Zwei Oldies unterwegs – Im Mai den Neckar hinunter, Teil 2

Der Schlummer war tief in Lauffen, der leckere Primitivo beim überaus freundlichen Italiener hat unsere Gedanken vom sanierungsbedürftigen Lauffener Städtle nach vorn gelenkt auf unsere nächste Etappe. Der Blick aus dem Fenster zeigt um 8 Uhr 18 einen mächtigen Lastenkahn, der Mühe hat, auf dem Lauffener Neckarkanal die enge Kurve zu bekommen.

Wir genießen das Frühstück und sind um 9 Uhr startbereit.

Alle Taschen und der Tailfin-Aeropack wollen jetzt schnell ans Topstone montiert werden.

Die ersten 1o Kilometer in Richtung Heilbronn führen hinauf in die Weinhänge. Ein Weinberg ist auch ein Berg, bemerkt Peter schwitzend. Und nach dem Hinaufkurbeln folgt bekanntlich immer eine schöne Abfahrt. Und der Peter traut sich jetzt auch, die Bremsen mal offen zu lassen.

Weinreben, so weit das Auge reicht. Am Horizont die Kraftwerke von Heilbronn.

Aktuell werden hier noch 4000 t Steinkohle TÄGLICH angeliefert. Der höchste Kamin misst 250 m. Aber die Tage des Kohlekraftwerks sind gezählt. Neben dem alten Block entsteht ein Gaskraftwerk, das mit Flüssiggas gefüttert werden soll.

Links Gewerbebetriebe und Baumärkte, rechts der Neckar und dominierend Industriebauten. Nur noch ein paar Meter bis Neckarsulm, der Heimatstadt von Audi. Die Werksanlagen erstrecken sich über Kilometer am Neckar entlang, wo wir auf einem Info-Panel lesen können, dass es hier schon im Jahre 1905 mit den Neckarsulmer Fahrrädern und Motorrädern angefangen hat.

Auf der Infotafel zur Audi-Historie pappt der Werbeaufkleber einer „Cannabis Business-School“ Wir schnuppern allerdings hier keine süßen Hanf-Düfte, sondern eher miefige Industrieluft.

Endlich rollen wir wieder in die Neckarauen ein. Grün, mit Blütenduft anstelle Industriegestank. Dann urplötzlich stehen wir auf einer Radautobahn, pardon, einem Radschnellweg! Und staunen! Fünf Meter breit, Mittelstreifen, Seitenstreifen… An Fußgänger wurde hier offensichtlich nicht gedacht!

Wer schrauben, pumpen, reparieren muss, hier stehen die Hilfsmittel dazu
Auf dem Radlerzähler sind wir heute Nr. 192 und 193

Wir fahren auf dem ersten Abschnitt eines gerade mit großem politischen Pomp eingeweihten Radschnellweges. Nach etwa einem Kilometer sind wir schon durch… War es das schon? Irgendwann sollen es 18 Kilometer Pendlerstrecke werden. Hoffentlich werden wir das noch erleben. Und hoffentlich dann mit notwendigen Verbesserungen. Denn wenn sich Fußgänger und die Kinder des nahgelegenen Spielplatzes auf die „Autobahn“ verirren, sind sie arg gefährdet.

Schon sind wir wieder auf dem ganz normalen Neckar-Radweg und blicken bewundernd hoch zur Bad Wimpfener Altstadt.

Bad Wimpfen

Wir bleiben ganz nah am Neckar. Gefühlt auf jedem Hügel thront eine mehr oder weniger erhaltene Burg. Hier zu sehen das Heim von Bernolph Frhr. v. Gemmingen-Guttenberg.

Burg Guttenberg

Nur eine Neckarschleife weiter zieht die Burg Hornberg unsere Blicke an.

Im Jahr 1517 kaufte Götz von Berlichingen, der Ritter mit der eisernen Hand, die Burg mit Steinbach und Haßmersheim für 6500 Gulden von Conz Schott von Schottenstein und lebte auf dieser, zusammen mit seiner Familie, bis zu seinem Tode 1562.

Berühmt ist der Satz, den Götz dem Anführer der überlegenen kaiserlichen Truppen zuruft: „Vor Ihro Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsch lecken. 

Geschichtsträchtig, aber im überaus negativen Sinne ist auch der hier zu sehende Eingang zum Stollen für den Gipsabbau in Neckarelz. In diesem Bereich sollten gegen Ende des Weltkriegs riesige unterirdische Produktionsanlagen für Flugmotoren entstehen. Die notwendigen Arbeitskräfte wurden von den Konzentrationslagern Natzweiler und Dachau hierhergebracht. Über 5000 KZ-Häftlinge , die schon entkräftet waren, wurden hier gequält. Die beiden Gruben „Friede und Ernst“ wurden umbenannt in „Goldfisch und Brasse“.

Heute wird in dieser Region wieder Gips abgebaut, über 300.000 t werden im größten Untertagebergbau Deutschlands pro Jahr gewonnen und auf Schiffe verladen.

In der nächsten Neckarschleife wartet schon das nächste „Denkmal“ auf uns: das am 11. Mai 2005 stillgelegte Kernkraftwerk Obrigheim. Vor 25 Jahren also. Der Abbau der Anlagen soll in diesem Jahr noch vollendet werden – wer´s glaubt?! Ein Foto der Kraftwerkanlagen spare ich mir.

Dann, in Neckargerach, locke ich Peter auf einen schmalen Weg, der zunächst direkt am Neckar entlangführt, ohne Steigung. Zunächst! Dann aber geht es rauf in den Wald, immer weiter, dann wird der Weg schlechter und schlechter. Das Garmin zeigt immer noch einen fahrbaren Weg, aber der führt vom Neckar weg, auf die Berghöhen hinauf. Schließlich halten wir an, trinken einen Schluck und beschließen den Rückzug. Peter hält sich mit Flüchen zu meinen Navigationskünsten sehr freundschaftlich zurück. „Er hätte es schließlich auch nicht besser gekonnt“, sagt er mir. Danke Peter!

Wir queren hinüber auf die andere Seite nach Neckargerach, wo der offizielle Neckarweg kilometerweit an der Bundesstraße entlangführt. Aber es rollt gut. Wieder staunen wir über eine Burg im Hang, das Schloss Zwingenberg.

Schloss Zwingenberg

Nur noch eine Neckarkurve, dann sind wir in Eberbach und fahren über die mit „Eberflaggen“ geschmückte Brücke in die Altstadt.

Auf der Suche nach einem Quartier kurven wir durch die Gassen, stärken uns mit Weizenbier, fotografieren die Kirche St. Johannes Nepomuk und tun uns schwer, eine Unterkunft zu finden. Peter ist schließlich erfolgreich und stößt auf das Gasthaus Zur Linde in Neckarwimmersbach. Also wieder hinüber auf die andere Neckarseite und rauf auf den Hügel. Hier werden wir freundlich empfangen, das Essen ist preiswert und lecker, und wir wundern uns über das Durchhaltevermögen der beiden Wirtsleute, die praktisch im Alleingang das Geschäft in Gang halten.

Feierabendwein auf dem Balkon des Gasthauses Zur Linde

Die Lüfte sind mild, unsere Laune ist gut, währenddessen hängt der Wirt die Hotelwäsche im Vorgarten auf die Leine: Selbst ist der Mann!

Am nächsten Morgen lacht die Sonne, der Wind bläst uns nicht mehr von Norden ins Gesicht: Radlerglück! Wir sind schließlich hier im Naturpark Neckartal-Odenwald. Noch nie haben wir solche Mengen von blühendem Bärlauch erlebt. Die Luft ist wahrhaft bärlauchgeschwängert.

Schließlich genehmigen wir unseren Rädern eine kurze Pause im Bärlauchbett.

Koga-Burner und Cannondale Topstone im Bärlauchbett

Die Düfte haften noch Stunden später an Sattel und Gepäck. In Ersheim hat der Neckar beschlossen, eine 180-Grad-Wende nach Süden zu machen. Am Ortseingang bewundern wir die kleine, aber höchst sehenswerte Kapelle aus dem 14. Jahrhundert, die mit einer Ölbergdarstellung an der Außenwand beeindruckt. Und drinnen staunen wir über sehr gut erhaltene Fresken und Deckenmalereien aus mittelalterlicher Zeit.

Ölbergdarstellung an der Ersinger Kapelle

Auf dem gegenüberliegenden Hang leuchten das Schloss Hirschhorn mit der darunter liegenden Kirche im Sonnenlicht.

Schloss und Kirche Hirschhorn

Für uns der schönste Abschnitt des Neckar-Radwegs.

Wir können uns kaum sattsehen an so viel geschichtsträchtigen Bauten, reißen uns aber irgendwann los und nehmen unser nächstes Ziel, Heidelberg, ins Visier.

Schon um die Mittagszeit erreichen wir die Karl-Theodor-Brücke, die zur Altstadt hinüberführt.

Wir sind keine Selfie-Fans, aber das hier muss einfach sein. Auf den nächsten Metern tauchen wir ein in das Touristengewimmel. Menschen aus dem ferneren Osten dominieren die Innenstadtachse.

200 Meter weiter nur, und wir stehen vor der Parfümerie Frosch, die schon im Jahre 1942 hier von Frau Frosch eröffnet wurde. Sie hat dann Anfang der 50er Jahre eine kleine Wohnung im Dachgeschoss an meine Schwiegereltern vermietet, mein Schwager kam hier zur Welt. So habe ich einen ganz besonderen Bezug zu diesem Haus, das immer noch genauso ausschau wie vor 70 Jahren.

Mit den 1000 Düften aus dem Laden in der Nase begeben wir uns auf die Suche nach einem Plätzchen, wo wir der Geschichte ein wenig nachhängen können und dazu ein Bier trinken.

Irgendwann reißen wir uns los, gehen über die Neckarbrücke zurück und nehmen Kurs auf die badische Bergstraße. Mannheim werden wir uns sparen und sofort nach Norden in Richtung Bensheim abbiegen.

In Weinheim wähnen wir uns kurz im nahen oder ferneren Osten. Eine Moschee steht mitten in einem Gewerbegebiet. Dann machen wir einfach stoisch Kilometer. Auch in Weinheim können wir kaum Weinreben entdecken. Die Bundesstraße 3 ist gesäumt von wenig attraktiven Gewerbeansiedlungen. Für uns Radler jedenfalls ist das eher langweilig hier. Und den Umweg hinein in die Hänge und Dörfer des Odenwaldes sparen wir uns. Wir sind schließlich auf unserer Schlussetappe. Sulzbach, Laudenbach, Hemsbach, schließlich Bensheim, wo wir auf die Suche nach einem Nachtquartier gehen. Gefühlt jeder dritte Laden ist hier ein Friseursalon. „Josefine, Friseur relax, Ästhetik Beauty, Haargold, Kajaks Hair, Hatice´s hairstyle … “ Aber wir suchen doch nur ein kleines Hotel. Dann wählen wir für unsere letzte Übernachtung das Parkhotel Krone. Schönes Zimmer, prächtige Fahrradgarage. Aber dann auch für uns Gäste kein Platz mehr auf der Restaurantterrasse. „Bin nur allein und kann nicht mehr Tische bedienen“, redet sich der unwillige junge Mann heraus. Wir sind stocksauer und gehen auf die Suche nach einer Alternative. Star Döner, Kebap Haus, Meat Heaven, Rhodos … Und im einzigen Biergarten, der gut aussieht, feiern junge Damen einen Junggesellinnenabschied. Alle Plätze sind besetzt. Langsam macht sich Frust bei uns breit. Die Erlösung finden wir dann im Angebot eines Lidl-Marktes, wo wir uns mit Bier, Wein, Würstchen und Chips eindecken. Für ein wahrhaft frugales Mahl auf dem Hotelzimmer. Wir lassen die Erlebnisse der Woche Revue passieren, schwelgen in unseren Eindrücken, sind zufrieden mit uns und der Welt. Der Schlummer ist gut und die letzten 28 Kilometer hin zum Darmstädter Bahnhof gelingen locker.

Auf geht es nach Darmstadt, Peter!

Letztes Highlight ist ein stolzer Reiher auf der Wiese. Dann stehen wir vorm Bahnhof.

Abfahrt für Peter 12.31 Uhr nach Aschaffenburg und Regensburg , für mich nach Frankfurt und dann nach Berlin um 12.30 Uhr.

Abschied, Schulterklopfen, drücken, herzen, verabschieden – bis zur nächsten Tour in alter Frische, bester Freund!

P.S: Einen kleinen Beitrag zu meiner bisher besten Bike-Package-Konfiguration werde ich in Kürze noch verfassen.

Zwei Oldies unterwegs – Im Mai den Neckar hinunter

Start in Schwenningen an der Neckarquelle:

Sauwetter mit Temperaturen um fünf Grad und frischer  Gegenwind sind angesagt für die erste Etappe unserer Neckartour. Unsere Stimmung ist trotzdem sehr gut, denn am Vorabend hatte uns der Wirt des griechischen Lokals ins Herz geschlossen und mehrere Runden Ouzo spendiert. Nachdem Peter einen Artemis-Teller und ich den Apollon-Teller verarbeitet haben, können wir die Alkoholmenge halbwegs gut verkraften. Auf dem Rückweg zum Hotel Sombea beleuchtet der Neckartower mit seinen Lichtstreifen unseren Weg. 

Neckartower

Am Dienstagmorgen rollen wir bei bedecktem Himmel und gefühlten drei Grad los. Ja, wo ist sie denn, die Neckarquelle? Wir folgen den unterschiedlichen Hinweisen. Peter ist zwar in einem Nachbarort geboren, aber auch er kennt den Quellstein und die Skulptur daneben noch nicht. Kein Wunder, denn der Jüngling Matze , der vom Bildhauer Herbert Wurm zur Eröffnung der Landesgartenschau geschaffen wurde, liest erst seit 2010 in der Neckarquelle, der Zeitung, die schon seit 140 Jahren hier erscheint. Erst kurz vor 10 Uhr schauen wir dem Matze über die Schulter und können jetzt ganz offiziell auf den Neckarradweg einrollen. 

Auf den ersten Kilometern Richtung Rottweil müssen wir uns einige kurze Rampen mit 10 Prozent Steigung hochquälen. Wir lästern über den Radweg, der doch „Talweg“ heißt. 

Erstes Highlight ist der historische Kern von Rottweil, der ältesten Stadt Württembergs. Wir genießen den Anblick der Bürgerhäuser, die sehr aufwändig restauriert sind. Jeder Blick kostet Kraft, denn zum oberen Stadttor geht es steil den Hang hinauf. Das Schwarze Tor, wo der berühmte Narrensprung startet, liegt etwa 100 Meter höher als der Neckarpegel. Für unsere Fortbewegungsgeschwindigkeit steht bildhaft eine schöne Schnecke samt Haus, die ihre Schleimspur quer über den Radweg zieht. Vor dem Stadtmuseum thront ein in Bronze gegossener Rottweiler-Hund, der den Eingang bewacht.

Um halb zwei passieren wir in Oberndorf die Stele, die den 50. Flusskilometer markiert. Schauen, genießen, nur nicht hetzen, lautet unser Motto.

Im 800-Einwohner-Dorf Sulz-Fischingen winkt Peter von der Alten Tribüne den imaginären Fußballern zu.

Die „berühmte“ Tribüne des SV Fischingen mit Fan Peter

Der Neckar windet sich zwischen den steilen Schwarzwaldhängen mühsam landab. Wir strampeln gegen einen immer noch frischen Nordostwind an. In Horb biegen wir in die Altstadt ein und halten Ausschau nach einer Bleibe für die Nacht. Vergeblich. Entweder ausgebucht oder hochpreisig. Also weiterfahren. Es ist schließlich erst Kaffeetrinkenzeit, noch kein Abend.

Oberstadt von Horb

Noch zwei Neckarschleifen und wir rollen in Rottenburg ein. Vollmundig habe ich Peter angekündigt, dass wir in diesem Ort reichlich Möglichkeiten zum Übernachten finden würden. Schließlich zählt die Stadt fast 50000 Einwohner. Mit meiner Einschätzung liege ich gründlich daneben. Booking.com und andere Portale zeigen keine günstigen Zimmer. Nach einigen Kurven durch die Altstadt erinnern wir uns an einen Wegweiser am Stadtrand, der zum „Gästehaus am linken Ufer“ wies. Ein Anruf, eine freundliche Frauenstimme, eine schnelle Zusage. 15 Minuten später stehen wir vor dem kleinen. kunterbunten Haus. https://amlinkenufer.de/so-sieht-es-aus/

Die Chefin begrüßt uns herzlich und zeigt uns das Grüne Zimmer, das sehr originell gestaltet und eingerichtet ist. Im Frühstücksraum, der immer geöffnet ist, steht ein Getränkekühlschrank, aus dem wir einige Belohnungsbiere entnehmen – zur Bezahlung steht daneben ein kleiner Karton, in dem schon Scheine und Münzen liegen. Hier genießen die Gäste das Vertrauen der Vermieterin.

Auf Schusters Rappen erkunden wir die Altstadt, genießen leckeres Essen und kommen auf diese Weise auch noch zu ordentlicher Laufarbeit. Tagesergebnis: genau 100 km per Rad plus 5 km zu Fuß.

Am nächsten Morgen lacht die Sonne, der Gegenwind hat nachgelassen, und wir machen uns gut gelaunt auf den Weg hinüber nach Tübingen, das ich aus meiner Zeit in Schwaben sehr gut kenne.

Kiebingen
Die Wurmlinger Kapelle
Tübinger Rathaus
Holzmarkt
Mit Peter auf der Bank vor dem Mauganeschtle. am Schloßberg. Auf dieser Bank saßen meine Frau und meine Tochter schon vor 35 Jahren und bestaunten die Stadtkulisse. Heute meint meine Frau beim Betrachten des Fotos, wir seien doch erstklassige Kopien von Statler und Waldorf aus der Muppet Show. Wir werten das einfach mal als Kompliment.

Tübingen atmet studentische, liberale, sehr freundliche Luft. „Tübingen hat keine Universität, Tübingen ist eine Universität“ !

Schließlich reißen wir uns los und steigen wieder auf unsere Rösser. Neckartenzlingen, Nürtingen, Wendlingen. Das Neckartal ist breit, wir rollen durch die Auen dahin. In Plochingen macht der Fluss eine Kurve nach Nordwesten. Industriegebiete, soweit das Auge reicht. Umleitungen, Baustellen, schlechte Radwegbeschilderung. Von Plochingen hin nach Esslingen macht das Fahren keine Freude.

Alte Weberei bei Mittelstadt

Wir sind spät unterwegs und haben erst 70 Kilometer auf der Uhr, als wir die Altstadt von Esslingen durchkurven und uns einen Kaffee gönnen. Leicht gefrustet vom Besuch beim Hotel NIU, wo die Dame der Rezeption nicht den Hauch von Idee zu einer sicheren Radunterbringung hatte, findet Peter schließlich eine Pension oben im Stadtteil Berkheim. So steil geht der Weg hinauf, dass wir schieben müssen. Die Unterkunft ist mäßig und leicht abgeranzt. Nach langer Verhandlung mit der Wirtin darf ich mein Topstone die schmale Treppe hochtragen und es auf den Balkon stellen. Peters Koga kommt am Abend mit in den Hausflur. Wir trösten uns heute mit einem reichlichen Mahl beim Italiener.

Frisch geduscht und guter Laune rauschen wir wieder hinunter nach Esslingen und suchen eine Frühstücksbäckerei.

Das gibt Kraft!

Das historische Altstadtensemble tröstet uns über die miserable Radwegeführung hinweg.

Nächste Station Untertürkheim! Daimlerhausen sozusagen. Etwas wehmütig blicken wir hinüber zum Museum, erinnern uns an die ersten Jahre bei Mercedes und freuen uns, dass unsere Arbeitsleistung in Form der Pension pünktlich jeden Monat auf dem Konto eintrifft.

Endlich, es ist schon Mittagszeit, sind wir wieder in den grünen Neckarauen unterwegs, dann staunen wir über Weinrebhänge extremer Steillage. Hier „müsset die Winzer ganz arg schaffe“ bis der Wein im Fass ist.

Und auch der Neckarradweg zeigt sich jetzt von seiner besten Seite. Mit Spannbrücken vom Feinsten. Auf dem Weg nach Marbach rollen wir durch sattes Grün, sogar ein stolzer Reiher begrüßt uns am Rande der Schillerstadt.

Natürlich kurbeln wir hinauf zum Geburtshaus des Dichters. Die Altstadt ist ein wahrer Augenschmaus.

Und zur Krönung des Tages gönnen wir uns dann ein Viertele „Muskat Trollinger“. Fruchtig, samtig, herrlich rot schillernd.

So kann es weitergehen und wir freuen uns schon auf die nächste Perle des Neckartals. Die Hessigheimer Felsengärten, Kirchheim, dann steigt unsere Neugier auf das Städtchen Lauffen, das eine schöne Altstadt haben soll. Schön? Na, jedenfalls ist Hölderlin hier geboren, zog aber mit seiner Mutter schon im Alter von vier Jahren nach Nürtingen, danach schließlich nach Tübingen. In Lauffen rollen wir über eine in Renovierung begriffene Brücke hinüber zum so genannten Städtle. Wir erlaufen uns diesen Teil des Ortes. Und erschauern vor dem bemitleidenswerten Zustand der meisten Häuser. Blätternder Putz, zugewachsene Türen, vergammelte Zigarettenautomaten, verlassene Wirtshäuser. Das haben wir nicht so erwartet, noch frisch die Eindrücke vom so sorgsam restaurierten historischen Marbach in den Köpfen.

Hier zur Illustration des aktuellen Lauffener Städtle ein paar Fotos und dazu die Plakate, mit denen die Stadt die geplante Sanierung beschreibt. Der 2024er Aufkleber pappt auf der ursprünglichen Jahreszahl 2022! Einfach drübergeklebt. Wir schauen dann 2028 wieder einmal mal vorbei… Wie sagte mir ein alter Herr vor dem einzigen renovierten Haus mit Bank und Blumen vor der Türe: “ für uns interessiert sich keiner in der Stadtverwaltung und im Land“.

Wo sollen wir hier wohl übernachten? Aber: das Gute liegt so nah. An der Neckarbrücke , etwas versteckt hinterm Eck, entdeckt Peter das Gästehaus Schenk. Zimmer frei! Und mit Fahrradgarage! Und eine Treppe runter das Dolce Vita, ein italienisches Restaurant. Bestes Essen, sehr freundlicher Service. Vollkommen unerwartet gut!

Unverhofft kommt oft!

Drei illustre Etappen haben wir geschafft. 100, 75, 80 Kilometer, in Summe 255 km bis hierher.

Über die nächsten drei Tage könnt ihr bald im zweiten Teil des Beitrags lesen.