegt, die Farben frisch.

Weiter geht es und näher heran an die Oder. Bei Sophiental muss ich noch den Schweinepestzaun überwinden, dann kann ich es auf dem Oderradweg genussvoll rollen lassen. Eine kleiner Stopp noch am Gedenkstein für den Deichbaumeister Leonhard van Haerlem, dann treibt mich ein Blick auf meine Uhr weiter nach Genschmar und Golzow.

In Golzow ist schon auf dem Ortsschild das wichtigste Ereignis der jüngeren Ortsgeschichte festgehalten. Die Grundschule heißt seit 2008 „Kinder von Golzow“. In einer über 50 Jahre andauernden Filmdokumentation wird DDR-Geschichte im Zeitraffer erlebbbar. Hier im MDR-Beitrag nachlesbar.

In Golzow spiele ich mit dem Gedanken, nach mittlerweile 140 Kilometern den Bahnhof in Küstrin Kietz anzulaufen, spare mir das aber, denn ich weiß, wie wenig gastlich die Atmosphäre dort ist. Also setze ich Kurs weiter nach Süden, in Richtung Lebus und Frankfurt. Der Radweg ist perfekt, nur in der Ferne baut sich ein Hindernis auf: Der Reitweiner Sporn mit seiner Hügelkette. Erstaunlich, wie eine solch minimale Überhöhung hier wirkt. In Sachsendorf lacht mich der ehemalige Dorf-Konsum an und bremst mich für einen Fotostopp:

Nichts zu holen hier, das Konsum Centrum war einmal. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges wurde dieses Dorf ganz in der Nähe der umkämpften Seelower Höhen zu 90 Prozent zerstört.

Grandiose 50 Höhenmeter muss ich hinauf nach Lindendorf überwinden. Die Aussicht ist herrlich. Rapsfelder mit Windrädern drin.

Guter Laune schwinge mich über die Hügel, hin nach Briesen. Dort fährt der R1 nach Berlin um 17.12 Uhr.

Beim nächsten Mal werde ich mir die Adonisröschen an den Lebuser Oderhängen ansehen. Das muss ich bald tun, denn nur bis Mitte Mai stehen sie in Blüte.

Spiegelbilder

Das Briesetal nach dem Sturm

Eine glaziale Rinne hat den Verlauf der Briese vorgegeben. Nur 17 Kilometer lang ist das kleine Fließgewässer. Im Wandlitzer See entspringt es und mündet bei Birkenwerder in die Havel. Die Briese fließt durch einen Erlenbruchwald, dem „Briesen“, wobei der Name Briese von „breza“, dem slawischen Wort für Birke stammt. Und die Erle ist ein Birkengewächs.

Heute ist das richtige Briesewetter: klare Luft, die Sonne hat sich durchgearbeitet, die Lüfte sind recht mild. Mein Cannondale Taurine und ich haben Lust, durch das Briesetal zu rollen. Sauerstoff tanken, Waldluft atmen, Natur erleben. Schon einige Male , in allen Jahreszeiten, bin ich hier unterwegs gewesen und habe den für mich schönsten Teil und den beeindruckenden Erlenbruchwald durchkurvt. Ich bin gespannt, welche Auswirkungen die Stürme der vergangenen Tage hinterlassen haben.

Der Radfernweg Berlin-Kopenhagen schneidet die Briese am gleichnamigen Wohnplatz, der Kolonie Briese, wo ein kleiner Biergarten offensichtlich die „Durstzeit“ überdauert hat.

Auf dem großen Parkplatz an der Waldschule Briesetal stehen die Autos in Reihen. Es ist Samstag, es ist mild, es ist trocken, die Familien strömen in die Natur, mit Corona als Beschleuniger solcher Outdoor-Aktivitäten.

Zwischen herrlichen Buchen führt der Weg zunächst hoch am Uferabhang entlang, dann geht es hinunter und heran an das Wasser, an den Bruch. Ein Bruch ist ein langfristig gefluteter, sumpfiger Wald. Beim Blick auf die im Wasser stehenden Erlen bekommt das Wort Bruch eine neue Assoziation. Bruch kommt von brechen, könnte man meinen. Viele der zum Teil morschen und schon abgestorbenen Erlen haben die Stürme Ylenia, Zeynep und Antonia weggeknickt als wären sie Streichhölzer.

Viele der Schwarzerlen, wie sie hier im Briesetal im Wasser und am Wasser stehen, sind schon seit Jahren trocken und morsch. Sie werden als schnellwüchsige Bäume ohnehin nur maximal 100 bis 120 Jahre alt. Danach mutieren sie zum Insektenhotel und sind dann eine hervorragende Nahrungsquelle für viele Vogelarten. Am Rande der Briese und am aufstrebenden Ufer wachsen Kiefern, und ein paar Meter höher haben sich die Buchen angesiedelt.

Einige der flach wurzelnden Kiefern haben die Stürme einfach aus ihrem feuchten, instabilen Fundament gerissen.

Dort, wo die Biber fleißig waren und briesebreite Dämme gebaut haben, steht das Wasser höher und ist ein wunderbarer Spiegel für die Bäume. Ich muss einfach alle paar Meter innehalten und fotografieren. Schauen, staunen, klicken. Bilder sprechen lassen:

Nach etwa drei Kilometern kreuzt die Briese die Landstraße, die Summt und Lehnitz verbindet. Vor über 100 Jahren wurde hier die Schlagbrücke aus den typisch gelben Ziegeln der „Birkenwerderschen“ ( Ziegelei) gebaut.

Mit meinen matsch-geschwärzten Schuhen steige ich die Brückentreppe mitsamt meinem Taurine hinauf, quere die Straße und rolle wieder ins Tal. Auf wenigen hundert Metern fließt die Briese in einem schmalen Bett, ehe sie die Biber wieder aufgestaut und verbreitert haben.

Dicke Kiefern und Fichten liegen geknickt über dem Wanderweg und wollen überklettert werden.

Bei der alten Försterei Wensickendorf biege ich ab nach Süden und folge dem Weg parallel zur Stromtrasse.

Eine wahre Zauberwelt

Mein Taurine lehnt an der derselben Bank. Vor genau fünf Jahren und heute. Der schöne Spruch ist mittlerweile verwittert.

Hören, Schauen und das Maul halten

unbekannter Verfasser

Dem kann und will ich heute nichts hinzufügen.

Nass ist es in den Oderauen – Impressionen

Und immer wieder lockt der Schiebewind … So kann man unseren Ausflug ins Oderbruch titeln. Ja, der angesagte frische Südwest macht es noch attraktiver, über die Wellen des Barnim und dann hinein ins Oderbruch zu kurbeln. Ein paar, noch etwas zaghafte Sonnenstrahlen machen schon die ersten Kilometer zum reinen Genuss. In Bad Freienwalde stürzen wir uns vom Schanzenhügel – nein, nicht von der Schanze hinunter ins Tal, aber dafür auf dem breiten Radstreifen mit fast 50 km/h lustvoll am Stadtrand vorbei nach Schiffmühle. Das Fontane-Haus schlummert vor sich hin, ich schicke einen Gruß zum alten Henri F. hoch auf den Friedhof, und schon knabbern wir an der Abbruchkante des Bruchs und den dünenartigen Erhebungen entlang. Wir machen eine kleine Trink- und Futterpause. Hier, im Windschatten der Neuenhagener Insel, mit dem Blick auf die Stille Oder, ist es wirklich unwirklich still. Diese Dimension der Ruhe ist mein Freund Peter, der Städter, so gar nicht gewohnt. Dafür schätzt er sie umso mehr.

Zu Zeiten der Trockenlegung des Oderbruchs haben im Auftrag von Friedrich II. Simon Leonhard von Haerlem und viele fleißige Untertanen um 1750 Deiche gebaut, Vorwerke errichtet und schließlich den Oderdurchstich von Hohenwutzen bis Hohensaaten bewerkstelligt.

Gedenkstein bei Sophiental

Seitdem wird hier Ackerbau statt Fischerei betrieben, und der ursprüngliche Hauptarm der Oder um Neuenhagen und Bralitz herum trägt den Namen Alte Oder und Stille Oder. Still ist es hier wirklich. In Hohenwutzen werfen wir einen Blick hinüber zum Polenmarkt, lassen uns aber nicht hinüberlocken. Viel mehr lockt uns die Perspektive auf die weiten Oderauen bis hinüber zur polnischen Seite.

Nach dem Durchstich bei Hohensaaten begleitet der Oder-Havel-Kanal, der ab hier die Oder als „Großschifffahrtsweg Berlin –Stettin“ begleitet –  von Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1914 eröffnet. Der Oder-Neiße-Radweg führt immer zwischen den weiten Auen mit der Oder am Ostrand und dem Kanal auf der Westseite hindurch.

Auerochsen-Nachzüchtung bei Lunow

Bei Lunow treibt uns der Hunger hinüber in den kleinen Ort, vorbei an einer Herde friedlich grasender Auerochsen, die eigentlich Heckrinder, eine Nachzüchtung der ausgestorbenen Rinderrasse, heißen müssten. Aber Auerochsen hört sich natürlich besser an. An den herrlichen Tieren vorbei rollen wir zur mir wohl bekannten Landfleischerei gegenüber vom Landgasthof Quilitz hin. Fleischer Künkel hat zwar keine Auerochsen-Bockwurst wie Gastwirt Quilitz im Angebot, dafür ist er aber geöffnet. Bevor wir einkehren, rätseln wir vor der Kirche über die Bedeutung der drei Engel und staunen über die herzförmige Öffnung der alten Sommerlinde.

Schutzengel (sehr lesenswert: Artikel aus dem Spiegel-Magazin von 2013)

Nach einer Überlieferung erschienen im 19. Jahrhundert drei Engel, um den Teil des Dorfes rund um den Friedhof vor der Cholera zu bewahren. Nun bewachen sie das Tor.

Im Fleischerimbiss ist das Angebot um halb drei karg geworden. Nur „Frikassee mit Reis zum Mitnehmen“ gibt es warm. Da entscheiden wir uns kurzerhand für zwei Knacker mit Brötchen, und die kalt. Passend zur kalten Sitzbank draußen. Verzehr drinnen lässt die Verkäuferin streng nach Corona-Vorschrift nicht zu. Wer weiß, wofür es gut ist, denke ich mir. Aber die Würste schmecken. Dazu einen kalten Schluck Apfelschorle aus der Trinkflasche. Mangels Kaffee.

„Das Geräusch der Stille“ heißt der Artikel im Spiegel-Magazin. Besser kann man nicht die Stimmung hier beschreiben, deshalb: LESEN

Kontemplatives Rollen, so könnte man die nächsten Kilometer beschreiben. Wenig Worte, viel Natur, gute Luft. Bei Criewen lockt uns die rosa-weiße kleine Kirche hinüber in den Lennéschen Park mit dem ehemaligen Herrenhaus der Familie Arnim. Erstaunlich, wie weit die Anlage sich erstreckt – alte Bäume, Teiche, Brücken, eine alte Kastanienallee.

Wie mag das alles erst im Frühjahr wirken, wenn die Bäume Blätter tragen und die Blumen blühen…

Nach einer Viertelstunde „Parken“ wenden wir uns wieder den Oderauen zu. Hier, wo das Tal sich immer mehr verbreitert und zum Naturpark Unteres Odertal wird, sind wir froh, dass die Deiche hoch genug sind, um die Wassermengen im Bett zu halten. Die Tierwelt im Park hat mit dem Wasser zu kämpfen, aus ruhigen Rückzugsflächen sind überflutete Auen geworden. Und die zur Eindämmung der Schweinepest angelegten Schutzzäune sind zum lebensgefährlichen Hindernis für Rehe und Füchse geworden. Naturschützer haben mittlerweile eine Reihe von Holzstiegen zum Überklettern angelegt.

Wasserflächen, so weit das Auge reicht. Schön und bedrohlich zugleich. Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive man blickt.

Die Kulisse von Schwedt mit den prägenden Türmen und Rohren der Raffinerien wird beim Näherkommen immer größer. Der russische Staatskonzern Rosneft hat im Jahr 2021 die Mehrheit der Anteile übernommen! In diesen Tagen verschafft mir das ein mehr und mehr unangenehmes Gefühl von Abhängigkeit. Noch im vorigen Jahr hatte Dietmar Woidke die Übernahme als „gute Nachricht“ verkauft. Heute wirkt das eher als Hohn. In Schwedt endet die Pipeline „Freundschaft“ aus Russland, über die Deutschland nach Angaben der Raffinerie zu 25 Prozent mit Rohöl versorgt wird. Freundschaft ist offensichtlich eine Sache der Definition und der Perspektive.

In Schwedt angekommen, hat sich die Sonne erbarmt, den Abendhimmel und auch die Glasfront des Stadttheaters stilvoll zu illuminieren.

Uckermärkische Bühnen Schwedt

Am Bahnhof wartet schon der Regio nach Berlin auf uns. Die Wärme im Zug tut gut, wir blicken auf eine stimmungsvolle, auch nachdenklich machende Tour zurück.

Eichhorst, Werbellin und Schorfheide

Eintauchen in die Wälder und die Geschichte

Kranichrufe sind zu hören, Graugänse sind unterwegs, die ersten Krokusse schieben ihre Knospen hin zum Sonnenlicht. Nach reichlich vielen Regentagen soll es heute trocken bleiben und mit fast 10 Grad auch noch mild dazu. So will ich an diesem Mittwoch eine lange Runde in den Norden fahren. Zerpenschleuse, Marienwerder und dann an den Werbellin – schon Fontane hat sich die Ergänzung „See“ gespart. Einfach an den Werbellin fahren und dann an ihm entlang nach Joachimsthal. In Eichhorst muss ich unbedingt die Eiche, die dem Ort den Namen gegeben hat, besuchen. Schauen, wie es ihr geht, der alten Dame. Seit mindestens 500 Jahren steht das Baum-Monument neben der Brücke, die über den Werbellinkanal führt. Nachdem unter Friedrich II. in den Jahren 1742 bis 1746 der zweite Finowkanal fertiggestellt wurde, nahm der Schiffsverkehr auf der nun wichtigsten Wasserstraße zwischen Oder und Havel stark zu. Die Waren aus den in den Schlesischen Kriegen eroberten Landen konnten so schnell und günstig nach Preußen transportiert werden. Dabei zeigte sich schon in den ersten Jahren nach der Inbetriebnahme, dass die Wasserversorgung über das Werbellinfließ nicht ausreichte.

Immer wieder sank der Wasserstand im Kanal in kritische Bereiche ab, und als immer öfter Schiffe auf Grund liefen, wurde 1765 der meisterhafte Wasserbauer Simon Leonhard van Haerlem von seinem König mit dem Bau eines Versorgungskanals zwischen Werbellinsee und Finowkanal beauftragt. Dazu musste das Gelände neben dem Kanal erheblich aufgeschüttet werden, um ihn in seinem Bett zu halten. Nach nur einem Jahr Bauzeit sorgte die neue Verbindung für mehr Wasser im Kanal und war gleichzeitig Transportweg für das reichlich zu verschiffende Holz aus dem riesigen Werbelliner Forst. Ach ja, die Eiche! Der ehrwürdige Baum stand eigentlich den Kanalbauern im Weg, und trotzdem haben sie ihn nicht gefällt. Stattdessen haben sie den damals sicher schon 20 Meter hohen Baumriesen einfach vier Meter tief eingegraben.

Die Eiche von Eichhorst

Normalerweise stirbt ein Baum bei einer solchen Operation. Nicht aber dieser Quercus Robur, der offensichtlich von sehr widerstandsfähiger Natur ist. So hat er die Jahrhunderte überdauert und fängt die Blicke auch in unserer Zeit mit seiner gewaltigen Erscheinung. Und als im Jahre 1878 wurde die Kanalkolonie umbenannt wurde, war die mächtige Eiche ein würdiger Namensgeber für den Ort Eichhorst.

Dieser Baum gibt Kraft, wenn man ihn nur anschaut. Wenn man seine Borke berührt, erzählt er Geschichten aus alter Zeit.

Der Werbellinkanal führt mich hin zum See, wo ich zum Westufer wechsle und dem mit beim letzten Sturm heruntergelassenen Kiefernästen garnierten Radweg folge. 10 Kilometer lang ist der See und mit 50 Metern Tiefe neben dem Stechlin das zweittiefste Gewässer in Brandenburg. Über 3000 Hirsche sollen hier im Werbelliner Forst heimisch gewesen sein. Das ehemalige „Hofjagdgehege“ Schorfheide umfasste mehr als 400 Quadratkilometer. Preußische Könige, Hohenzollern, Kaiser Friedrich Wilhelm IV, der sich hier schon 1847 das Jagdschloss, besser eigentlich „Jagdhaus“ Hubertusstock bauen ließ, bis zu DDR-Granden wie Honecker und Mittag, alle haben sie hier gejagt und sich gelegentlich die Hirsche bis nahe vor die Flinte treiben lassen.

Kurz vor Joachimsthal geht es einen kleinen Hügel hinauf, wo ein mächtiges Mammut auf den „Geopark Eiszeitland“ hinweist.

Wahrzeichen für den Geopark

Eine kurze Pause, dann rolle ich über die Kuppe zur Schinkelkirche von Joachimsthal hinunter. Jedem, der hier vorbeikommt, sei ein kleiner Bogen am alten Gymnasium vorbei empfohlen. Dieser Ort atmet Geschichte!

Nach Norden verlasse ich das Städtchen und erreiche 15 Minuten später den Holzschuhmacher von Friedrichswalde:

Holzschuhmacher bei der Arbeit am Ortseingang von Friedrichswalde

Friedrichswalde durfte sich größtes Holzschuhmacherdorf Deutschlands nennen. Die Kolonisten aus Kurpfalz und Rheinhessen wandten sich damals einem Handwerk zu, das klassischerweise in Holland zuhause ist. Mit der Erfindung eines ledernen elastischen Oberteils machten sie den Holzschuh bequem und so zum begehrten Produkt, mit dem sie sich einen beneidenswerten Wohlstand schufen. Das Dorf sieht auch heute noch so aus wie in alten Zeiten. Und auch heute komme ich nicht ohne Pause an der wunderbaren Landbäckerei Hakenbeck vorbei. Freundliche Bedienung, duftender Kaffee, eine riesige Mohnschnecke. Wer hier achtlos vorbeifährt, ist selber schuld.

Städter suchen einen neuen Platz zum Leben und heften ihre Suchanzeige im Bäckerladen an die Wand. Schön ruhig ist es hier, aber diese Ruhe und Abgeschiedenheit muss man mögen und auch aushalten.

Über Reiersdorf führt der Uckermärkische Radrundweg nach Westen. Für mich heißt das, gegen den böig wehenden Wind anzukurbeln. In Gollin entscheide ich mich für den Kurs nach Süden, obwohl ich jetzt auf der stark frequentierten Landstraße fahren muss. Noch mindestens 45 Kilometer bis nach Glienicke. Insgesamt 140 sollten mir reichen für heute. Trotzdem rolle ich noch einen kleinen Bogen durch den Forst. Ein Hinweisschild zum „Historischen Ortskern Bebersee“ lockt mich in den Wald. Zu sehen gibt es aber bis auf einige ordentlich restaurierte Fachwerkhäuser wenig, nur ein dicker aus Holz geschnitzter Biber, offensichtlich Namensgeber des Kolonistendorfes, sitzt auf einem Sockel mit der Zahl 1748 – dem Jahr der Ortsgründung von Bebersee.

Auf einem Schild sind Informationen zum Dorf und einer bisher vergeblichen Forderung nach Lärmminderung seitens des Driving Centers auf dem nahegelegenen ehemaligen Militärflugplatz zu lesen. Das Driving Center gibt es schon seit über 20 Jahren, und angeblich unterschreitet der Lärm der Fahrzeuge die vorgeschriebenen Werte bei Weitem. Ich kann das kaum glauben, denn just als ich vor dem Schild stehe, weht der Westwind den schrillen Schall von beschleunigenden Motorrädern herüber. Ich kann den Unmut der Einwohner gut verstehen, obwohl ich selbst in meiner beruflich aktiven Zeit zu den ersten Nutzern des Centers gehörte. Damals wusste ich nichts von Bebersee, den Ansiedlungen Groß Väter und Klein Väter.

Die kleinen Orte mit auch heute nur wenigen Einwohnern entstanden aus den Zaunsetzerstellen, wo die ersten Einwohner den Auftrag hatten, den königlichen Wildzaun zu setzen und dann instand zu halten. Im weiteren Verlaufe wurden hier Kolonisten angesiedelt, um die in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges wüst gefallenen Landstriche wieder zu beleben. Mit Kolonisten, die zum großen Teil in der Pfalz und in Kurhessen angeworben wurden. Grund und Boden, ein Bauzuschuss, ein kleiner Lohn und die Erlaubnis, Vieh zu halten und Landwirtschaft zu betreiben, lockten die Siedler an. „Migrationssteuerung“ nennt man so etwas in unseren Tagen. Auch die Ansiedlung „Torwärterhäuser“ an der Landstraße L 100 ist so entstanden. Kaum jemand hier weiß um diese Historie. Nur die Namen zeugen von der preußischen Vergangenheit und dem Wildzaun, der von Zehdenick bis Oderberg über eine Länge 70 Kilometern hier verlief. Ohne die zahlreichen Neuansiedler wäre die Region wahrscheinlich ein wüster Landstrich geblieben. Wer weiß?

Torwärterhäuser bei Gollin

Die Zusatzrunde über die Waldwege hat Zeit gekostet, aber mir auch wieder einmal Neues gezeigt. Hauptweg und Nebenwege!

Jetzt geht es ab nach Hause. Der Wind ist schwächer geworden, es rollt gut. Mit 25 bis 30 km/h bewältige ich die letzten Kilometer des Tages. Es geht noch. Nach hinten blitzen meine Lezyne-Leuchte und das Taillight , nach vorn die Supernova E3. Erfreulicherweise überholen alle ausnahmslos mit beruhigendem Abstand.

Havelland – Einblicke

Der Brieselang und eine Eiche, die es nicht mehr gibt

Nach Westen führt mein üblicher Weg über Hennigsdorf hin nach Wansdorf. Die ersten 20 Kilometer fühlen sich gegen den frischen Südwest wie Arbeit an. Aus dem grauen Himmel fallen ein paar kalte Tropfen. Aber nur ein paar. Nicht genug zum richtigen Nasswerden. Außerdem schlummert in meiner Rahmentasche meine Shakedry-Regenjacke. Ungemein beruhigend. Beim Imbiss „Auszeit“ habe ich leider noch keinen Hunger, obwohl es hier gut schmeckende Pommes gibt. Ich bin einfach zu früh hier. Also lasse ich meine Blicke schweifen, rechts an der Durchgangsstraße in Pausin der leicht verranzte Lebensmittelladen „Ihre Kette“. Meine Kette würde das sicher nicht sein, wenn ich hier wohnen würde. Wie in so vielen Brandenburger Dörfern ist es auch hier: Ein Imbiss, eine Kneipe, ein Lebensmittelladen. Kein Metzger, kein Bäcker mehr. Letztere gehören offensichtlich einer aussterbenden Spezies an, die in unserer Konsumgesellschaft mit Massenartikeln keine Überlebensfähigkeit besitzen. Parallel zur Durchgangsstraße liegt der gepflegte Pausiner Dorfanger mit der schlicht-schönen Kirche. 

Gutshaus Wansdorf

In Wansdorf gibt es einen kleinen Rastplatz unter alten Eichen. Hier war jahrelang Startplatz für Radtouren mit Freunden. Genau 20 Kilometer sind es von Zuhause bis hierher. Eine knappe Stunde Fahrzeit. Und immer wieder, seit über zehn Jahren, schaue ich in den Innenhof des ehemaligen Gutshauses, auch Wansdorfer Schloss genannt. Der heutige Besitzer kaufte die Liegenschaft im Jahre 2009 der Stadt Berlin ab, die die Bausubstanz über viele Jahre einfach vor sich hin gammeln ließ. Jetzt geht es langsam, aber stetig voran mit den Schritten der Restauration. Ursprünglich hatte sich ein wohlhabender Industrieller aus dem Spreewald die Villa 1906 errichten lassen, um hier einmal mit seiner Familie zu wohnen. Vor dem Umzug starb er. dann wurde an die Stadt Spandau verkauft, und eine wechselvolle Geschichte begann: Lungenheilstätte für Kinder, Genesungsheim, Melkerschule, Lehrerbildungsinstitut, und nach der Wende kam der Verfall. Heute wirkt das Ensemble wieder ansehnlich. 

Fernsehturm Perwenitz

Durch den Wald führt der Radweg vorbei am Fernsehturm von Perwenitz, dem mit 135 Metern höchsten Gebäude im Ländchen Glien. Als Relaisstation für Mobilfunk hat der im Jahr 1956 errichtete Betonriese nach der Zeit für Fernsehübertragungen eine zeitgemäße Bestimmung gefunden. Perwenitz profitiert von der vorbeiführenden A10. Seit 2019 hat sich der Bahnbauer Stadler mit einem neuen Werk niedergelassen. Perwenitz hat mehr Arbeitsplätze als Einwohner. 

Am Industriegelände vorbei führt die alte Nauener Chaussee, die zwar nicht als Radweg ausgezeichnet ist und zudem als Sackgasse gekennzeichnet ist. Das hält mich nicht davon ab, diesen Weg nach Süden, hinein in „den Brieselang“, zu fahren. Ich will einen zweiten Anlauf unternehmen, die von Fontane in seinen „Wanderungen“ erwähnte Königseiche endlich zu finden. In diesem Wald, auf der Grenze von Bütenheide und Brieselanger Forst, soll sie gestanden haben. Als Fontane sie besuchte, war sie schon abgestorben, aber eben noch sehr stattlich in der 40 Meter hohen Erscheinung. „Es gibt Holunderbäume in Pfarrgärten, die in fünfzig Jahren mehr gesehen haben als die große Eiche in fünfhundert. Nur die letzten Jahrzehnte schufen einen Wandel: Landpartien und Berliner kamen.“ So schreibt Fontane über die Eiche, die er im Mai 1870 besuchte und den Brieselang. Ich bleibe mit meinem Granfondo auf der Alten Nauener Chaussee, die bald zu einem vermatschten Waldweg wird. Nach zwei Kilometern entdecke ich an einer Weggabelung eine in die Jahre gekommene Infotafel. 

Reste der Großen Eiche im Brieselang

 … Schon wieder stehe ich nicht am richtigen Ort: Der zerbrochene, verrottende riesige Eichenstamm soll von der  „Alten Eiche“, nicht aber von der Königseiche stammen. Diese soll ein paar hundert Meter weiter östlich gestanden haben. Also mache ich ein paar Fotos und rolle suchend weiter. Ohne Ergebnis. „Wer den Brieselang kennenlernen will, der muss auch, rüstigen Fußes, die beiden andern Staffeln zu erreichen wissen: die Försterei und die Eiche. Nur erst wer bei der „Königseiche“ steht, der hat den Brieselang hinter sich und kann mitsprechen“, schreibt Fontane. Teilziel erreicht, konstatiere ich.

Dörfer, Denkmale, Besonderheiten und Wunderliches

In Alt Brieslang, wo die Försterei gestanden hat, führt eine Brücke über den Havelkanal. Hier sollen sich also „in sommerlicher Lust“ hunderte von Ausflüglern aus Berlin verlustiert haben in alter Zeit. Die Zeit ist vorbei. Der Brieselang hat schon lange wieder seine Ruhe. Nach Westen hin unterquere ich die A10 und setze wieder Kurs nach Norden. Ein riesiger Schriftzug „Amazon“ prangt an einer genauso riesigen Lagerhalle. Das sind die neuen Wahrzeichen der Region. Bei Paaren passiere ich das MAFZ-Freizeitzentrum ( Märkisches Ausflugs- und Freizeitzentrum) Erlebnispark, Mini-Zoo, Braumanufaktur, Kinder- und Erwachsenenbelustigung. Durch den Krämer Forst rolle ich weiter nach Nordwesten. Der nächste Ort heißt Grünefeld.

Grünefeld

Direkt an der Straße steht ein Wohnhaus aus dem Jahr 1909, eine Art von nachempfundenem Vorlaubenhaus. Seltsam unpassend hier. Der 400-Seelen-Ort wirkt wie im Winterschlaf. Im Sommer trafen sich am Waldsee über 8000 Menschen zum „Nation of Gondwana-Festival“ Alternatives Musikfestival. Und im Juli soll es wieder soweit sein. Tausende werden ins Havelland pilgern, um in Grünefeld zu lachen, zu trinken, zu tanzen. 

Nach Grünefeld kommt Börnicke. Das neue Wahrzeichen des Ortes heißt nicht Amazon, sondern DHL. In einer riesigen Halle werden täglich über 500.000 Pakete sortiert und versendet. Bald soll eine neue 220 Meter lange Halle entstehen. Noch mehr Pakete, noch mehr LKW, noch mehr Arbeitsplätze. Mehr als Bürger in Börnicke. Nicht alle sind begeistert. In Börnicke fahre  ich einen Bogen  über den Dorfanger und an der Kirche vorbei. Dann entdecke ich eine alte Bahntrasse, die nach Norden führt. Parallel verläuft ein Fahrweg, hin zum ehemaligen Bahnhof Börnicke.

Alter Bahnhof Börnicke

Hierher verlief von 1914 bis 1967 ein Teil der Nebenbahn Oranienburg-Nauen-Jüterbog. Eine Bahnlinie mit nur kurzer Lebenszeit, nur kurzer Zeit mit Betrieb und Bedeutung. Den Bahnhof hat, wie ich nachgelesen habe, ein junges Paar gekauft, renoviert und zum kleinen Zentrum für Veranstaltungen, Retreats, Coachings, gemacht. Sehr beachtenswert und mutig. Heute muss ich mich an einer Schranke vorbeizwängen, um mit leicht schlechtem Gewissen das „verbotene Privatgelände“ zu queren. Vorbei an einer alten Lok, die an alte Zeiten erinnert. Der bahndammbegleitende Pflasterweg mündet beim Denkmal für die Opfer des KZ Börnicke in die Tietzower Straße.

Mahnmal für das KZ Börnicke

Eines der ersten „wilden KZ“ wurde hier schon 1933, kurz nach der Machtergreifung Hitlers auf dem Gelände einer Zementfabrik betrieben und war bis zum Ende des Krieges Außenstelle des KZ Sachsenhausen. Das in die Jahre gekommene Denkmal erinnert an die Gräuel vergangener Zeit. Irgendwie trist und traurig und verloren wirkt der Ort auf mich heute. In Tietzow erreiche ich kurz danach wieder ein etwas freundlicher wirkendes Umfeld. Ich gönne mir eine ausgiebige Runde über und um den Dorfanger herum.

Dorfanger Tietzow – viel Bäume, wenig Menschen

Einen großen Dorfanger mit alten Bäumen hat hier jedes Dorf. Mittendrin die Kirche und der Friedhof und die Feuerwehr. Sorgfältig mit Ziegeln gepflasterte Gehsteige kontrastieren mit Rumpelpflaster auf dem Fahrweg und den Häusern in sehr unterschiedlichem Erhaltungszustand. Schönes und Verfallenes und neu entstehendes in direkter Nachbarschaft. Mit einem großen Kinderspielplatz in der Mitte, direkt daneben eine Denkmalsäule für Karl Liebknecht. Grau, der Schriftzug verrostet. Die Sitzbank daneben neu. Kontraste! 

Flatow, Staffelde, ORION, Kremmen, das sind die nächsten Stationen meiner Tour. Wobei Orion eine besondere Geschichte hat: Der Ortsteil von Kremmen trägt diese Bezeichnung erst seit dem Beginn des 2. Weltkriegs, nach der gleichnamigen Fabrik, in der Leuchtspur- und Signalmunition in großem Stil produziert und getestet wurden. Mit zwangsweiser Unterstützung von aus den Ostgebieten und der Ukraine herangeschafften Arbeitskräften, die unter grausamen Bedingungen hier geschuftet haben. Erstaunlicherweise finden sich in der Stadthistorie nur nach mühsamem Nachsuchen Informationen zur unrühmlichen Historie der Siedlung. Und auch in Orion selbst entdecke ich keinerlei Hinweis auf die Vergangenheit. Die Vertriebszentren von LIDL, GEL und Fiege dominieren die Flächen. 

Orion bei Kremmen

Mit den unbeantworteten Fragen zu Orion im Kopf erreiche ich das Kremmener Scheunenviertel, das sich auch an diesem grauen Februartag erstaunlich belebt zeigt. Hier residieren das Theater „Tiefste Provinz“, ein Café, ein Museum, kleine Läden, ein Restaurant, ein Friseur gar. Erstaunlich! Kremmen at its best. 

Das Städtchen verlasse ich auf dem gekennzeichneten Radweg, der erst kein Radweg, sondern ein Wiesenweg ist, dann aber zum gut befahrbaren Waldweg durch den Kremmener Forst wird. Vor dem Waldgebiet wartet der mit weißen Folien bedeckte Spargel auf Sonne und steigende Temperaturen. Der Kremmener Spargel hat Tradition, und die Anbaufläche wird mächtig erweitert. Wer soll den ganzen Spargel noch vertilgen. Am Ende der Plastikfelder ragt eine mächtige Eiche am Waldrand auf. Eine beeindruckende Baumskulptur. Sie zieht mich förmlich in ihren Bann. Das Granfondo lehnt sich behaglich an die krakenarm ähnlichen Wurzeln. Ich nehme einige Schlucke aus meiner Trinkflasche und lasse die Eindrücke wirken. 

Der Baum trägt den Namen „Träneneiche“, kann ich bei Google nachlesen. Für mich erzeugt er Wohlbefinden und Frische, also eher Freudentränen. Zehn Minuten später tauche ich ein in den Kremmener Forst, in dem der Sturm der letzten Tage sichtbare Spuren hinterlassen hat. Einige ziemlich wild aussehende Rinder rupfen Gras zwischen umgestürzten Bäumen. Ein paar Meter weiter bremst mich eine Baum-Stiefel-Schuhskulptur. Auf eine solche Idee muss man ersteinmal kommen. Kunst im Forst! Nächster Halt: Verlorenort. Ja, die Ansiedlung heißt tatsächlich so. Keiner weiß genau, woher der Name herrührt. Angeblich hat der Alte Fritz bei einer Kutschfahrt nach einem Achsbruch ausgerufen: „Hier sind wir an einem verloren Ort“.

Eine andere Geschichte berichtet über Holländer, die hier im 18. Jhd. verloren gegangen sein sollen… 10 bunte Häuser, sechs Familien. Wer Ruhe sucht, hier ist sie zu finden.

Immer geradeaus, auf mittlerweile glatt geteertem Weg, rolle ich gen Sommerfeld, dann hinüber nach Germendorf mit seinem illustren Tierpark. Der große Dinosaurier und der gewaltige Elch am Eingang geben ein prächtiges Fotomotiv ab.

Das Granfondo mit Gran Dino. In Hohen-Neuendorf bremse ich noch einmal am Skulpturen-Boulevard für das frisch entstandene „Poetische Weltbild“ der Künstlerin Zaine Brockmeyer-Barbosa . Das bringt Farbe in den grauen Tag und ist ein perfekter Abschluss der heutigen Tour. 

Und als Epilog Fontanes Aufzählung der lachenden Dörfer im Havelland :

Und an dieses Teppichs blühendem Saum

All die lachenden Dörfer, ich zähle sie kaum:

Linow, Lindow,

Rhinow, Glindow,

Beetz und Gatow,

Dreetz und Flatow,

Bamme, Damme, Kriele, Krielow,

Petzow, Retzow, Ferch am Schwielow,

Zachow, Wachow und Groß-Behnitz,

Marquardt-Ütz an Wublitz-Schlänitz,

Senzke, Lenzke und Marzahne,

Lietzow, Tietzow und Rekahne,

Und zum Schluß in dem leuchtenden Kranz:

Ketzin, Ketzür und Vehlefanz.